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RealitÀt, Natur, Kultur

21. Juli 2009 - 09:28 Uhr

Irgendwann fĂŒhrt die Reflexion der Ergebnisse des eigenen wissenschaftlichen wie politischen Denkens zur der Frage: „Warum denke ich eigentlich, was ich denke?“ Was sind die Voraussetzungen, die, meist unausgesprochen und unreflektiert, dem eigenen Denken zugrunde liegen und die den Ergebnissen des eigenen Denkens erst ihren Sinn geben?

Die Beantwortung dieser Frage erfordert eine neue Form des eigenen Denkens, denn sie kann nie einen Inhalt erlangen, den man bisher als „objektiv“ zu bezeichnen gewohnt war. Die zu erreichende Antwort ist in höchstem Maße subjektiv und war zumindest bei mir mit heftigen Emotionen und GefĂŒhlsausbrĂŒchen begleitet.

In seinem Blog „Arte-Fakten“ hat Jörg Friedrich mit seinen AusfĂŒhrungen zum Realismus-Problem verdienstvoller Weise eine stellenweise auch emotional gefĂŒhrte Debatte ausgelöst. Manches erinnerte mich an meine eigene Auseinandersetzung mit diesem Problem. Manche Emotionen beruhen auch darauf, dass man einander nicht versteht, weil die Teilnehmer von unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen, die sie zumindest in der Debatte nicht reflektieren. Aber eben diese Voraussetzungen wĂŒrden aber erklĂ€ren, warum der eine so und der andere so denkt.

Meine Antworten auf die Frage, warum ich in dieser oder jener Frage so und nicht anders denke, haben es mir ermöglicht, diese Diskussion mit Interesse und VergnĂŒgen zu verfolgen. Einige dieser Antworten habe ich in Thesen zusammengefasst. Diese - vorlĂ€ufigen - Resultate meines Denkens bilden nun die Voraussetzungen meines Denkens. Sie sind die Antwort auf die eingangs formulierte Frage nach dem „Warum?“ Wenn ich diese PrĂ€missen ebenfalls der Frage nach dem Warum? unterziehen wĂŒrde, dann hieße die Antwort: „Weil ich anders nicht denken kann.“ Hinter diesen PrĂ€missen steht nichts mehr.

 

1.     Bewusstes, reflektierendes Denken muss mit der Frage anfangen, worĂŒber es denkt, wovon es sich Gedanken macht. Gibt es etwas außer dem Denken, ĂŒber das gedacht werden kann, oder denkt das Denken nur von sich selbst.

2.     Die RealitĂ€t ist das, was es wirklich, außer dem Denken gibt und worĂŒber gedacht wird. Eine Welt ohne RealitĂ€t wĂ€re eine solipsistische Welt.

3.     Die RealitÀt gibt es (heute) nur in Bezug auf den Menschen, der Mensch mit der RealitÀt wechselwirkt. Eine RealitÀt ohne Mensch ist aber denkbar, der Mensch ohne RealitÀt nicht.

4.     Die RealitĂ€t ist also die RealitĂ€t in Bezug auf den Menschen, eine RealitĂ€t ohne Mensch gibt es heute nicht wirklich. Die RealitĂ€t ohne Menschen ist ein Konstrukt, eine RealitĂ€t ohne Menschen existiert (heute) nicht wirklich, sondern nur als Konstrukt. Dieses Konstrukt ist aber denknotwendig, wenn auch nicht evident. Ohne dieses Konstrukt können wir auch den Menschen in der RealitĂ€t nicht denken. Ohne das Konstrukt einer RealitĂ€t außer dem Menschen bleibt das Menschenbild solipsistisch, und ein solches Menschbild will ich nicht.

5.     Die Frage, ob es je (vor dem Menschen) eine RealitĂ€t gab, kann nur durch eine Hypothese beantwortet werden. Eine RealitĂ€t ohne Mensch kann nur als hypothetisches Konstrukt existieren, indem man den Menschen aus der Welt heraus denkt. Das Konstrukt „RealitĂ€t ohne Mensch“ ist nicht verifizierbar, da Verifikation nur durch den Menschen erfolgen kann. SpĂ€testens in der Verifikation muss der Mensch sich wieder in die RealitĂ€t hineindenken.

6.     Folglich ist der Begriff „Natur“ auch ein Konstrukt. Real, wirklich ist nur die die menschliche Welt, die vom Menschen gemachte oder gedachte Welt. Das, worauf wir zeigen können, ist Artefakt, ist Kultur, die Natur können wir nur denken.

7.     Die Gesetze der Naturwissenschaften bilden folglich nicht die „Natur“ ab, sondern nur das, was der Mensch (z.B. der Experimentator) „gemacht“ hat. Dann denkt er sich raus aus der TĂ€tigkeit und tut so, als ob es die Gesetze der Physik auch ohne ihn gĂ€be. Das aber ist nicht verifizierbar, aber denknotwendig. Tatsachen sind also im Sinne des Wortes Tat-Sachen, getane Sachen, nicht aber die Sache außer der Tat.

8.     Die Natur ist die Welt, aus welcher der Mensch „rausgerechnet“ wurde. Die Kultur ist die Welt, so wie sie wirklich (tatsĂ€chlich) existiert.

 In seinen Maximen und Reflexionen meint Goethe: „Wir wissen von keiner Welt, als im Bezug auf den Menschen; wir wollen keine Kunst, als die ein Abdruck dieses Bezugs ist.“ - Und ich will auch keine Wissenschaft, die nicht Abbild dieses Bezugs ist.

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