Archiv für Dezember 2007


Haben Tiere Bewusstsein?

23. Dezember 2007 - 10:50 Uhr

In SpektrumDirekt vom 20.12.07 berichtet Tanja KrĂ€mer ĂŒber Untersuchungen der Variation des Gesangs japanischer Mövchen (Lonchura  striata var. domestica). Die Sache wĂ€re an sich fĂŒr mich nicht besonders interessant, wenn sie dazu nicht Termini wie „Absicht“ und „bewusst“ verwendet hĂ€tte. Was einem etablierten Verhaltensbiologen, der in den Kategorien des Behaviorismus denkt, vielleicht ein mĂŒdes LĂ€cheln entlockt hĂ€tte, das provoziert einen mich,  der ĂŒber die paradigmatische Situation der Biologie nachdenkt, geradezu zu der Frage, was denn im Verhalten von Vögeln „bewusst“ genannt werden könnte. Wir sind ja nicht einmal imstande, eine einigermaßen konsensfĂ€hige Definition des menschlichen Bewusstseins hinzukriegen, obwohl wir doch alle ĂŒber ein solches verfĂŒgen.

Wenn wir von unserer Kenntnis ĂŒber unser jeweils eigenes Bewusstsein ausgehen, dem einzigen, das uns in unserer Erfahrung gegeben ist, dann wird man wohl die Frage verneinen mĂŒssen, ob Vögel ĂŒber etwas gleichartiges verfĂŒgen, ja ob ĂŒberhaupt Tiere ĂŒber mentale FĂ€higkeiten verfĂŒgen, die unserem Bewusstsein gleichartig sind.

Andererseits weisen die zitierten und andere Untersuchungsergebnisse sowie unsere alltĂ€glichen Erfahrungen mit Tieren darauf hin, dass es im mentalen Bereich der Tiere funktionelle Komponenten geben muss, die das Tier zu Leistungen befĂ€higen, fĂŒr die wir unser Bewusstsein benutzen. Eben das bringt uns dazu, diese Leistungen mit Termini zu beschreiben, mit denen wir auch unsere mentalen Prozesse beschreiben. Nur – ist das berechtigt? Ist das ĂŒberhaupt zulĂ€ssig? Schreiben wir damit den Tieren nicht Eigenschaften und FĂ€higkeiten zu, ĂŒber die sie noch nicht verfĂŒgen und noch nicht verfĂŒgen können, jedenfalls dann nicht, wenn wir die Theorie der Evolution ernst nehmen.

In jedem Fall sollten Tiere aber ĂŒber eigenstĂ€ndige mentale FĂ€higkeiten verfĂŒgen, aus denen im Verlaufe der Evolution das menschliche Bewusstsein hervor gegangen ist. Solche Vorformen des Bewussten sollte es in unterschiedlicher AusprĂ€gung geben, Ă€hnlich wie Gliedmaßen oder Verdauungsorgane in unterschiedlicher AusprĂ€gung vorkommen. FĂŒr diese haben wir auch unterschiedliche Bezeichnungen wie “Flossen”, “Hufe”, “Tatzen” oder “Honigmagen” und “Pansen”. FĂŒr die unterschiedlichen mentalen ZustĂ€nde dieser Tiere haben wir keine Worte. Und deshalb können wir die Frage nach dem Bewusstsein der Tiere nicht beantworten, wir wĂŒssten gar nicht, welche Worte wir fĂŒr die anzunehmenden mentalen Prozesse beispielsweise der Fliegen mit dem eigenen Willen benutzen sollten.

Die fehlenden Worte stehen fĂŒr fehlende Begriffe. Wir wissen gar nicht, wofĂŒr wir ĂŒberhaupt Worte brĂ€uchten, weil wir nicht den Schatten einer Idee haben, welche mentalen Prozesse tierischem Verhalten zugrunde liegen. Das wird auch so  bleiben, solange Verhaltensbiologie und Psychologie ihre Untersuchungen reduktionistisch anlegen und die mentalen Funktionen aus der Erforschung der Teile des Nervensystems ableiten wollen. Das diesem Vorgehen zugrunde liegende kausalistische Paradigma hat in den letzen 100 Jahren allen „Manifesten“ zum Trotz und bei allen Fortschritten des Technischen aber keinen ernsthaften Beitrag zum VerstĂ€ndnis mentaler Prozesse geleistet. Wir verstehen weder das menschliche Bewusstsein noch die tierische Psyche. Wir haben auf diesem Wege zwar eine FĂŒlle von Daten produziert. Von diesen kann man aber, um eine Formulierung Laughins zu benutzen, höchstens sagen, dass sie „nicht einmal falsch sind“, denn es fehlt ein begriffliches und terminologisches System der Psyche, des Mentalen, aus dem Daten vorhersagbar sind und in dem die Daten experimenteller Untersuchungen eine Bedeutung erhalten. So können Daten mangels einer Theorie auch keine Theorie verifizieren. Wozu sind sie aber dann nĂŒtze? Ohne ein theoretisches System sind solche Daten bedeutungslos, so bunt die Bilder auch sein mögen.

