Kategorie: Tätigkeitstheorie


Erkennen durch Wahrnehmung

29. September 2009 - 09:57 Uhr

Im vorigen Beitrag habe ich gezeigt, dass die Kategorie Erkenntnis auch ohne die Kategorie der Wahrnehmung konstruiert werden kann, wenn die Kategorie der Tätigkeit zugrunde gelegt wird. Die vom Subjekt konstruierten psychischen Abbilder werden in diesem Konstrukt nicht durch Wahrnehmung mit der Realität verbunden, sondern durch die Tätigkeit. Die Tätigkeit der Subjekte wird mittels der konstruierten psychischen Abbilder gesteuert, die durch den Erfolg der Tätigkeit verifiziert werden.

Man kann sich vorstellen, eine Bewegung auch durch Töne, beispielsweise eine Melodie zu steuern. Man singt ein Lied und führt an bestimmten Stellen der Melodie bestimmte Richtungswechsel durch. So kann man ein Ziel auch mit geschlossenen Augen erreichen, ohne Wahrnehmung der Umwelt. Die Information zur Steuerung der Bewegung erhält die Melodie durch das Subjekt. – Die australischen Aborigines steuern auf diese Weise durch “Songlines“ ihre mehrere Tausend Kilometer langen Märsche durch ihr Land. Muster, die zur Steuerung geeignet sind, müssen nur eine „Melodie“, eine „Gestalt“ haben. Auch Würfeln liefert ein Muster, das aber hat keine Gestalt und kann deshalb nicht gerichtet steuern.

Diese Konstruktion erfordert die Annahme einer physikalischen Realität. Zum einen werden Subjekte als materielle, stofflich-energetische Systeme unterstellt. Es gibt also reale Subjekte. Diese Subjekte agieren. Dazu brauchen sie einen stofflich-energetischen Input, d.h., Subjekte können nur in einer stofflich-energetischen Umwelt existieren, in der sie einen stofflich-energetischen Input generieren, der ihre Erhaltung gewährleistet. Diese Umwelt muss ebenso real sein wie das Subjekt selbst.

Solange das Subjekt nicht einer funktionellen Komponente zur Wahrnehmung ausgestattet ist, entfällt auch die Notwendigkeit, eine gesonderte informationelle Beziehung zwischen dem konstruierten psychischen Bild und der Umwelt auszuarbeiten. Die Beziehung Subjekt-Umwelt ist rein stofflich-energetisch und wird durch die Tätigkeit realisiert. Das befriedigte Bedürfnis bestätigt, dass das subjektive Konstrukt ein zutreffendes Bild der Realität war, Wahrnehmung ist (noch) nicht erforderlich.

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  Schema 1: Stofflich-energetische Steuerung der Tätigkeit durch den Erfolg (die Outputs sind autonome Leistungen des Subjekts)

Die organische Welt besteht zum größten Teil aus Lebewesen, die zwar tätig sind, und das erfolgreich, ohne über funktionelle Komponenten zu verfügen, die sie zur Wahrnehmung befähigen würden. Ihre Bilder der Realität sind keine psychischen Entitäten, sondern basieren beispielsweise auf chemischer (z.B. hormoneller) Basis. Nur Lebewesen, die mit einem neuronalen System ausgestattet sind besitzen auch eine Psyche und können psychische Bilder erzeugen. Nur diese sind auch mit Sinnesorganen und der Fähigkeit der Wahrnehmung ausgestattet. Das Leben bringt Psyche und Wahrnehmung also erst auf einer bestimmten Stufe der Evolution hervor.

