Kategorie: Erkenntnis


Ăśber den Erkenntnisbegriff

14. Mai 2012 - 10:11 Uhr

Erkenntnis und Realität

Auch Piaget hat ĂĽber die Frage nachgedacht, wie Erkenntnistheorie nicht als Philosophie sondern als Objektwissenschaft betrieben werden kann. Er meint, dass Objektwissenschaften sich im Unterschied zur Philosophie u.a. dadurch auszeichnen, dass sie nicht die Erkenntnis als Ganzes untersuchen, sondern einen abgegrenzten Bereich des Erkennens.

„Der Gegenstand der Philosophie ist die Totalität der Wirklichkeit. Sie umfaĂźt die Realität der Objektwelt. die Realität des Geistes und auch die Beziehungen zwischen diesen beiden Welten. Insofern kann sie ĂĽber keine spezifischen Methoden verfĂĽgen, auĂźer der reflektierenden Analyse. …

Im Gegensatz zur Philosophie steckt sich eine Wissenschaft ein begrenztes Ziel. Eine rechtmäßige Wissenschaftsdisziplin ist sie erst, wenn es ihr gelingt, eine solche Abgrenzung vorzunehmen. Indern sie nach der Lösung spezieller Fragen sucht, erarbeitet sie sich eine oder mehrere spezifische Methoden, die gestatten, neue Fakten zu sammeln und die Interpretationen innerhalb des vorher abgegrenzten Forschungsabschnitts zu koordinieren.“ /1/

Auf diese Weise erreicht eine Wissenschaft im Unterschied zur Philosophie

„..eine gewisse Übereinstimmung der Geister. Sie erreicht aber diese Übereinkunft nur in dem Maße, wie sie begrenzte Probleme löst und wie sie genau definierte Methoden anwendet.“  /2/

Die Abgrenzungen, die Piaget vornimmt bestehen nun darin, nur die wissenschaftliche Erkenntnis zu untersuchen und diese nur im Prozess ihrer Entwicklung. Deshalb bezeichnet er seine Erkenntnistheorie als „genetische Erkenntnistheorie“.

Gegenstand der genetische Erkenntnistheorie ist folglich einerseits die historische Entwicklung einer bestimmten Erkenntnis, beispielsweise des Zahlbegriffs und andererseits die Entwicklung dieser Erkenntnis im Prozess der Entwicklung des individuellen Intellekts.

Dadurch wird die genetische Erkenntnistheorie zu einer wesentlich psychologischen Theorie. Auch die Entwicklung der objektiven wissenschaftlichen Erkenntnis wird als Ergebnis der Entwicklung aufeinanderfolgender individueller Erkenntnisse betrachtet. Die eigenständige Entwicklung einer „objektiven Erkenntnis“ wie sie beispielsweise bei Frege oder Popper dargestellt wird, ist im Rahmen der genetischen Erkenntnistheorie nicht denkbar. Das ist die gewusste und gewollte Folge dieser Begrenzung des Gegenstandes.

Eine andere Folge dieser Begrenzung ist der Verzicht auf die Formulierung eines allgemeinen Begriffs der Erkenntnis.

„Eine Erkenntnistheorie, die Wert darauf legt, selbst wissenschaftlich zu sein, wird sich deshalb hüten, gleich im Anfang zu fragen, was Erkenntnis sei. Auch die Geometrie vermeidet es, a priori zu entscheiden, was der Raum sei, und die Physik verzichtet anfänglich auf die Frage nach der Materie. Sogar die Psychologie nimmt vorerst nicht Stellung zur Natur des Geistes.

Für die Wissenschaften gibt es keine allgemeine Kenntnis, nicht einmal kurzerhand eine wissenschaftliche Erkenntnis. Es existieren vielfache Formen der Erkenntnis, von denen jede eine endlose Reihe von speziellen Problemen aufwirft.“ /3/

Nun ist es aber gerade mein Anliegen, eben einen allgemeinen aber zugleich objektwissenschaftlichen Begriff der Erkenntnis zu entwickeln.

Der philosophische Ansatz der Erkenntnis besteht u.a. darin, die Erkenntnis in Bezug auf die Realität zu definieren, Erkenntnis also als Glied einer zweistelligen Relation aufzufassen, deren zweites Glied die Realität ist.

Der Begriff der Realität wird gewöhnlich mit zwei Merkmalen ausgestattet: Realität ist im Unterschied zum Ideellen, zur Erkenntnis wirklich, und Realität ist unabhängig, unabhängig von menschlicher Tätigkeit und unabhängig von menschlicher Erkenntnis.

Was nicht Realität ist, gibt es in diesem philosophischen Zusammenhang nicht.

Diese Relation verhindert aber jede Begrenzung, sie bildet keinen Rahmen, in dem gedacht werden kann, denn „Realität“ ist ein Begriff, der alles umfasst. Außer der Realität ist nichts. Bleibt man in diesem philosophischen Zusammenhang, muss Erkenntnis als Etwas bestimmt werden, das außerhalb und unabhängig von Realität ist.

Eine Begrenzung ist bei Beibehaltung dieses philosophischen Rahmens nicht machbar, denn bei jeder Begrenzung geht die (philosophische) Allgemeinheit verloren.

Manchmal wird versucht, diese Allgemeinheit durch Zwischenglieder oder weitere Glieder außerhalb dieser Relation auf den Begriff zu bringen. So wird beispielsweise der Begriff des Subjekts als ein solches Glied aufgefasst. Je nach der Rolle des Subjekts in dieser Beziehung erhält die darauf entwickelte Erkenntnistheorie ihren spezifischen „Touch“, durch den erkenntnistheoretische Grundrichtungen wie Empirismus oder Konstruktivismus gekennzeichnet sind.

Der empiristische Standpunkt besagt, dass Erkenntnis die Realität ideell abbildet. Konstruktivistische Standpunkte versuchen einen anderen Rahmen, indem sie dem Begriff der Realität nicht mehr das Merkmal der Unabhängigkeit von der Erkenntnis zuschreiben, sondern Realität als Konstrukt des Erkennens auffassen. Damit wird die dann oft als „Wirklichkeit“ bezeichnete Realität in den Rahmen der Erkenntnis eingeordnet. Die Frage nach einer Entität außerhalb der Erkenntnis ist damit gegenstandslos.