Die Eignung des reduktionistischen Paradigmas zur Lösung von Fragen nach dem Mentalen im tierischen Verhalten wird heute nicht nur von Kreationisten und ID- Apologeten in Zweifel gezogen, sondern vor allem auch von ernsthaften Naturwissenschaftlern. So hat der PhysiknobelpreistrĂ€ger 1998 Robert Lauglin in seinem Buch „Abschied von der Weltformel“ (Piper 2007) gezeigt, dass dieses Paradigma nicht einmal mehr ausreicht, die moderne Physik hinreichend abzubilden. Der Biochemiker Stuart Kauffmann hat dies auch fĂŒr die Biologie gezeigt, z.B. in „Der Öltropfen im Wasser“ (Piper 1996). Um wie viel weniger ist das KausalitĂ€tsparadigma dann ungeeigneter, Fragen nach Psyche und Bewusstsein zu beantworten.

 

Allen meinen Lesern wĂŒnsche ich ein Frohes Weihnachtsfest und alles Gute fĂŒr 2008. Ich melde mich erst Ende Januar wieder.

 

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Ursachen der Evolution

13. Dezember 2007 - 10:52 Uhr

Björn Kröger stellt in seinem Blog „tiefes Leben“ die alte Frage nach den Ursachen der Evolution. Zum Schluss schreibt er:

„Wenn unsere Fragen, dagegen vom Trigger weggehen, dann wird es kompliziert. Dann dauert es möglicherweise Jahre bis genĂŒgend Daten zusammen sind um eine Faunenanalyse anzustellen, oder wir mĂŒssen ganz unspektakulĂ€r und ohne viel Hightech auf regionaler Ebene die VerĂ€nderungen in den Ökosystemen untersuchen. Und was dabei herauskommt lĂ€sst sich schwer verkaufen, weil es widersprĂŒchlich, kompliziert und schwer verstĂ€ndlich ist. Wollen wir so etwas wissen?“

Ich schon!

Vor allem finde ich interessant, dass er sich Ursachen denken kann, die außerhalb des Bereichs der ĂŒblichen VerdĂ€chtigen wie dem Klima und anderen Katastrophen liegen. Damit ist er nicht allein, seit UexkĂŒll gab und gibt es immer wieder DenkansĂ€tze, die in diese Richtung zielen und Evolution nicht oder nicht ausschließlich als Folge zufĂ€lliger UmweltverĂ€nderungen betrachten. Einige habe ich hier zusammengetragen.

Wie kommt es eigentlich zur Frage nach den Ursachen der Evolution? Diese Frage entspringt dem naturwissenschaftlichen Paradigma der KausalitĂ€t, das besagt, dass jede Erscheinung auf der Welt eine natĂŒrliche Ursache außer ihr, eben einen „Trigger“ haben muss. Also auch die Evolution. Als zulĂ€ssige Antworten lĂ€sst dieses Paradigma nur die Angabe ebenfalls natĂŒrlicher Ereignisse zu, die das zu erklĂ€rende Ereignis hervorrufen und es so erklĂ€ren. Eine Antwort der Art, dass es solche Ereignisse nicht gibt, weil die „Ursache“ des zu erklĂ€renden Ereignisses in ihm selbst liegt, ist in diesem Paradigma unzulĂ€ssig. Wenn die Wissenschaft eine Ursache noch nicht kennt, fĂŒhrt sie Hilfskonstruktionen ein: den Zufall, die Emergenz, den Kollaps der Wellenfunktion usw.

