Über den Erkenntnisbegriff

14. Mai 2012 - 10:11 Uhr

Erkenntnis und RealitÀt

Auch Piaget hat ĂŒber die Frage nachgedacht, wie Erkenntnistheorie nicht als Philosophie sondern als Objektwissenschaft betrieben werden kann. Er meint, dass Objektwissenschaften sich im Unterschied zur Philosophie u.a. dadurch auszeichnen, dass sie nicht die Erkenntnis als Ganzes untersuchen, sondern einen abgegrenzten Bereich des Erkennens.

„Der Gegenstand der Philosophie ist die TotalitĂ€t der Wirklichkeit. Sie umfaßt die RealitĂ€t der Objektwelt. die RealitĂ€t des Geistes und auch die Beziehungen zwischen diesen beiden Welten. Insofern kann sie ĂŒber keine spezifischen Methoden verfĂŒgen, außer der reflektierenden Analyse. …

Im Gegensatz zur Philosophie steckt sich eine Wissenschaft ein begrenztes Ziel. Eine rechtmĂ€ĂŸige Wissenschaftsdisziplin ist sie erst, wenn es ihr gelingt, eine solche Abgrenzung vorzunehmen. Indern sie nach der Lösung spezieller Fragen sucht, erarbeitet sie sich eine oder mehrere spezifische Methoden, die gestatten, neue Fakten zu sammeln und die Interpretationen innerhalb des vorher abgegrenzten Forschungsabschnitts zu koordinieren.“ /1/

Auf diese Weise erreicht eine Wissenschaft im Unterschied zur Philosophie

„..eine gewisse Übereinstimmung der Geister. Sie erreicht aber diese Übereinkunft nur in dem Maße, wie sie begrenzte Probleme löst und wie sie genau definierte Methoden anwendet.“  /2/

Die Abgrenzungen, die Piaget vornimmt bestehen nun darin, nur die wissenschaftliche Erkenntnis zu untersuchen und diese nur im Prozess ihrer Entwicklung. Deshalb bezeichnet er seine Erkenntnistheorie als „genetische Erkenntnistheorie“.

Gegenstand der genetische Erkenntnistheorie ist folglich einerseits die historische Entwicklung einer bestimmten Erkenntnis, beispielsweise des Zahlbegriffs und andererseits die Entwicklung dieser Erkenntnis im Prozess der Entwicklung des individuellen Intellekts.

Dadurch wird die genetische Erkenntnistheorie zu einer wesentlich psychologischen Theorie. Auch die Entwicklung der objektiven wissenschaftlichen Erkenntnis wird als Ergebnis der Entwicklung aufeinanderfolgender individueller Erkenntnisse betrachtet. Die eigenstĂ€ndige Entwicklung einer „objektiven Erkenntnis“ wie sie beispielsweise bei Frege oder Popper dargestellt wird, ist im Rahmen der genetischen Erkenntnistheorie nicht denkbar. Das ist die gewusste und gewollte Folge dieser Begrenzung des Gegenstandes.

Eine andere Folge dieser Begrenzung ist der Verzicht auf die Formulierung eines allgemeinen Begriffs der Erkenntnis.

„Eine Erkenntnistheorie, die Wert darauf legt, selbst wissenschaftlich zu sein, wird sich deshalb hĂŒten, gleich im Anfang zu fragen, was Erkenntnis sei. Auch die Geometrie vermeidet es, a priori zu entscheiden, was der Raum sei, und die Physik verzichtet anfĂ€nglich auf die Frage nach der Materie. Sogar die Psychologie nimmt vorerst nicht Stellung zur Natur des Geistes.

FĂŒr die Wissenschaften gibt es keine allgemeine Kenntnis, nicht einmal kurzerhand eine wissenschaftliche Erkenntnis. Es existieren vielfache Formen der Erkenntnis, von denen jede eine endlose Reihe von speziellen Problemen aufwirft.“ /3/

Nun ist es aber gerade mein Anliegen, eben einen allgemeinen aber zugleich objektwissenschaftlichen Begriff der Erkenntnis zu entwickeln.

Der philosophische Ansatz der Erkenntnis besteht u.a. darin, die Erkenntnis in Bezug auf die RealitÀt zu definieren, Erkenntnis also als Glied einer zweistelligen Relation aufzufassen, deren zweites Glied die RealitÀt ist.

Der Begriff der RealitÀt wird gewöhnlich mit zwei Merkmalen ausgestattet: RealitÀt ist im Unterschied zum Ideellen, zur Erkenntnis wirklich, und RealitÀt ist unabhÀngig, unabhÀngig von menschlicher TÀtigkeit und unabhÀngig von menschlicher Erkenntnis.

Was nicht RealitÀt ist, gibt es in diesem philosophischen Zusammenhang nicht.

Diese Relation verhindert aber jede Begrenzung, sie bildet keinen Rahmen, in dem gedacht werden kann, denn „RealitĂ€t“ ist ein Begriff, der alles umfasst. Außer der RealitĂ€t ist nichts. Bleibt man in diesem philosophischen Zusammenhang, muss Erkenntnis als Etwas bestimmt werden, das außerhalb und unabhĂ€ngig von RealitĂ€t ist.

Eine Begrenzung ist bei Beibehaltung dieses philosophischen Rahmens nicht machbar, denn bei jeder Begrenzung geht die (philosophische) Allgemeinheit verloren.

Manchmal wird versucht, diese Allgemeinheit durch Zwischenglieder oder weitere Glieder außerhalb dieser Relation auf den Begriff zu bringen. So wird beispielsweise der Begriff des Subjekts als ein solches Glied aufgefasst. Je nach der Rolle des Subjekts in dieser Beziehung erhĂ€lt die darauf entwickelte Erkenntnistheorie ihren spezifischen „Touch“, durch den erkenntnistheoretische Grundrichtungen wie Empirismus oder Konstruktivismus gekennzeichnet sind.

Der empiristische Standpunkt besagt, dass Erkenntnis die RealitĂ€t ideell abbildet. Konstruktivistische Standpunkte versuchen einen anderen Rahmen, indem sie dem Begriff der RealitĂ€t nicht mehr das Merkmal der UnabhĂ€ngigkeit von der Erkenntnis zuschreiben, sondern RealitĂ€t als Konstrukt des Erkennens auffassen. Damit wird die dann oft als „Wirklichkeit“ bezeichnete RealitĂ€t in den Rahmen der Erkenntnis eingeordnet. Die Frage nach einer EntitĂ€t außerhalb der Erkenntnis ist damit gegenstandslos.

Es muss also versucht werden einen anderen begrifflichen Rahmen zu entwickeln, in dem die Begriffe RealitÀt und Erkenntnis eingeordnet werden können, ohne ihre Allgemeinheit zu verlieren.

Erkenntnis und Wahrnehmung

Auch der Begriff der Erkenntnis umfasst zwei Merkmale, die Wahrnehmung und die daraus entwickelte eigentliche, „theoretische“ Erkenntnis. WĂ€hrend zumindest auch höhere Tiere zur Wahrnehmung befĂ€higt sind, wird das Erkennen meist als nur dem Menschen zukommende FĂ€higkeit angesehen, die an die Sprache gebunden ist. Soweit die evolutionĂ€re Erkenntnistheorie Erkennen als allgemeine FĂ€higkeit des Lebens ansieht, reduziert sie Erkennen auf Steuerung des Verhaltens oder auf Wahrnehmung. Damit wird das spezifisch Menschliche aus dem Begriff der Erkenntnis eliminiert und muss spĂ€ter durch Hilfskonstruktionen angefĂŒgt werden.

In der konstruktivistischen Erkenntnistheorie existiert das Problem der Beziehung von Erkenntnis und RealitĂ€t nicht. Folglich gibt es auch kein Wahrheitsproblem. Wahrnehmung und Erkenntnis finden ausschließlich im geistigen Bereich statt, denn beide sind Leistungen des Nervensystems.

Am klarsten kommt das in der Theorie der Wahrnehmungskontrolle von W. Powers zum Ausdruck. Nach Powers besteht das Verhalten nicht darin, Handlungen zu steuern, sondern Wahrnehmungen. Dazu wird im Gehirn eine „Referenz-Wahrnehmung“ erzeugt, mit der die tatsĂ€chliche Wahrnehmung verglichen wird. durch die Steuerung der Muskulatur werden Abweichungen des Wahrnehmungssignals vom Referenzsignal ausgeglichen.

Der Charme dieser Auffassung besteht darin, dass sie mit den Ergebnissen der experimentellen Neurologie durchaus vereinbar sind, was fĂŒr empiristische Auffassungen keineswegs gilt. Und solange erkenntnistheoretisches Denken im Rahmen der Variablen „Wahrnehmung – Erkenntnis“ verharrt, kann man kaum zu wesentlich anderen Auffassungen kommen.

Wenn man sich nur zwischen den Variablen „Wahrnehmung“ und „Erkenntnis“ bewegt, bleibt als Kriterium der PrĂŒfung der Erkenntnis nur die Wahrnehmung, und dass diese dazu ungeeignet ist, wussten schon die alten Griechen.

Es ist ja nicht so, dass zumindest der radikale Konstruktivismus die Existenz einer vom Menschen unabhĂ€ngigen RealitĂ€t bestreitet, sie kommt nur im Variablensystem seiner Erkenntnistheorie nicht vor, und deshalb kann Erkenntnis nichts ĂŒber die RealitĂ€t aussagen und auch nicht durch Wahrnehmung von RealitĂ€t geprĂŒft werden.

Andererseits wird die RealitÀt erkennender Subjekte als selbstverstÀndlich vorausgesetzt, nur hat dies nichts mit Wahrnehmung oder Erkenntnis zu tun. Verhalten wird nicht als Beziehung zur RealitÀt aufgefasst, sondern als Steuerung der Wahrnehmung angesehen.

Erkenntnis und TĂ€tigkeit

Die Beziehung des Menschen zur RealitÀt ist aber nicht nur die. Eine umfassende Beziehung des Menschen zur Welt ist die menschliche TÀtigkeit. Diese Beziehung ist weiter als die Erkenntnisbeziehung  und deshalb geeignet, einen Rahmen zu bilden, in dem auch die Erkenntnis  ihren Platz findet.

Die Pole des allgemeinen Begriffs der TĂ€tigkeit sind das Subjekt und seine Umwelt. Beide sind Elemente der RealitĂ€t. FĂŒr Tier und andere nichtmenschliche Lebewesen ist die Umwelt immer nur der Teilbereich der RealitĂ€t, zu dem das Lebewesen eine Beziehung aufnehmen kann. Dieser Teilbereich ist subjektiv, d.h. er wird von der funktionellen Ausstattung des individuellen Subjekts bestimmt. /4/

FĂŒr den entwickelten, den gesellschaftlichen Menschen ist das anders. Mittels seiner Kultur und seiner Sprache vermag er in Beziehung zur gesamten RealitĂ€t zu treten. Er hat Begriffe und Termini auch fĂŒr das, was er (noch) nicht kennt und (noch) nicht weiß. Die Umwelt des Menschen ist die ganze Welt, die RealitĂ€t.