Es muss also versucht werden einen anderen begrifflichen Rahmen zu entwickeln, in dem die Begriffe Realität und Erkenntnis eingeordnet werden können, ohne ihre Allgemeinheit zu verlieren.

Erkenntnis und Wahrnehmung

Auch der Begriff der Erkenntnis umfasst zwei Merkmale, die Wahrnehmung und die daraus entwickelte eigentliche, „theoretische“ Erkenntnis. Während zumindest auch höhere Tiere zur Wahrnehmung befähigt sind, wird das Erkennen meist als nur dem Menschen zukommende Fähigkeit angesehen, die an die Sprache gebunden ist. Soweit die evolutionäre Erkenntnistheorie Erkennen als allgemeine Fähigkeit des Lebens ansieht, reduziert sie Erkennen auf Steuerung des Verhaltens oder auf Wahrnehmung. Damit wird das spezifisch Menschliche aus dem Begriff der Erkenntnis eliminiert und muss später durch Hilfskonstruktionen angefügt werden.

In der konstruktivistischen Erkenntnistheorie existiert das Problem der Beziehung von Erkenntnis und Realität nicht. Folglich gibt es auch kein Wahrheitsproblem. Wahrnehmung und Erkenntnis finden ausschließlich im geistigen Bereich statt, denn beide sind Leistungen des Nervensystems.

Am klarsten kommt das in der Theorie der Wahrnehmungskontrolle von W. Powers zum Ausdruck. Nach Powers besteht das Verhalten nicht darin, Handlungen zu steuern, sondern Wahrnehmungen. Dazu wird im Gehirn eine „Referenz-Wahrnehmung“ erzeugt, mit der die tatsächliche Wahrnehmung verglichen wird. durch die Steuerung der Muskulatur werden Abweichungen des Wahrnehmungssignals vom Referenzsignal ausgeglichen.

Der Charme dieser Auffassung besteht darin, dass sie mit den Ergebnissen der experimentellen Neurologie durchaus vereinbar sind, was für empiristische Auffassungen keineswegs gilt. Und solange erkenntnistheoretisches Denken im Rahmen der Variablen „Wahrnehmung – Erkenntnis“ verharrt, kann man kaum zu wesentlich anderen Auffassungen kommen.

Wenn man sich nur zwischen den Variablen „Wahrnehmung“ und „Erkenntnis“ bewegt, bleibt als Kriterium der Prüfung der Erkenntnis nur die Wahrnehmung, und dass diese dazu ungeeignet ist, wussten schon die alten Griechen.

Es ist ja nicht so, dass zumindest der radikale Konstruktivismus die Existenz einer vom Menschen unabhängigen Realität bestreitet, sie kommt nur im Variablensystem seiner Erkenntnistheorie nicht vor, und deshalb kann Erkenntnis nichts über die Realität aussagen und auch nicht durch Wahrnehmung von Realität geprüft werden.

Andererseits wird die Realität erkennender Subjekte als selbstverständlich vorausgesetzt, nur hat dies nichts mit Wahrnehmung oder Erkenntnis zu tun. Verhalten wird nicht als Beziehung zur Realität aufgefasst, sondern als Steuerung der Wahrnehmung angesehen.

Erkenntnis und Tätigkeit

Die Beziehung des Menschen zur Realität ist aber nicht nur die. Eine umfassende Beziehung des Menschen zur Welt ist die menschliche Tätigkeit. Diese Beziehung ist weiter als die Erkenntnisbeziehung  und deshalb geeignet, einen Rahmen zu bilden, in dem auch die Erkenntnis  ihren Platz findet.

Die Pole des allgemeinen Begriffs der Tätigkeit sind das Subjekt und seine Umwelt. Beide sind Elemente der Realität. Für Tier und andere nichtmenschliche Lebewesen ist die Umwelt immer nur der Teilbereich der Realität, zu dem das Lebewesen eine Beziehung aufnehmen kann. Dieser Teilbereich ist subjektiv, d.h. er wird von der funktionellen Ausstattung des individuellen Subjekts bestimmt. /4/

Für den entwickelten, den gesellschaftlichen Menschen ist das anders. Mittels seiner Kultur und seiner Sprache vermag er in Beziehung zur gesamten Realität zu treten. Er hat Begriffe und Termini auch für das, was er (noch) nicht kennt und (noch) nicht weiß. Die Umwelt des Menschen ist die ganze Welt, die Realität.

Eine weitere Besonderheit der Tätigkeit menschlicher Subjekte ist, dass wesentliche Tätigkeiten arbeitsteilig-kooperativ ausgeführt werden und die konsumierbaren Resultate der Tätigkeit erst in der Tätigkeit gesellschaftlicher Subjekte zustande kommen. Das Individuum kommt erst durch die Verteilung in den Genuss der Resultate seiner Tätigkeit.

Die Steuerung solcher Tätigkeit erfordert andere psychische Bilder als die Tätigkeit tierischer Subjekte. Diesen  genügt die Wahrnehmung. Alle Komponenten und Etappen der individuellen Tätigkeit sind der unmittelbaren Wahrnehmung durch das tätige Individuum zugängig.

Auf diese Tätigkeit trifft zu, was die evolutionäre Erkenntnistheorie meint, wenn sie die Sinnesorgane und Nervensystem als die „Apparate der Erkenntnis“ /5/ beschreibt.

Für die an Sprache und andere gesellschaftliche Darstellungsformen gebundene Erkenntnis des Menschen gilt das nicht mehr. Die Apparate der Erkenntnis sind nicht die Organe des Nervensystems, sondern die sprachlichen und anderen kulturellen Entitäten, mit denen der Mensch seine Erkenntnis darstellt. Die Organe des Nervensystems sind nur die Apparate der Wahrnehmung, nicht aber die der menschlichen Erkenntnis.