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Schema 2: Informationelle Steuerung (der informationelle Output des Signalgebers wird auf die Steuerkomponente übertragen und von dieser zum psychischen Bild und zur informationellen Output verrechnet)

Im Unterschied zur Tätigkeit ist die Wahrnehmung keine stofflich-energetische Beziehung des Subjekts zur Realität, sondern eine informationelle. Bei der Wahrnehmung nehmen die Subjekte weder Substanz noch Energie auf, sondern Informationen. Diese sind nicht durch stoffliche oder energetische Parameter gekennzeichnet. Deshalb können sie auch keine Beziehung des Subjekts zu einer stofflich-energetischen Realität abbilden. Da die Mainstreamerkenntnistheorie nicht auf der Tätigkeit, der stofflich-energetischen Beziehung des Subjekt zur Realität, aufbaut, sondern nur von der Wahrnehmung ausgeht, kann sie keine Beziehung zwischen psychischen Bildern und Realität erkennen. In dieser Sicht wird die Tätigkeit infolge des fehlenden Ergebnisses auf eine ziellose Bewegung reduziert, die keinen Sinn hat.

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Schema 3: Wahrnehmung ohne stofflich-energetischen Input - konstruktivistische Variante

Ohne eine auf den Erfolg – die Selbsterhaltung des Subjekts – gerichtete Tätigkeit kann es keine Bewertung der Informationen geben die das Subjekt erzeugt. Das ist auch dann nicht der Fall, wenn man ein empiristisches Wahrnehmungskonzept annimmt.

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Schema 4: Wahrnehmung ohne stofflich-energetischen Input - empiristische Variante

Erst wenn die Tätigkeit als materielle Aktion von Subjekt in das Modell der Wahrnehmung einbezogen wird, kann die Umwelt nicht mehr nur, nicht mehr ausschließlich als gedankliches Konstrukt gedacht werden. Der vom Sensor erzeugte Input aus der Umwelt erhält seinen informationellen Gehalt ebenfalls aus dem Erfolg der materiellen Tätigkeit. Der Umweltinput auf den Sensor enthält ebenso wenig Information wir der stofflich-energetische Input. Information erhält er erst, indem das Subjekt den Erfolg der Tätigkeit bewertet, die durch diesen Input gesteuert wird,

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Schema 5: Steuerung der Tätigkeit durch Wahrnehmung mit stofflich-energetischen Input - tätigkeitsttheoretische Variante

Das tätigkeitstheoretische  Konzept der Wahrnehmung erhält zwar das konstruktivistische Moment, erhält aber zugleich die Verbindung zur Realität. Vom empiristischen Konzept übernimmt es die Auffassung, dass die Realität Information trägt, sieht diese aber nicht als “objektiv”, unabhängig vom Subjekt, sondern als subjektive, vom Subjekt erzeugte Eigenschaft der Realität.

Ich denke, dass man sich von der Idee verabschieden muss, die Realität enthielte objektive Informationen, die vom Subjekt „aufgenommen“ würde. Erst das Subjekt verleiht der Realität die Information, „objektive“ Information, Information ohne Subjekt ist ein Widerspruch in sich. Bei der Wahrnehmung nimmt das Subjekt Information nicht auf, sondern erzeugt sie und „moduliert“ sie der Umwelt auf. Durch den Erfolg der Tätigkeit bewertet das Subjekt die Information.

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Erkenntnis ohne Wahrnehmung

19. August 2009 - 15:23 Uhr

Die bislang radikalste Form, die Realität aus der Erkenntnis zu entfernen, sind die Erkenntnistheorien des der Konstruktivismus. Der Konstruktivismus bestreitet zwar nicht die Existenz einer objektiven, d.h. vom Menschen unabhängigen Realität, er bestreitet aber, dass unsere Wahrnehmung uns ein Bild dieser Realität liefern kann. Mit dieser These wirft der Konstruktivismus nicht nur die Wahrnehmung als Prozess der Erkenntnisgewinnung über Bord, sondern auch den Abbildcharakter der Erkenntnis schlechthin. Erkenntnisse sind im konstruktivistischen keine Abbilder einer von diesen Abbildern unabhängigen Realität, sondern freie Konstrukte des denkenden Subjekts.