Der britische PalĂ€ontologe Simon Conway Morris schreibt zu Fragen, die auf die Ursachen der Evolution zielen: “Es gibt Fragen, die sind rein rhetorisch, und andere, die sind einfach dumm. Was die im Titel dieses Beitrags formulierte Frage (Sind Menschen ein unvermeidliches Ergebnis der Evolution? – G.L.) angeht, so vertritt die ĂŒberwiegende Meinung unter den Evolutionsbiologen mit großer Sicherheit und Gelassenheit die Meinung, daß sie zur zweiten Kategorie gehört: Menschen sind nicht unvermeidlicher als Aasgeier oder Schimmelpilze. Diese Ansicht ist auf den ersten Blick vollstĂ€ndig konsistent mit dem gegenwĂ€rtigen Denken, das betont, wie sehr die Evolution als ein historischer Prozeß im ganzen durch zufĂ€llige Prozesse im einzelnen bestimmt wird.” (Morris, Simon Conway (2003): Die Konvergenz des Lebens. In: Fischer & Wiegandt (Hrsg.): Evolution  Geschichte und Zukunft des Lebens, S. 128) Wie man aus dem Zitierten folgern kann, ist Morris der Ansicht, dass die Evolution im Gegenteil ein gerichteter Prozess ist und ihre Ergebnisse keineswegs zufĂ€llig sind. Aber lest doch selbst: Simon Conway Morris: (2003): Life’s Solution / Inevitable Humans in a Lonely Universe, Cambridge University Press, New York und Melbourne. (Soll 2008 in Deutsch erscheinen.)

Es geht nicht darum, das Paradigma der KausalitĂ€t aufzuheben, sondern darum, dass es ungeeignet ist, den Rahmen fĂŒr das Verstehen von LebensvorgĂ€ngen wie der Evolution zu bilden. Das Leben ist kausal nicht oder zumindest nicht vollstĂ€ndig erklĂ€rbar. Man muss die spanischen Stiefel des Kausalismus ablegen, wenn man sich auf die Suche  nach weiteren Formen der Determiniertheit zwischen Zufall und KausalitĂ€t machen will. Wenn man nur danach suchte, wĂŒrde man sie auch finden – auch wenn es sich schwer verkauft. Wer gibt schon Geld fĂŒr ein Projekt, das die Richtung der Evolution herausfinden will – wo doch „jeder“ weiß, dass es keine gibt.

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Mutter mit 64

8. Dezember 2007 - 10:42 Uhr

Was soll das, fragt sich mancher, der die Nachricht von der 64-jĂ€hrigen Mutter gesehen oder gehört hat. Warum tut die Frau das sich und ihrem Kind an? Da sich die Frau zu ihren Motiven nicht öffentlich geĂ€ußert hat, bleiben dem Publikum nur Spekulationen. Warum wollen Menschen ĂŒberhaupt Kinder?

Manche wollen Kinder haben, im unmittelbaren Sinne der Wortes „haben“, besitzen, ĂŒber sie verfĂŒgen. Die Kinder bedienen ein BedĂŒrfnis der Eltern, das BedĂŒrfnis nach Anerkennung, sie wollen es mit Stolz vorzeigen können, es macht Spaß, ein Kind zu haben usw. Das Kind ist „Lustobjekt“ der Eltern, das ihnen Spaß machen soll. Ehrlich, wollten Sie so ein Kind sein?

Was aber, wenn so ein Kind nicht zum VergnĂŒgen der Eltern leben will, sondern - wie diese Eltern - zu seinem eigenen VergnĂŒgen? Solche Familien, in denen jeder nur seinem VergnĂŒgen nachjagt, machen keinen glĂŒcklich und brechen nicht selten auseinander, Beispiele sind dank der voyeuristischen „Berichterstattung“ unserer Medien hinlĂ€nglich bekannt. Noch schlimmer wĂ€re es, wenn das Kind wirklich so leben wollte, dass die WĂŒnsche seiner Eltern der Sinn seines Lebens wĂ€ren und sein Leben dominierten.

Ein denkbares Motiv wĂ€re auch der Wunsch der Eltern, im Alter versorgt zu werden. Sie schließen den viel zitierten „Generationenvertrag“. Der kindliche Partner wird dabei gar nicht gefragt, und die zu Versorgenden bestimmen das Maß ihrer Versorgung selbst. Was Wunder, dass spĂ€ter immer wieder Junge nicht zu so einem Vertrag stehen wollen, ihre Stimme erheben und wie manche smarte Jungmanager diesen Vertrag korrigieren oder gar aufheben möchten. Wie aber, wenn die Eltern diesen Vertrag gar nicht eingehen wollen? Ist die Babyklappe vielleicht nur eine konsequente Form der KĂŒndigung des Generationenvertrags?