Darstellen ist eben nicht wahrnehmen, und Erkenntnis kann nicht auf Wahrnehmung reduziert werden. Darstellungen können auch nicht einfach wahrgenommen werden, wie die Diskussion um die „5. Dimension der Wahrnehmung“ zeigt. Das Verhältnis zwischen Wahrnehmung und (dargestellter, objektiver) Erkenntnis gehört vielmehr zu den grundlegenden Problemen der Theorie menschlichen Erkennens.

Beide gehören in den Bereich der Steuerung der arbeitsteilig-kooperativen Tätigkeit des Menschen. Die Realität hingegen ist ein eigenständiges Glied in der Beziehung des gesellschaftlichen Menschen zu seiner Umwelt. Durch seine Tätigkeit gliedert der Mensch die Realität in sich als Subjekt und seine Umwelt. Der Begriff der Umwelt bildet so die Realität in Bezug auf den Menschen ab.

Die begriffliche Abbildung von Realität und Erkenntnis erfolgt also in unterschiedenen Relationen, die nicht unmittelbar in Beziehung stehen, sondern vermittelt durch die gesellschaftliche, d.h. arbeitsteilig-kooperative Tätigkeit der Menschen.

 

Anmerkungen:

/1/ Piaget, Jean (1975): Die Entwicklung des Erkennens I, Ernst Klett, Stuttgart, S.13,

/2/ Ebenda, S. 14,

/3/ Ebenda, S. 17,

/4/ Auf diesen Zusammenhang hat UexkĂĽll als erster hingewiesen: UexkĂĽll, Jacob von (1928): Theoretische Biologie, Verlag von Julius Springer, Berlin.

/5/ Vgl. z.B. Lorenz, Konrad (1997): Die RĂĽckseite des Spiegels, Piper & Co. Verlag, MĂĽnchen, ZĂĽrich

 

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Ein hinderliches Vorurteil der Physik

28. Januar 2012 - 15:00 Uhr

In seinem Blog „Die Natur der Naturwissenschaft” hat Honerkamp einen lesenswerten Beitrag ĂĽber Vorurteile und Vorwissen in der Physik geschrieben. Darin geht es u.a. darum, welche Bedeutung Vorurteile und Vorwissen fĂĽr die Bewertung von experimentellen Daten haben.

In den Wissenschaften wird das Vorurteil gewöhnlich „Paradigma” genannt, das die Wissenschaftler eines Faches oder einer wissenschaftlichen Schule eint. Dieses wissenschaftliche Vorurteil hilft nicht nur bei der Bewertung experimentellen Daten, sondern hat auch groĂźen - oft bestimmenden - Einfluss darauf, welche Experimente ĂĽberhaupt gemacht und welche Daten gewonnen werden können.

Eines der stärksten Vorurteile der Physik ist die Auffassung, das jedes Ereignis eine Ursache haben müsse, aus dem man dieses Ereignis vorher sehen und berechnen könne. In diesem Paradigma dachte wohl Newton, als er die Schwerkraft entdeckte.

 newtosapfel.gif

Wie kolportiert wird, lag Newton unter einem Apfelbaum, als sich plötzlich einer löste und im auf den Kopf fiel. Erst wenn man denkt, dass nichts ohne Ursache geschieht, stellt sich die Frage, was denn die Ursache für diese Bewegung des Apfels ist. Mit dem Konzept der Schwerkraft kann diese Frage logisch widerspruchsfrei beantwortet werden.

Die Frage aber, warum sich ein Vogel, der auf dem Ast sitzt, an dem der Apfel hing, plötzlich und von allein in die Luft erhebt und entgegen der Schwerkraft davon fliegt, ist in diesem Paradigma nicht zu beantworten. Die Antwort „weil er das tun will” hat im kausalistischen Paradigma keinen Platz, der Wille ist - noch - keine Kategorie der Physik.

So wertvoll das Kausalitätsparadigma in der Physik auch sein mag, in anderen Wissenschaften gilt es nicht. Hemmend wirkt aber, dass dieses Paradigma zum Kriterium von Wissenschaftlichkeit und besonders der Naturwissen­schaften schlechthin gemacht wurde. Seine Anwendung auch auf die Geisteswissenschaften fĂĽhrt dazu, dasss die Geisteswissenschaften manchen Naturwissenschaftlern suspekt erscheinen, wenn sie nicht gar als „Verbalwissenschaften” zu Wissenschaften 2. Klasse degradiert werden. 

Die Biologie - und in ihrem Gefolge die Psychologie - wollen sich selbst als Naturwissenschaften begreifen. Um Vorgänge, wie das Fortfliegen des Vogels beschreiben zu können, haben sie das Konzept des Verhaltens entwickelt, in dem die Kategorien „Reiz” und „Reaktion” die Leerstellen von Ursache und Wirkung besetzen, womit sie es sich unter den wärmenden Fittiche der Physik bequem gemacht haben. Das aber ist trĂĽgerisch: Der Zusammenhang Reiz - Reaktion ist nicht physikalisch, sondern informationell, und keine Reaktion kann aus den physikalischen Parametern des Reizes berechnet werden. Damit hat die Biologie sich ebenso wie die Physik der Aufgabe entledigt, eine physikalische Kategorie des Willens zu entwickeln.

Diese Aufgabe wurde bereits von Schrödinger im Jahre 1944 weitsichtig formuliert:

„Man wird nicht erwarten, daß zwei vollständig voneinander verschiedene Mechanismen die gleiche Art von Gesetzlichkeit hervorbringen - man wird schließlich auch nicht erwarten, daß der eigene Hausschlüssel auch zur Türe des Nachbarn paßt.