Eine weitere Besonderheit der TĂ€tigkeit menschlicher Subjekte ist, dass wesentliche TĂ€tigkeiten arbeitsteilig-kooperativ ausgefĂŒhrt werden und die konsumierbaren Resultate der TĂ€tigkeit erst in der TĂ€tigkeit gesellschaftlicher Subjekte zustande kommen. Das Individuum kommt erst durch die Verteilung in den Genuss der Resultate seiner TĂ€tigkeit.

Die Steuerung solcher TĂ€tigkeit erfordert andere psychische Bilder als die TĂ€tigkeit tierischer Subjekte. Diesen  genĂŒgt die Wahrnehmung. Alle Komponenten und Etappen der individuellen TĂ€tigkeit sind der unmittelbaren Wahrnehmung durch das tĂ€tige Individuum zugĂ€ngig.

Auf diese TĂ€tigkeit trifft zu, was die evolutionĂ€re Erkenntnistheorie meint, wenn sie die Sinnesorgane und Nervensystem als die „Apparate der Erkenntnis“ /5/ beschreibt.

FĂŒr die an Sprache und andere gesellschaftliche Darstellungsformen gebundene Erkenntnis des Menschen gilt das nicht mehr. Die Apparate der Erkenntnis sind nicht die Organe des Nervensystems, sondern die sprachlichen und anderen kulturellen EntitĂ€ten, mit denen der Mensch seine Erkenntnis darstellt. Die Organe des Nervensystems sind nur die Apparate der Wahrnehmung, nicht aber die der menschlichen Erkenntnis.

Darstellen ist eben nicht wahrnehmen, und Erkenntnis kann nicht auf Wahrnehmung reduziert werden. Darstellungen können auch nicht einfach wahrgenommen werden, wie die Diskussion um die „5. Dimension der Wahrnehmung“ zeigt. Das VerhĂ€ltnis zwischen Wahrnehmung und (dargestellter, objektiver) Erkenntnis gehört vielmehr zu den grundlegenden Problemen der Theorie menschlichen Erkennens.

Beide gehören in den Bereich der Steuerung der arbeitsteilig-kooperativen TÀtigkeit des Menschen. Die RealitÀt hingegen ist ein eigenstÀndiges Glied in der Beziehung des gesellschaftlichen Menschen zu seiner Umwelt. Durch seine TÀtigkeit gliedert der Mensch die RealitÀt in sich als Subjekt und seine Umwelt. Der Begriff der Umwelt bildet so die RealitÀt in Bezug auf den Menschen ab.

Die begriffliche Abbildung von RealitÀt und Erkenntnis erfolgt also in unterschiedenen Relationen, die nicht unmittelbar in Beziehung stehen, sondern vermittelt durch die gesellschaftliche, d.h. arbeitsteilig-kooperative TÀtigkeit der Menschen.

 

Anmerkungen:

/1/ Piaget, Jean (1975): Die Entwicklung des Erkennens I, Ernst Klett, Stuttgart, S.13,

/2/ Ebenda, S. 14,

/3/ Ebenda, S. 17,

/4/ Auf diesen Zusammenhang hat UexkĂŒll als erster hingewiesen: UexkĂŒll, Jacob von (1928): Theoretische Biologie, Verlag von Julius Springer, Berlin.

/5/ Vgl. z.B. Lorenz, Konrad (1997): Die RĂŒckseite des Spiegels, Piper & Co. Verlag, MĂŒnchen, ZĂŒrich

 

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Interview

1. März 2012 - 11:12 Uhr

Soeben hat Michael Blume auf seinem Blog “Natur des Glaubens” ein  Web-Interview mit mit eingestellt.

Dieser Blog ist auch in meiner Blogroll. Er behandelt religiöse Fragen sachlich und unaufgeregt. Ich lese Ă­hn regelmĂ€ĂŸig.

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Ein hinderliches Vorurteil der Physik

28. Januar 2012 - 15:00 Uhr

In seinem Blog „Die Natur der Naturwissenschaft” hat Honerkamp einen lesenswerten Beitrag ĂŒber Vorurteile und Vorwissen in der Physik geschrieben. Darin geht es u.a. darum, welche Bedeutung Vorurteile und Vorwissen fĂŒr die Bewertung von experimentellen Daten haben.

In den Wissenschaften wird das Vorurteil gewöhnlich „Paradigma” genannt, das die Wissenschaftler eines Faches oder einer wissenschaftlichen Schule eint. Dieses wissenschaftliche Vorurteil hilft nicht nur bei der Bewertung experimentellen Daten, sondern hat auch großen - oft bestimmenden - Einfluss darauf, welche Experimente ĂŒberhaupt gemacht und welche Daten gewonnen werden können.

Eines der stĂ€rksten Vorurteile der Physik ist die Auffassung, das jedes Ereignis eine Ursache haben mĂŒsse, aus dem man dieses Ereignis vorher sehen und berechnen könne. In diesem Paradigma dachte wohl Newton, als er die Schwerkraft entdeckte.

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Wie kolportiert wird, lag Newton unter einem Apfelbaum, als sich plötzlich einer löste und im auf den Kopf fiel. Erst wenn man denkt, dass nichts ohne Ursache geschieht, stellt sich die Frage, was denn die Ursache fĂŒr diese Bewegung des Apfels ist. Mit dem Konzept der Schwerkraft kann diese Frage logisch widerspruchsfrei beantwortet werden.

Die Frage aber, warum sich ein Vogel, der auf dem Ast sitzt, an dem der Apfel hing, plötzlich und von allein in die Luft erhebt und entgegen der Schwerkraft davon fliegt, ist in diesem Paradigma nicht zu beantworten. Die Antwort „weil er das tun will” hat im kausalistischen Paradigma keinen Platz, der Wille ist - noch - keine Kategorie der Physik.

So wertvoll das KausalitĂ€tsparadigma in der Physik auch sein mag, in anderen Wissenschaften gilt es nicht. Hemmend wirkt aber, dass dieses Paradigma zum Kriterium von Wissenschaftlichkeit und besonders der Naturwissen­schaften schlechthin gemacht wurde. Seine Anwendung auch auf die Geisteswissenschaften fĂŒhrt dazu, dasss die Geisteswissenschaften manchen Naturwissenschaftlern suspekt erscheinen, wenn sie nicht gar als „Verbalwissenschaften” zu Wissenschaften 2. Klasse degradiert werden. 

Die Biologie - und in ihrem Gefolge die Psychologie - wollen sich selbst als Naturwissenschaften begreifen. Um VorgĂ€nge, wie das Fortfliegen des Vogels beschreiben zu können, haben sie das Konzept des Verhaltens entwickelt, in dem die Kategorien „Reiz” und „Reaktion” die Leerstellen von Ursache und Wirkung besetzen, womit sie es sich unter den wĂ€rmenden Fittiche der Physik bequem gemacht haben. Das aber ist trĂŒgerisch: Der Zusammenhang Reiz - Reaktion ist nicht physikalisch, sondern informationell, und keine Reaktion kann aus den physikalischen Parametern des Reizes berechnet werden. Damit hat die Biologie sich ebenso wie die Physik der Aufgabe entledigt, eine physikalische Kategorie des Willens zu entwickeln.

Diese Aufgabe wurde bereits von Schrödinger im Jahre 1944 weitsichtig formuliert:

„Man wird nicht erwarten, daß zwei vollstĂ€ndig voneinander verschiedene Mechanismen die gleiche Art von Gesetzlichkeit hervorbringen - man wird schließlich auch nicht erwarten, daß der eigene HausschlĂŒssel auch zur TĂŒre des Nachbarn paßt.

Die Schwierigkeit, den Lebensvorgang mit Hilfe der gewöhnlichen physikalischen Gesetze zu deuten, braucht uns deswegen nicht zu entmutigen. Die Einsicht in die Struktur der lebenden Substanz, die wir gewonnen haben, lĂ€ĂŸt ja nichts anderes erwarten. Wir mĂŒssen bereit sein, hier physikalische Gesetze einer ganz neuen Art am Werk zu finden. Oder sollten wir lieber von einem nichtphysikalischen, um nicht zu sagen ĂŒberphysikalischen Gesetz sprechen?” /1/

Es ist also an der Zeit, ein physikalisches Konzept des Willens zu entwickeln, in dem biotische Aktionen begrifflich und terminologisch widerspruchsfrei beschrieben werden können.Aber auch diese Begriffe ermöglichen es nicht, die Kategorie des Willens physikalisch zu fassen. Der Begriff des offenen thermodynamischen Systems ermöglicht beschreibt nur Prozesse, die in Richtung des thermodynamischen GefĂ€lles, „bergab” verlaufen. Damit können ohne Zweifel viele biologische Teilprozesse abgebildet werden, aber nicht die Seinsweise von Lebewesen als Ganze. Sie vollziehen Prozesse, die gegen das GefĂ€lle verlaufen, „bergauf“. Das Wachstum, ohne das Leben nicht möglich ist, kann nur als Ergebnis von Prozessen gedacht werden, die „bergauf” ablaufen. Solche Prozesse sind aber innerhalb der physikalischen Paradigmata der Thermodynamik nicht beschreibbar.

aktion_reaktion.gif

Abbildung 1: Aktion und Reaktion, E Ereignis, U Ursache. FĂŒr die Reaktion gilt: E=f(U)

Es ist also erforderlich, dieses Vorurteil zu ĂŒberwinden und thermodynamische Systeme zu konstruieren, die bergauf funktionieren und dadurch nicht nur zu Reaktionen, sondern auch zu Aktionen fĂ€hig sind. Aktionen sind per definitionem  physikalische Ereignisse, die von selbst, spontan, ablaufen und sich nicht aus einer Einwirkung vorher sagen oder berechnen lassen. FĂŒr sie muss ein anderes physikalisches Konzept entwickelt werden.

Mit diesem Problem plage ich mich seit ĂŒber 10 Jahren. Wie weit ich dabei gekommen bin, kann man auf meiner Website nachlesen.

Literatur:

Schrödinger, Erwin (2001): Was ist Leben ? Die lebende Zelle mit den Augen des Physikers betrachtet, Piper & Co.Verlag, MĂŒnchen, ZĂŒrich, S. 138.

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TabubrĂŒche in der Biologie

27. Dezember 2011 - 17:19 Uhr

Das Klagen ĂŒber die Trennung der Natur- und Geisteswissenschaften hĂ€lt an /1/, ernsthafte Versuche zu ihrer Überwindung sind Mangelware. Woran liegtÂŽs?

Es ist ja nicht so, dass die Parteien einander nicht zur Kenntnis nÀhmen, sonst könnten sie ja ihre Getrenntheit nicht beklagen. Es fehlt auch nicht an Versuchen, die Denkergebnisse der jeweils anderen Seite nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern diese auch mit dem eigenen Denken zu verwinden, ja zu integrieren.

Die Versuche bleiben aber auf der Strecke, und das liegt zum einen daran, dass sie vom jeweils Anderen nicht rezipiert wurden, aber auch daran, dass entscheidende Begriffe und Termini von Natur- und Geisteswissenschaften dazu nicht geeignet sind. Sie wurden dazu nicht gemacht.

Wo liegt das Problem?

Die Naturwissenschaften verweisen – und das zu Recht – darauf, dass den grundlegenden Begriffen der Geisteswissenschaften Merkmale fehlen, ohne die die Naturwissenschaften nicht auskommen können, die fĂŒr die Naturwissenschaften essentiell sind. Solche Merkmale sind beispielsweise Masse oder Energie. Psyche und Geist könne man nicht wiegen.