Diese Argumentation zeigt, wie verhaftet der Konstruktivismus noch mit der empiristischen Erkenntnistheorie ist. Das Abbild kann nur als auf Wahrnehmung beruhendes Abbild verstanden werden. Die unreflektierte Annahme, Erkenntnis beruht letztlich auf Wahrnehmung, kennzeichnet auch die Diskussion im Blog Arte-Fakten. Es ist das Verdienst des Konstruktivismus nachgewiesen zu haben, dass eine solche Abbildtheorie mit den Ergebnissen der modernen Neurophysiologie unvereinbar ist. Das impliziert aber nicht die Annahme, dass die Erkenntnistheorie grundsätzlich keine Abbildtheorie sein kann. Erkenntnisse müssen nur als Abbilder der Realität aufgefasst werden, die auf andere Weise als durch Wahrnehmung zustande kommen. Mit dieser Annahme entfällt die logische Notwendigkeit, auch die Kategorie der Realität aus der Erkenntnistheorie zu entfernen. Sie erweist sich vielmehr als Denknotwendigkeit, denn ohne die Kategorie der Realität bliebe auch die Kategorie des Abbildes inhaltsleer.

Eine Lösung dieses Problems besteht darin, die Kategorie der Erkenntnis zwar nicht ohne Realität, aber ohne Wahrnehmung zu konstruieren. Erkenntnisse bleiben dann wie im Konstruktivismus freie Konstrukte des Subjekts. Da der Konstruktivismus mit der Wahrnehmung auch die Realität aus der Erkenntnis entfernt hat, fehlt ihm auch das zweite Glied, um die Erkenntnis als Abbildrelation zu konstruieren. Mit der Einbeziehung der Realität als Denknotwendigkeit in den Erkenntnisbegriff ist diese logische Hürde überwunden. Erkenntnis kann nun verstanden werden als freie subjektive Konstruktion von Abbildern der Realität. Abbilder der Realität müssen nicht durch Wahrnehmung entstehen, sie können auch konstruiert werden.

Damit stellt sich die Frage nach der „Zuordnungsvorschrift“, nach der die freien Konstrukte der Realität als deren Abbild zugeordnet werden sollen. Diese Zuordnungsvorschrift kann nicht mehr durch den Wahrnehmungsprozess begründet werden. Der Konstruktivismus bietet zwei Kriterien an, nach denen Konstrukte zu bewerten sind: den Konsens und die Eignung als Orientierungsgrundlege.

Die letztgenannte Bestimmung ist eine der Hilfskonstruktionen, durch die der Realität quasi durch die Hintertür wieder Einlass in die konstruktivistische Erkenntnistheorie verschafft wurde, denn die Notwendigkeit der Orientierung ist nur durch die Annahme einer Realität begründbar, in der sich das Subjekt orientieren muss. In dieser Konstruktion wird auch die Wahrnehmung wieder in die konstruktivistische Theorie eingeführt, denn die Orientierung erfolgt in dieser Sicht weiter über die Sinnesorgane. Auch in diesen Versionen des Konstruktivismus bleibt weiterhin bestritten, dass durch die Orientierung über die Sinnesorgane ein Abbild der Realität entsteht.

In dieser Argumentation macht sich eine weitere Enge der Sichtweise der konstruktivistischen Erkenntnistheorie bemerkbar. Sie kennt keine andere Verbindung zwischen Subjekt und Realität als die Wahrnehmung. Betrachtet man das Subjekt aber als tätiges Subjekt, das sich durch seine Tätigkeit selbst erhält, dann erweist sich die Tätigkeit eine eigenständige und unmittelbare Verbindung zwischen Subjekt und Realität, die keiner Vermittlung durch Sinnesorgane bedarf (wenn sie diese auch zulässt).

Eine erfolgreiche Tätigkeit, durch die sich das Subjekt tatsächlich erhält, begründet eine eindeutige Zuordnungsvorschrift, die das Konstrukt der Realität als deren Abbild (im Sinne eines mathematischen Abbildungsbegriffs) zuordnet. In dieser Sicht ist die Erkenntnis ein konstruiertes Bild für die Realität und nicht mehr wie im Empirismus ein Bild von der Realität, sie ist nicht mehr deren Widerspiegelung.