Die Schwierigkeit, den Lebensvorgang mit Hilfe der gewöhnlichen physikalischen Gesetze zu deuten, braucht uns deswegen nicht zu entmutigen. Die Einsicht in die Struktur der lebenden Substanz, die wir gewonnen haben, läßt ja nichts anderes erwarten. Wir mĂĽssen bereit sein, hier physikalische Gesetze einer ganz neuen Art am Werk zu finden. Oder sollten wir lieber von einem nichtphysikalischen, um nicht zu sagen ĂĽberphysikalischen Gesetz sprechen?” /1/

Es ist also an der Zeit, ein physikalisches Konzept des Willens zu entwickeln, in dem biotische Aktionen begrifflich und terminologisch widerspruchsfrei beschrieben werden können.Aber auch diese Begriffe ermöglichen es nicht, die Kategorie des Willens physikalisch zu fassen. Der Begriff des offenen thermodynamischen Systems ermöglicht beschreibt nur Prozesse, die in Richtung des thermodynamischen Gefälles, „bergab” verlaufen. Damit können ohne Zweifel viele biologische Teilprozesse abgebildet werden, aber nicht die Seinsweise von Lebewesen als Ganze. Sie vollziehen Prozesse, die gegen das Gefälle verlaufen, „bergauf“. Das Wachstum, ohne das Leben nicht möglich ist, kann nur als Ergebnis von Prozessen gedacht werden, die „bergauf” ablaufen. Solche Prozesse sind aber innerhalb der physikalischen Paradigmata der Thermodynamik nicht beschreibbar.

aktion_reaktion.gif

Abbildung 1: Aktion und Reaktion, E Ereignis, U Ursache. FĂĽr die Reaktion gilt: E=f(U)

Es ist also erforderlich, dieses Vorurteil zu überwinden und thermodynamische Systeme zu konstruieren, die bergauf funktionieren und dadurch nicht nur zu Reaktionen, sondern auch zu Aktionen fähig sind. Aktionen sind per definitionem  physikalische Ereignisse, die von selbst, spontan, ablaufen und sich nicht aus einer Einwirkung vorher sagen oder berechnen lassen. Für sie muss ein anderes physikalisches Konzept entwickelt werden.

Mit diesem Problem plage ich mich seit ĂĽber 10 Jahren. Wie weit ich dabei gekommen bin, kann man auf meiner Website nachlesen.

Literatur:

Schrödinger, Erwin (2001): Was ist Leben ? Die lebende Zelle mit den Augen des Physikers betrachtet, Piper & Co.Verlag, München, Zürich, S. 138.

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Die Wahrnehmung der 5. Dimension

20. Juli 2011 - 09:19 Uhr

Seit einigen Wochen plage ich mich mit der Frage, wie ein Konzept für Wahrnehmung beschaffen sein müsste. Dieses Konzept muss es ermöglichen abzubilden, wie Subjekte mittels ihrer Sinnesorgane psychische Bilder der Realität zustande bringen. Alle mir bekannten Wahrnehmungskonzepte sind entweder empiristisch oder konstruktivistisch. Keines leistet das was es soll.

Der Empirismus kommt nicht mit der Autonomie der Sinnesorgane zurecht, die von der modernen Neurophysiologie beschrieben wird, der Konstruktivismus kann nicht darstellen, dass die psychischen Bilder Abbilder der Realität sind. Keines dieser Konzepte kann alle drei Variablen – Realität, Sinne und Abbilder – in eine logisch widerspruchsfreie Beziehung bringen. Dem Konstruktivismus fehlt die Realität, es gibt nur die konstruierte Wirklichkeit, die nicht wahrgenommen sondern konstruiert wird. Der Konstruktivismus braucht also kein Konzept für Wahrnehmung.

Dem Empirismus fehlt das moderne Verständnis der Funktionsweise der Sinnesorgane. Er geht davon aus, dass die Realität auf die Sinnesorgane einwirkt und aus diesen Eiwirkungen dann die psychischen Abbilder entstehen wie die Bilder in einem Spiegel. Das Subjekt erhält so eine passive Rolle. Es ist der Ort, in dem etwas geschieht. /1/

Diese Auffassung des Subjekts war nun für viele Autoren unbefriedigend. Sie versuchten, die passive Rolle des Subjekts durch allerlei Hilfskonstruktionen aufzubessern. Das ist vor allem in der Tätigkeitstheorie der Fall. Sie erklärt die psychische Widerspiegelung zu einem aktiven, schöpferischen Prozess. Das Subjekt soll die Widerspiegelung nicht passiv mit sich geschehen lassen, sondern sie aktiv gestalten. Der logische Widerspruch zwischen den Konzepten der „Widerspiegelung“ und „Aktivität“ wird nicht reflektiert.

Seinen besonderen Mangel zeigt das empiristische Wahrnehmungskonzept, wenn es um die Beschreibung der Wahrnehmung von Werkzeugen und Kulturgegenständen geht, d.h. von Gegenständen, die eine Funktion oder eine Bedeutung haben.

Aussagen wie „er sieht eine Angel“ oder „er hört ein Wort“ haben in keiner Variante eines empiristischen Wahrnehmungskonzepts einen Sinn. Im Konstruktivismus werden beide nicht wahrgenommen, sondern konstruiert.

Tomasello hat diesen Aspekt der Wahrnehmung experimentell untersucht. Er untersuchte die Fähigkeit von Schimpansen und Menschenkindern, wahrnehmbare Aktionen Anderer zu imitieren. Dabei stellte er fest, dass Schimpansen Werkzeuggebrauch nicht adäquat imitieren können. Nur „FĂĽr Menschen ist das Ziel oder die Intention des VorfĂĽhrenden ein zentraler Teil dessen, was sie wahrnehmen“ S.(42) Schimpansen dagegen „konzentrieren … sich bei ihren Beobachtungen auf Zustandsänderungen (darunter Ă„nderungen der räumlichen Position) der an der VorfĂĽhrung beteiligten Gegenstände, wobei die Handlungen des VorfĂĽhrenden wirklich nur als Körperbewegungen erscheinen. Die intentionalen Zustände des VorfĂĽhrenden und damit seine Verhaltensmethoden kommen in ihrer Erfahrung einfach nicht vor.“ (S. 42)

„Ein Ziel wahrnehmen“ wie soll das gehen? Diese Formulierung ergibt keinen Sinn, in welches der beiden Wahrnehmungskonzepte man sie auch stellt.

