Kategorie: Freier Wille


Interview

1. März 2012 - 11:12 Uhr

Soeben hat Michael Blume auf seinem Blog “Natur des Glaubens” ein  Web-Interview mit mit eingestellt.

Dieser Blog ist auch in meiner Blogroll. Er behandelt religiöse Fragen sachlich und unaufgeregt. Ich lese Ă­hn regelmĂ€ĂŸig.

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Ein hinderliches Vorurteil der Physik

28. Januar 2012 - 15:00 Uhr

In seinem Blog „Die Natur der Naturwissenschaft” hat Honerkamp einen lesenswerten Beitrag ĂŒber Vorurteile und Vorwissen in der Physik geschrieben. Darin geht es u.a. darum, welche Bedeutung Vorurteile und Vorwissen fĂŒr die Bewertung von experimentellen Daten haben.

In den Wissenschaften wird das Vorurteil gewöhnlich „Paradigma” genannt, das die Wissenschaftler eines Faches oder einer wissenschaftlichen Schule eint. Dieses wissenschaftliche Vorurteil hilft nicht nur bei der Bewertung experimentellen Daten, sondern hat auch großen - oft bestimmenden - Einfluss darauf, welche Experimente ĂŒberhaupt gemacht und welche Daten gewonnen werden können.

Eines der stĂ€rksten Vorurteile der Physik ist die Auffassung, das jedes Ereignis eine Ursache haben mĂŒsse, aus dem man dieses Ereignis vorher sehen und berechnen könne. In diesem Paradigma dachte wohl Newton, als er die Schwerkraft entdeckte.

 newtosapfel.gif

Wie kolportiert wird, lag Newton unter einem Apfelbaum, als sich plötzlich einer löste und im auf den Kopf fiel. Erst wenn man denkt, dass nichts ohne Ursache geschieht, stellt sich die Frage, was denn die Ursache fĂŒr diese Bewegung des Apfels ist. Mit dem Konzept der Schwerkraft kann diese Frage logisch widerspruchsfrei beantwortet werden.

Die Frage aber, warum sich ein Vogel, der auf dem Ast sitzt, an dem der Apfel hing, plötzlich und von allein in die Luft erhebt und entgegen der Schwerkraft davon fliegt, ist in diesem Paradigma nicht zu beantworten. Die Antwort „weil er das tun will” hat im kausalistischen Paradigma keinen Platz, der Wille ist - noch - keine Kategorie der Physik.

So wertvoll das KausalitĂ€tsparadigma in der Physik auch sein mag, in anderen Wissenschaften gilt es nicht. Hemmend wirkt aber, dass dieses Paradigma zum Kriterium von Wissenschaftlichkeit und besonders der Naturwissen­schaften schlechthin gemacht wurde. Seine Anwendung auch auf die Geisteswissenschaften fĂŒhrt dazu, dasss die Geisteswissenschaften manchen Naturwissenschaftlern suspekt erscheinen, wenn sie nicht gar als „Verbalwissenschaften” zu Wissenschaften 2. Klasse degradiert werden. 

Die Biologie - und in ihrem Gefolge die Psychologie - wollen sich selbst als Naturwissenschaften begreifen. Um VorgĂ€nge, wie das Fortfliegen des Vogels beschreiben zu können, haben sie das Konzept des Verhaltens entwickelt, in dem die Kategorien „Reiz” und „Reaktion” die Leerstellen von Ursache und Wirkung besetzen, womit sie es sich unter den wĂ€rmenden Fittiche der Physik bequem gemacht haben. Das aber ist trĂŒgerisch: Der Zusammenhang Reiz - Reaktion ist nicht physikalisch, sondern informationell, und keine Reaktion kann aus den physikalischen Parametern des Reizes berechnet werden. Damit hat die Biologie sich ebenso wie die Physik der Aufgabe entledigt, eine physikalische Kategorie des Willens zu entwickeln.

Diese Aufgabe wurde bereits von Schrödinger im Jahre 1944 weitsichtig formuliert:

„Man wird nicht erwarten, daß zwei vollstĂ€ndig voneinander verschiedene Mechanismen die gleiche Art von Gesetzlichkeit hervorbringen - man wird schließlich auch nicht erwarten, daß der eigene HausschlĂŒssel auch zur TĂŒre des Nachbarn paßt.

Die Schwierigkeit, den Lebensvorgang mit Hilfe der gewöhnlichen physikalischen Gesetze zu deuten, braucht uns deswegen nicht zu entmutigen. Die Einsicht in die Struktur der lebenden Substanz, die wir gewonnen haben, lĂ€ĂŸt ja nichts anderes erwarten. Wir mĂŒssen bereit sein, hier physikalische Gesetze einer ganz neuen Art am Werk zu finden. Oder sollten wir lieber von einem nichtphysikalischen, um nicht zu sagen ĂŒberphysikalischen Gesetz sprechen?” /1/

Es ist also an der Zeit, ein physikalisches Konzept des Willens zu entwickeln, in dem biotische Aktionen begrifflich und terminologisch widerspruchsfrei beschrieben werden können.Aber auch diese Begriffe ermöglichen es nicht, die Kategorie des Willens physikalisch zu fassen. Der Begriff des offenen thermodynamischen Systems ermöglicht beschreibt nur Prozesse, die in Richtung des thermodynamischen GefĂ€lles, „bergab” verlaufen. Damit können ohne Zweifel viele biologische Teilprozesse abgebildet werden, aber nicht die Seinsweise von Lebewesen als Ganze. Sie vollziehen Prozesse, die gegen das GefĂ€lle verlaufen, „bergauf“. Das Wachstum, ohne das Leben nicht möglich ist, kann nur als Ergebnis von Prozessen gedacht werden, die „bergauf” ablaufen. Solche Prozesse sind aber innerhalb der physikalischen Paradigmata der Thermodynamik nicht beschreibbar.

aktion_reaktion.gif

Abbildung 1: Aktion und Reaktion, E Ereignis, U Ursache. FĂŒr die Reaktion gilt: E=f(U)

Es ist also erforderlich, dieses Vorurteil zu ĂŒberwinden und thermodynamische Systeme zu konstruieren, die bergauf funktionieren und dadurch nicht nur zu Reaktionen, sondern auch zu Aktionen fĂ€hig sind. Aktionen sind per definitionem  physikalische Ereignisse, die von selbst, spontan, ablaufen und sich nicht aus einer Einwirkung vorher sagen oder berechnen lassen. FĂŒr sie muss ein anderes physikalisches Konzept entwickelt werden.

Mit diesem Problem plage ich mich seit ĂŒber 10 Jahren. Wie weit ich dabei gekommen bin, kann man auf meiner Website nachlesen.

Literatur:

Schrödinger, Erwin (2001): Was ist Leben ? Die lebende Zelle mit den Augen des Physikers betrachtet, Piper & Co.Verlag, MĂŒnchen, ZĂŒrich, S. 138.

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TabubrĂŒche in der Biologie

27. Dezember 2011 - 17:19 Uhr

Das Klagen ĂŒber die Trennung der Natur- und Geisteswissenschaften hĂ€lt an /1/, ernsthafte Versuche zu ihrer Überwindung sind Mangelware. Woran liegtÂŽs?

Es ist ja nicht so, dass die Parteien einander nicht zur Kenntnis nÀhmen, sonst könnten sie ja ihre Getrenntheit nicht beklagen. Es fehlt auch nicht an Versuchen, die Denkergebnisse der jeweils anderen Seite nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern diese auch mit dem eigenen Denken zu verwinden, ja zu integrieren.

Die Versuche bleiben aber auf der Strecke, und das liegt zum einen daran, dass sie vom jeweils Anderen nicht rezipiert wurden, aber auch daran, dass entscheidende Begriffe und Termini von Natur- und Geisteswissenschaften dazu nicht geeignet sind. Sie wurden dazu nicht gemacht.

Wo liegt das Problem?

Die Naturwissenschaften verweisen – und das zu Recht – darauf, dass den grundlegenden Begriffen der Geisteswissenschaften Merkmale fehlen, ohne die die Naturwissenschaften nicht auskommen können, die fĂŒr die Naturwissenschaften essentiell sind. Solche Merkmale sind beispielsweise Masse oder Energie. Psyche und Geist könne man nicht wiegen.

Das allein wĂ€re schon hinderlich genug fĂŒr gegenseitiges VerstĂ€ndnis. Erschwert wird die Lage dadurch, dass diese Merkmale nicht nur dem naturwissenschaftlichen Paradigma zugeschrieben werden, sondern vielfach als paradigmatisch fĂŒr Wissenschaft schlichthin ausgegeben werden, wodurch den Geisteswissenschaften der Status der Wissenschaftlichkeit ĂŒberhaupt abgesprochen wird. (Kutschera /2/) Das ist kein erfolgversprechendes GesprĂ€chsklima.