Das allein wĂ€re schon hinderlich genug fĂŒr gegenseitiges VerstĂ€ndnis. Erschwert wird die Lage dadurch, dass diese Merkmale nicht nur dem naturwissenschaftlichen Paradigma zugeschrieben werden, sondern vielfach als paradigmatisch fĂŒr Wissenschaft schlichthin ausgegeben werden, wodurch den Geisteswissenschaften der Status der Wissenschaftlichkeit ĂŒberhaupt abgesprochen wird. (Kutschera /2/) Das ist kein erfolgversprechendes GesprĂ€chsklima.

Dessen ungeachtet gibt es die verschiedensten BemĂŒhungen, jeweils moderne naturwissenschaftliche Erkenntnisse in geisteswissenschaftliche Gedankensysteme einzugliedern und diese so auf eine (natur)wissenschaftliche Basis zu stellen. Dabei bleiben nicht selten die geisteswissenschaftlichen Kategorien auf der Strecke. Seele oder freier Wille erscheinen als Illusion. (Roth, Gazzanniga)

Bemerkenswert, wenn auch selten, sind Versuche von Naturwissenschaftlern, geisteswissenschaftliche Termini zur Darstellung naturwissenschaftlicher Befunde zu benutzen. Brembs beschreibt zunĂ€chst experimentelle Befunde spontaner Bewegungen bei Fliegen und erörtert auf dieser Grundlage die Frage, ob man diese Befunde mit geisteswissenschaftlichen Termini wie „freier Wille“ bezeichnen kann. Dabei kommt er zu folgendem Ergebnis:

„I no longer agree that “’free will’ is (like ‘life’ and ‘love’) one of those culturally useful notions that become meaningless when we try to make them ’scientific’.” (Ball 2007). The scientific understanding of common concepts enrich our lives, they do not impoverish them, as some have argued (Weigmann 2005). This is why scientists have and will continue to try and understand these concepts scientifically or at least see where and how far such attempts will lead them. It is not uncommon in science to use common terms and later realize that the familiar, intuitive understanding of these terms may not be all that accurate. Initially, we thought atoms were indivisible. Today we don’t know how far we can divide matter. Initially, we thought species were groups of organisms that could be distinguished from each other by anatomical traits. Today, biologists use a wide variety of species definitions. Initially, we thought free will was a metaphysical entity. Today, I am joining a growing list of colleagues who are suggesting it is a quantitative, biological trait, a natural product of physical laws and biological evolution, a function of brains, maybe their most important one.” /3/

Die Initiative geht also von einer Naturwissenschaft aus, die einem geisteswissenschaftlichen Begriff einen naturwissenschaftlich beschreibbaren Inhalt zuordnet. Es wird also nicht versucht, Inhalte geisteswissenschaftlicher Begriffe naturwissenschaftlichen Sachverhalten zuzuschreiben, sondern eben umgekehrt, geisteswissenschaftliche Termini erhalten einen naturwissenschaftlichen Inhalt. Damit ist noch nichts ĂŒber die logische Konsistenz und theoretische TragfĂ€higkeit dieser Zuschreibung gesagt. Allein der Fakt ist bemerkenswert, vollzieht er doch einen Tabubruch in Bezug auf das naturwissenschaftliche Denken in der Biologie.

Dieser Tabubruch besteht darin, dass das kausalistische Paradigma, dass alle beobachtbaren Ereignisse eine Ă€ußere Ursache haben mĂŒssen, aufgebrochen wird. Das ist schon in der dem grundlegenden Experiment zugrunde liegenden Frage angelegt: Was tut eine Fliege, wenn keine Reize auf sie wirken? Diese Frage hat in der traditionellen Biologie ĂŒberhaupt keinen Sinn, denn sie definiert ja Verhalten als Reaktion auf Reize. Verhalten ohne Reiz ist in diesem Paradigma nicht beschreibbar.

Diese Idee von Björn Brembs hat das Zeug, Ausgangspunkt einer grundlegenden Umgestaltung der Biologie zu werden, wenn sie angemessen weiterentwickelt wird und nicht in der Menge einzelwissenschaftlicher Artikel untergeht, wie manche der Ideen von UexkĂŒll oder Lorenz.

Als wirksamer erwiesen sich hingegen Ideen, die vor gut 50 Jahren von Bertalanffy und Prigogine entwickelt wurden. Ihre Begriffe des offenen thermodynamischen Systems und der dissipativen Struktur erweiterten sie das Kategoriensystem der Physik, Dadurch wurde es möglich, biologische VorgÀnge mit den von der Biologie entwickelten neuen physikalischen Begriffen und Termini naturwissenschaftlich exakt  zu beschreiben.

Davon ist die aktuelle Fassung BrembsÂŽ Begriff des freien Willens noch ein StĂŒck entfernt. Es fehlen verbindende Begriffe Als Erstes ist es erforderlich, den Begriff der Psyche als nativ biologischen Begriff zu verstehen, der eine Funktion des Nervensystems beschreibt, die ebenso Resultat von Anpassung und Evolution ist wie der Wille. Der von Brembs vorgeschlagene Begriff des Willens als biologische Kategorie ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung, denn er bricht einem Tabu, das die Biologie daran hindert, naturwissenschaftlich EntitĂ€ten geisteswissenschaftlich zu begreifen und diesen so einen naturwissenschaftlichen Inhalt zu verleihen.

 

Anmerkungen:

/1/ z.B. „Die Natur der Naturwissenschaft“, Blog von Josef Honerkamp

/2/ U. Kutschera; „Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie“

/3/ Brembs, B. (2011) Towards a scientific concept of Free Will as a biological trait: spontaneous actions and decision-making in invertebrates Proc. R. Soc. B 22 March 2011 vol. 278 no. 1707 930-939

 

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Verhalten versus TĂ€tigkeit

27. August 2011 - 09:59 Uhr

In diesem Blog habe ich mehrfach /1/ auch das Problem erörtert, welches Begriffssystem erforderlich wĂ€re, in das die Kategorie des Willens sinnvoll eingeordnet werden kann. In einem kĂŒrzlich in der Zeitung Main-Post publizierten Interview Ă€ußert sich Prof. M. Heisenberg dazu wie folgt:

„Ich habe immer vermieden, mich ĂŒber Willensfreiheit auszulassen. Ich kann als Neurobiologe etwas zur Verhaltensfreiheit beitragen. … Verhalten ist grundsĂ€tzlich aktiv. (Hervorhebung von mir – G.L.) Der Begriff der AktivitĂ€t ist mir sehr wichtig. AktivitĂ€t bedeutet, dass das Verhalten im Organismus entstehen kann und dass das Verhalten nicht notwendigerweise eine Antwort auf etwas anderes ist. Also nicht notwendigerweise eine Reaktion. Dass ein Lebewesen „von sich aus“ etwas tut, war in der Wissenschaft lange Zeit umstritten nach dem Motto: Von nichts kommt nichts.“

Dem muss man entgegen halten: Verhalten ist grundsĂ€tzlich – per definitionem - nicht aktiv! Das biologische ErklĂ€rungsprinzip „Verhalten“ ist dazu angelegt, das kausalistische Paradigma fĂŒr die Verhaltensbiologie aufzubereiten. Das Begriffspaar „Reiz - Reaktion“ fungiert in der Verhaltensbiologie als Platzhalter fĂŒr das Begriffspaar „Ursache – Wirkung“. Die Darstellung jedes Verhaltens erfordert so die Angabe seiner Ursache, des auslösenden Reizes. Deshalb ist der Begriff des aktiven Verhaltens eine klassische contradictio in adiecto, mit dem PrĂ€dikat „aktiv“ wird dem Verhalten ein Merkmal zugeschrieben, das zuvor in der Definition ausgeschlossen wurde.

Das behavioristische ErklĂ€rungsprinzip entstand als die behavioristische Antwort (Watson, Skinner u.a.) auf die tierpsychologische Bearbeitung der tierischen Handlungsweisen. Die Ethologie (Heinroth, Lorenz, Tembrock u.a.) versuchte vor allem mit dem Instinktbegriff die aktive Seite tierischer Handlungsweisen zu artikulieren. Heute fristet die Ethologie ein Schattendasein als Nische in der Verhaltensbiologie. Das wohl auch darum, weil sie versuchte, ihre Ideen in der Terminologie der behavioristischen Verhaltensbiologie zu formulieren und darauf verzichtete, ein grundsĂ€tzlich eigenstĂ€ndiges Begriffssystem zu entwickeln. Dem Begriff des aktiven Verhaltens dĂŒrfte das gleiche Schicksal bevorstehen.

Das BedĂŒrfnis fĂŒr die Konstruktion eines Begriffs wie des aktiven Verhaltens entspringt einer Entwicklung der Verhaltensbiologie, wie sie von Kuhn an vielen Beispielen paradigmatisch beschrieben worden ist. Wenn empirische Daten nicht mehr in das herrschende Paradigma passen, werden sie zunĂ€chst als „Gegenbeispiele“ abgelegt und, wenn sie sich mehren, durch Hilfskonstruktionen (von Kuhn „ad hoc-Modifizierungen“ /4/ genannt) der bestehenden Theorie angepasst.

Die mit Hilfe der Hilfskonstruktion „aktives Verhalten“ einzuordnenden empirischen Daten wurden von Heisenberg (1983), Brembs u.a (2007) gewonnen. Brembs operiert mit dem Begriff des freien Willens und plĂ€diert (2011) dafĂŒr, den Begriff des freien Willens zu einer naturwissenschaftlichen Kategorie zu entwickeln. Dabei schlĂ€gt er als begrifflichen Rahmen fĂŒr dies Kategorie den Begriff „Selbst“ vor. Dazu habe ich bereits gepostet.

Ein begrifflicher Rahmen, dem die AktivitĂ€t der Aktionen der Lebewesen immanent ist, ist der Begriff der TĂ€tigkeit. Dieser Begriff wurde von LeontÂŽev als ErklĂ€rungsprinzip fĂŒr die Aktionen der Lebewesen vorgeschlagen. In diesem ErklĂ€rungsprinzip werden die Lebewesen als Subjekte beschrieben. Subjekte sind in diesem Begriffssystem physikalische Konstellationen, die mit den Begriffen und Termini der Thermodynamik beschrieben werden können./7/ Damit wird die Kategorie des Subjekts aus der alleinigen DomĂ€ne der Gesellschaftswissenschaften befreit und zu einer naturwissenschaftlich bearbeitbaren Kategorie entwickelt. Zugleich – und darin besteht das Hauptanliegen LeontÂŽevs – ermöglicht sie den begrifflichen und terminologischen Apparat, mit dem die Herausbildung menschlicher Subjekte im Verlauf der Evolution widerspruchsfrei dargestellt werden kann.

Im Unterschied zum biologischen Begriff der Verhaltens ist wird die TĂ€tigkeit per definitionem als aktive Leistung (menschlicher wie nicht menschlicher) Subjekte aufgefasst und braucht nicht als zusĂ€tzliches Merkmal hinzugefĂŒgt werden. Die Formulierung „aktive TĂ€tigkeit“ wĂ€re ein Pleonasmus.TĂ€tigkeit ist auch per definitionem willentlich. Der Wille entsteht, wenn in der Entstehung des Lebens die verursachte physikalische Wirkung zur biologischen TĂ€tigkeit wird und ist – wie M. Heisenberg ausfĂŒhrt - stammesgeschichtlich ebenso alt, wie die Freiheit des Handelns /8/.