UnabhĂ€ngig von den subjektiven WĂŒnschen und Motiven erfĂŒllen die Kinder aber auch eine objektive Funktion im Leben der Gesellschaft: Sie gewĂ€hrleisten die Erhaltung der Gesellschaft in der Zeit. Nicht dass das den Menschen verborgen geblieben wĂ€re, manche politische Sonntagsrede zeugt davon. Aber dass dieses Ziel zum Motiv individueller Handlungen gemacht wird, das gilt in unserem Lande nicht wirklich als Wert. Dabei wĂ€re dieser Wert als Motiv des Kinderwunsches der moralische Ort, an dem sich alle Generationen treffen könnten.

GleichgĂŒltig, welcher Wunsch die Mutter mit 64 getrieben hat, zur Erhaltung der Gesellschaft hat sie beigetragen, auch wenn der statistisch zu erwartende individuelle Nutzen gering bleiben dĂŒrfte.

Alles Gute fĂŒr Mutter und Kind!

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Voraussagen und erklÀren

1. Dezember 2007 - 10:28 Uhr

regenbogenschlange_2.jpg

Als ich mir wieder einmal meine Urlaubsfotos ansah, fiel mir auch das Bild mit der Regenbogenschlange aus dem australischen Kakadu - Nationalpark in die Hand. Ich erinnerte mich an die Geschichten aus der Mythenwelt der Aborigines, die uns der Guide erzÀhlt hatte. Diese haben schon lange mein Interesse geweckt, sind sie doch die Àlteste Kultur, die es auf unserer Erde gibt.

 

30.000 Jahre ununterbrochene Weitergabe eines Weltbildes, welches das Überleben einer Gesellschaft in einer sehr komplizierten Umwelt gewĂ€hrleistet hat. Das erfordert auch ErklĂ€rungen und erfolgreiche Voraussagen ĂŒber zu erwartende Ereignisse.

Lanius berichtet z.B. darĂŒber, wie die Aborigines Zeugung und EmpfĂ€ngnis erklĂ€ren. Beides besteht in den Vorstellungen der Aborigines aus einem biologischen und einem spirituellen Teil. Letzterer beruht auf der Vorstellung eines Geistkindes. Geistkinder sind nicht als materielle Wesen aufzufassen, die als Keime oder Vorformen realer Babys existieren. Sie sind immaterielle Wesen, die sich bevorzugt an besonders fruchtbaren Orten befinden, wo sie durch die mythischen Ahnen hinterlassen wurden

Eine alte Aborigine erklĂ€rte dazu: Ja, ich weiß, was der Weiße sagt, aber ich glaube nicht, dass er recht hat. Wenn es stimmen wĂŒrde, mĂŒssten verheiratete Frauen andauernd Kinder bekommen, weil sie ja stĂ€ndig mit ihren EhemĂ€nnern zusammenleben. Aber das ist nicht der Fall. Einige Frauen haben viele Kinder, manche nur wenige und wieder andere haben gar keine. Der Weiße kann das nicht erklĂ€ren, aber wir schon. Wenn eine unserer Frauen viele Babys hat, wissen wir, dass sie ein Liebling der muri, der kleinen Geistkinder, ist. Wenn eine andere nur wenige Kinder hat, wollen nur ein paar muri sie als Mutter. Und wenn eine Frau gar keine Kinder bekommt, dann weiß jeder, dass die kleinen Geistkinder sie nicht mögen. Nein-, so kam die alte Dame zu dem Schluss, ich glaube nicht, dass der Weiße recht hat, denn er kann das alles nicht erklĂ€ren, wir aber schon. (Nach Lanius, Karl (Leipzig 2005): Weltbilder,  S 42 ff.)

Wir haben ungezĂ€hlte wissenschaftliche ErklĂ€rungen zur Hand, warum es aber gerade die eine Frau trifft und die andere nicht, das bleibt in unserem wissenschaftlich geprĂ€gten Erkenntnissystem dem „Zufall“ ĂŒberlassen.

Die Aborigines brauchen Zufall nicht zu bemĂŒhen, um zu erklĂ€ren, warum eine Frau keine Kinder bekommen kann. Mehr und anderes Wissen war nicht erforderlich, um ĂŒberleben zu können. Was zufĂ€llig ist und was voraussagbar, wird von dem Erkenntnissystem bestimmt, in dem das zu erklĂ€rende Ereignis erklĂ€rt wird. Nicht das Ereignis ist zufĂ€llig, nur seine Stellung in unserem Weltbild (mehr>>).

2 Kommentare » | Erkenntnis, Zufall