Bleibt die Frage, wie nun die Wahrnehmung mit der Erkenntnis zusammenhängt. Offensichtlich ist, dass Erkenntnis nie ohne Beteiligung der Wahrnehmung erfolgt, sie erklärt sie nur nicht. Wahrnehmung ist kein Erklärungsprinzip für Erkenntnis, es ist eher umgekehrt. – Aber das ist schon Stoff für einen neuen Beitrag.

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Wozu ist Schule da?

22. Februar 2009 - 10:46 Uhr

Cartoon 

Hans Traxler, Chancengleichheit, in: Michael Klant , [Hrsg.] , Schul-Spott : Karikaturen aus 2500 Jahren Pädagogik ,Fackelträger, Hannover 1983, S. 25

In ihrem Blogbeitrag „Gedanken zum individualisierten Unterrichten“ erörtert lisarosa Probleme der Gleichheit und Gerechtigkeit in den Anforderungen an die Schüler.

Das Bild suggeriert die Vorstellung, dass alle Menschen verschieden sind und deshalb ebenso wenig mit dem gleichen Maß zu messen seien wie die dargestellten Tiere. Dabei wird das individualistische Verständnis des Menschen auf die Betrachtung der Tiere übertragen. In diesem Verständnis wird unterstellt, dass die verschiedenen Tierarten ein ebenso solipsistisches Dasein fristen, wie es das Bild vom freien, individuellen Menschen vorgibt: Jeder ist seines Glückes Schmied.

Aber die einzelnen Arten der Lebewesen existieren nicht nebeneinander und unabhängig voneinander. Das Leben auf der Erde funktioniert nur als Lebensgemeinschaft, als Biozönose, in der die Verschiedenheit der Einzelnen die Bedingung für die Existenz des Ganzen ist. Löwen können nicht nur nicht ohne Gazellen leben, sondern Gazellen auch nicht ohne Löwen. Deshalb sind Löwen auch nicht den Auslesebedingungen für Gazellen unterworfen und umgekehrt.

Im Unterschied zu den Tieren ist die Verschiedenheit der Menschen jedoch nicht in ihren biologischen Unterschieden begründet, sondern sozialer Natur, denn sie ist in der Arbeitsteilung begründet. Jeder Mensch erfüllt eine spezifische Funktion, der Bäcker bäckt Brot und der Rechtsanwalt schützt Steuersünder von dem Gefängnis. Nur alle zusammen ermöglich die Existenz der jeweiligen Gesellschaft.

Die Vorbereitung auf eine Funktion kann aber nicht Aufgabe der allgemeinbildenden Schule sein. Hier müssen offensichtlich alle dasselbe Lernen, ob sie darin einen persönlichen Sinn sehen oder nicht. In diesem Umstand sind alle Probleme begründet, die heute von „der Schule“ zu lösen sind und die die aktuelle Diskussion um „die Schule“ bestimmen. Im von lisarosa erörterten Zusammenhang möchte ich wenigstens auf folgende hinweisen:

1.     Wie verstehen wir die Gleichheit der Schüler? In Deutschland (und wenigen anderen Ländern) scheint es mindestens drei „Sorten“ von Schülern zu geben, für die drei Schultypen erforderlich sind, Hauptschule, Realschule und Gymnasium. In anderen Ländern wie Finnland oder Schweden gibt es offensichtlich nur eine „Sorte“, denn sie leben mit der Einheitsschule für alle Kinder. Wenn (oder wo) alle Kinder „von Natur aus“ gleich sind, können sie auch in die gleiche Schule gehen.

2.     Unterschiedliche Schulen haben unterschiedliche Funktionen. Gymnasien haben die Funktion, Kinder auf die Hochschule vorzubereiten. Gymnasiasten sollen auf die Universität, Hauptschüler sollen einen praktischen Beruf erlernen. Für beide muss es unterschiedliche Kriterien geben. Elefanten und Robben gehören nicht in die gleiche Schule.