Im Verlauf dieser Entwicklung hat die „Wille“ zu nennende Eigenschaft der Lebewesen mannigfache VerĂ€nderungen erfahren und ist in den verschiedensten AusprĂ€gungen anzutreffen, fĂŒr die geeignete Begriffe und Termini erst noch zu entwickeln sind.

Um Lebewesen als Subjekte zu verstehen, muss die Biologie also ihre grundlegenden ErklĂ€rungsprinzipien Ă€ndern. „TĂ€tigkeit“ ist nicht nur das ErklĂ€rungsprinzip fĂŒr das, was man heute „Verhalten“ nennt, sondern beispielsweise auch fĂŒr das, was man „Stoffwechsel“ nennt. Das auszufĂŒhren, wĂŒrde hier aber zu weit fĂŒhren. Anmerkungen:

/1/ Subjekt und Instinkt II, Der freie Wille und die Physik, Haben Tiere Bewusstsein?, Wenn die Fliege aber keine Lust hat


/2/ Die Freiheit der Fruchtfliege, Interview mit M. Heisenberg in der Main-Post vom 31.7.2011

/3/ Kuhn, Thomas S. (1973): Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, S. 91)

/4/ Heisenberg, Martin (1983): Initiale AktivitĂ€t und WillkĂŒrverhalten bei Tieren, Naturwissenschaften, S. 70 bis 78

/5/ Brembs. B. u.a.(2007) Order in Spontaneous Behavior. PLoS ONE 2(5): e443. doi:10.1371.

/6/ Brembs, B. (2011) Towards a scientific concept of Free Will as a biological trait: spontaneous actions and decision-making in invertebrates Proc. R. Soc. B 22 March 2011 vol. 278 no. 1707 930-939

/7/ Mit der weiteren Ausarbeitung der physikalischen Eigenschaften des Subjektbegriffs habe ich mich auf meiner Website z.B. hier befasst.

/8/ Wörtlich sagt er, „dass ein Individuum frei ist, so oder so zu handeln, und dass die Zukunft offen ist. FĂŒr mich war einer der Leitgedanken: Wenn wir diese Freiheit haben, muss sie in der Evolution entstanden sein, muss es eine Naturgeschichte dazu geben. Und etwas so GrundsĂ€tzliches sollte – stammesgeschichtlich betrachtet – sehr alt sein.“

 

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Die Wahrnehmung der 5. Dimension

20. Juli 2011 - 09:19 Uhr

Seit einigen Wochen plage ich mich mit der Frage, wie ein Konzept fĂŒr Wahrnehmung beschaffen sein mĂŒsste. Dieses Konzept muss es ermöglichen abzubilden, wie Subjekte mittels ihrer Sinnesorgane psychische Bilder der RealitĂ€t zustande bringen. Alle mir bekannten Wahrnehmungskonzepte sind entweder empiristisch oder konstruktivistisch. Keines leistet das was es soll.

Der Empirismus kommt nicht mit der Autonomie der Sinnesorgane zurecht, die von der modernen Neurophysiologie beschrieben wird, der Konstruktivismus kann nicht darstellen, dass die psychischen Bilder Abbilder der RealitĂ€t sind. Keines dieser Konzepte kann alle drei Variablen – RealitĂ€t, Sinne und Abbilder – in eine logisch widerspruchsfreie Beziehung bringen. Dem Konstruktivismus fehlt die RealitĂ€t, es gibt nur die konstruierte Wirklichkeit, die nicht wahrgenommen sondern konstruiert wird. Der Konstruktivismus braucht also kein Konzept fĂŒr Wahrnehmung.

Dem Empirismus fehlt das moderne VerstÀndnis der Funktionsweise der Sinnesorgane. Er geht davon aus, dass die RealitÀt auf die Sinnesorgane einwirkt und aus diesen Eiwirkungen dann die psychischen Abbilder entstehen wie die Bilder in einem Spiegel. Das Subjekt erhÀlt so eine passive Rolle. Es ist der Ort, in dem etwas geschieht. /1/

Diese Auffassung des Subjekts war nun fĂŒr viele Autoren unbefriedigend. Sie versuchten, die passive Rolle des Subjekts durch allerlei Hilfskonstruktionen aufzubessern. Das ist vor allem in der TĂ€tigkeitstheorie der Fall. Sie erklĂ€rt die psychische Widerspiegelung zu einem aktiven, schöpferischen Prozess. Das Subjekt soll die Widerspiegelung nicht passiv mit sich geschehen lassen, sondern sie aktiv gestalten. Der logische Widerspruch zwischen den Konzepten der „Widerspiegelung“ und „AktivitĂ€t“ wird nicht reflektiert.

Seinen besonderen Mangel zeigt das empiristische Wahrnehmungskonzept, wenn es um die Beschreibung der Wahrnehmung von Werkzeugen und KulturgegenstÀnden geht, d.h. von GegenstÀnden, die eine Funktion oder eine Bedeutung haben.

Aussagen wie „er sieht eine Angel“ oder „er hört ein Wort“ haben in keiner Variante eines empiristischen Wahrnehmungskonzepts einen Sinn. Im Konstruktivismus werden beide nicht wahrgenommen, sondern konstruiert.

Tomasello hat diesen Aspekt der Wahrnehmung experimentell untersucht. Er untersuchte die FĂ€higkeit von Schimpansen und Menschenkindern, wahrnehmbare Aktionen Anderer zu imitieren. Dabei stellte er fest, dass Schimpansen Werkzeuggebrauch nicht adĂ€quat imitieren können. Nur „FĂŒr Menschen ist das Ziel oder die Intention des VorfĂŒhrenden ein zentraler Teil dessen, was sie wahrnehmen“ S.(42) Schimpansen dagegen „konzentrieren … sich bei ihren Beobachtungen auf ZustandsĂ€nderungen (darunter Änderungen der rĂ€umlichen Position) der an der VorfĂŒhrung beteiligten GegenstĂ€nde, wobei die Handlungen des VorfĂŒhrenden wirklich nur als Körperbewegungen erscheinen. Die intentionalen ZustĂ€nde des VorfĂŒhrenden und damit seine Verhaltensmethoden kommen in ihrer Erfahrung einfach nicht vor.“ (S. 42)

„Ein Ziel wahrnehmen“ wie soll das gehen? Diese Formulierung ergibt keinen Sinn, in welches der beiden Wahrnehmungskonzepte man sie auch stellt.

LeontÂŽev hat zur Beschreibung von Wahrnehmungen dieser Art eine weitere Hilfskonstruktion eingefĂŒhrt: die „fĂŒnfte Quasidimension“. Diese Dimension ist die Bedeutung der GegenstĂ€nde, die diese in der menschlichen Gesellschaft erhalten. /2/ Er schreibt: „Auf den Menschen, das Bewußtsein des Menschen zurĂŒckkommend, muß ich noch einen Begriff einfĂŒhren - den Begriff von der fĂŒnften Quasidimension, in der sich dem Menschen die objektive Welt enthĂŒllt. Das ist das „semantische Feld“, das System der Bedeutungen. Die EinfĂŒhrung dieses Begriffs verlangt eine nĂ€here ErlĂ€uterung. Tatsache ist, daß ich, wenn ich einen Gegenstand wahrnehme, diesen nicht nur in seinen rĂ€umlichen Dimensionen und in der Zeit, sondern auch in seiner Bedeutung wahrnehme.“ (S.8)

In dieser Hilfskonstruktion verbirgt sich ein verbreiteter Kategorienfehler: Eine zweistellige, relative Eigenschaft wird als einstellig, absolut abgesehen. Eine Bedeutung kommt einem Gegenstand aber nur in Bezug auf bestimmte Menschen zu. So hat beispielsweise ein stabförmiger Gegenstand fĂŒr einen Menschen, der angeln will eine andere Bedeutung als fĂŒr einen, der einen Pfeil fĂŒr seinen Bogen sucht.

Dass die TĂ€tigkeit treibende BedĂŒrfnis beeinflusst natĂŒrlich die Wahrnehmung, der eine „sieht“ schon die Angel, die er herstellen will, der andere den zukĂŒnftigen Pfeil. In einer Tonfolge „hören“ nicht alle Menschen eine oder die gleiche „Melodie“.

Mit dem Konstrukt der 5. Dimension kann zwar das Widerspiegelungskonzept der Wahrnehmung aufrecht erhalten werden, dafĂŒr muss aber das Konstrukt der RealitĂ€t als unabhĂ€ngig vom Menschen existierend aufgegeben werden. Wenn der wahrnehmbaren RealitĂ€t eine Bedeutung zugeschrieben wird, wird sie zu einer relativen EntitĂ€t, zu einer EntitĂ€t, die nur in Bezug zur menschlichen Wahrnehmung existiert und nicht unabhĂ€ngig von dieser. Damit wĂ€ren wir wieder beim Konstruktivismus und das Problem bleibt ungelöst.

Aber es scheint Licht am Horizont: Offensichtlich, kann ein tragfĂ€higes Konzept fĂŒr Wahrnehmung und Erkenntnis nicht im Rahmen der drei Variablen RealitĂ€t – Sinne – psychische Bilder entwickelt werden. Dieser Rahmen wirkt wie ein „Spanischer Stiefel“, der bestimmte Antworten erzwingt.

Es muss wohl ein anderer Rahmen her, ein Rahmen, in dem die Erkenntnis-Variablen mehr Raum finden, Raum, in dem die Möglichkeiten ausgeschöpft werden können, die ihnen bei der Beschreibung von Wahrnehmung von GegenstÀnden der Kultur und deren Erkenntnis zukommen. Mit der Konstruktion eines solchen Rahmens plage ich mich nun rum.

 /1/ Zu diesem Problem habe schon mehrfach geschrieben: Erkenntnis ohne Wahrnehmung, Reflexionen ĂŒber Konstruktivismus und Die GegenstĂ€ndlichkeit psychischer Bilder

/2/ Auch Tomasello bedient sich dieses Konstrukts. Er schreibt: „Aber die Werkzeuge und Artefakte einer Kultur haben noch eine andere Dimension, die Cole die „ideale“ Dimension nennt.“ (S.194). Auch M. Cole, ein ausgewiesener AnhĂ€nger der Kulturhistorischen Schule, nennt diese Dimension die „FĂŒnfte“.