Leont´ev hat zur Beschreibung von Wahrnehmungen dieser Art eine weitere Hilfskonstruktion eingeführt: die „fünfte Quasidimension“. Diese Dimension ist die Bedeutung der Gegenstände, die diese in der menschlichen Gesellschaft erhalten. /2/ Er schreibt: „Auf den Menschen, das Bewußtsein des Menschen zurückkommend, muß ich noch einen Begriff einführen - den Begriff von der fünften Quasidimension, in der sich dem Menschen die objektive Welt enthüllt. Das ist das „semantische Feld“, das System der Bedeutungen. Die Einführung dieses Begriffs verlangt eine nähere Erläuterung. Tatsache ist, daß ich, wenn ich einen Gegenstand wahrnehme, diesen nicht nur in seinen räumlichen Dimensionen und in der Zeit, sondern auch in seiner Bedeutung wahrnehme.“ (S.8)

In dieser Hilfskonstruktion verbirgt sich ein verbreiteter Kategorienfehler: Eine zweistellige, relative Eigenschaft wird als einstellig, absolut abgesehen. Eine Bedeutung kommt einem Gegenstand aber nur in Bezug auf bestimmte Menschen zu. So hat beispielsweise ein stabförmiger Gegenstand für einen Menschen, der angeln will eine andere Bedeutung als für einen, der einen Pfeil für seinen Bogen sucht.

Dass die Tätigkeit treibende Bedürfnis beeinflusst natürlich die Wahrnehmung, der eine „sieht“ schon die Angel, die er herstellen will, der andere den zukünftigen Pfeil. In einer Tonfolge „hören“ nicht alle Menschen eine oder die gleiche „Melodie“.

Mit dem Konstrukt der 5. Dimension kann zwar das Widerspiegelungskonzept der Wahrnehmung aufrecht erhalten werden, dafür muss aber das Konstrukt der Realität als unabhängig vom Menschen existierend aufgegeben werden. Wenn der wahrnehmbaren Realität eine Bedeutung zugeschrieben wird, wird sie zu einer relativen Entität, zu einer Entität, die nur in Bezug zur menschlichen Wahrnehmung existiert und nicht unabhängig von dieser. Damit wären wir wieder beim Konstruktivismus und das Problem bleibt ungelöst.

Aber es scheint Licht am Horizont: Offensichtlich, kann ein tragfähiges Konzept für Wahrnehmung und Erkenntnis nicht im Rahmen der drei Variablen Realität – Sinne – psychische Bilder entwickelt werden. Dieser Rahmen wirkt wie ein „Spanischer Stiefel“, der bestimmte Antworten erzwingt.

Es muss wohl ein anderer Rahmen her, ein Rahmen, in dem die Erkenntnis-Variablen mehr Raum finden, Raum, in dem die Möglichkeiten ausgeschöpft werden können, die ihnen bei der Beschreibung von Wahrnehmung von Gegenständen der Kultur und deren Erkenntnis zukommen. Mit der Konstruktion eines solchen Rahmens plage ich mich nun rum.

 /1/ Zu diesem Problem habe schon mehrfach geschrieben: Erkenntnis ohne Wahrnehmung, Reflexionen über Konstruktivismus und Die Gegenständlichkeit psychischer Bilder

/2/ Auch Tomasello bedient sich dieses Konstrukts. Er schreibt: „Aber die Werkzeuge und Artefakte einer Kultur haben noch eine andere Dimension, die Cole die „ideale“ Dimension nennt.“ (S.194). Auch M. Cole, ein ausgewiesener Anhänger der Kulturhistorischen Schule, nennt diese Dimension die „Fünfte“.

Literatur:

Leontjew, Alexej (1981): Psychologie des Abbilds. In Forum Kritische Psychologie 9, Argument, Berlin, Seiten 5 bis 19,
Tomasello, Michael (2002): Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main S. 104,
Michael Cole (1998):Cultural psychology: a once and future discipline Harvard University Press,

 

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Die ideologischen Fesseln der Tätigkeitstheorie

9. Februar 2011 - 17:04 Uhr

Die Tätigkeitstheorie ist seit ihrer Konstituierung vor inzwischen fast 100 Jahren ein umfassendes wissenschaftliches Konzept mit großer internationaler Ausstrahlung geworden.

Führende Köpfe der Entwicklung dieser Theorie waren u.a. Vygotsky, Leont´ev und Luria. Sie werden auch heute nicht nur immer angeführt, sondern ihre grundlegenden Begriffe und theoretischen Auffassungen werden noch immer unmittelbar genutzt, wenn es gilt, die kulturhistorische Schule und die Tätigkeitstheorie zur methodischen Gestaltung neuer Untersuchungen zu nutzen. Für mich ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass es seit der Entstehung dieses Konzepts keine verbreitete Weiterentwicklung ihrer theoretischen Grundlagen gegeben hat. Außer meinen Versuchen ist mir nur noch der Ansatz Engeströms bekannt.

Ein Grund dafür scheint mir der Umstand zu sein, dass die Tätigkeitstheorie weithin als i.e.S. psychologische Theorie aufgefasst und betrieben wird. Dadurch werden der Tätigkeit als ihrer grundlegenden Kategorie Merkmale zugeschrieben, die nur der Tätigkeit solcher Subjekte zukommen, die mit Psyche ausgestattetet sind. Eine weitere Verengung der Tätigkeitstheorie resultiert daraus, dass die Psyche ausschließlich oder überwiegend als menschliche Psyche betrachtet wird, wodurch meist nur die menschliche Tätigkeit gemeint ist, auch wenn der Terminus „Tätigkeit“ in seiner allgemeinen Form benutzt wird. Man meint nicht, was man sagt.

Dieses Problem ließe sich durch einen breiten terminologischen Konsens lösen. Bei einem anderen Problem ist das nicht mehr der Fall. Dieses ergibt sich daraus, dass die Tätigkeitstheorie auf dem Konsens entwickelt wurde, den Marxismus als philosophisch-weltanschauliche Grundlage der psychologischen Theorie zu betrachten. Dadurch erhielt die Tätigkeitstheorie eine ideologische Ausrichtung.

Dabei verschwand der Umstand aus dem Fokus des Denkens, dass Erkenntnistheorie (jedenfalls in ihrer marxistischen Auffassung) einen anderen Gegenstand hatte als die primär psychologisch orientierte Tätigkeitstheorie. Die marxistische Erkenntnistheorie hat zu ihrem Gegenstand die Erkenntnis als gesellschaftliche Erkenntnis, die Erkenntnis der Gesellschaft als Gesamtsubjekt, während der native Gegenstand der Psychologie die individuelle Erkenntnis ist, das Erkennen des individuellen Subjekts. Die undifferenzierte Übertragung von Eigenschaften von einem Gegenstand auf den anderen führt nicht selten zu Fehlern und logischen Widersprüchen.