3.     Wenn das dreigliedrige Schulsystem aufgegeben werden soll, dann muss die Einheitsschule alle Schüler auf ein Hochschulstudium vorbereiten. Dazu – so die Befürworter des gegliederten Schulsystems – sind in Deutschland nicht alle Kinder geeignet. In Finnland oder Schweden sind sie es, und in der DDR waren sie es auch. Die Hochschulvorbereitung, auf die alle Kinder vorbereitet werden, schließt sich an die Einheitsschule an. Das „Gymnasium“ existiert nicht neben der Einheitsschule, sondern danach. Für alle sind die Kriterien gleich. Das Gymnasium wird nicht abgeschafft, sondern zur Einheitsschule für alle. Anders ist die Einheitsschule nicht denkbar.

4.     So stellt sich die Frage des persönlichen Sinns wieder anders. Welchen persönlichen Sinn soll ein Hauptschüler in einer Gesellschaft entwickeln, die ihm kaum eine berufliche und noch weniger eine universitäre Perspektive bietet? Ob „Yes we can“ das leistet? Der persönliche Sinn kann sich nur auf der Grundlege der gesellschaftlichen Bedeutung entwickeln, die eine Gesellschaft dem Einzelnen zuweist.

Zurück zum Bild: Wenn die Tiere wüssten, welche Funktion sie im Naturganzen haben, könnten sie ihren persönlichen Sinn finden. So aber leben sie sinnlos still vor sich hin.

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Subjekt und Instinkt III: Tätigkeitstheorie

5. September 2008 - 15:15 Uhr

Während im westlichen Europa die Auseinandersetzung mit der kausalistischen Biologie in der Verhaltensbiologie und der Neurophysiologie geführt wurde, ging man in der Sowjetunion das Problem auch von Seiten der Psychologie an.

Wie in der Biologie erstarkte auch in der Psychologie die behavioristisch orientierte Richtung, welche die Psychologie mit den Methoden der kausalistischen Naturwissenschaften betrieb. Vygotskij hat das in seiner „Krise der Psychologie“ umfassend analysiert, und  seine Analyse hat bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren.

Leont´ev ging das Problem der Psyche von Seiten der Biologie an. Obwohl „gelernter Psychologe“ legte er seinen Überlegungen eine umfangreiche Recherche der Verhaltensbiologie seiner Zeit zugrunde/1/. Leont´ev ging davon aus, dass das Psychische eine spezifische Eigenschaft des Lebendigen ist. Diese Bestimmung war natürlich nicht innerhalb einer Biologie möglich, die das Leben kausalistisch auffasste. Im klassisch-physikalischen Denkrahmen von Ursache und Wirkung ist das Psychische auch nicht als biotische Eigenschaft unterzubringen. Auch Leont´ev musste den kausalistischen Denkrahmen verlassen.

Dazu entwickelte er zunächst seine Vorstellung vom Lebendigen.

 „In der anorganischen Welt stehen die an der Wechselwirkung beteiligten Körper in prinzipiell gleichem Verhältnis zueinander. Das Verhältnis des lebenden Körpers wandelt sich dagegen auf der Stufe des organischen Lebens. Der organische Körper verändert sich, indem er sich selbst erhält, wächst und vermehrt; es handelt sich bei ihm um einen aktiven Prozeß. Der unbelebte Körper dagegen wird durch äußere Einwirkungen verändert. Dieser Sachverhalt läßt sich auch anders ausdrücken: Der Übergang von den Formen der Wechselwirkung, die der anorganischen Welt eigen sind, zu Formen, wie sie für die lebende Materie typisch sind, findet seinen Ausdruck in der Tatsache, daß einerseits ein Subjekt und andererseits ein Objekt der Einwirkung hervorgehoben werden kann.“ (S. 26)„Man kann deshalb das Sein eines Lebewesens nicht nur objektiv, als einen passiven, wenn auch einen fühlenden Prozeß betrachten, sondern muß es unter dem Gesichtspunkt eines sein Leben erhaltenden Subjekts sehen.“ (S.27)„Wir werden die spezifischen Prozesse, die ein Lebewesen vollzieht und in denen sich die aktive Beziehung des Subjekts zur Wirklichkeit äußert, von anderen Vorgängen abgrenzen und als Prozesse der Tätigkeit bezeichnen…. Die grundlegende „Einheit“ des Lebensprozesses ist die Tätigkeit des Organismus“( Leont´ev, S. 29) 