Literatur:

Leontjew, Alexej (1981): Psychologie des Abbilds. In Forum Kritische Psychologie 9, Argument, Berlin, Seiten 5 bis 19,
Tomasello, Michael (2002): Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main S. 104,
Michael Cole (1998):Cultural psychology: a once and future discipline Harvard University Press,

 

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Wenn die Fliege aber keine Lust hat…

18. Februar 2011 - 11:21 Uhr

Vor einigen Tagen veröffentlichte die SĂŒddeutsche Zeitung ein Interview mit Björn Brembs, in dem es um der freien Willen von Fruchtfliegen geht. Am besten gefiel mir das sogenannte Harvard Law of Animal Behavior: “Unter exakt kontrollierten Versuchsbedingungen macht ein Tier genau das, wozu es gerade Lust hat.” Besser gehtÂŽs nicht!Das wird auch durch die Ergebnisse von Experimenten belegt: Wenn man 100 Fliegen vor eine Lampe setzen, krabbeln ungefĂ€hr 70 Fliegen auf das Licht zu und die anderen 30 davon weg. Testet man diese 30 noch einmal, tritt wieder diese 70-30-Prozent Aufteilung auf. Das ist auch so, wenn man die 79 Lichtkrabbler erneut vor die Lampe setzt. Es kann also keine genetische oder andere Festlegung sein - jede Fliege trifft jedes Mal neu eine Entscheidung.Nun will das natĂŒrlich wissenschaftlich erklĂ€rt werden. Neben der Kategorie Lust und einem diffusen Hintergrundrauschen wird auch der Zufall bemĂŒht.Es zeigt sich wieder einmal, dass die biologischen Wissenschaften noch nicht ĂŒber ein Begriffssystem verfĂŒgen, das es ermöglichen wĂŒrde, Ereignisse wie die beschriebenen hinreichend prĂ€zise abzubilden.

In seinem Paper Towards a scientific concept of Free Will as a biological trait: spontaneous actions and decision-making in invertebrates setzt sich Brembs mit der aktuellen Diskussion zum Begriff des freien Willens auseinander und kommt zu Ă€hnlichen EinschĂ€tzungen. Besonders bedeutsam scheint mir der Ansatz, den reflextheoretischen Begriff der Reaktion („response“) durch den Begriff der TĂ€tigkeit („action“) zu ersetzen. Dort heißt es:

“Another concept that springs automatically from acknowledging behavioural variability as an adaptive trait is the concept of actions. In contrast to responses, actions are behaviours where it is either impossible to find an eliciting stimulus or where the latency and/or magnitude of the behaviour vary so widely, that the term ‘response’ becomes useless.”

Zur Beschreibung des TĂ€tigen, des Subjekts der TĂ€tigkeit, schlĂ€gt er den Terminus „Selbst“ vor. Dieser Gedanke resultiert wohl daraus, dass Brembs die Frage des Willens aus neurophysiologischer Sicht betrachtet. Der Begriff des Selbst artikuliert einen introspektiven Aspekt und erfordert mindestens eine zweite Betrachtungsebene, von der aus das Individuum sich als Selbst reflektiert. Das geht auch aus den Beispielen hervor, die mangels einer Definition herangezogen werden. Aber gerade das lĂ€sst wieder metaphysische Interpretationen zu, gegen die Brembs expressis verbis argumentiert. Hier hilft nur ein Begriff des Willens, der mit den physikalischen Gesetzen vertrĂ€glich ist.

Der grĂ¶ĂŸte Nachteil einer ausschließlich neurophysiologischen Sicht auf den Willen ist aber, dass damit nur mehrzellige Tiere mit einem Nervensystem erfasst werden. Einzellige Tiere und Pflanzen bleiben außen vor. Das aber hat Konsequenzen fĂŒr die Beantwortung der Frage nach der Evolution des Willens. Wenn Pflanzen keinen Willen haben, muss dieser im Verlauf der Evolution mit der Entstehung des Nervensystems entstehen. Das Leben von Pflanzen und das von Tieren könnten dann nicht mehr einheitlich erklĂ€rt werden, was zu schwerwiegenden WidersprĂŒchen in der Theorie des Lebendeigen fĂŒhrt.

NatĂŒrlich stutzt man zunĂ€chst, wenn Pflanzen ein Wille zugeschrieben wird. Das legt sich aber, wenn man das eine oder andere der folgenden Videos betrachtet. Wissenschaftler haben kein Problem damit, Pflanzen Eigenschaften zuzuschreiben, die man gemeinhin nur Tieren zuschreibt.

Was Pflanzen zu sagen haben (DasErste-Mediathek)

Geistreiches aus der Pflanzenwelt (YouTube)

Erlebnis Erde (YouTube)

Die weitere theoretische Arbeit an der Kategorie des Willens ist wichtig fĂŒr die weitere Ausarbeitung einer einheitlichen Theorie des Lebens und letztendlich fĂŒr das VerstĂ€ndnis des freien Willens des Menschen.

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Die ideologischen Fesseln der TĂ€tigkeitstheorie

9. Februar 2011 - 17:04 Uhr

Die TĂ€tigkeitstheorie ist seit ihrer Konstituierung vor inzwischen fast 100 Jahren ein umfassendes wissenschaftliches Konzept mit großer internationaler Ausstrahlung geworden.

FĂŒhrende Köpfe der Entwicklung dieser Theorie waren u.a. Vygotsky, LeontÂŽev und Luria. Sie werden auch heute nicht nur immer angefĂŒhrt, sondern ihre grundlegenden Begriffe und theoretischen Auffassungen werden noch immer unmittelbar genutzt, wenn es gilt, die kulturhistorische Schule und die TĂ€tigkeitstheorie zur methodischen Gestaltung neuer Untersuchungen zu nutzen. FĂŒr mich ist das ein sicheres Zeichen dafĂŒr, dass es seit der Entstehung dieses Konzepts keine verbreitete Weiterentwicklung ihrer theoretischen Grundlagen gegeben hat. Außer meinen Versuchen ist mir nur noch der Ansatz Engeströms bekannt.

Ein Grund dafĂŒr scheint mir der Umstand zu sein, dass die TĂ€tigkeitstheorie weithin als i.e.S. psychologische Theorie aufgefasst und betrieben wird. Dadurch werden der TĂ€tigkeit als ihrer grundlegenden Kategorie Merkmale zugeschrieben, die nur der TĂ€tigkeit solcher Subjekte zukommen, die mit Psyche ausgestattetet sind. Eine weitere Verengung der TĂ€tigkeitstheorie resultiert daraus, dass die Psyche ausschließlich oder ĂŒberwiegend als menschliche Psyche betrachtet wird, wodurch meist nur die menschliche TĂ€tigkeit gemeint ist, auch wenn der Terminus „TĂ€tigkeit“ in seiner allgemeinen Form benutzt wird. Man meint nicht, was man sagt.

Dieses Problem ließe sich durch einen breiten terminologischen Konsens lösen. Bei einem anderen Problem ist das nicht mehr der Fall. Dieses ergibt sich daraus, dass die TĂ€tigkeitstheorie auf dem Konsens entwickelt wurde, den Marxismus als philosophisch-weltanschauliche Grundlage der psychologischen Theorie zu betrachten. Dadurch erhielt die TĂ€tigkeitstheorie eine ideologische Ausrichtung.

Dabei verschwand der Umstand aus dem Fokus des Denkens, dass Erkenntnistheorie (jedenfalls in ihrer marxistischen Auffassung) einen anderen Gegenstand hatte als die primĂ€r psychologisch orientierte TĂ€tigkeitstheorie. Die marxistische Erkenntnistheorie hat zu ihrem Gegenstand die Erkenntnis als gesellschaftliche Erkenntnis, die Erkenntnis der Gesellschaft als Gesamtsubjekt, wĂ€hrend der native Gegenstand der Psychologie die individuelle Erkenntnis ist, das Erkennen des individuellen Subjekts. Die undifferenzierte Übertragung von Eigenschaften von einem Gegenstand auf den anderen fĂŒhrt nicht selten zu Fehlern und logischen WidersprĂŒchen.

In der TĂ€tigkeitstheorie geschieht das, indem die These ĂŒbernommen wird, das Psychischesei die Widerspiegelung der RealitĂ€t.

Die Orientierung am Marxismus fĂŒhrte folgerichtig dazu, das Psychische, d.h. das Individuelle als Widerspiegelung der RealitĂ€t auszufassen, dem Psychischen wird Abbildcharakter zugeschrieben. In diesem ideologischen Rahmen sind jedoch – und das nicht nur in der Psychologie -  nur empiristische Auffassungen ĂŒber Erkenntnis möglich. Konstruktivistische Auffassungen sind mit der Widerspiegelungstheorie logisch unvereinbar.

Andererseits ist die Kategorie der Praxis  eine weitere tragende Komponente der marxistischen Erkenntnistheorie. „Praxis“ ist im Marxismus nur als gesellschaftliche Kategorie denkbar, nicht aber als individuelle. Zum anderen ist diese  Kategorie ist zutiefst konstruktivistisch, betont sie doch das Primat des Subjekts, wie es ganz prĂ€gnant in der ersten Feuerbachthese zum Ausdruck kommt. Auch das Sinnliche hat bei Marx und Engels keinen sensualistischen Charakter, wie das in der Psychologie gewöhnlich ĂŒblich ist.

Nun ist die Kategorie der TĂ€tigkeit wie die der Praxis nur konstruktivistisch denkbar, als Kategorie, in der ein autonomes Subjekt seine TĂ€tigkeit aktiv gestaltet und seine BedĂŒrfnisse befriedigt. Nicht die Einwirkungen der Umwelt bestimmen und gestalten die TĂ€tigkeit, sondern das autonome Subjekt. (TĂ€tigkeit ist nicht als Reaktion auf physikalische oder chemische „Reize“ verstehbar. Dieser Standpunkt wird neuerdings auch von Neurophysiologen z.B. Björn Brembs vertreten).

Zur Zeit der Entstehung der TĂ€tigkeitstheorie war der Konstruktivismus aber noch weit von seiner Etablierung als ernsthaftes erkenntnis- und wissenschaftstheoretisches Konzept entfernt. Die Auffassungen ihrer VorlĂ€ufer (Mach u.a.) waren von Lenin in „Materialismus und Empiriokritizismus“ vom Standpunkt des Marxismus als „feindlich“ charakterisiert worden und fielen so unter das ideologische Verdikt.

Die Psychologie der TĂ€tigkeitstheorie versuchte, diesen Widerspruch durch verschiedene Hilfkonstruktionen zu lösen, durch die sie der Widerspiegelung einen aktiven, schöpferischen Charakter zuschrieb, ein subjektives Moment. Damit aber implementierte sie die WidersprĂŒche ihrer philosophischen Grundlage in ihre Wissenschaft.

Das gilt auch fĂŒr den Ansatz Rubinsteins, der in den Prozess der Widerspiegelung eine subjektive Brechung implementierte. Anochin dagegen entwickelte die Hilfskonstruktion der „vorgreifenden Widerspiegelung“. Das Widerspiegelungskonzept prinzipiell als Konzept des Psychischen aufzugeben wurde nur von Vygotsky  in der „Krise der Psychologie“ versucht.