In der Tätigkeitstheorie geschieht das, indem die These übernommen wird, das Psychischesei die Widerspiegelung der Realität.

Die Orientierung am Marxismus führte folgerichtig dazu, das Psychische, d.h. das Individuelle als Widerspiegelung der Realität auszufassen, dem Psychischen wird Abbildcharakter zugeschrieben. In diesem ideologischen Rahmen sind jedoch – und das nicht nur in der Psychologie -  nur empiristische Auffassungen über Erkenntnis möglich. Konstruktivistische Auffassungen sind mit der Widerspiegelungstheorie logisch unvereinbar.

Andererseits ist die Kategorie der Praxis  eine weitere tragende Komponente der marxistischen Erkenntnistheorie. „Praxis“ ist im Marxismus nur als gesellschaftliche Kategorie denkbar, nicht aber als individuelle. Zum anderen ist diese  Kategorie ist zutiefst konstruktivistisch, betont sie doch das Primat des Subjekts, wie es ganz prägnant in der ersten Feuerbachthese zum Ausdruck kommt. Auch das Sinnliche hat bei Marx und Engels keinen sensualistischen Charakter, wie das in der Psychologie gewöhnlich üblich ist.

Nun ist die Kategorie der Tätigkeit wie die der Praxis nur konstruktivistisch denkbar, als Kategorie, in der ein autonomes Subjekt seine Tätigkeit aktiv gestaltet und seine Bedürfnisse befriedigt. Nicht die Einwirkungen der Umwelt bestimmen und gestalten die Tätigkeit, sondern das autonome Subjekt. (Tätigkeit ist nicht als Reaktion auf physikalische oder chemische „Reize“ verstehbar. Dieser Standpunkt wird neuerdings auch von Neurophysiologen z.B. Björn Brembs vertreten).

Zur Zeit der Entstehung der Tätigkeitstheorie war der Konstruktivismus aber noch weit von seiner Etablierung als ernsthaftes erkenntnis- und wissenschaftstheoretisches Konzept entfernt. Die Auffassungen ihrer Vorläufer (Mach u.a.) waren von Lenin in „Materialismus und Empiriokritizismus“ vom Standpunkt des Marxismus als „feindlich“ charakterisiert worden und fielen so unter das ideologische Verdikt.

Die Psychologie der Tätigkeitstheorie versuchte, diesen Widerspruch durch verschiedene Hilfkonstruktionen zu lösen, durch die sie der Widerspiegelung einen aktiven, schöpferischen Charakter zuschrieb, ein subjektives Moment. Damit aber implementierte sie die Widersprüche ihrer philosophischen Grundlage in ihre Wissenschaft.

Das gilt auch für den Ansatz Rubinsteins, der in den Prozess der Widerspiegelung eine subjektive Brechung implementierte. Anochin dagegen entwickelte die Hilfskonstruktion der „vorgreifenden Widerspiegelung“. Das Widerspiegelungskonzept prinzipiell als Konzept des Psychischen aufzugeben wurde nur von Vygotsky  in der „Krise der Psychologie“ versucht.

Man kann einem Begriff nicht nachträglich Eigenschaften zuschreiben, die zuvor per definitionem ausgeschlossen worden sind, ohne sich in unlösbare Widersprüche zu verwickeln. Vygotsky hat das bereits vor über 80 Jahren in seiner „Krise der Psychologie“ dargelegt. Er schreibt:

„Die Psychologie möchte eine Naturwissenschaft von nichtnatürlichen Erscheinungen sein. Mit der Naturwis­senschaft verbindet sie ein rein negativer Zug, die Ablehnung der Metaphysik, jedoch nicht ein einziger positiver.“ (S190)

Und weiter:

 „Der Begriff empirische Psychologie enthält folglich einen unlösbaren methodologischen Widerspruch: Es handelt sich hier um eine Naturwissenschaft von nichtnatürlichen Dingen, um die Tendenz, mit der Methode der Naturwissenschaften ein ihnen polar entgegengesetztes Wissenssystem zu entwickeln, das aus polar entgegengesetzten Prämissen hervorgeht. Eben das wirkte sich verderblich auf die methodologische Konstruktion der empirischen Psychologie aus und brach ihr das Genick.“ (S.192) Dieser Widerspruch ist auch in der philosophischen Grundlage der Tätigkeitstheorie verankert und verhindert bis heute ihre Weiterentwicklung als Theorie. 

In einer seiner letzten Arbeiten stellt Leont´ev (1975) dazu fest:

„Und bezeichnend ist, wie die maĂźgebendsten Autoren eingestehen, daĂź es derzeit keine ĂĽberzeu­gende allgemeine Theorie der Wahrnehmung gibt, die geeignet wäre, die angehäuften Kenntnisse zu erfassen und ein konzeptuelles System zu entwerfen, das den Forderungen der dialektisch-materialistischen Methodologie entspricht. … Im Ergebnis triumphiert in Ăśbersichtsarbeiten, die fĂĽr sich in An­spruch nehmen, das Problem umfassend zu behandeln, offene Eklek­tik.“  (Leont´ev 1981, S.6)

Dass diese Beschreibung auch heute noch und nicht nur für marxistisch orientierte Psychologien zutrifft, kann  man einer „Standortbestimmung“ entnehmen, die von einer Reihe führender deutscher Psychologen 2005 publiziert wurde.

Leont´ev hat erst in seinen letzten Arbeiten zur Wahrnehmung konstruktivistische Ansätze entwickelt, ohne sich jedoch  jedoch prinzipiell mit deren  philosophischen Aspekten auseinanderzusetzen. So verharrt die Tätigkeitstheorie dreifach gefesselt:

·         Sie wird überwiegend als psychologische Theorie betrachtet und durch die Auffassung der Psychologie als Naturwissenschaft in deren Paradigmensystem gezwängt.