Dessen ungeachtet gibt es die verschiedensten BemĂŒhungen, jeweils moderne naturwissenschaftliche Erkenntnisse in geisteswissenschaftliche Gedankensysteme einzugliedern und diese so auf eine (natur)wissenschaftliche Basis zu stellen. Dabei bleiben nicht selten die geisteswissenschaftlichen Kategorien auf der Strecke. Seele oder freier Wille erscheinen als Illusion. (Roth, Gazzanniga)

Bemerkenswert, wenn auch selten, sind Versuche von Naturwissenschaftlern, geisteswissenschaftliche Termini zur Darstellung naturwissenschaftlicher Befunde zu benutzen. Brembs beschreibt zunĂ€chst experimentelle Befunde spontaner Bewegungen bei Fliegen und erörtert auf dieser Grundlage die Frage, ob man diese Befunde mit geisteswissenschaftlichen Termini wie „freier Wille“ bezeichnen kann. Dabei kommt er zu folgendem Ergebnis:

„I no longer agree that “’free will’ is (like ‘life’ and ‘love’) one of those culturally useful notions that become meaningless when we try to make them ’scientific’.” (Ball 2007). The scientific understanding of common concepts enrich our lives, they do not impoverish them, as some have argued (Weigmann 2005). This is why scientists have and will continue to try and understand these concepts scientifically or at least see where and how far such attempts will lead them. It is not uncommon in science to use common terms and later realize that the familiar, intuitive understanding of these terms may not be all that accurate. Initially, we thought atoms were indivisible. Today we don’t know how far we can divide matter. Initially, we thought species were groups of organisms that could be distinguished from each other by anatomical traits. Today, biologists use a wide variety of species definitions. Initially, we thought free will was a metaphysical entity. Today, I am joining a growing list of colleagues who are suggesting it is a quantitative, biological trait, a natural product of physical laws and biological evolution, a function of brains, maybe their most important one.” /3/

Die Initiative geht also von einer Naturwissenschaft aus, die einem geisteswissenschaftlichen Begriff einen naturwissenschaftlich beschreibbaren Inhalt zuordnet. Es wird also nicht versucht, Inhalte geisteswissenschaftlicher Begriffe naturwissenschaftlichen Sachverhalten zuzuschreiben, sondern eben umgekehrt, geisteswissenschaftliche Termini erhalten einen naturwissenschaftlichen Inhalt. Damit ist noch nichts ĂŒber die logische Konsistenz und theoretische TragfĂ€higkeit dieser Zuschreibung gesagt. Allein der Fakt ist bemerkenswert, vollzieht er doch einen Tabubruch in Bezug auf das naturwissenschaftliche Denken in der Biologie.

Dieser Tabubruch besteht darin, dass das kausalistische Paradigma, dass alle beobachtbaren Ereignisse eine Ă€ußere Ursache haben mĂŒssen, aufgebrochen wird. Das ist schon in der dem grundlegenden Experiment zugrunde liegenden Frage angelegt: Was tut eine Fliege, wenn keine Reize auf sie wirken? Diese Frage hat in der traditionellen Biologie ĂŒberhaupt keinen Sinn, denn sie definiert ja Verhalten als Reaktion auf Reize. Verhalten ohne Reiz ist in diesem Paradigma nicht beschreibbar.

Diese Idee von Björn Brembs hat das Zeug, Ausgangspunkt einer grundlegenden Umgestaltung der Biologie zu werden, wenn sie angemessen weiterentwickelt wird und nicht in der Menge einzelwissenschaftlicher Artikel untergeht, wie manche der Ideen von UexkĂŒll oder Lorenz.

Als wirksamer erwiesen sich hingegen Ideen, die vor gut 50 Jahren von Bertalanffy und Prigogine entwickelt wurden. Ihre Begriffe des offenen thermodynamischen Systems und der dissipativen Struktur erweiterten sie das Kategoriensystem der Physik, Dadurch wurde es möglich, biologische VorgÀnge mit den von der Biologie entwickelten neuen physikalischen Begriffen und Termini naturwissenschaftlich exakt  zu beschreiben.

Davon ist die aktuelle Fassung BrembsÂŽ Begriff des freien Willens noch ein StĂŒck entfernt. Es fehlen verbindende Begriffe Als Erstes ist es erforderlich, den Begriff der Psyche als nativ biologischen Begriff zu verstehen, der eine Funktion des Nervensystems beschreibt, die ebenso Resultat von Anpassung und Evolution ist wie der Wille. Der von Brembs vorgeschlagene Begriff des Willens als biologische Kategorie ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung, denn er bricht einem Tabu, das die Biologie daran hindert, naturwissenschaftlich EntitĂ€ten geisteswissenschaftlich zu begreifen und diesen so einen naturwissenschaftlichen Inhalt zu verleihen.

 

Anmerkungen:

/1/ z.B. „Die Natur der Naturwissenschaft“, Blog von Josef Honerkamp

/2/ U. Kutschera; „Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie“

/3/ Brembs, B. (2011) Towards a scientific concept of Free Will as a biological trait: spontaneous actions and decision-making in invertebrates Proc. R. Soc. B 22 March 2011 vol. 278 no. 1707 930-939

 

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Verhalten versus TĂ€tigkeit

27. August 2011 - 09:59 Uhr

In diesem Blog habe ich mehrfach /1/ auch das Problem erörtert, welches Begriffssystem erforderlich wĂ€re, in das die Kategorie des Willens sinnvoll eingeordnet werden kann. In einem kĂŒrzlich in der Zeitung Main-Post publizierten Interview Ă€ußert sich Prof. M. Heisenberg dazu wie folgt:

„Ich habe immer vermieden, mich ĂŒber Willensfreiheit auszulassen. Ich kann als Neurobiologe etwas zur Verhaltensfreiheit beitragen. … Verhalten ist grundsĂ€tzlich aktiv. (Hervorhebung von mir – G.L.) Der Begriff der AktivitĂ€t ist mir sehr wichtig. AktivitĂ€t bedeutet, dass das Verhalten im Organismus entstehen kann und dass das Verhalten nicht notwendigerweise eine Antwort auf etwas anderes ist. Also nicht notwendigerweise eine Reaktion. Dass ein Lebewesen „von sich aus“ etwas tut, war in der Wissenschaft lange Zeit umstritten nach dem Motto: Von nichts kommt nichts.“

Dem muss man entgegen halten: Verhalten ist grundsĂ€tzlich – per definitionem - nicht aktiv! Das biologische ErklĂ€rungsprinzip „Verhalten“ ist dazu angelegt, das kausalistische Paradigma fĂŒr die Verhaltensbiologie aufzubereiten. Das Begriffspaar „Reiz - Reaktion“ fungiert in der Verhaltensbiologie als Platzhalter fĂŒr das Begriffspaar „Ursache – Wirkung“. Die Darstellung jedes Verhaltens erfordert so die Angabe seiner Ursache, des auslösenden Reizes. Deshalb ist der Begriff des aktiven Verhaltens eine klassische contradictio in adiecto, mit dem PrĂ€dikat „aktiv“ wird dem Verhalten ein Merkmal zugeschrieben, das zuvor in der Definition ausgeschlossen wurde.

Das behavioristische ErklĂ€rungsprinzip entstand als die behavioristische Antwort (Watson, Skinner u.a.) auf die tierpsychologische Bearbeitung der tierischen Handlungsweisen. Die Ethologie (Heinroth, Lorenz, Tembrock u.a.) versuchte vor allem mit dem Instinktbegriff die aktive Seite tierischer Handlungsweisen zu artikulieren. Heute fristet die Ethologie ein Schattendasein als Nische in der Verhaltensbiologie. Das wohl auch darum, weil sie versuchte, ihre Ideen in der Terminologie der behavioristischen Verhaltensbiologie zu formulieren und darauf verzichtete, ein grundsĂ€tzlich eigenstĂ€ndiges Begriffssystem zu entwickeln. Dem Begriff des aktiven Verhaltens dĂŒrfte das gleiche Schicksal bevorstehen.

Das BedĂŒrfnis fĂŒr die Konstruktion eines Begriffs wie des aktiven Verhaltens entspringt einer Entwicklung der Verhaltensbiologie, wie sie von Kuhn an vielen Beispielen paradigmatisch beschrieben worden ist. Wenn empirische Daten nicht mehr in das herrschende Paradigma passen, werden sie zunĂ€chst als „Gegenbeispiele“ abgelegt und, wenn sie sich mehren, durch Hilfskonstruktionen (von Kuhn „ad hoc-Modifizierungen“ /4/ genannt) der bestehenden Theorie angepasst.