Man kann einem Begriff nicht nachtrĂ€glich Eigenschaften zuschreiben, die zuvor per definitionem ausgeschlossen worden sind, ohne sich in unlösbare WidersprĂŒche zu verwickeln. Vygotsky hat das bereits vor ĂŒber 80 Jahren in seiner „Krise der Psychologie“ dargelegt. Er schreibt:

„Die Psychologie möchte eine Naturwissenschaft von nichtnatĂŒrlichen Erscheinungen sein. Mit der Naturwis­senschaft verbindet sie ein rein negativer Zug, die Ablehnung der Metaphysik, jedoch nicht ein einziger positiver.“ (S190)

Und weiter:

 „Der Begriff empirische Psychologie enthĂ€lt folglich einen unlösbaren methodologischen Widerspruch: Es handelt sich hier um eine Naturwissenschaft von nichtnatĂŒrlichen Dingen, um die Tendenz, mit der Methode der Naturwissenschaften ein ihnen polar entgegengesetztes Wissenssystem zu entwickeln, das aus polar entgegengesetzten PrĂ€missen hervorgeht. Eben das wirkte sich verderblich auf die methodologische Konstruktion der empirischen Psychologie aus und brach ihr das Genick.“ (S.192) Dieser Widerspruch ist auch in der philosophischen Grundlage der TĂ€tigkeitstheorie verankert und verhindert bis heute ihre Weiterentwicklung als Theorie. 

In einer seiner letzten Arbeiten stellt LeontÂŽev (1975) dazu fest:

„Und bezeichnend ist, wie die maßgebendsten Autoren eingestehen, daß es derzeit keine ĂŒberzeu­gende allgemeine Theorie der Wahrnehmung gibt, die geeignet wĂ€re, die angehĂ€uften Kenntnisse zu erfassen und ein konzeptuelles System zu entwerfen, das den Forderungen der dialektisch-materialistischen Methodologie entspricht. … Im Ergebnis triumphiert in Übersichtsarbeiten, die fĂŒr sich in An­spruch nehmen, das Problem umfassend zu behandeln, offene Eklek­tik.“  (LeontÂŽev 1981, S.6)

Dass diese Beschreibung auch heute noch und nicht nur fĂŒr marxistisch orientierte Psychologien zutrifft, kann  man einer „Standortbestimmung“ entnehmen, die von einer Reihe fĂŒhrender deutscher Psychologen 2005 publiziert wurde.

LeontŽev hat erst in seinen letzten Arbeiten zur Wahrnehmung konstruktivistische AnsÀtze entwickelt, ohne sich jedoch  jedoch prinzipiell mit deren  philosophischen Aspekten auseinanderzusetzen. So verharrt die TÀtigkeitstheorie dreifach gefesselt:

·         Sie wird ĂŒberwiegend als psychologische Theorie betrachtet und durch die Auffassung der Psychologie als Naturwissenschaft in deren Paradigmensystem gezwĂ€ngt.

·         Zu dieser Auffassung wird sie durch ihre ideologische Bindung an den Marxismus gedrÀngt, wobei sie unkritisch Erkenntnis der Gesellschaft als Ganzes und individuelle Erkenntnis methodisch identifiziert. Das verhindert, dass das Individuum in seiner spezifischen individuellen QualitÀt gefasst wird.

·         Das Postulat, das Psychische als Widerspiegelung aufzufassen verhindert, dass konstruktivistische Gedanken aufgegriffen werden, ein Denkverbot, das durch die leninistische Fassung dieses Begriffs verschÀrft wurde.

·         Schließlich ist der marxistische Begriff der gesellschaftlichen Erkenntnis nicht auf die Psyche anwendbar, Psyche ist nativ individuell.

Zum Schluss noch eine persönliche Anmerkung: Meine wissenschaftliche Entwicklung vollzog sich im Paradigma der marxistischen Erkenntnistheorie. Es war nicht leicht, sich von diesen philosophischen Voraussetzungen zu befreien und zu erkennen, dass sie im wissenschaftlichen Denken zu Fesseln geworden waren – so wichtig sie auch im tĂ€glichen Leben sein mögen.

 Literatur: 

Psychologie im 21. Jahrhundert – eine Standortbestimmung. Gehirn & Geist, Heft 7-8/2005, S. 56-60,

Anochin, Pjtor Kusmitsch (1978): BeitrÀge zur allgemeinen Theorie des funktionellen Systems, Gustav Fischer Verlag, Jena,

Brembs, Björn (2010): Towards a scientific concept of Free Will as a biological trait: spontaneous actions and decision-making in invertebrates. Proceedings of the Royal Society B,

Engeström, Yrjö (1999): Lernen durch Expansion, BdWi-Verlag, Marburg,

Holzkamp, Klaus (1983): Grundlegung der Psychologie, Campus Verlag, Frankfurt-New York (S. 68ff.)

Lenin, W. I. (1947): Materialismus und Empiriokritizismus. Kritische Bemerkungen ĂŒber eine reaktionĂ€re Philosophie. Verlag fĂŒr fremdsprachige Literatur, Moskau,

Leontjew, Alexej (1975): Psychologie des Abbilds. In Forum Kritische Psychologie 9 (1981), Seiten 5 bis 19,

Vygotskij, Lev, S. (2003): Die Krise der Psychologie in ihrer historischen Bedeutung. In AusgewÀhlte Schriften Band I, Seiten 57 bis 278,

Wittich, Dieter; GĂ¶ĂŸler, Klaus; Wagner, Kurt (1980): Marxistisch-leninistische Erkenntnistheorie, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin.

 Die erste Feuerbachthese:

„Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus - den Feuerbachschen mit eingerechnet - ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als menschliche sinnliche TĂ€tigkeit, Praxis, nicht subjektiv. Daher geschah es, daß die tĂ€tige Seite, im Gegensatz zum Materialismus, vom Idealismus entwickelt wurde - aber nur abstrakt, da der Idealismus natĂŒrlich die wirkliche, sinnliche TĂ€tigkeit als solche nicht kennt. Feuerbach will sinnliche, von den Gedankenobjekten wirklich unterschiedene Objekte; aber er faßt die menschliche TĂ€tigkeit selbst nicht als gegenstĂ€ndliche TĂ€tigkeit. Er betrachtet daher im “Wesen des Christenthums” nur das theoretische Verhalten als das echt menschliche, wĂ€hrend die Praxis nur in ihrer schmutzig-jĂŒdischen Erscheinungsform gefaßt und fixiert wird. Er begreift daher nicht die Bedeutung der “revolutionĂ€ren”, der praktisch-kritischen TĂ€tigkeit.“ (Marx-Engels Werke, Band 3, Seite 533 ff. Dietz Verlag Berlin, 1969)

 

 

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UexkĂŒll und die Evolutionstheorie

20. Oktober 2010 - 10:14 Uhr

Bei meinen Überlegungen stoße ich immer wieder auf die „Theoretische Biologie“ von Jacob von UexkĂŒll /1!, eine Arbeit, die in den biologischen Wissenschaften noch immer nicht die Anerkennung gefunden hat, die ihm zukommt.

Es ist die erste – und wie ich meine – auch einzige hinreichend vollstĂ€ndige und in sich schlĂŒssige biologische Theorie, die die Lebewesen konsequent als Subjekte auffasst und dazu ein logisch und terminologisch konsistentes Begriffssystem vorweist. Damit war er im Jahr 1928 den Biologen seiner Zeit weit voraus. Er hatte erkannt, dass das kausalistische Paradigma der Physik und Chemie ungeeignet war, die spezifische Seinsweise der Lebewesen adĂ€quat abzubilden. Er hatte weiter nicht nur erkannt, dass eine wissenschaftliche  Biologie ein prinzipiell anderes ErklĂ€rungsprinzip erforderte, er hat ein solches ErklĂ€rungsprinzip auch ausgearbeitet.

Seine Gedanken wurden jedoch kaum rezipiert, nur sein Umweltbegriff fand Eingang in die wissenschaftliche Biologie. Da dieser jedoch nicht in dem zugehörigen logischen und terminologischen Zusammenhang rezipiert wurde, konnte er auch nur in fragmentarischer („kastrierter“) Form angeeignet werden./2/

Das grundlegende Prinzip, welches Leben adĂ€quat erklĂ€ren kann, nannte er „PlanmĂ€ĂŸigkeit“. Hinter dieser PlanmĂ€ĂŸigkeit stand nach UexkĂŒll jedoch nicht irgendein planendes Wesen, so wie es der heutige Gebrauch dieses Wortes nahe legt, er fasste die PlanmĂ€ĂŸigkeit vielmehr als Naturkraft auf, als dem Leben innewohnende konstitutive Eigenschaft. Am Ende dieses Beitrags wird ein lĂ€ngerer Text zitiert, der das hinreichend belegt.

Heute drĂŒcken wir diese Eigenschaften des Lebendigen die, UexkĂŒll mit dem Wort „PlanmĂ€ĂŸigkeit “ ausdrĂŒckte, mit Termini wie „Organisation“ oder „Information“ aus. Diese Kategorien sind aber inzwischen wie die Kategorie des Lebens in den Naturwissenschaften dem kausalistischen Paradigma untergeordnet worden und werden auch auf das Schema Ursache – Wirkung abgebildet. Das fĂŒhrt zwar zu logischen und terminologischen Problemen und WidersprĂŒchen, fĂŒhrt aber nicht zu einem Überdenken dieses Paradigmas. In den Geisteswissenschaften werden diese Kategorien als subjektive, geistige Kategorien ohne materielle Eigenschaften abgebildet, so dass Natur- und Geisteswissenschaften weiter aneinander vorbei reden.

Die entscheidende Kategorie in UexkĂŒlls Theorie ist die des Subjekts. Erst wenn die Lebewesen als autonome Subjekte abgebildet werden, können sie in ihrer Besonderheit als Lebewesen verstanden werden. Die Biologie ist in UexkĂŒlls VerstĂ€ndnis die Wissenschaft von den Subjekten.

„Die Physik behauptet, dass die uns umgebende Natur nur der KausalitĂ€t gehorchen. Solche bloß kausal geordnete Dinge haben wir ‚Objekte’ genannt. Im Gegensatz hierzu behauptet die Biologie, daß es außer der KausalitĂ€t noch eine zweite subjektive Regel gibt, nach der wir die GegenstĂ€nde ordnen – die PlanmĂ€ĂŸigkeit, die notwendig zur VollstĂ€ndigkeit des Weltbildes hinzugehört.

Wenn das HÀmmerchen eine Klaviersaite trifft und ein Ton erklingt, so ist das eine reine Kausalreihe. Wenn dieser Ton aber einer Melodie angehört, so ist er in eine Tonreihe hineingestellt, die gleichfalls eine Ordnung darstellt, die aber nicht kausaler Natur ist.

Wir wollen nun diejenigen Objekte, deren Bauart durch bloße KausalitĂ€t nicht zu verstehen ist, weil bei ihnen die Teile zum Ganzen im gleichen VerhĂ€ltnis stehen wie die Töne zur Melodie, ‚GegenstĂ€nde’ nennen.

Objekte und GegenstĂ€nde bestehen beide aus Stoff, aber im Objekt gibt es keine andere Anordnung der Stoffteile, als sie die Struktur des Stoffes mit sich bringt. Im Gegenstand gibt es außerdem ein GefĂŒge, das die Teile zu einem planvollen Ganzen verbindet.

Äußerlich unterscheiden sich Objekte und GegenstĂ€nde gar nicht voneinander.“ (Theoretische Biologie, S.83f.)

In UexkĂŒlls VerstĂ€ndnis wird nun die Umwelt der Lebewesen nicht von den Objekten sondern von den GegenstĂ€nden gebildet. Zur Umwelt wird eine Umgebung erst durch ein Subjekt, erst das Subjekt macht die Umwelt.

