Wenn die Fliege aber keine Lust hat…

Vor einigen Tagen veröffentlichte die SĂŒddeutsche Zeitung ein Interview mit Björn Brembs, in dem es um der freien Willen von Fruchtfliegen geht. Am besten gefiel mir das sogenannte Harvard Law of Animal Behavior: “Unter exakt kontrollierten Versuchsbedingungen macht ein Tier genau das, wozu es gerade Lust hat.” Besser gehtÂŽs nicht!Das wird auch durch die Ergebnisse von Experimenten belegt: Wenn man 100 Fliegen vor eine Lampe setzen, krabbeln ungefĂ€hr 70 Fliegen auf das Licht zu und die anderen 30 davon weg. Testet man diese 30 noch einmal, tritt wieder diese 70-30-Prozent Aufteilung auf. Das ist auch so, wenn man die 79 Lichtkrabbler erneut vor die Lampe setzt. Es kann also keine genetische oder andere Festlegung sein - jede Fliege trifft jedes Mal neu eine Entscheidung.Nun will das natĂŒrlich wissenschaftlich erklĂ€rt werden. Neben der Kategorie Lust und einem diffusen Hintergrundrauschen wird auch der Zufall bemĂŒht.Es zeigt sich wieder einmal, dass die biologischen Wissenschaften noch nicht ĂŒber ein Begriffssystem verfĂŒgen, das es ermöglichen wĂŒrde, Ereignisse wie die beschriebenen hinreichend prĂ€zise abzubilden.

In seinem Paper Towards a scientific concept of Free Will as a biological trait: spontaneous actions and decision-making in invertebrates setzt sich Brembs mit der aktuellen Diskussion zum Begriff des freien Willens auseinander und kommt zu Ă€hnlichen EinschĂ€tzungen. Besonders bedeutsam scheint mir der Ansatz, den reflextheoretischen Begriff der Reaktion („response“) durch den Begriff der TĂ€tigkeit („action“) zu ersetzen. Dort heißt es:

“Another concept that springs automatically from acknowledging behavioural variability as an adaptive trait is the concept of actions. In contrast to responses, actions are behaviours where it is either impossible to find an eliciting stimulus or where the latency and/or magnitude of the behaviour vary so widely, that the term ‘response’ becomes useless.”

Zur Beschreibung des TĂ€tigen, des Subjekts der TĂ€tigkeit, schlĂ€gt er den Terminus „Selbst“ vor. Dieser Gedanke resultiert wohl daraus, dass Brembs die Frage des Willens aus neurophysiologischer Sicht betrachtet. Der Begriff des Selbst artikuliert einen introspektiven Aspekt und erfordert mindestens eine zweite Betrachtungsebene, von der aus das Individuum sich als Selbst reflektiert. Das geht auch aus den Beispielen hervor, die mangels einer Definition herangezogen werden. Aber gerade das lĂ€sst wieder metaphysische Interpretationen zu, gegen die Brembs expressis verbis argumentiert. Hier hilft nur ein Begriff des Willens, der mit den physikalischen Gesetzen vertrĂ€glich ist.

Der grĂ¶ĂŸte Nachteil einer ausschließlich neurophysiologischen Sicht auf den Willen ist aber, dass damit nur mehrzellige Tiere mit einem Nervensystem erfasst werden. Einzellige Tiere und Pflanzen bleiben außen vor. Das aber hat Konsequenzen fĂŒr die Beantwortung der Frage nach der Evolution des Willens. Wenn Pflanzen keinen Willen haben, muss dieser im Verlauf der Evolution mit der Entstehung des Nervensystems entstehen. Das Leben von Pflanzen und das von Tieren könnten dann nicht mehr einheitlich erklĂ€rt werden, was zu schwerwiegenden WidersprĂŒchen in der Theorie des Lebendeigen fĂŒhrt.

NatĂŒrlich stutzt man zunĂ€chst, wenn Pflanzen ein Wille zugeschrieben wird. Das legt sich aber, wenn man das eine oder andere der folgenden Videos betrachtet. Wissenschaftler haben kein Problem damit, Pflanzen Eigenschaften zuzuschreiben, die man gemeinhin nur Tieren zuschreibt.

Was Pflanzen zu sagen haben (DasErste-Mediathek)

Geistreiches aus der Pflanzenwelt (YouTube)

Erlebnis Erde (YouTube)

Die weitere theoretische Arbeit an der Kategorie des Willens ist wichtig fĂŒr die weitere Ausarbeitung einer einheitlichen Theorie des Lebens und letztendlich fĂŒr das VerstĂ€ndnis des freien Willens des Menschen.

Kategorie: Allgemein, Freier Wille, Subjekte

2 Reaktionen zu “Wenn die Fliege aber keine Lust hat…”

  1. TomGard

    Hallo Georg,
    die “metaphysischen Interpretationen” des “Selbst” sind dekonstruiert, macht man sich klar, daß “Introspektion” mit dem Terminus Lust(handeln) gar nicht verheiratet, nicht einmal verlobt ist. Es genĂŒgt ein biochemisches “Logbuch” des Organismus, eine Trajektorie aus Zustandsprotokollen nebst einer “Lese”vorichtung, welche die letzten EintrĂ€ge nach ihren zwei Dimensionen (Zustandsvariablen + VerĂ€nderungen in der Zeit) mit voran gegangenen abgleicht. Dies System generiert kein “Selbst” im menschlichen Sinne, aber sehr wohl eine informationelle “Eigenzeit”, weil die Zustandsvariablen nach der Abfolge ihrer VerĂ€nderungen geschieden werden und im Lesevorgang strukturierte Muster bilden. Diese Muster können dann Reiz-Reaktions-Schemata strukturieren.

    Bekommt - einen Schritt weiter - der Logscan ein eignes Log, können die Schemata bereits nach Maßgabe einer “Erinnerung” strukturiert werden.

    Mal so rein spekulativ eingewandt :)

    Gruß
    Thomas

  2. Verhalten versus TÀtigkeit - Wille versus KausalitÀt

    […] versus TĂ€tigkeitDie Wahrnehmung der 5. DimensionWenn die Fliege aber keine Lust hat…Die ideologischen Fesseln der TĂ€tigkeitstheorieUexkĂŒll und die EvolutionstheorieDer freie Wille […]


Kommentar schreiben

Kommentar