Archiv für Februar 2011


Wenn die Fliege aber keine Lust hat…

18. Februar 2011 - 11:21 Uhr

Vor einigen Tagen ver√∂ffentlichte die S√ľddeutsche Zeitung ein Interview mit Bj√∂rn Brembs, in dem es um der freien Willen von Fruchtfliegen geht. Am besten gefiel mir das sogenannte Harvard Law of Animal Behavior: “Unter exakt kontrollierten Versuchsbedingungen macht ein Tier genau das, wozu es gerade Lust hat.” Besser geht¬īs nicht!Das wird auch durch die Ergebnisse von Experimenten belegt: Wenn man 100 Fliegen vor eine Lampe setzen, krabbeln ungef√§hr 70 Fliegen auf das Licht zu und die anderen 30 davon weg. Testet man diese 30 noch einmal, tritt wieder diese 70-30-Prozent Aufteilung auf. Das ist auch so, wenn man die 79 Lichtkrabbler erneut vor die Lampe setzt. Es kann also keine genetische oder andere Festlegung sein - jede Fliege trifft jedes Mal neu eine Entscheidung.Nun will das nat√ľrlich wissenschaftlich erkl√§rt werden. Neben der Kategorie Lust und einem diffusen Hintergrundrauschen wird auch der Zufall bem√ľht.Es zeigt sich wieder einmal, dass die biologischen Wissenschaften noch nicht √ľber ein Begriffssystem verf√ľgen, das es erm√∂glichen w√ľrde, Ereignisse wie die beschriebenen hinreichend pr√§zise abzubilden.

In seinem Paper Towards a scientific concept of Free Will as a biological trait: spontaneous actions and decision-making in invertebrates setzt sich Brembs mit der aktuellen Diskussion zum Begriff des freien Willens auseinander und kommt zu √§hnlichen Einsch√§tzungen. Besonders bedeutsam scheint mir der Ansatz, den reflextheoretischen Begriff der Reaktion (‚Äěresponse‚Äú) durch den Begriff der T√§tigkeit (‚Äěaction‚Äú) zu ersetzen. Dort hei√üt es:

“Another concept that springs automatically from acknowledging behavioural variability as an adaptive trait is the concept of actions. In contrast to responses, actions are behaviours where it is either impossible to find an eliciting stimulus or where the latency and/or magnitude of the behaviour vary so widely, that the term ‚Äėresponse‚Äô becomes useless.”

Zur Beschreibung des T√§tigen, des Subjekts der T√§tigkeit, schl√§gt er den Terminus ‚ÄěSelbst‚Äú vor. Dieser Gedanke resultiert wohl daraus, dass Brembs die Frage des Willens aus neurophysiologischer Sicht betrachtet. Der Begriff des Selbst artikuliert einen introspektiven Aspekt und erfordert mindestens eine zweite Betrachtungsebene, von der aus das Individuum sich als Selbst reflektiert. Das geht auch aus den Beispielen hervor, die mangels einer Definition herangezogen werden. Aber gerade das l√§sst wieder metaphysische Interpretationen zu, gegen die Brembs expressis verbis argumentiert. Hier hilft nur ein Begriff des Willens, der mit den physikalischen Gesetzen vertr√§glich ist.

Der gr√∂√üte Nachteil einer ausschlie√ülich neurophysiologischen Sicht auf den Willen ist aber, dass damit nur mehrzellige Tiere mit einem Nervensystem erfasst werden. Einzellige Tiere und Pflanzen bleiben au√üen vor. Das aber hat Konsequenzen f√ľr die Beantwortung der Frage nach der Evolution des Willens. Wenn Pflanzen keinen Willen haben, muss dieser im Verlauf der Evolution mit der Entstehung des Nervensystems entstehen. Das Leben von Pflanzen und das von Tieren k√∂nnten dann nicht mehr einheitlich erkl√§rt werden, was zu schwerwiegenden Widerspr√ľchen in der Theorie des Lebendeigen f√ľhrt.

Nat√ľrlich stutzt man zun√§chst, wenn Pflanzen ein Wille zugeschrieben wird. Das legt sich aber, wenn man das eine oder andere der folgenden Videos betrachtet. Wissenschaftler haben kein Problem damit, Pflanzen Eigenschaften zuzuschreiben, die man gemeinhin nur Tieren zuschreibt.

Was Pflanzen zu sagen haben (DasErste-Mediathek)

Geistreiches aus der Pflanzenwelt (YouTube)

Erlebnis Erde (YouTube)

Die weitere theoretische Arbeit an der Kategorie des Willens ist wichtig f√ľr die weitere Ausarbeitung einer einheitlichen Theorie des Lebens und letztendlich f√ľr das Verst√§ndnis des freien Willens des Menschen.