„Jetzt wissen wir, daß es nicht bloß einen Raum und eine Zeit gibt, sondern ebenso viele RĂ€ume und Zeiten wie es Subjekte gibt, da jedes Subjekt von seiner eigenen Umwelt umschlossen ist, die ihren Raum und ihre Zeit besitzt. Jede dieser abertausend Umwelten bietet den Sinnesempfindungen eine neue Möglichkeit sich zu entfalten. Dies ist dritte Mannigfaltigkeit – die Mannigfaltigkeit der Umwelten.

Damit stoßen wir auf den neuen Naturfaktor – den Plan, dessen Erforschung zur Hauptaufgabe der Biologie geworden ist. Noch stecken wir in den ersten AnfĂ€ngen, und können keine ausreichende Beschreibung dieses Faktors geben.“ (Theoretische Biologie, S. 232f.)

In diesem Kontext wird nun verstĂ€ndlich, warum UexkĂŒll die Evolutionstheorie ablehnte. Im Paradigma dieser Theorie ist die Umwelt ein von den Lebewesen unabhĂ€ngiger „Faktor“, der auf die Lebewesen einwirkt und an den sie durch Mutation und Auslese angepasst werden, wodurch die Evolution zustande kommen soll. Im ErklĂ€rungsprinzip UexkĂŒlls ist die Umwelt dagegen ein Produkt des autonomen Subjekts, das nichts im Subjekt bewirken kann, auch keine Evolution.

Der Denkfehler, der diesem Schluss zugrunde liegt, ist die Gleichsetzung des Naturprozesses „Evolution“ mit der Theorie „Darwinismus“, die diesen Naturprozess erklĂ€rt. Seiner Denkweise hĂ€tte es eigentlich entsprochen zu versuchen, den Naturprozess „Evolution“ auch mit seinem Prinzip der  PlanmĂ€ĂŸigkeit des Lebendigen zu erklĂ€ren, wie er dies mit allen anderen Naturprozessen versucht hat.

Dieser Fehlschluss wirkte sich nun verhĂ€ngnisvoll auf das Schicksal seiner Theorie aus. Er war wohl die entscheidende Ursache fĂŒr die ausbleibende Rezeption der Theorie UexkĂŒlls. Im Jahre 1920 hatte die Evolutionstheorie Darwins  in den kausalistischen Naturwissenschaften den Status eines allgemein gĂŒltigen Paradigmas erreicht, das von keinem Naturwissenschaftler, der ernst genommen werden wollte, angezweifelt werden durfte. Das verbitterte UexkĂŒll stark, wie die folgende Stelle aus der Theoretischen Biologie zeigt:

„Der Darwinismus, dessen logische Folgerichtigkeit ebensoviel zu wĂŒnschen lĂ€ĂŸt wie die Richtigkeit der Tatsachen, auf die er sich stĂŒtzt, ist mehr eine Religion als eine Wissenschaft. Deshalb prallen alle GegengrĂŒnde an ihm wirkungslos ab; er ist weiter nichts als die Verkörperung des Willensimpulses, die PlanmĂ€ĂŸigkeit auf jede Weise aus der Natur loszuwerden.“ (Theoretische Biologie, S197.)

Bis auf den heutigen Tag ist die Gleichsetzung von Gegenstand und Theorie weit verbreitet. Wer am Darwinismus zweifelt, dem wird meist gleich unterstellt, er bestreite den Fakt der Evolution. Das erschwert die Diskussion um die Weiterentwicklung der Theorie der Evolution. So verharrt diese Theorie in den Fesseln kausalistischen Denkens, und das Licht, das sie nach einem Wort Dobshanzkys auf alle Bereiche der Biologie werfen könnte, bleibt morgengrau.

*

Das folgende lĂ€ngere Zitat aus der „Theoretischen Biologie“ soll noch einmal deutlich machen, wie UexkĂŒll den Begriff er „PlanmĂ€ĂŸigkeit “ verstand und warum das Argument, PlanmĂ€ĂŸigkeit  erfordere einen externen Planer in Bezug auf UexkĂŒll auch heute noch unzutreffend ist.

„Die außerordentlichen Schwierigkeiten, die die Biologie zu ĂŒber­winden hat, um die Anerkennung der PlanmĂ€ĂŸigkeit als Naturmacht zu erzwingen, stammen aus der landlĂ€ufigen Alternative: Leib – Seele, mit der man alle Möglichkeiten der lebenden Natur erschöpft zu haben meint. Man vergißt dabei, daß sowohl Seele wie Leib planvoll sind, und planmĂ€ĂŸig miteinander zusammenhĂ€ngen, Es gibt also noch ein Drittes, das weder aus der Seele noch aus dem Leibe abgeleitet werden kam. Wenn man die Lehre von der Seele Psychologie und die Lehre vom Leibe Physiologie nennt, so fehlt noch die Lehre vom Dritten, das sowohl Leib wie Seele in sich schließt, nĂ€mlich die Lehre von der PlanmĂ€ĂŸigkeit alles Lebendigen - die Biologie. Da sowohl die Seele wie der Leib planmĂ€ĂŸig sind, bildete bisher die PlanmĂ€ĂŸigkeit sowohl einen Teil der Physiologie - als spezielle Mechanik wie einen Teil der Psychologie ab Lehre vom Zweck oder -­FinalitĂ€t. Aber weder ist der Zweck auf die Physiologie noch die Mechanik auf die Psychologie anwendbar. Weder kann man die Grund­sĂ€tze der FinalitĂ€t in der Mechanik, noch die GrundsĂ€tze der Mechanik in der FinalitĂ€t verwerten.Hier klaffte eine LĂŒcke, die immer empfindlicher wurde, je mehr man sich in das Studium der Lebewesen vertiefte. Die planmĂ€ĂŸigen Bin­dungen der speziellen Mechanik, die nur bei Betrachtung des einzelnen Tierkörpers sichtbar werden, wurden zugunsten der kausalen Gesetze der allgemeinen Mechanik vernachlĂ€ssigt und nach und nach die Physio­logie den anorganischen Wissenschaften angegliedert.Von selten der Psychologie sind ebenfalls Schritte unternommen worden, um die LĂŒcke zwischen Mechanik und FinalitĂ€t auszufĂŒllen. Die Schule der Gestalttheoretiker sieht in der Gestalt ein UrphĂ€nomen, das sie aber nicht auf das organische Leben beschrĂ€nkt wissen will, im Gegensatz zu DRIESCH, der die “Ganzheit“ als Charakteristikum des Lebendigen anspricht f denn die anorganische Natur kennt nur Summen, jedoch keine Ganzheit, die - ich kann mich nicht anders ausdrĂŒcken - eine planmĂ€ĂŸige Anordnung ihrer Teile darstellt. Auch dem Begriff der Gestalt scheint mir der Begriff der PlanmĂ€ĂŸigkeit zugrunde zu liegen, den ich mit DRIESCH nur auf Lebendiges und auf Erzeugnisse von lebenden Wesen anwenden möchte. Wenn man Gestalt und Ganzheit ihren Teilen gegenĂŒberstellt, wird man bei den Teilen der Gestalt so­gleich auf den Unterschied von leitenden und begleitenden Eigen­schaften stoßen, was zu sehr wichtigen Untersuchungen gefĂŒhrt hat. Der Begriff der Ganzheit ist hierin nicht so fruchtbar.Ohne mich in philosophische Erörterungen einlassen zu wollen, muß ich doch bemerken, daß auch von seiten der Erkenntnistheorie der Biologie Schwierigkeiten bereitet wurden, KANT hat die KausalitĂ€t der konstitutiven TĂ€tigkeit des Verstandes zugerechnet, dagegen die PlanmĂ€ĂŸigkeit dem regulativen Gebrauch der Vernunft zugewiesen. Das erweckt den Eindruck, als könne ein Plan niemals der integrierende Teil eines Gegenstandes sein, sondern sei bloß eine, wenn auch mit Not­wendigkeit hinzugedachte menschliche Regel. DRIESCH hat diese Frage eingehend behandelt und nachgewiesen, daß die PlanmĂ€ĂŸigkeit eben­falls zu den konstitutiven Eigenschaften zu rechnen sei.Es ist nicht schwierig, sich davon zu ĂŒberzeugen, daß jeder Ge­brauchsgegenstand und jede Maschine ein PlantrĂ€ger ist. Bedeutsam ist dabei zweierlei: erstens, daß jeder Plan, obgleich er die Form der Materie bestimmt und die Bewegungen der Maschine beherrscht. Selbst weder Stoff noch Bewegung ist und zweitens, daß der Plan in allen menschlichen Erzeugnissen heteronom ist, d. h. nicht aus der Maschine: selbst stammt im Gegensatz zu allen Lebewesen, deren PlĂ€ne autonom sind.

Auch diese AusdrĂŒcke decken den Tatbestand nicht völlig. Wie wir bei der Entstehung der Lebewesen feststellen konnten, nehmen di­e indifferenten Zellautonome bei jeder neueinsetzenden Sprossung einen fremden Plan auf, der vorher in ihnen nicht vorhanden war. Aber dieser Plan wirkt sich in ihnen autonom aus, was bei den Maschinen nicht der Fall ist. Er wird also zum EigenpIan und bleibt kein Fremdplan, die die Maschinenteile einmalig ineinanderfĂŒgt, der aber weder den Betrieb aufrecht zu erhalten, noch SchĂ€den auszubessern vermag. Eine Ma­schine ist, wenn sie einmal vom Lebewesen Mensch erbaut wurde, restlos Stoff und gehorcht nur noch der KausalitĂ€t. Sie ist daher tot und bedarf zur Aufrechterhaltung ihrer PlanmĂ€ĂŸigkeit eines lebenden Betriebsleiters.“ (Theoretische Biologie, S198ff.)

Ob das Wort „PlanmĂ€ĂŸigkeit “ damals wie heute ein geeigneter Terminus fĂŒr den gemeinten Sachverhalt ist, sei dahin gestellt. Viele seiner Gedanken finden wir heute in der Systemtheorie, in der der von UexkĂŒll gemeinte Sachverhalt mit anderen Termini bezeichnet wird. Aber Fragen nach der „Organisation“ der Evolution, nach ihrer „Struktur“ bleiben nach wie vor ungestellt.

 

/1/ Jacob von UexkĂŒll: Theoretische Biologie. Verlag von Julius Springer, Berli, 1928.

/2/ Eine gute Darstellung der Verwendung des Terminus „Umwelt“ findet man in „Wikipedia“

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Der freie Wille und die Physik

24. August 2010 - 15:55 Uhr

Physiker und Chemiker haben kein Problem damit, physikalischen oder chemischen Prozessen das PrĂ€dikat „freiwillig“ zuzuschreiben. Psychologen und Neurophysiologen streiten dagegen sogar darĂŒber, ob dieses PrĂ€dikat menschlichen Handlungen zuerkannt werden kann.

Hinter diesem Widerspruch sind einige Probleme verborgen, die meist nicht reflektiert werden, wenn die Formulierung „freier Wille“ benutzt wird.

Ein erstes Problem steckt hinter der „Wer-Frage“. Wer – welche Art von EntitĂ€t - hat die Eigenschaft, die jeweils „freier Wille“ genannt wird? Bei Physikern und Chemikern sind dies Prozesse in isolierten thermodynamischen Systemen, d.h. thermodynamische Systeme, die weder Substanz noch Energie mit der Umgebung austauschen.