Anstelle der Kategorie der Kausalität benutzt Leont´ev die der Wechselwirkung und mit den Begriffen „Subjekt“ und „Tätigkeit“ erfasst er die aktive Seite des Lebens als einer Komponente dieser Wechselwirkung, die den Aspekt des Unabhängigen der Aktionen der Lebewesen abbildete, also das, was beispielsweise Lorenz u.a. mit dem Terminus „Instinkt“ bezeichneten. Auch damit  musste er den Rahmen naturwissenschaftlichen Denkens nicht verlassen. Mit dem Begriff der Tätigkeit erfasste Leont´ev mehr die Antriebsseite der Aktionen, während die deutsche Ethologie um Lorenz /2/ mehr die Unabhängigkeit der Ausführung der Aktionen von äußeren Einwirkungen im Auge hatte.

 Wir haben es nie zu bereuen gehabt, daß wir die Veränderlichkeit der Instinkthandlung durch Erfahrung rundweg geleugnet haben und folgerichtig den Instinkt wie ein Organ behandelt haben, dessen individuelle Variationsbreite bei allgemeiner biologischer Beschreibung einer Art vernachlässigt werden kann. Diese Auffassung widerspricht nicht der Tatsache, daß manchen Instinkthandlungen eine hohe regulative „Plastizität“ zukommen kann. (S.273)Wenn man nicht den Begriff des Lernens ganz ungeheuer weit fasst, so daß man etwa auch sagen kann, die Arbeitshypertrophie eines vielbenützten Muskels sei ein Lernvorgang, so hat man durchaus kein Recht, die Beeinflussung des Instinktes durch Erfahrung zu behaupten. (Lorenz S. 274) 

Zugleich wird die Unterschiedlichkeit des Herangehens durch die jeweils unterschiedlicher „berufliche Brille“ beider bedingt. Lorenz richtet seinen Blick als Biologe auf die arttypischen Eigenschaften der tierischen Aktionen und abstrahiert dabei notwendigerweise von den individuellen Unterschieden. Leont´ev richtet als Psychologe seinen Blick vordergründig auf eben diese individuellen Eigenschaften der Tiere, für die die allgemeinen Artmerkmale zwar bedeutsam sind, diese aber nicht erklären.

 „Andererseits kann sich das … individuelle Verhalten – diese Tatsache ist noch offensichtlicher – stets nur auf der Grundlage des instinktiven Artverhaltens bilden. Das bedeutet: Ebenso wie es kein Verhalten gibt, das ausschließlich durch angeborene, von Umwelteinflüssen unabhängige Bewegungen realisiert wird, gibt es keine Fertigkeiten oder bedingten Reflexe, die nicht von angeborenen Momenten abhingen.“ (S.141)Die Mechanismen des individuellen Verhaltens „   unterscheiden sich von denen des Artverhaltens vor allem insofern, als in ihnen die Fähigkeit zu einem Verhalten fixiert ist, mit dessen Hilfe die individuelle Anpassung erfolgt, während in den Mechanismen des Artverhaltens das Verhalten selbst fixiert ist. (Leont´ev, S237) 

Die Postulierung autonomer Aktionen – gleichgültig ob man sie nun „Instinkte“ oder „angeborenes Artverhalten“ nennt – ist in jedem Fall eine logisch erforderliche Voraussetzung eines subjektwissenschaftlichen Konzepts für Biologie und Psychologie. Beide Wissenschaften unterscheiden sich u.a. in der Fragestellung. Die (kausalistische) Biologie fragt nach der Entstehung des angeborenen Artverhaltens und sucht ihre Antworten in Evolutionstheorie und Genetik. Die (individualwissenschaftliche) Psychologie fragt nach der Entstehung der Individualität der Aktionen, die sich zwar auf der Grundlage des Angeborenen entwickelt, dadurch aber nicht erklärt werden kann.