2 Kommentare » | Allgemein, Freier Wille, Subjekte

Die ideologischen Fesseln der Tätigkeitstheorie

9. Februar 2011 - 17:04 Uhr

Die Tätigkeitstheorie ist seit ihrer Konstituierung vor inzwischen fast 100 Jahren ein umfassendes wissenschaftliches Konzept mit großer internationaler Ausstrahlung geworden.

F√ľhrende K√∂pfe der Entwicklung dieser Theorie waren u.a. Vygotsky, Leont¬īev und Luria. Sie werden auch heute nicht nur immer angef√ľhrt, sondern ihre grundlegenden Begriffe und theoretischen Auffassungen werden noch immer unmittelbar genutzt, wenn es gilt, die kulturhistorische Schule und die T√§tigkeitstheorie zur methodischen Gestaltung neuer Untersuchungen zu nutzen. F√ľr mich ist das ein sicheres Zeichen daf√ľr, dass es seit der Entstehung dieses Konzepts keine verbreitete Weiterentwicklung ihrer theoretischen Grundlagen gegeben hat. Au√üer meinen Versuchen ist mir nur noch der Ansatz Engestr√∂ms bekannt.

Ein Grund daf√ľr scheint mir der Umstand zu sein, dass die T√§tigkeitstheorie weithin als i.e.S. psychologische Theorie aufgefasst und betrieben wird. Dadurch werden der T√§tigkeit als ihrer grundlegenden Kategorie Merkmale zugeschrieben, die nur der T√§tigkeit solcher Subjekte zukommen, die mit Psyche ausgestattetet sind. Eine weitere Verengung der T√§tigkeitstheorie resultiert daraus, dass die Psyche ausschlie√ülich oder √ľberwiegend als menschliche Psyche betrachtet wird, wodurch meist nur die menschliche T√§tigkeit gemeint ist, auch wenn der Terminus ‚ÄěT√§tigkeit‚Äú in seiner allgemeinen Form benutzt wird. Man meint nicht, was man sagt.

Dieses Problem ließe sich durch einen breiten terminologischen Konsens lösen. Bei einem anderen Problem ist das nicht mehr der Fall. Dieses ergibt sich daraus, dass die Tätigkeitstheorie auf dem Konsens entwickelt wurde, den Marxismus als philosophisch-weltanschauliche Grundlage der psychologischen Theorie zu betrachten. Dadurch erhielt die Tätigkeitstheorie eine ideologische Ausrichtung.

Dabei verschwand der Umstand aus dem Fokus des Denkens, dass Erkenntnistheorie (jedenfalls in ihrer marxistischen Auffassung) einen anderen Gegenstand hatte als die prim√§r psychologisch orientierte T√§tigkeitstheorie. Die marxistische Erkenntnistheorie hat zu ihrem Gegenstand die Erkenntnis als gesellschaftliche Erkenntnis, die Erkenntnis der Gesellschaft als Gesamtsubjekt, w√§hrend der native Gegenstand der Psychologie die individuelle Erkenntnis ist, das Erkennen des individuellen Subjekts. Die undifferenzierte √úbertragung von Eigenschaften von einem Gegenstand auf den anderen f√ľhrt nicht selten zu Fehlern und logischen Widerspr√ľchen.

In der T√§tigkeitstheorie geschieht das, indem die These √ľbernommen wird, das Psychischesei die Widerspiegelung der Realit√§t.

Die Orientierung am Marxismus f√ľhrte folgerichtig dazu, das Psychische, d.h. das Individuelle als Widerspiegelung der Realit√§t auszufassen, dem Psychischen wird Abbildcharakter zugeschrieben. In diesem ideologischen Rahmen sind jedoch ‚Äď und das nicht nur in der Psychologie - ¬†nur empiristische Auffassungen √ľber Erkenntnis m√∂glich. Konstruktivistische Auffassungen sind mit der Widerspiegelungstheorie logisch unvereinbar.

Andererseits ist die Kategorie der Praxis¬† eine weitere tragende Komponente der marxistischen Erkenntnistheorie. ‚ÄěPraxis‚Äú ist im Marxismus nur als gesellschaftliche Kategorie denkbar, nicht aber als individuelle. Zum anderen ist diese ¬†Kategorie ist zutiefst konstruktivistisch, betont sie doch das Primat des Subjekts, wie es ganz pr√§gnant in der ersten Feuerbachthese zum Ausdruck kommt. Auch das Sinnliche hat bei Marx und Engels keinen sensualistischen Charakter, wie das in der Psychologie gew√∂hnlich √ľblich ist.