Die mit Hilfe der Hilfskonstruktion „aktives Verhalten“ einzuordnenden empirischen Daten wurden von Heisenberg (1983), Brembs u.a (2007) gewonnen. Brembs operiert mit dem Begriff des freien Willens und plĂ€diert (2011) dafĂŒr, den Begriff des freien Willens zu einer naturwissenschaftlichen Kategorie zu entwickeln. Dabei schlĂ€gt er als begrifflichen Rahmen fĂŒr dies Kategorie den Begriff „Selbst“ vor. Dazu habe ich bereits gepostet.

Ein begrifflicher Rahmen, dem die AktivitĂ€t der Aktionen der Lebewesen immanent ist, ist der Begriff der TĂ€tigkeit. Dieser Begriff wurde von LeontÂŽev als ErklĂ€rungsprinzip fĂŒr die Aktionen der Lebewesen vorgeschlagen. In diesem ErklĂ€rungsprinzip werden die Lebewesen als Subjekte beschrieben. Subjekte sind in diesem Begriffssystem physikalische Konstellationen, die mit den Begriffen und Termini der Thermodynamik beschrieben werden können./7/ Damit wird die Kategorie des Subjekts aus der alleinigen DomĂ€ne der Gesellschaftswissenschaften befreit und zu einer naturwissenschaftlich bearbeitbaren Kategorie entwickelt. Zugleich – und darin besteht das Hauptanliegen LeontÂŽevs – ermöglicht sie den begrifflichen und terminologischen Apparat, mit dem die Herausbildung menschlicher Subjekte im Verlauf der Evolution widerspruchsfrei dargestellt werden kann.

Im Unterschied zum biologischen Begriff der Verhaltens ist wird die TĂ€tigkeit per definitionem als aktive Leistung (menschlicher wie nicht menschlicher) Subjekte aufgefasst und braucht nicht als zusĂ€tzliches Merkmal hinzugefĂŒgt werden. Die Formulierung „aktive TĂ€tigkeit“ wĂ€re ein Pleonasmus.TĂ€tigkeit ist auch per definitionem willentlich. Der Wille entsteht, wenn in der Entstehung des Lebens die verursachte physikalische Wirkung zur biologischen TĂ€tigkeit wird und ist – wie M. Heisenberg ausfĂŒhrt - stammesgeschichtlich ebenso alt, wie die Freiheit des Handelns /8/.

Im Verlauf dieser Entwicklung hat die „Wille“ zu nennende Eigenschaft der Lebewesen mannigfache VerĂ€nderungen erfahren und ist in den verschiedensten AusprĂ€gungen anzutreffen, fĂŒr die geeignete Begriffe und Termini erst noch zu entwickeln sind.

Um Lebewesen als Subjekte zu verstehen, muss die Biologie also ihre grundlegenden ErklĂ€rungsprinzipien Ă€ndern. „TĂ€tigkeit“ ist nicht nur das ErklĂ€rungsprinzip fĂŒr das, was man heute „Verhalten“ nennt, sondern beispielsweise auch fĂŒr das, was man „Stoffwechsel“ nennt. Das auszufĂŒhren, wĂŒrde hier aber zu weit fĂŒhren. Anmerkungen:

/1/ Subjekt und Instinkt II, Der freie Wille und die Physik, Haben Tiere Bewusstsein?, Wenn die Fliege aber keine Lust hat


/2/ Die Freiheit der Fruchtfliege, Interview mit M. Heisenberg in der Main-Post vom 31.7.2011

/3/ Kuhn, Thomas S. (1973): Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, S. 91)

/4/ Heisenberg, Martin (1983): Initiale AktivitĂ€t und WillkĂŒrverhalten bei Tieren, Naturwissenschaften, S. 70 bis 78

/5/ Brembs. B. u.a.(2007) Order in Spontaneous Behavior. PLoS ONE 2(5): e443. doi:10.1371.

/6/ Brembs, B. (2011) Towards a scientific concept of Free Will as a biological trait: spontaneous actions and decision-making in invertebrates Proc. R. Soc. B 22 March 2011 vol. 278 no. 1707 930-939

/7/ Mit der weiteren Ausarbeitung der physikalischen Eigenschaften des Subjektbegriffs habe ich mich auf meiner Website z.B. hier befasst.

/8/ Wörtlich sagt er, „dass ein Individuum frei ist, so oder so zu handeln, und dass die Zukunft offen ist. FĂŒr mich war einer der Leitgedanken: Wenn wir diese Freiheit haben, muss sie in der Evolution entstanden sein, muss es eine Naturgeschichte dazu geben. Und etwas so GrundsĂ€tzliches sollte – stammesgeschichtlich betrachtet – sehr alt sein.“

 

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Wenn die Fliege aber keine Lust hat…

18. Februar 2011 - 11:21 Uhr

Vor einigen Tagen veröffentlichte die SĂŒddeutsche Zeitung ein Interview mit Björn Brembs, in dem es um der freien Willen von Fruchtfliegen geht. Am besten gefiel mir das sogenannte Harvard Law of Animal Behavior: “Unter exakt kontrollierten Versuchsbedingungen macht ein Tier genau das, wozu es gerade Lust hat.” Besser gehtÂŽs nicht!Das wird auch durch die Ergebnisse von Experimenten belegt: Wenn man 100 Fliegen vor eine Lampe setzen, krabbeln ungefĂ€hr 70 Fliegen auf das Licht zu und die anderen 30 davon weg. Testet man diese 30 noch einmal, tritt wieder diese 70-30-Prozent Aufteilung auf. Das ist auch so, wenn man die 79 Lichtkrabbler erneut vor die Lampe setzt. Es kann also keine genetische oder andere Festlegung sein - jede Fliege trifft jedes Mal neu eine Entscheidung.Nun will das natĂŒrlich wissenschaftlich erklĂ€rt werden. Neben der Kategorie Lust und einem diffusen Hintergrundrauschen wird auch der Zufall bemĂŒht.Es zeigt sich wieder einmal, dass die biologischen Wissenschaften noch nicht ĂŒber ein Begriffssystem verfĂŒgen, das es ermöglichen wĂŒrde, Ereignisse wie die beschriebenen hinreichend prĂ€zise abzubilden.

In seinem Paper Towards a scientific concept of Free Will as a biological trait: spontaneous actions and decision-making in invertebrates setzt sich Brembs mit der aktuellen Diskussion zum Begriff des freien Willens auseinander und kommt zu Ă€hnlichen EinschĂ€tzungen. Besonders bedeutsam scheint mir der Ansatz, den reflextheoretischen Begriff der Reaktion („response“) durch den Begriff der TĂ€tigkeit („action“) zu ersetzen. Dort heißt es:

“Another concept that springs automatically from acknowledging behavioural variability as an adaptive trait is the concept of actions. In contrast to responses, actions are behaviours where it is either impossible to find an eliciting stimulus or where the latency and/or magnitude of the behaviour vary so widely, that the term ‘response’ becomes useless.”

Zur Beschreibung des TĂ€tigen, des Subjekts der TĂ€tigkeit, schlĂ€gt er den Terminus „Selbst“ vor. Dieser Gedanke resultiert wohl daraus, dass Brembs die Frage des Willens aus neurophysiologischer Sicht betrachtet. Der Begriff des Selbst artikuliert einen introspektiven Aspekt und erfordert mindestens eine zweite Betrachtungsebene, von der aus das Individuum sich als Selbst reflektiert. Das geht auch aus den Beispielen hervor, die mangels einer Definition herangezogen werden. Aber gerade das lĂ€sst wieder metaphysische Interpretationen zu, gegen die Brembs expressis verbis argumentiert. Hier hilft nur ein Begriff des Willens, der mit den physikalischen Gesetzen vertrĂ€glich ist.

Der grĂ¶ĂŸte Nachteil einer ausschließlich neurophysiologischen Sicht auf den Willen ist aber, dass damit nur mehrzellige Tiere mit einem Nervensystem erfasst werden. Einzellige Tiere und Pflanzen bleiben außen vor. Das aber hat Konsequenzen fĂŒr die Beantwortung der Frage nach der Evolution des Willens. Wenn Pflanzen keinen Willen haben, muss dieser im Verlauf der Evolution mit der Entstehung des Nervensystems entstehen. Das Leben von Pflanzen und das von Tieren könnten dann nicht mehr einheitlich erklĂ€rt werden, was zu schwerwiegenden WidersprĂŒchen in der Theorie des Lebendeigen fĂŒhrt.

NatĂŒrlich stutzt man zunĂ€chst, wenn Pflanzen ein Wille zugeschrieben wird. Das legt sich aber, wenn man das eine oder andere der folgenden Videos betrachtet. Wissenschaftler haben kein Problem damit, Pflanzen Eigenschaften zuzuschreiben, die man gemeinhin nur Tieren zuschreibt.

Was Pflanzen zu sagen haben (DasErste-Mediathek)

Geistreiches aus der Pflanzenwelt (YouTube)

Erlebnis Erde (YouTube)

Die weitere theoretische Arbeit an der Kategorie des Willens ist wichtig fĂŒr die weitere Ausarbeitung einer einheitlichen Theorie des Lebens und letztendlich fĂŒr das VerstĂ€ndnis des freien Willens des Menschen.