Leont´ev löst die Frage nach der Beziehung des instinktiven Artverhaltens zum Individuellen mit der Kategorie der Tätigkeit.

  „Wie wir schon darlegten, wird die Tätigkeit, die die unmittelbaren biologischen, instinktiven Beziehungen der Tiere zur Umwelt realisiert, stets durch die Gegenstände angeregt, die ein biologisches Bedürfnis befriedigen, und ist auch auf diese gerichtet. Bei den Tieren entspricht jede Tätigkeit einem unmittelbaren biologischen Bedürfnis; jede Tätigkeit wird durch einen Gegenstand ausgelöst, mit dem sie ein biologischer Sinn verbindet: der Sinn eines Gegenstandes, der ein Bedürfnis unmittelbar befriedigt; und es gibt bei Tieren auch keine Tätigkeit, die ihrem letzten Kettenglied unmittelbar auf diesen Gegenstand gerichtet wäre. (S 168) 

Im Begriff der Tätigkeit wird das Artverhalten in seiner individuellen Ausgestaltung abgebildet, während im verhaltensbiologischen Begriff des Verhaltens das Arttypische dominiert. Verhalten ist Verhalten der biologischen Art, Tätigkeit ist Tätigkeit des Individuums.

Da die tierische Tätigkeit auf die Selbsterhaltung des (individuellen) Subjekts gerichtet, wird sie zu einer individualwissenschaftlichen Kategorie. Selbsterhaltung ist die Erhaltung des individuellen Subjekts /3/ und kann nur durch die individuellen Bedürfnisse des Subjekts erklärt werden. Zugleich ist sie auf einen externen Gegenstand gerichtet, in dem das subjektive Bedeutung objektiviert, vergegenständlicht wird. Der objektiv gegebene Gegenstand erhält so einen subjektiven Sinn.

Diese grundlegenden Elemente des Begriffssystems der Tätigkeitstheorie /4/ ermöglichen es, die individuelle Gestaltung angeborenen Artverhaltens schlüssig zu erklären. Die Tätigkeitstheorie Leont´evs ist keine psychologische, wie manche Psychologen meinen, sondern eine individualwissenschaftliche Theorie und als diese wissenschaftsübergreifend.

Der Begriff der Tätigkeit hat die Potenzen, Biologie und Psychologie auf eine gemeinsame naturwissenschaftliche Grundlage zu stellen und so beide in ihrer jeweiligen Eigenart zu betreiben. Dazu ist es aber erforderlich, dass die traditionelle Biologie und die traditionelle Psychologie ihre subjektwissenschaftliche Gemeinsamkeit erkennen. Beide müssen ernsthaft davon ausgehen, dass die Psyche eine biologische Eigenschaft aller tierischen Lebewesen – also auch des Menschen – ist, die beim Menschen ihre spezifische gesellschaftliche Gestalt annimmt. Nur so können sowohl die tierische wie die menschliche Psyche in ihrer jeweiligen Eigenart verstanden werden. Wenn man die tierische Psyche nicht versteht, versteht man auch die menschliche nicht – und umgekehrt.

  

/1/ Leontjew, Alexej (1964): Probleme der Entwicklung des Psychischen, Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin

/2/ Lorenz, Konrad (1992): Über tierisches und menschliches Verhalten - Gesammelte Abhandlungen I, Piper & Co.Verlag, München, Zürich

/3/ Aktionen, die sich auf die Erhaltung der Art richten, sind folglich definitionsgemäß keine Tätigkeiten. Ich habe vorgeschlagen, sie „Handlungen“ zu nennen.

/4/ Zu Fragen der Tätigkeitstheorie habe ich mich auf meiner Website mehrfach geäußert (1, 2, 3).

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