Nun ist die Kategorie der T√§tigkeit wie die der Praxis nur konstruktivistisch denkbar, als Kategorie, in der ein autonomes Subjekt seine T√§tigkeit aktiv gestaltet und seine Bed√ľrfnisse befriedigt. Nicht die Einwirkungen der Umwelt bestimmen und gestalten die T√§tigkeit, sondern das autonome Subjekt. (T√§tigkeit ist nicht als Reaktion auf physikalische oder chemische ‚ÄěReize‚Äú verstehbar. Dieser Standpunkt wird neuerdings auch von Neurophysiologen z.B. Bj√∂rn Brembs vertreten).

Zur Zeit der Entstehung der T√§tigkeitstheorie war der Konstruktivismus aber noch weit von seiner Etablierung als ernsthaftes erkenntnis- und wissenschaftstheoretisches Konzept entfernt. Die Auffassungen ihrer Vorl√§ufer (Mach u.a.) waren von Lenin in ‚ÄěMaterialismus und Empiriokritizismus‚Äú vom Standpunkt des Marxismus als ‚Äěfeindlich‚Äú charakterisiert worden und fielen so unter das ideologische Verdikt.

Die Psychologie der T√§tigkeitstheorie versuchte, diesen Widerspruch durch verschiedene Hilfkonstruktionen zu l√∂sen, durch die sie der Widerspiegelung einen aktiven, sch√∂pferischen Charakter zuschrieb, ein subjektives Moment. Damit aber implementierte sie die Widerspr√ľche ihrer philosophischen Grundlage in ihre Wissenschaft.

Das gilt auch f√ľr den Ansatz Rubinsteins, der in den Prozess der Widerspiegelung eine subjektive Brechung implementierte. Anochin dagegen entwickelte die Hilfskonstruktion der ‚Äěvorgreifenden Widerspiegelung‚Äú. Das Widerspiegelungskonzept prinzipiell als Konzept des Psychischen aufzugeben wurde nur von Vygotsky¬† in der ‚ÄěKrise der Psychologie‚Äú versucht.

Man kann einem Begriff nicht nachtr√§glich Eigenschaften zuschreiben, die zuvor per definitionem ausgeschlossen worden sind, ohne sich in unl√∂sbare Widerspr√ľche zu verwickeln. Vygotsky hat das bereits vor √ľber 80 Jahren in seiner ‚ÄěKrise der Psychologie‚Äú dargelegt. Er schreibt:

‚ÄěDie Psychologie m√∂chte eine Naturwissenschaft von nichtnat√ľrlichen Erscheinungen sein. Mit der Naturwis¬≠senschaft verbindet sie ein rein negativer Zug, die Ablehnung der Metaphysik, jedoch nicht ein einziger positiver.‚Äú (S190)

Und weiter:

¬†‚ÄěDer Begriff empirische Psychologie enth√§lt folglich einen unl√∂sbaren methodologischen Widerspruch: Es handelt sich hier um eine Naturwissenschaft von nichtnat√ľrlichen Dingen, um die Tendenz, mit der Methode der Naturwissenschaften ein ihnen polar entgegengesetztes Wissenssystem zu entwickeln, das aus polar entgegengesetzten Pr√§missen hervorgeht. Eben das wirkte sich verderblich auf die methodologische Konstruktion der empirischen Psychologie aus und brach ihr das Genick.‚Äú (S.192)¬†Dieser Widerspruch ist auch in der philosophischen Grundlage der T√§tigkeitstheorie verankert und verhindert bis heute ihre Weiterentwicklung als Theorie.¬†

In einer seiner letzten Arbeiten stellt Leont¬īev (1975) dazu fest:

‚ÄěUnd bezeichnend ist, wie die ma√ügebendsten Autoren eingestehen, da√ü es derzeit keine √ľberzeu¬≠gende allgemeine Theorie der Wahrnehmung gibt, die geeignet w√§re, die angeh√§uften Kenntnisse zu erfassen und ein konzeptuelles System zu entwerfen, das den Forderungen der dialektisch-materialistischen Methodologie entspricht. … Im Ergebnis triumphiert in √úbersichtsarbeiten, die f√ľr sich in An¬≠spruch nehmen, das Problem umfassend zu behandeln, offene Eklek¬≠tik.‚Äú¬† (Leont¬īev 1981, S.6)

Dass diese Beschreibung auch heute noch und nicht nur f√ľr marxistisch orientierte Psychologien zutrifft, kann¬† man einer ‚ÄěStandortbestimmung‚Äú entnehmen, die von einer Reihe f√ľhrender deutscher Psychologen 2005 publiziert wurde.