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Der freie Wille und die Physik

24. August 2010 - 15:55 Uhr

Physiker und Chemiker haben kein Problem damit, physikalischen oder chemischen Prozessen das PrĂ€dikat „freiwillig“ zuzuschreiben. Psychologen und Neurophysiologen streiten dagegen sogar darĂŒber, ob dieses PrĂ€dikat menschlichen Handlungen zuerkannt werden kann.

Hinter diesem Widerspruch sind einige Probleme verborgen, die meist nicht reflektiert werden, wenn die Formulierung „freier Wille“ benutzt wird.

Ein erstes Problem steckt hinter der „Wer-Frage“. Wer – welche Art von EntitĂ€t - hat die Eigenschaft, die jeweils „freier Wille“ genannt wird? Bei Physikern und Chemikern sind dies Prozesse in isolierten thermodynamischen Systemen, d.h. thermodynamische Systeme, die weder Substanz noch Energie mit der Umgebung austauschen.

Solche Systeme befinden sich gewöhnlich im Zustand des thermodynamischen Gleichgewichts, d.h. in einem Zustand, in dem ĂŒberhaupt nichts stattfindet, weder freiwillig noch unfreiwillig. Anders aber, wenn in einem isolierten thermodynamischen System ein Zustand des Ungleichgewichts besteht. Dann geht das System „von allein“/1/ („spontan“, „freiwillig“) in ein thermodynamisches Gleichgewicht ĂŒber. Das ist ein Aspekt des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik.

Die Bedeutung des Wortes „freiwillig“ resultiert eben daraus, dass es Prozesse innerhalb eines isolierten Systems bezeichnet, auf die per definitionem keine Ă€ußeren Ursachen wirken. Dieser Umstand der fehlenden Ă€ußeren Ursache zwingt quasi zur Verwendung von Termini wie „freiwillig“, „von allein“ oder „spontan“. Er ist nur in isolierten thermodynamischen Systemen gegeben.

Nun werden Lebewesen seit Bertalanffy gewöhnlich als offene thermodynamische Systeme betrachtet. Das physikalische Konstrukt des offenen thermodynamischen Systems ist also auch das ErklĂ€rungsprinzip fĂŒr Lebewesen, und fĂŒr diese gilt, dass nichts ohne Ă€ußere Ursache geschieht. In offenen thermodynamischen Systemen geschieht nichts von allein, spontan, freiwillig.

Indem nun die Lebewesen diesem ErklĂ€rungsprinzip unterworfen werden, können ihnen allein aus GrĂŒnden der Logik PrĂ€dikate wie „von allein“ oder „freiwillig“ nicht mehr zugeschrieben. Der freie Wille wurde ihnen per definitionem genommen.

Wenn man den Lebewesen nun doch einen (freien, eigenen) Willen zuschreiben will, kann das angewendete ErklĂ€rungsprinzip fĂŒr Lebewesen weder das Konstrukt des isolierten noch das des offenen thermodynamischen Systems sein. Lebewesen mĂŒssen mit einem prinzipiell anderen Prinzip als dem des thermodynamischen Systems erklĂ€rt werden.

Dieses andere Prinzip ist das Konstrukt des Subjekts. Subjekte haben per definitionem einen Willen. Subjekte sind im allgemeinen Sprachgebrauch (und dem vieler Philosophien) mit Eigenschaften wie Selbstbestimmtheit, Autonomie und eben dem freien Willen ausgestattet. Ohne diese Eigenschaften kann ein Individuum nicht Subjekt sein. Dieses Konstrukt wÀre aber nur dann mit den Paradigmata der Physik vertrÀglich, wenn das Subjekt physikalisch nicht mehr also offenes, sondern als isoliertes thermodynamisches System aufgefasst werden könnte.

Die Crux liegt also in der Beziehung der Subjekte zur Umwelt. Die Subjekte mĂŒssen Beziehungen zur Umwelt haben, diese dĂŒrfen aber nicht kausalistischer Natur sein. Die Umwelt darf nicht die Ursache des subjektiven Handelns sein, denn dieses muss selbstbestimmt, autonom sein.

Deshalb ist der Subjektbegriff kein ErklÀrungsprinzip der Biologie und nur selten der Psychologie. Diese Wissenschaften verstehen sich als Naturwissenschaften und als diese haben sie sich dem kausalistischen Paradigma unterworfen, das die Existenz selbstbestimmter EntitÀten nur als isolierte thermodynamische Systeme zulÀsst.

Es ist also erforderlich, eine autonome, selbstbestimmte Konstellation mit einer solchen thermodynamischen Ausstattung zu konstruieren, die im Unterschied zum isolierten thermodynamischen System auch Beziehungen zur Umwelt zulĂ€sst. Da eine solche Konstellation weder ein isoliertes noch ein offenes thermodynamisches System sein kann, muss sie in einem neuen Begriff abgebildet werden. Um mit diesem Begriff einer selbstbestimmten thermodynamischen Konstellation umgehen zu können, ist ein Wort erforderlich. Ein solcher Begriff kann widerspruchsfrei im Wort „Subjekt“ ausgedrĂŒckt werden. Dazu muss aber das Subjekt als physikalische Kategorie definiert werden,

Wie gezeigt werden kann (Litsche 2004), ist ein solcher Begriff des Subjekts geeignet, Eigenschaften wie Autonomie, Selbstbestimmtheit, Wille u.a. als native Eigenschaften bestimmter thermodynamischer Konstellationen zu verstehen.

Ein zweites Problem ist die Frage danach, wodurch sich die Beziehungen von Subjekten zu ihrer Umwelt von den Beziehungen unterscheiden, die zwischen offenen Systemen und deren Umgebung bestehen.

System und Subjekt

Abbildung 1: Offenes thermodynamisches System und Subjekt (grĂŒn Zufluss und Abfluss, L Leistung, T TĂ€tigkeit des Subjekts, E/S Energie/Substanz)

Ein offenes thermodynamisches System hat einen Zufluss und einen Abfluss und ist durch diese ist das thermodynamische GefÀlle der Umgebung eingeordnet. Zufluss und Abfluss bestimmen die Leistung des Systems, alle Werte können gemessen, die Leistung kann aus Parametern der Umgebung berechnet werden. Durch die Gestaltung von Zufluss und Abfluss kann die Leistung manipuliert werden, das System ist fremdbestimmt.

Das Subjekt vollzieht aus seinem Willen heraus eine TĂ€tigkeit, durch die es Substanz oder Energie auch gegen ein GefĂ€lle der Umwelt aufnimmt. Die Parameter der Umwelt können gemessen, die TĂ€tigkeit kann aber nicht aber aus Parametern der Umwelt berechnet (vorher gesagt) werden. Bei VerĂ€nderung der Parameter der Umwelt verĂ€ndert das Subjekt seine TĂ€tigkeit in selbstbestimmter Weise, es „reagiert“ autonom. Die Reaktionen können nur aus der Beobachtung des Subjekts vorhergesagt (berechnet) werden, nicht aus den VerĂ€nderungen der Umwelt.

Pflanzen können beispielsweise Wasser auch aus sehr trockenen Böden gegen ein osmotisches GefĂ€lle jaaufnehmen und dieses gegen die Schwerkraft transportieren. Die Menge des Speichels von Pawlows Hund kann nicht aus der Masse der Klingel berechnet werden, die den Speichelfluss auslöst. Das unterscheidet aber thermodynamische Systeme vom Subjekt. Das Subjekt realisiert thermodynamische Prozesse, die gegen ein GefĂ€lle verlaufen, „bergauf“.

Über Subjekte und offene thermodynamische Konstellationen kann man problemlos reden, solange man sie als „black box“ betrachtet und nicht nach der physikalischen Struktur des Subjekts fragt. In allen mir bekannten frĂŒheren Versuchen konnte das Problem der Organisation von physikalischen Prozessen gegen das GefĂ€lle („bergauf“) nicht ohne die Hilfe von KrĂ€ften wie der Entelechie oder einer vis vitalis gelöst werden. Wo in der Psychologie Subjekte vorkommen, sind sie masselose Wesen und die Psychologie wird zur „Psychologie ohne Hirnforschung“ /3/.

Wie dem auch sei, um die Natur des (eigenen) Willens zu bestimmen ohne in WidersprĂŒche mit den Paradigmata der Physik zu geraten, muss eine Konstellation von thermodynamischen bergab wirkenden Prozessen konstruiert werden, durch deren Zusammenwirken letztlich die bergauf wirkende TĂ€tigkeit der Subjekte entsteht /6/. Ohne ein solches Konstrukt bleibt jede Definition des Willens außerhalb der Physik.