·         Zu dieser Auffassung wird sie durch ihre ideologische Bindung an den Marxismus gedrängt, wobei sie unkritisch Erkenntnis der Gesellschaft als Ganzes und individuelle Erkenntnis methodisch identifiziert. Das verhindert, dass das Individuum in seiner spezifischen individuellen Qualität gefasst wird.

·         Das Postulat, das Psychische als Widerspiegelung aufzufassen verhindert, dass konstruktivistische Gedanken aufgegriffen werden, ein Denkverbot, das durch die leninistische Fassung dieses Begriffs verschärft wurde.

·         Schließlich ist der marxistische Begriff der gesellschaftlichen Erkenntnis nicht auf die Psyche anwendbar, Psyche ist nativ individuell.

Zum Schluss noch eine persönliche Anmerkung: Meine wissenschaftliche Entwicklung vollzog sich im Paradigma der marxistischen Erkenntnistheorie. Es war nicht leicht, sich von diesen philosophischen Voraussetzungen zu befreien und zu erkennen, dass sie im wissenschaftlichen Denken zu Fesseln geworden waren – so wichtig sie auch im täglichen Leben sein mögen.

 Literatur: 

Psychologie im 21. Jahrhundert – eine Standortbestimmung. Gehirn & Geist, Heft 7-8/2005, S. 56-60,

Anochin, Pjtor Kusmitsch (1978): Beiträge zur allgemeinen Theorie des funktionellen Systems, Gustav Fischer Verlag, Jena,

Brembs, Björn (2010): Towards a scientific concept of Free Will as a biological trait: spontaneous actions and decision-making in invertebrates. Proceedings of the Royal Society B,

Engeström, Yrjö (1999): Lernen durch Expansion, BdWi-Verlag, Marburg,

Holzkamp, Klaus (1983): Grundlegung der Psychologie, Campus Verlag, Frankfurt-New York (S. 68ff.)

Lenin, W. I. (1947): Materialismus und Empiriokritizismus. Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie. Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau,

Leontjew, Alexej (1975): Psychologie des Abbilds. In Forum Kritische Psychologie 9 (1981), Seiten 5 bis 19,

Vygotskij, Lev, S. (2003): Die Krise der Psychologie in ihrer historischen Bedeutung. In Ausgewählte Schriften Band I, Seiten 57 bis 278,

Wittich, Dieter; Gößler, Klaus; Wagner, Kurt (1980): Marxistisch-leninistische Erkenntnistheorie, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin.

 Die erste Feuerbachthese:

„Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus - den Feuerbachschen mit eingerechnet - ist, daĂź der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaĂźt wird; nicht aber als menschliche sinnliche Tätigkeit, Praxis, nicht subjektiv. Daher geschah es, daĂź die tätige Seite, im Gegensatz zum Materialismus, vom Idealismus entwickelt wurde - aber nur abstrakt, da der Idealismus natĂĽrlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt. Feuerbach will sinnliche, von den Gedankenobjekten wirklich unterschiedene Objekte; aber er faĂźt die menschliche Tätigkeit selbst nicht als gegenständliche Tätigkeit. Er betrachtet daher im “Wesen des Christenthums” nur das theoretische Verhalten als das echt menschliche, während die Praxis nur in ihrer schmutzig-jĂĽdischen Erscheinungsform gefaĂźt und fixiert wird. Er begreift daher nicht die Bedeutung der “revolutionären”, der praktisch-kritischen Tätigkeit.“ (Marx-Engels Werke, Band 3, Seite 533 ff. Dietz Verlag Berlin, 1969)

 

 

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UexkĂĽll und die Evolutionstheorie

20. Oktober 2010 - 10:14 Uhr

Bei meinen Überlegungen stoße ich immer wieder auf die „Theoretische Biologie“ von Jacob von Uexküll /1!, eine Arbeit, die in den biologischen Wissenschaften noch immer nicht die Anerkennung gefunden hat, die ihm zukommt.

Es ist die erste – und wie ich meine – auch einzige hinreichend vollständige und in sich schlüssige biologische Theorie, die die Lebewesen konsequent als Subjekte auffasst und dazu ein logisch und terminologisch konsistentes Begriffssystem vorweist. Damit war er im Jahr 1928 den Biologen seiner Zeit weit voraus. Er hatte erkannt, dass das kausalistische Paradigma der Physik und Chemie ungeeignet war, die spezifische Seinsweise der Lebewesen adäquat abzubilden. Er hatte weiter nicht nur erkannt, dass eine wissenschaftliche  Biologie ein prinzipiell anderes Erklärungsprinzip erforderte, er hat ein solches Erklärungsprinzip auch ausgearbeitet.

Seine Gedanken wurden jedoch kaum rezipiert, nur sein Umweltbegriff fand Eingang in die wissenschaftliche Biologie. Da dieser jedoch nicht in dem zugehörigen logischen und terminologischen Zusammenhang rezipiert wurde, konnte er auch nur in fragmentarischer („kastrierter“) Form angeeignet werden./2/

Das grundlegende Prinzip, welches Leben adäquat erklären kann, nannte er „Planmäßigkeit“. Hinter dieser Planmäßigkeit stand nach Uexküll jedoch nicht irgendein planendes Wesen, so wie es der heutige Gebrauch dieses Wortes nahe legt, er fasste die Planmäßigkeit vielmehr als Naturkraft auf, als dem Leben innewohnende konstitutive Eigenschaft. Am Ende dieses Beitrags wird ein längerer Text zitiert, der das hinreichend belegt.

Heute drücken wir diese Eigenschaften des Lebendigen die, Uexküll mit dem Wort „Planmäßigkeit “ ausdrückte, mit Termini wie „Organisation“ oder „Information“ aus. Diese Kategorien sind aber inzwischen wie die Kategorie des Lebens in den Naturwissenschaften dem kausalistischen Paradigma untergeordnet worden und werden auch auf das Schema Ursache – Wirkung abgebildet. Das führt zwar zu logischen und terminologischen Problemen und Widersprüchen, führt aber nicht zu einem Überdenken dieses Paradigmas. In den Geisteswissenschaften werden diese Kategorien als subjektive, geistige Kategorien ohne materielle Eigenschaften abgebildet, so dass Natur- und Geisteswissenschaften weiter aneinander vorbei reden.