Leont¬īev hat erst in seinen letzten Arbeiten zur Wahrnehmung konstruktivistische Ans√§tze entwickelt, ohne sich jedoch ¬†jedoch prinzipiell mit deren¬† philosophischen Aspekten auseinanderzusetzen. So verharrt die T√§tigkeitstheorie dreifach gefesselt:

¬∑¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Sie wird √ľberwiegend als psychologische Theorie betrachtet und durch die Auffassung der Psychologie als Naturwissenschaft in deren Paradigmensystem gezw√§ngt.

·         Zu dieser Auffassung wird sie durch ihre ideologische Bindung an den Marxismus gedrängt, wobei sie unkritisch Erkenntnis der Gesellschaft als Ganzes und individuelle Erkenntnis methodisch identifiziert. Das verhindert, dass das Individuum in seiner spezifischen individuellen Qualität gefasst wird.

·         Das Postulat, das Psychische als Widerspiegelung aufzufassen verhindert, dass konstruktivistische Gedanken aufgegriffen werden, ein Denkverbot, das durch die leninistische Fassung dieses Begriffs verschärft wurde.

·         Schließlich ist der marxistische Begriff der gesellschaftlichen Erkenntnis nicht auf die Psyche anwendbar, Psyche ist nativ individuell.

Zum Schluss noch eine pers√∂nliche Anmerkung: Meine wissenschaftliche Entwicklung vollzog sich im Paradigma der marxistischen Erkenntnistheorie. Es war nicht leicht, sich von diesen philosophischen Voraussetzungen zu befreien und zu erkennen, dass sie im wissenschaftlichen Denken zu Fesseln geworden waren ‚Äď so wichtig sie auch im t√§glichen Leben sein m√∂gen.

 Literatur: 

Psychologie im 21. Jahrhundert ‚Äď eine Standortbestimmung. Gehirn & Geist, Heft 7-8/2005, S. 56-60,

Anochin, Pjtor Kusmitsch (1978): Beiträge zur allgemeinen Theorie des funktionellen Systems, Gustav Fischer Verlag, Jena,

Brembs, Björn (2010): Towards a scientific concept of Free Will as a biological trait: spontaneous actions and decision-making in invertebrates. Proceedings of the Royal Society B,

Engeström, Yrjö (1999): Lernen durch Expansion, BdWi-Verlag, Marburg,

Holzkamp, Klaus (1983): Grundlegung der Psychologie, Campus Verlag, Frankfurt-New York (S. 68ff.)

Lenin, W. I. (1947): Materialismus und Empiriokritizismus. Kritische Bemerkungen √ľber eine reaktion√§re Philosophie. Verlag f√ľr fremdsprachige Literatur, Moskau,

Leontjew, Alexej (1975): Psychologie des Abbilds. In Forum Kritische Psychologie 9 (1981), Seiten 5 bis 19,

Vygotskij, Lev, S. (2003): Die Krise der Psychologie in ihrer historischen Bedeutung. In Ausgewählte Schriften Band I, Seiten 57 bis 278,

Wittich, Dieter; Gößler, Klaus; Wagner, Kurt (1980): Marxistisch-leninistische Erkenntnistheorie, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin.

 Die erste Feuerbachthese:

‚ÄěDer Hauptmangel alles bisherigen Materialismus - den Feuerbachschen mit eingerechnet - ist, da√ü der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefa√üt wird; nicht aber als menschliche sinnliche T√§tigkeit, Praxis, nicht subjektiv. Daher geschah es, da√ü die t√§tige Seite, im Gegensatz zum Materialismus, vom Idealismus entwickelt wurde - aber nur abstrakt, da der Idealismus nat√ľrlich die wirkliche, sinnliche T√§tigkeit als solche nicht kennt. Feuerbach will sinnliche, von den Gedankenobjekten wirklich unterschiedene Objekte; aber er fa√üt die menschliche T√§tigkeit selbst nicht als gegenst√§ndliche T√§tigkeit. Er betrachtet daher im “Wesen des Christenthums” nur das theoretische Verhalten als das echt menschliche, w√§hrend die Praxis nur in ihrer schmutzig-j√ľdischen Erscheinungsform gefa√üt und fixiert wird. Er begreift daher nicht die Bedeutung der “revolution√§ren”, der praktisch-kritischen T√§tigkeit.‚Äú (Marx-Engels Werke, Band 3, Seite 533 ff. Dietz Verlag Berlin, 1969)

 

 

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