Solche Systeme befinden sich gewöhnlich im Zustand des thermodynamischen Gleichgewichts, d.h. in einem Zustand, in dem ĂŒberhaupt nichts stattfindet, weder freiwillig noch unfreiwillig. Anders aber, wenn in einem isolierten thermodynamischen System ein Zustand des Ungleichgewichts besteht. Dann geht das System „von allein“/1/ („spontan“, „freiwillig“) in ein thermodynamisches Gleichgewicht ĂŒber. Das ist ein Aspekt des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik.

Die Bedeutung des Wortes „freiwillig“ resultiert eben daraus, dass es Prozesse innerhalb eines isolierten Systems bezeichnet, auf die per definitionem keine Ă€ußeren Ursachen wirken. Dieser Umstand der fehlenden Ă€ußeren Ursache zwingt quasi zur Verwendung von Termini wie „freiwillig“, „von allein“ oder „spontan“. Er ist nur in isolierten thermodynamischen Systemen gegeben.

Nun werden Lebewesen seit Bertalanffy gewöhnlich als offene thermodynamische Systeme betrachtet. Das physikalische Konstrukt des offenen thermodynamischen Systems ist also auch das ErklĂ€rungsprinzip fĂŒr Lebewesen, und fĂŒr diese gilt, dass nichts ohne Ă€ußere Ursache geschieht. In offenen thermodynamischen Systemen geschieht nichts von allein, spontan, freiwillig.

Indem nun die Lebewesen diesem ErklĂ€rungsprinzip unterworfen werden, können ihnen allein aus GrĂŒnden der Logik PrĂ€dikate wie „von allein“ oder „freiwillig“ nicht mehr zugeschrieben. Der freie Wille wurde ihnen per definitionem genommen.

Wenn man den Lebewesen nun doch einen (freien, eigenen) Willen zuschreiben will, kann das angewendete ErklĂ€rungsprinzip fĂŒr Lebewesen weder das Konstrukt des isolierten noch das des offenen thermodynamischen Systems sein. Lebewesen mĂŒssen mit einem prinzipiell anderen Prinzip als dem des thermodynamischen Systems erklĂ€rt werden.

Dieses andere Prinzip ist das Konstrukt des Subjekts. Subjekte haben per definitionem einen Willen. Subjekte sind im allgemeinen Sprachgebrauch (und dem vieler Philosophien) mit Eigenschaften wie Selbstbestimmtheit, Autonomie und eben dem freien Willen ausgestattet. Ohne diese Eigenschaften kann ein Individuum nicht Subjekt sein. Dieses Konstrukt wÀre aber nur dann mit den Paradigmata der Physik vertrÀglich, wenn das Subjekt physikalisch nicht mehr also offenes, sondern als isoliertes thermodynamisches System aufgefasst werden könnte.

Die Crux liegt also in der Beziehung der Subjekte zur Umwelt. Die Subjekte mĂŒssen Beziehungen zur Umwelt haben, diese dĂŒrfen aber nicht kausalistischer Natur sein. Die Umwelt darf nicht die Ursache des subjektiven Handelns sein, denn dieses muss selbstbestimmt, autonom sein.

Deshalb ist der Subjektbegriff kein ErklÀrungsprinzip der Biologie und nur selten der Psychologie. Diese Wissenschaften verstehen sich als Naturwissenschaften und als diese haben sie sich dem kausalistischen Paradigma unterworfen, das die Existenz selbstbestimmter EntitÀten nur als isolierte thermodynamische Systeme zulÀsst.

Es ist also erforderlich, eine autonome, selbstbestimmte Konstellation mit einer solchen thermodynamischen Ausstattung zu konstruieren, die im Unterschied zum isolierten thermodynamischen System auch Beziehungen zur Umwelt zulĂ€sst. Da eine solche Konstellation weder ein isoliertes noch ein offenes thermodynamisches System sein kann, muss sie in einem neuen Begriff abgebildet werden. Um mit diesem Begriff einer selbstbestimmten thermodynamischen Konstellation umgehen zu können, ist ein Wort erforderlich. Ein solcher Begriff kann widerspruchsfrei im Wort „Subjekt“ ausgedrĂŒckt werden. Dazu muss aber das Subjekt als physikalische Kategorie definiert werden,

Wie gezeigt werden kann (Litsche 2004), ist ein solcher Begriff des Subjekts geeignet, Eigenschaften wie Autonomie, Selbstbestimmtheit, Wille u.a. als native Eigenschaften bestimmter thermodynamischer Konstellationen zu verstehen.

Ein zweites Problem ist die Frage danach, wodurch sich die Beziehungen von Subjekten zu ihrer Umwelt von den Beziehungen unterscheiden, die zwischen offenen Systemen und deren Umgebung bestehen.

System und Subjekt

Abbildung 1: Offenes thermodynamisches System und Subjekt (grĂŒn Zufluss und Abfluss, L Leistung, T TĂ€tigkeit des Subjekts, E/S Energie/Substanz)

Ein offenes thermodynamisches System hat einen Zufluss und einen Abfluss und ist durch diese ist das thermodynamische GefÀlle der Umgebung eingeordnet. Zufluss und Abfluss bestimmen die Leistung des Systems, alle Werte können gemessen, die Leistung kann aus Parametern der Umgebung berechnet werden. Durch die Gestaltung von Zufluss und Abfluss kann die Leistung manipuliert werden, das System ist fremdbestimmt.

Das Subjekt vollzieht aus seinem Willen heraus eine TĂ€tigkeit, durch die es Substanz oder Energie auch gegen ein GefĂ€lle der Umwelt aufnimmt. Die Parameter der Umwelt können gemessen, die TĂ€tigkeit kann aber nicht aber aus Parametern der Umwelt berechnet (vorher gesagt) werden. Bei VerĂ€nderung der Parameter der Umwelt verĂ€ndert das Subjekt seine TĂ€tigkeit in selbstbestimmter Weise, es „reagiert“ autonom. Die Reaktionen können nur aus der Beobachtung des Subjekts vorhergesagt (berechnet) werden, nicht aus den VerĂ€nderungen der Umwelt.

Pflanzen können beispielsweise Wasser auch aus sehr trockenen Böden gegen ein osmotisches GefĂ€lle jaaufnehmen und dieses gegen die Schwerkraft transportieren. Die Menge des Speichels von Pawlows Hund kann nicht aus der Masse der Klingel berechnet werden, die den Speichelfluss auslöst. Das unterscheidet aber thermodynamische Systeme vom Subjekt. Das Subjekt realisiert thermodynamische Prozesse, die gegen ein GefĂ€lle verlaufen, „bergauf“.

Über Subjekte und offene thermodynamische Konstellationen kann man problemlos reden, solange man sie als „black box“ betrachtet und nicht nach der physikalischen Struktur des Subjekts fragt. In allen mir bekannten frĂŒheren Versuchen konnte das Problem der Organisation von physikalischen Prozessen gegen das GefĂ€lle („bergauf“) nicht ohne die Hilfe von KrĂ€ften wie der Entelechie oder einer vis vitalis gelöst werden. Wo in der Psychologie Subjekte vorkommen, sind sie masselose Wesen und die Psychologie wird zur „Psychologie ohne Hirnforschung“ /3/.

Wie dem auch sei, um die Natur des (eigenen) Willens zu bestimmen ohne in WidersprĂŒche mit den Paradigmata der Physik zu geraten, muss eine Konstellation von thermodynamischen bergab wirkenden Prozessen konstruiert werden, durch deren Zusammenwirken letztlich die bergauf wirkende TĂ€tigkeit der Subjekte entsteht /6/. Ohne ein solches Konstrukt bleibt jede Definition des Willens außerhalb der Physik.

Diese physikalische Grundlage eines Subjektbegriffs fehlt den verbreiteten neurophysiologischen Erörterungen der Kategorie des (freien) Willens. Das fĂŒhrt entweder auf der einen Seite dazu, die Existenz eines freien Willens ĂŒberhaupt zu bestreiten und deshalb folgerichtig auch dem Menschen den Willen und damit die FĂ€higkeit der Selbstbestimmtheit abzusprechen. Die andere Art des Herangehens fĂŒhrt dazu, die Kategorie des Willens außerhalb der Physik anzusiedeln und kommt folgerichtig in letzter Konsequenz zu einer Psyche ohne Gehirn. Die Diskussion um das Manifest fĂŒhrender deutscher Neurophysiologen/4/ und die Antwort einiger Psychologen /5/ in der Zeitschrift „Gehirn und Geist“ ist dafĂŒr hinreichend Beleg.

Andere Autoren suchen den Ausweg in quantenmechanischen Prozessen, die sich in der Tiefe neurophysiologischer EntitĂ€ten abspielen sollen und deren zufĂ€lliger Charakter die Grundlage fĂŒr die Freiheit von Entscheidungen sein soll. Ohne dieser Argumentation in einzelnen nachzugehen lĂ€sst sich einwenden, dass diese Auffassung unreflektiert Autonomie, Selbstbestimmtheit, Willen usw. – kurz die SubjektivitĂ€t allen Lebewesen abspricht, die nicht ĂŒber ein Nervensystem verfĂŒgen, also nicht nur den Einzellern sondern beispielsweise auch allen höheren Pflanzen. Dieser Zuschreibung sollte zumindest nachvollziehbar begrĂŒndet werden, denn sie betrifft letztlich die Einheit der biologischen Wissenschaft als der Wissenschaft von allen Lebewesen.

Björn Brembs gehört zu den wenigen Neurophysiologen, die die Frage nach einem freien Willen mittels ernsthafter Experimente untersuchen. Nun hat er angekĂŒndigt, dass er sich auch zum Begriff des freien Willens explizit Ă€ußern will. Ich bin gespannt, wie er diese Probleme angeht.

   

/1/ Kluge, Gerhard; Neugebauer, Gernot (1994): Grundlagen der Thermodynamik, Spektrum Akademischer Verlag GmbH, Heidelberg Berlin Oxford (S.68ff.)

/2/ Litsche, Georg A. (2004): Theoretische Anthropologie, Lehmanns Media-LOB, Berlin

/3/ Wissenschaft im Zwiespalt. StreitgesprĂ€ch. Gehirn & Geist, Heft 7-8/2005, S. 64/4/ Das Manifest (2004) Elf fĂŒhrende Neurowissenschaftler ĂŒber Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung. Gehirn & Geist, Heft 6/2004, S.31-37/5/ Psychologie im 21. Jahrhundert – eine Standortbestimmung. Gehirn & Geist, Heft 7-8/2005, S. 56-60/6/ Litsche, Georg (2010) Subjekt und System E-Journal der Website ICHS - International Cultural-historical Human Sciences S.66ff 

Weitere BeitrÀge zum Thema:

Meine Website „Subjekte“:

Subjekt - System - Information
Warum die Psychologie das Gehirn nicht findet
Warum die Neurophysiologie den Geist nicht findet

Mein Blog „Wille versus KausalitĂ€t“

Der tut nix, der will bloß spielen
Freier Wille
Das ErkenntnisbedĂŒrfnis und unsere Erkenntnis

 

13 Kommentare » | Allgemein, Erkenntnis, Freier Wille, Kausalismus, Subjekte

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