Diese physikalische Grundlage eines Subjektbegriffs fehlt den verbreiteten neurophysiologischen Erörterungen der Kategorie des (freien) Willens. Das fĂŒhrt entweder auf der einen Seite dazu, die Existenz eines freien Willens ĂŒberhaupt zu bestreiten und deshalb folgerichtig auch dem Menschen den Willen und damit die FĂ€higkeit der Selbstbestimmtheit abzusprechen. Die andere Art des Herangehens fĂŒhrt dazu, die Kategorie des Willens außerhalb der Physik anzusiedeln und kommt folgerichtig in letzter Konsequenz zu einer Psyche ohne Gehirn. Die Diskussion um das Manifest fĂŒhrender deutscher Neurophysiologen/4/ und die Antwort einiger Psychologen /5/ in der Zeitschrift „Gehirn und Geist“ ist dafĂŒr hinreichend Beleg.

Andere Autoren suchen den Ausweg in quantenmechanischen Prozessen, die sich in der Tiefe neurophysiologischer EntitĂ€ten abspielen sollen und deren zufĂ€lliger Charakter die Grundlage fĂŒr die Freiheit von Entscheidungen sein soll. Ohne dieser Argumentation in einzelnen nachzugehen lĂ€sst sich einwenden, dass diese Auffassung unreflektiert Autonomie, Selbstbestimmtheit, Willen usw. – kurz die SubjektivitĂ€t allen Lebewesen abspricht, die nicht ĂŒber ein Nervensystem verfĂŒgen, also nicht nur den Einzellern sondern beispielsweise auch allen höheren Pflanzen. Dieser Zuschreibung sollte zumindest nachvollziehbar begrĂŒndet werden, denn sie betrifft letztlich die Einheit der biologischen Wissenschaft als der Wissenschaft von allen Lebewesen.

Björn Brembs gehört zu den wenigen Neurophysiologen, die die Frage nach einem freien Willen mittels ernsthafter Experimente untersuchen. Nun hat er angekĂŒndigt, dass er sich auch zum Begriff des freien Willens explizit Ă€ußern will. Ich bin gespannt, wie er diese Probleme angeht.

   

/1/ Kluge, Gerhard; Neugebauer, Gernot (1994): Grundlagen der Thermodynamik, Spektrum Akademischer Verlag GmbH, Heidelberg Berlin Oxford (S.68ff.)

/2/ Litsche, Georg A. (2004): Theoretische Anthropologie, Lehmanns Media-LOB, Berlin

/3/ Wissenschaft im Zwiespalt. StreitgesprĂ€ch. Gehirn & Geist, Heft 7-8/2005, S. 64/4/ Das Manifest (2004) Elf fĂŒhrende Neurowissenschaftler ĂŒber Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung. Gehirn & Geist, Heft 6/2004, S.31-37/5/ Psychologie im 21. Jahrhundert – eine Standortbestimmung. Gehirn & Geist, Heft 7-8/2005, S. 56-60/6/ Litsche, Georg (2010) Subjekt und System E-Journal der Website ICHS - International Cultural-historical Human Sciences S.66ff 

Weitere BeitrÀge zum Thema:

Meine Website „Subjekte“:

Subjekt - System - Information
Warum die Psychologie das Gehirn nicht findet
Warum die Neurophysiologie den Geist nicht findet

Mein Blog „Wille versus KausalitĂ€t“

Der tut nix, der will bloß spielen
Freier Wille
Das ErkenntnisbedĂŒrfnis und unsere Erkenntnis

 

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Wozu ist Schule da?

22. Februar 2009 - 10:46 Uhr

Cartoon 

Hans Traxler, Chancengleichheit, in: Michael Klant , [Hrsg.] , Schul-Spott : Karikaturen aus 2500 Jahren PÀdagogik ,FackeltrÀger, Hannover 1983, S. 25

In ihrem Blogbeitrag „Gedanken zum individualisierten Unterrichten“ erörtert lisarosa Probleme der Gleichheit und Gerechtigkeit in den Anforderungen an die SchĂŒler.

Das Bild suggeriert die Vorstellung, dass alle Menschen verschieden sind und deshalb ebenso wenig mit dem gleichen Maß zu messen seien wie die dargestellten Tiere. Dabei wird das individualistische VerstĂ€ndnis des Menschen auf die Betrachtung der Tiere ĂŒbertragen. In diesem VerstĂ€ndnis wird unterstellt, dass die verschiedenen Tierarten ein ebenso solipsistisches Dasein fristen, wie es das Bild vom freien, individuellen Menschen vorgibt: Jeder ist seines GlĂŒckes Schmied.

Aber die einzelnen Arten der Lebewesen existieren nicht nebeneinander und unabhĂ€ngig voneinander. Das Leben auf der Erde funktioniert nur als Lebensgemeinschaft, als Biozönose, in der die Verschiedenheit der Einzelnen die Bedingung fĂŒr die Existenz des Ganzen ist. Löwen können nicht nur nicht ohne Gazellen leben, sondern Gazellen auch nicht ohne Löwen. Deshalb sind Löwen auch nicht den Auslesebedingungen fĂŒr Gazellen unterworfen und umgekehrt.

Im Unterschied zu den Tieren ist die Verschiedenheit der Menschen jedoch nicht in ihren biologischen Unterschieden begrĂŒndet, sondern sozialer Natur, denn sie ist in der Arbeitsteilung begrĂŒndet. Jeder Mensch erfĂŒllt eine spezifische Funktion, der BĂ€cker bĂ€ckt Brot und der Rechtsanwalt schĂŒtzt SteuersĂŒnder von dem GefĂ€ngnis. Nur alle zusammen ermöglich die Existenz der jeweiligen Gesellschaft.

Die Vorbereitung auf eine Funktion kann aber nicht Aufgabe der allgemeinbildenden Schule sein. Hier mĂŒssen offensichtlich alle dasselbe Lernen, ob sie darin einen persönlichen Sinn sehen oder nicht. In diesem Umstand sind alle Probleme begrĂŒndet, die heute von „der Schule“ zu lösen sind und die die aktuelle Diskussion um „die Schule“ bestimmen. Im von lisarosa erörterten Zusammenhang möchte ich wenigstens auf folgende hinweisen:

1.     Wie verstehen wir die Gleichheit der SchĂŒler? In Deutschland (und wenigen anderen LĂ€ndern) scheint es mindestens drei „Sorten“ von SchĂŒlern zu geben, fĂŒr die drei Schultypen erforderlich sind, Hauptschule, Realschule und Gymnasium. In anderen LĂ€ndern wie Finnland oder Schweden gibt es offensichtlich nur eine „Sorte“, denn sie leben mit der Einheitsschule fĂŒr alle Kinder. Wenn (oder wo) alle Kinder „von Natur aus“ gleich sind, können sie auch in die gleiche Schule gehen.

2.     Unterschiedliche Schulen haben unterschiedliche Funktionen. Gymnasien haben die Funktion, Kinder auf die Hochschule vorzubereiten. Gymnasiasten sollen auf die UniversitĂ€t, HauptschĂŒler sollen einen praktischen Beruf erlernen. FĂŒr beide muss es unterschiedliche Kriterien geben. Elefanten und Robben gehören nicht in die gleiche Schule.

3.     Wenn das dreigliedrige Schulsystem aufgegeben werden soll, dann muss die Einheitsschule alle SchĂŒler auf ein Hochschulstudium vorbereiten. Dazu – so die BefĂŒrworter des gegliederten Schulsystems – sind in Deutschland nicht alle Kinder geeignet. In Finnland oder Schweden sind sie es, und in der DDR waren sie es auch. Die Hochschulvorbereitung, auf die alle Kinder vorbereitet werden, schließt sich an die Einheitsschule an. Das „Gymnasium“ existiert nicht neben der Einheitsschule, sondern danach. FĂŒr alle sind die Kriterien gleich. Das Gymnasium wird nicht abgeschafft, sondern zur Einheitsschule fĂŒr alle. Anders ist die Einheitsschule nicht denkbar.

4.     So stellt sich die Frage des persönlichen Sinns wieder anders. Welchen persönlichen Sinn soll ein HauptschĂŒler in einer Gesellschaft entwickeln, die ihm kaum eine berufliche und noch weniger eine universitĂ€re Perspektive bietet? Ob „Yes we can“ das leistet? Der persönliche Sinn kann sich nur auf der Grundlege der gesellschaftlichen Bedeutung entwickeln, die eine Gesellschaft dem Einzelnen zuweist.

ZurĂŒck zum Bild: Wenn die Tiere wĂŒssten, welche Funktion sie im Naturganzen haben, könnten sie ihren persönlichen Sinn finden. So aber leben sie sinnlos still vor sich hin.

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Glauben und Wissen

14. November 2008 - 09:57 Uhr

Woher wissen wir eigentlich, was wir wissen?
Also ich weiß das Meiste vom „Hörensagen“, es hat mir jemand erzĂ€hlt, ich habe es irgendwo gelesen – und ich lese viel - oder ich habe es im Fernsehen gesehen, das ich auch ausreichend „genieße“. Das Wenigste habe selbst in der RealitĂ€t ĂŒberprĂŒft. Ich habe es „geglaubt“. Ich wusste, weil ich glaubte.
Der erste Grund ist mein Vertrauen in meine Quellen. Zuerst waren es meine Eltern und der Rest der Familie, denen ich zunĂ€chst blind vertraut habe. Warum meine ich trotzdem, mein Wissen sei zutreffend, „wahr“?
Das so erworbene „Grundwissen“ bildete dann das Kriterium, an dem ich neues Wissen prĂŒfte. Passt es? Ist es logisch mit diesem vertrĂ€glich? Das Glauben wurde auf diese Weise durch eigenes Nachdenken „begrĂŒndet“.
Der Inhalt des Wissens war dabei gleichgĂŒltig, Wissen ĂŒber Gott war dem Wissen ĂŒber die Welt gleichartig und gleichwertig.
Zum Ende der PubertĂ€t Ă€nderte sich das. Neue Quellen beispielsweise der wissenschaftliche Unterricht ließen mich verstehen, dass nicht alle Komponenten meines Wissens miteinander vertrĂ€glich waren. Ich musste mich entscheiden, welchen Quellen ich in Zukunft glauben wollte, den rationalen oder den religiösen.
Ich entschied mich fĂŒr rationales Wissen und ich konnte nicht verstehen, wie Menschen einen religiösen Glauben haben konnten. So war mir meine Biologielehrerin ein RĂ€tsel, die uns als glĂ€ubige Katholikin die Evolution erklĂ€rte.
Nun „wusste“ ich die Religion nur noch, die Wissenschaft glaubte ich.
Der rationale Teil meines Wissens war der, von dem ich begrĂŒndet annahm, dass ich ihn „empirisch verifizieren“ könnte, wenn ich wollte, und den ich deshalb wirklich wĂŒsste.. Der religiöse Teil war dagegen der Teil, von dem ich annehmen musste, dass er prinzipiell nicht empirisch verifizierbar ist und den ich ohne die Möglichkeit der Verifikation hĂ€tte nur glauben mĂŒssen.
Glauben und Wissen waren so als Religion und Wissenschaft unterschiedliche QualitÀten geworden.
SpÀter stellte ich dann fest, dass es Ereignisse geben konnte, die der Allmacht der RationalitÀt widerstanden, an die ich geglaubt hatte.
Warum musste meine Mutter so jung sterben? Sie hatte Krebs. Sie hatte geraucht. Das war rational einsichtig, war aber war nicht meine Frage. Warum musste es meine Mutter treffen? Hier fand ich keine rationale Antwort. So hatte ich hatte gar keine Antwort im Gegensatz zu meinen religiösen Verwandten. Der religiöse Glauben hatte Funktionen erfĂŒllt, zu denen der Glaube an die Wissenschaft ungeeignet war.
Auch auf andere Fragen wie die nach dem Sinn des menschlichen oder wenigstens meines Lebens hat die Wissenschaft keine empirisch verifizierbaren Antworten. Solche Fragen muss ich entweder unbeantwortet lassen oder ich gebe mir meine individuelle Antwort, ich bestimme den Sinn meines Lebens selbst.
Es ist schwer, mit unbeantwortbaren Fragen zu leben, fĂŒr manche Menschen zu schwer. Ihnen kann ein religiöser Glaube helfen, wo der wissenschaftliche versagt. Das sollte auch der WissenschaftsglĂ€ubige akzeptieren und umgekehrt.
Problematisch wird es, wenn Wissenschaft und Religion vor allem in ihren institutionalisierten Formen ihre DomĂ€nen verlassen und in fremden GewĂ€ssern fischen. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema, wie es z.B. bei Brights in “Eine objektive Ethik ist möglich” behandelt wird.

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Schuld sind immer die Anderen

27. September 2008 - 15:36 Uhr

In den wissenschaftlichen Blogs gibt es vor allem im Zusammenhang mit der Evolutionstheorie eine andauernde Diskussion ĂŒber die Religionen. Nicht selten wird verwundert zur Kenntnis genommen, welchen z.T. auch wachsenden Einfluss die Religionen auf das Denken der Menschen haben. Über die Ursachen wird nur selten reflektiert wie beispielsweise bei “Evil under the Sun“. Wenn, dann sind es immer die Anderen: reaktionĂ€re Politiker, religiöse Fundamentalisten, Kreationisten oder verdummende Webseiten. In keinem Fall ist es die Evolutionstheorie selbst, die manche Menschen davon abhalten könnte, an die Evolution zu glauben.

Seien wir ehrlich: die meisten Menschen – und damit meine ich nicht nur Einwohner Lateinamerikas, Indien oder Afrikas, die millionenfach einfach keinen Zugang zu wissenschaftlichem Unterricht haben. Auch in Deutschland hat kaum jemand die Möglichkeit, all die „Beweise“ fĂŒr die Evolution, die er in seinem Biologielehrbuch gelesen hat, wirklich zu prĂŒfen. Er muss sie seinem Biologielehrer und anderen Personen seines Bekanntenkreises einfach glauben. Und glauben hĂ€ngt mit Vertrauen zusammen, ich glaube dem, dem ich vertraue. Weiter SchlĂŒsse daraus liegen auf der Hand, wenn man beispielsweise die Bildungsdiskussion in unserem Lande bedenkt.

Ich will jedoch einen anderen Aspekt dieses Problems darstellen. In „Evil under the Sun“ habe ich interessante Statistiken zur ReligiositĂ€t in Deutschland gefunden. Unter anderen glauben 70% der Befragten (1000-2000 ĂŒber 18J. Allensbach) an eine Seele. Unter den Werten, die fĂŒr die befragten wichtig sind, kommt religiöser Glaube mit 18 bis 20% vor, eine wissenschaftliche Weltauffassung wird jedoch nicht als Wert genannt.

Die westliche wissenschaftliche Weltanschauung ist bekanntlich vom Paradigma der KausalitĂ€t geprĂ€gt, demzufolge jedes Ereignis eine Ă€ußere Ursache hat, auf die es zurĂŒckzufĂŒhren ist. Akausale Ereignisse, Ereignisse ohne Ursache, sind in diesem Denkschema nicht zugelassen. Deshalb kommen EntitĂ€ten wie eine Seele oder Ideen in diesem Gedankensystem nicht vor. Ihre Existenz wird verneint und nicht selten verĂ€chtlich als „unwissenschaftlich“ abgetan. Naturwissenschaftler werden nicht Seelsorger – schade!

So aber werden die Fragen der Menschen nicht beantwortet, das BedĂŒrfnis nach einer wissenschaftlichen Antwort bleibt unbefriedigt. Damit finden sich die Menschen aber ebenso wenig ab wie mit anderen unbefriedigten BedĂŒrfnissen, sie suchen nach Befriedigung ihrer BedĂŒrfnisse. Menschen wollen eine Seele haben und sich nicht als seelenloses Fleisch sehen, sie wollen nicht das Resultat eines blinden Zufalls sein sondern einen Sinn in ihrer Existenz sehen. Und wenn sie Antworten auf ihre Fragen nicht in der Wissenschaft finden, suchen sie diese eben anderswo.

Das kann sich erst Ă€ndern, wenn auch die Naturwissenschaft Antworten auf Fragen wie diese geben wird. Das aber ist nicht im Rahmen des KausalitĂ€tsparadigmas möglich. Das Problem ist, das die Naturwissenschaft sich diesen Umstand nicht eingesteht und nicht einfach zugibt, dass es zwischen Himmel und Erde auch Dinge gibt, die sie innerhalb ihrer kausalistischen Schulweisheit nicht unterbringen kann. Im Gegenteil, sie hat es verstanden, auch empirische Daten, die sie selbst gewonnen hat und die mit dem KausalitĂ€tsparadigma nicht zu vereinbaren sind, so zu „interpretieren“ dass sie „passen“, oder sie zu „unterschlagen“, anstatt darĂŒber nachzudenken, was sie zur Lösung dieses Problems beizutragen.

Anekdote Beim Kolportieren der bekannten Newton-Anekdote, nach der ihm das Gravitationsgesetz eingefallen ist, als ihm ein Apfel auf den Kopf gefallen war, wird der Vogel unterschlagen, der ganz entgegen der Gravitation von allein wegflog.

 

In dem Maße, in dem sich das KausalitĂ€tsparadigma zum Paradigma wissenschaftlicher Arbeit ĂŒberhaupt entwickelte, wuchs auch die Menge der Daten, die nicht mit ihm vereinbar waren und die auf die eine oder andere Weise eingepasst werden musste. Dabei wurde viel Fantasie entwickelt, um die kausalistische UnerklĂ€rbarkeit gewisser Ereignisse zu verschleiern. Begriffe wie „Zufall“ oder „Emergenz“ erhielten so den Charakter einer letzten „ErklĂ€rung“, denn was als zufĂ€llig „erkannt“ war, entzog sich jeder weiteren Forschung, denn der Zufall ist ebenso wenig erforschbar wie die Emergenz.

Bereits vor 100 Jahren hat UexkĂŒll darauf hingewiesen, dass „ein neues GerĂŒst fĂŒr die Biologie notwendig“ wĂŒrde, denn „das bisherige GerĂŒst, das man der Chemie und der Physik entliehen hatte, genĂŒgte nicht mehr.“ /1/ Vor rund 50 Jahren haben Bertalanffy mit dem Begriff des „Fließgleichgewichts“ und spĂ€ter Prigogine mit dem Begriff der „dissipativen Struktur“ das GerĂŒst der Physik entscheidend weiter entwickelt, so dass nun biologische Probleme lösbar wurden, die bis dahin unlösbar waren.

GegenwĂ€rtig steht das Paradigmata des Darwinismus auf dem PrĂŒfstand. Damit sind nicht die unqualifizierten Angriffe des Kreationismus und des ID gemeint, die keiner ernsthaften Erörterung wĂŒrdig sind. Gemeint sind beispielsweise Biologen wie Morris /1/, Kirschner /2/ oder Bauer /3/. Aber auch Physiker wie zum anderen Physiker wie Greene /4/, Laughlin /5/ oder Genz /6/ im Rahmen der Diskussion um die „Weltformel. Die Überlegungen der Physiker kann kurz gesagt vielleicht so zusammengefasst werden: Wenn es eine Weltformel gibt, dann sind alle Ereignisse im Weltall berechenbar. Sie sind also nicht zufĂ€llig, sondern unvermeidlich. Das gilt auch fĂŒr die Evolution der Lebewesen und des Menschen. Auch er ist nicht zufĂ€llig, sondern unvermeidlich.

Die biologische Kritik des darwinistischen Paradigmas setzt auch nicht an noch ungelösten Detailproblemen an, die auch innerhalb des Paradigmas gelöst werden können, sondern am Paradigma selbst. Bei der empirischen Forschung werden immer auch Details gefunden, die mit dem herrschenden Paradigma zumindest nicht ohne „Anpassung“ vertrĂ€glich sind. Gewöhnlich werden solche Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung als Anomalien oder Ausnahmen verbucht (was in der Biologie besonders nahe liegt). Im Laufe der Zeit wĂ€chst aber die Anzahl solcher Ausnahmen und Anomalien, so dass der Versuch unternommen werden muss, das Paradigma weiter zu entwickeln und den neuen Tatsachen anzupassen.

Passend zum Darwinjahr 2009 sind einige BĂŒcher erschienen, welche das Dilemma des „Mainstreamdarwinismus“ artikulieren. Schon die Titel zeigen dies an: „Jenseits des Zufalls (Morris), „Die Lösung von Darwins Dilemma“ (Kirschner) und „Das kooperative Gen * Abschied vom Darwinismus“ (Bauer). Die moderne „synthetische Evolutionstheorie“ beruht in ihren beiden Grundbegriffen auf der Kategorie „Zufall“. ZufĂ€llige Mutationen bringen verĂ€nderte Individuen hervor, die in einer sich zufĂ€llig Ă€ndernden Umwelt der Auslese unterliegen. Da der Zufall nichts erklĂ€rt, muss man nun glauben, dass diese zufĂ€lligen Faktoren die Evolution von einfachsten Einzellern zum intelligenten Menschen „verursachen“, die nahezu die gesamte Erde besiedeln.

Morris ist PalĂ€ontologe und zeigt an palĂ€ontologischem Material die Konvergenz der Evolution, die beim besten Willen nicht mit einer auf ZufĂ€llen beruhenden Evolutionstheorie vereinbar ist. Kirschner und Bauer zeigen dies an Ergebnissen der Molekularbiologie und Genetik. Hier werden neue gedankliche Rahmen vorgeschlagen, die geeignet sind, die vorliegenden empirischen Daten zu einem Denksystem zu ordnen, ohne sich schließlich doch auf den Zufall als letzte „ErklĂ€rung“ zurĂŒckzuziehen. Deshalb ermöglichen sie auch andere wissenschaftliche Antworten auf Fragen nach dem Ursprung der Menschheit, seiner Stellung in der Welt u.Ă€., welche die ErkenntnisbedĂŒrfnisse der Menschen in einer Weise befriedigen, die sie nicht mehr in die FĂ€nge religiösen Denkens oder esoterischer Praktiken treibt. Nicht religiöse Eiferer und Dummheit sind dafĂŒr verantwortlich, sondern die UnfĂ€higkeit der Wissenschaft, die wirklichen Fragen der Menschen zu beantworten.

Am deutlichsten zeigt sich das in der Diskussion um den freien Willen, von dem die kausalistische Neurophysiologie meint experimentell bewiesen zu haben, es gĂ€be ihn gar nicht. In der Neurophysiologie sind mir allerdings keine Arbeiten bekannt, die auch Kritik an ihren grundlegenden Paradigmen Ă€ußern. Wenn Kritik kommt, dann von „außerhalb“ aus der Psychologie, die allerdings nur bestreitet, dass die Neurophysiologie die Probleme von Psyche und Seele lösen könnte und es dabei belĂ€sst. Auch in diesem Bereich lassen die Wissenschaften die Menschen mit ihren Problemen allein und mokieren sich ĂŒber die Unwissenheit der Menschen, in die wir sie erst versetzt haben. Die Wissenschaft kann offensichtlich ohne Seele existieren, die meisten Menschen offensichtlich nicht.

Man muss sich nur einmal die die Menschenmassen vergegenwÀrtigen, tÀglich als Pilger der verschiedensten Religionen ihrer Seele wegen unterwegs sind, um ihrem Glauben zu folgen Erkennen wir die Brisanz, die darin liegt, dass die Wissenschaften in ihrer Befangenheit des kausalistischen paradigmatisch verharren und den Menschen, die sie bezahlen, Antworten auf ihre berechtigten Fragen verweigern?

Es hilft auch nicht, die unbestreitbare Unvereinbarkeit von Wissenschaft und Religion zu beschwören. Es gilt alle Fragen der Menschen zu beantworten und nicht nur die, die in das aktuelle Paradigma Wissenschaft und die anderen als „erfunden“ abzutun. Neue Paradigmata tun not!

 

 

/1/ Morris, Simon Conway (2003): Life’s Solution / Inevitable Humans in a Lonely Universe, Cambridge University Press, New York und Melbourne Deutsch: Morris, Simon Conway (2008): Jenseits des Zufalls * Wir Menschen im einsamen Universum, University Press, Cambridge
/2/ Kirschner, Marc. W.; Gerhart, John C. (2007): Die Lösung von Darwins Dilemma
/3/ Bauer, Joachim (2008): Das kooperative Gen, Hoffmann u.Campe, Hamburg
/4/ Greene, Graham (2006): Das elegante Universum, Wilhelm Goldmann Verlag, MĂŒnchen
/5/ Laughlin, Robert B. (2007): Abschied von der Weltformel, Piper & Co. Verlag, MĂŒnchen, ZĂŒrich
/6/ Genz, Henning (2006): War es ein Gott?, Carl Hanser Verlag, MĂŒnchen Wien,

 

 

 

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Subjekt und Instinkt II

29. Juli 2008 - 09:47 Uhr

Eine subjektwissenschaftliche Biologie erfordert zwingend die Annahme, dass die Tiere ĂŒber die FĂ€higkeit zur autonomen Steuerung verfĂŒgen. Sie mĂŒssen fĂ€hig sein, ihre Aktionen unabhĂ€ngig von Ă€ußeren Einwirkungen, von „Reizen“ zu steuern. Solche auch „Instinkte“ genannten autonomen Steuermechanismen mĂŒssen angeboren sein, d.h. sie mĂŒssen genetisch determiniert sein und der Evolution unterliegen.

Ihre Existenz ist zwar unzweifelhaft, ihre Bedeutung fĂŒr die biologische Theorie ist jedoch umstritten. FĂŒr eine reduktionistische Biologie, welche die Lebewesen als Objekte auffasst, die letztlich ausschließlich durch Gesetze von Physik und Chemie erklĂ€rbar sind, ist der Instinktbegriff ein störendes Element, das möglichst aus der biologischen Theorie entfernt werden sollte. Dieser Trend ist fĂŒr die heutige Mainstreambiologie kennzeichnend und mit dem Terminus „Behaviorismus“ hinreichend charakterisiert.

Dieser „objektwissenschaftlichen“ Biologie ist die Position entgegengesetzt, in welcher die Lebewesen als Subjekte aufgefasst werden. Subjekte werden nicht durch Ă€ußere Einwirkungen determiniert, auf die sie in berechenbarer Weise reagieren. Sie agieren vielmehr aus sich heraus. Eine solche „subjektwissenschaftliche“ Biologie hat die Aufgabe, die Determination dieser subjekteigenen Aktionen zu erforschen, die nicht mehr kausal, „objektiv“, sondern akausal, „subjektiv“ determiniert ist. Die Determination der subjektiven Aktionen durch die Subjekte, das ist der Forschungsgegenstand einer subjektwissenschaftlichen Biologie.

Der Erste, der diese Forderung expressis verbis formuliert hat, war Jacob von UexkĂŒll.

Er unterschied die Umgebung, die aus Objekten besteht von der Umwelt, die aus GegenstĂ€nden besteht, die von der Beschaffenheit der Lebewesen, der Subjekte bestimmt wird. Die Umwelt unterliegt in dieser Theorie also nicht mehr der physikalischen ZufĂ€lligkeit, wie die Objekte, sondern dem Prinzip der „PlanmĂ€ĂŸigkeit“, das von der Biologie zu erforschen ist, Die Aktionen der Subjekte richten sich nicht auf die Objekte, sondern auf die GegenstĂ€nde der Umwelt, die vom agierenden Subjekt planmĂ€ĂŸig determiniert sind.

In diesem Konzept hatte nun das Prinzip  der Anpassung keinen Platz, denn dieses Prinzip unterwirft das Lebewesen ja den Einwirkungen einer Umwelt, die ja in UexkĂŒlls Theorie erst von dem jeweiligen Lebewesen bestimmt wurde. Aus dieser Position zog UexkĂŒll nun einen Schluss, der sich fatal auf die weitere Rezeption seiner Ideen und damit auf die Entwicklung der Biologie als Subjektwissenschaft auswirken sollte, denn aus ihr folgte fĂŒr ihn logisch zwingend die Ablehnung des Darwinismus, und das in einer Zeit, in der dieser nicht nur die Biologie, sondern auch die Stammtische erobert hatte. FĂŒr UexkĂŒll folgte aus seiner subjektwissenschaftlichen Theorie der Biologie, der Darwinismus sei…

  „…weiter nichts als die Verkörperung des Willensimpulses, die PlanmĂ€ĂŸigkeit auf jede Weise aus der Natur loszuwerden.“/1/„Der Enthusiasmus, mit dem sich die Darwinisten fĂŒr den Entwicklungsgedanken einsetzen, entbehrt nicht einer gewissen Komik, nicht bloß darum, weil ihre Weltanschauung, die sich prinzipiell auf Physik und Chemie stĂŒtzt, aus diesen Wissenschaften den Entwicklungsgedanken gar nicht schöpfen kann, da Chemie und Physik jede Entwicklung prinzipiell ablehnen. Sondern vor allem deswegen, weil das Wort Entwicklung gerade das Gegenteil dessen ausdrĂŒckt, was damit gemeint ist.“/2/ 

Mit dieser Position konnte sich spĂ€ter kein Biologe mehr identifizieren, der ernst genommen werden wollte. Das fĂŒhrte dazu, dass UexkĂŒlls biologische Theorie nicht nur sehr fragmentarisch sondern vor allem ihres subjektwissenschaftlichen Gehalts beraubt rezipiert wurde. Das gilt besonders fĂŒr den Umweltbegriff, der als einziger Begriff des von UexkĂŒll entwickelten Kategoriensystems allgemein (wenn auch in „kastrierter“ Form) rezipiert wurde.

WĂ€hrend UexkĂŒll eine umfassende subjektwissenschaftliche Theorie der gesamten Biologie vorgelegt hatte, beschrĂ€nkte sich Konrad Lorenz, einer von UexkĂŒlls Verehrern, auf den verhaltenswissenschaftlichen Aspekt. So konnte er seine Kritik  auf die verhaltensbiologische Richtung der kausalistischen Biologie, den Behaviorismus beschrĂ€nken, ohne UexkĂŒll kritisieren zu mĂŒssen. In der Auseinandersetzung mit dem Behaviorismus spielte der Instinktbegriff eine besondere Rolle, denn die Existenz von Instinkten wurde und wird vom Behaviorismus bestritten.

LorenzÂŽ Arbeit am Instinktbegriff war daher auch der Versuch, in der Verhaltensbiologie im Gegensatz zum Behaviorismus eine subjektwissenschaftliche Position zu etablieren. Er hat gezeigt, dass der Instinktbegriff als Konzept der autonomen Steuerung tierischer Aktionen geeignet ist und nicht im Widerspruch zur Evolutionstheorie stehen muss. Die Evolution der Lebewesen kann auch als Evolution von Subjekten verstanden werden. Er zeigte, dass Instinkte genetisch determiniert sind und folglich wie die Organe der Lebewesen den Gesetzen der Evolution unterliegen. Er schreibt:

 “Niemand kann leugnen, daß die phylogenetische VerĂ€nderlichkeit einer Instinkthandlung sich so verhĂ€lt wie diejenige eines Organes und nicht wie diejenige einer psychischen Leistung. Ihre VerĂ€nderlichkeit gleicht so sehr derjenigen eines besonders „konservativen“ Organes, daß der Instinkthandlung als taxonomischem Merkmal sogar ein ganz besonderes Gewicht zukommt“./3/ 

Von besonderer Bedeutung ist dabei die Frage nach der Bedeutung der Umwelt.

 „Wir haben es nie zu bereuen gehabt, daß wir die VerĂ€nderlichkeit der Instinkthandlung durch Erfahrung rundweg geleugnet haben und folgerichtig den Instinkt wie ein Organ behandelt haben, dessen individuelle Variationsbreite bei allgemeiner biologischer Beschreibung einer Art vernachlĂ€ssigt werden kann. Diese Auffassung widerspricht nicht der Tatsache, daß manchen Instinkthandlungen eine hohe regulative „PlastizitĂ€t“ zukommen kann. Eine solche haben auch viele Organe.“/4/„Wenn man nicht den Begriff des Lernens ganz ungeheuer weit fasst, so daß man etwa auch sagen kann, die Arbeitshypertrophie eines vielbenĂŒtzten Muskels sei ein Lernvorgang, so hat man durchaus kein Recht, die Beeinflussung des Instinktes durch Erfahrung zu behaupten.“/5/ 

Vor allem diese Position war es, die von Seiten des Behaviorismus immer wieder angegriffen wurde, der nach wie vor darauf besteht, dass das Verhalten von Tieren (und Menschen) durch die Einwirkungen der Umwelt determiniert wird.. Da es eine subjektwissenschaftliche Methodologie nicht gab (und bis heute nicht gibt), wurden zum Zwecke der Kritik die subjektwissenschaftlichen Thesen mit den Methoden objektwissenschaftlicher Forschung untersucht/6/. Dass dazu die subjektwissenschaftlichen Thesen ihres spezifischen Gehalts beraubt und in das objektwissenschaftliche Gedankensystem transformiert werden mussten, blieb unreflektiert. So teilte Lorenz /7/ schließlich das Schicksal UexkĂŒlls.

Die experimentell orientierte, objektwissenschaftliche Mainstreambiologie hat auf diesem Wege die subjektwissenschaftlichen Fragen zwar nicht beantwortet, aber aus ihrem Ideenbestand eliminiert. Die aktuelle Debatte um den freien Willen ist dafĂŒr Zeugnis genug. Im Kategoriensystem der reduktionistischen Biologie ist kein Platz fĂŒr diesen, deshalb kann man ihn auch nicht erforschen - auch wenn er sich immer wieder und der KausalitĂ€t trotzend ungefragt in die Debatte einmischt.

 /1/ UexkĂŒll, Jacob von (1928): Theoretische Biologie, Springer J., Berlin, S. 197/2/ Ebenda, S. 196

/3/ Lorenz, Konrad (1992): Über tierisches und menschliches Verhalten - Gesammelte Abhandlungen I, Piper & Co.Verlag, MĂŒnchen, ZĂŒrich, Bedeutung. I, S.274

/4/ Ebernda, S.273.

/5/ Ebenda, S. 274

/6/ Vgl z.B. Zippelius, Hanna-Maria (1992): Die vermessene Theorie, Vieweg oder G. Roth (Hrsg.) (1974): Kritik der Verhaltensforschung, C.H. Beck.

/7/ Lorenz steht hier verallgemeinert fĂŒr eine ganze Anzahl von Wissenschaftlern (z.B. v. Holst, Mittelstaedt, LeontÂŽev, Anochin), die verschiedene Aspekte einer subjektwissenschaftlichen Biologie entwickelt hatten, heute aber (mit Ausnahme von LeontÂŽev) vorwiegend von historischer Bedeutung sind.

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