Die entscheidende Kategorie in Uexkülls Theorie ist die des Subjekts. Erst wenn die Lebewesen als autonome Subjekte abgebildet werden, können sie in ihrer Besonderheit als Lebewesen verstanden werden. Die Biologie ist in Uexkülls Verständnis die Wissenschaft von den Subjekten.

„Die Physik behauptet, dass die uns umgebende Natur nur der Kausalität gehorchen. Solche bloß kausal geordnete Dinge haben wir ‚Objekte’ genannt. Im Gegensatz hierzu behauptet die Biologie, daß es außer der Kausalität noch eine zweite subjektive Regel gibt, nach der wir die Gegenstände ordnen – die Planmäßigkeit, die notwendig zur Vollständigkeit des Weltbildes hinzugehört.

Wenn das Hämmerchen eine Klaviersaite trifft und ein Ton erklingt, so ist das eine reine Kausalreihe. Wenn dieser Ton aber einer Melodie angehört, so ist er in eine Tonreihe hineingestellt, die gleichfalls eine Ordnung darstellt, die aber nicht kausaler Natur ist.

Wir wollen nun diejenigen Objekte, deren Bauart durch bloße Kausalität nicht zu verstehen ist, weil bei ihnen die Teile zum Ganzen im gleichen Verhältnis stehen wie die Töne zur Melodie, ‚Gegenstände’ nennen.

Objekte und Gegenstände bestehen beide aus Stoff, aber im Objekt gibt es keine andere Anordnung der Stoffteile, als sie die Struktur des Stoffes mit sich bringt. Im Gegenstand gibt es außerdem ein Gefüge, das die Teile zu einem planvollen Ganzen verbindet.

Äußerlich unterscheiden sich Objekte und Gegenstände gar nicht voneinander.“ (Theoretische Biologie, S.83f.)

In Uexkülls Verständnis wird nun die Umwelt der Lebewesen nicht von den Objekten sondern von den Gegenständen gebildet. Zur Umwelt wird eine Umgebung erst durch ein Subjekt, erst das Subjekt macht die Umwelt.

„Jetzt wissen wir, daß es nicht bloß einen Raum und eine Zeit gibt, sondern ebenso viele Räume und Zeiten wie es Subjekte gibt, da jedes Subjekt von seiner eigenen Umwelt umschlossen ist, die ihren Raum und ihre Zeit besitzt. Jede dieser abertausend Umwelten bietet den Sinnesempfindungen eine neue Möglichkeit sich zu entfalten. Dies ist dritte Mannigfaltigkeit – die Mannigfaltigkeit der Umwelten.

Damit stoßen wir auf den neuen Naturfaktor – den Plan, dessen Erforschung zur Hauptaufgabe der Biologie geworden ist. Noch stecken wir in den ersten Anfängen, und können keine ausreichende Beschreibung dieses Faktors geben.“ (Theoretische Biologie, S. 232f.)

In diesem Kontext wird nun verständlich, warum Uexküll die Evolutionstheorie ablehnte. Im Paradigma dieser Theorie ist die Umwelt ein von den Lebewesen unabhängiger „Faktor“, der auf die Lebewesen einwirkt und an den sie durch Mutation und Auslese angepasst werden, wodurch die Evolution zustande kommen soll. Im Erklärungsprinzip Uexkülls ist die Umwelt dagegen ein Produkt des autonomen Subjekts, das nichts im Subjekt bewirken kann, auch keine Evolution.

Der Denkfehler, der diesem Schluss zugrunde liegt, ist die Gleichsetzung des Naturprozesses „Evolution“ mit der Theorie „Darwinismus“, die diesen Naturprozess erklärt. Seiner Denkweise hätte es eigentlich entsprochen zu versuchen, den Naturprozess „Evolution“ auch mit seinem Prinzip der  Planmäßigkeit des Lebendigen zu erklären, wie er dies mit allen anderen Naturprozessen versucht hat.

Dieser Fehlschluss wirkte sich nun verhängnisvoll auf das Schicksal seiner Theorie aus. Er war wohl die entscheidende Ursache für die ausbleibende Rezeption der Theorie Uexkülls. Im Jahre 1920 hatte die Evolutionstheorie Darwins  in den kausalistischen Naturwissenschaften den Status eines allgemein gültigen Paradigmas erreicht, das von keinem Naturwissenschaftler, der ernst genommen werden wollte, angezweifelt werden durfte. Das verbitterte Uexküll stark, wie die folgende Stelle aus der Theoretischen Biologie zeigt:

„Der Darwinismus, dessen logische Folgerichtigkeit ebensoviel zu wünschen läßt wie die Richtigkeit der Tatsachen, auf die er sich stützt, ist mehr eine Religion als eine Wissenschaft. Deshalb prallen alle Gegengründe an ihm wirkungslos ab; er ist weiter nichts als die Verkörperung des Willensimpulses, die Planmäßigkeit auf jede Weise aus der Natur loszuwerden.“ (Theoretische Biologie, S197.)

Bis auf den heutigen Tag ist die Gleichsetzung von Gegenstand und Theorie weit verbreitet. Wer am Darwinismus zweifelt, dem wird meist gleich unterstellt, er bestreite den Fakt der Evolution. Das erschwert die Diskussion um die Weiterentwicklung der Theorie der Evolution. So verharrt diese Theorie in den Fesseln kausalistischen Denkens, und das Licht, das sie nach einem Wort Dobshanzkys auf alle Bereiche der Biologie werfen könnte, bleibt morgengrau.

*

Das folgende längere Zitat aus der „Theoretischen Biologie“ soll noch einmal deutlich machen, wie Uexküll den Begriff er „Planmäßigkeit “ verstand und warum das Argument, Planmäßigkeit  erfordere einen externen Planer in Bezug auf Uexküll auch heute noch unzutreffend ist.

„Die auĂźerordentlichen Schwierigkeiten, die die Biologie zu ĂĽber­winden hat, um die Anerkennung der Planmäßigkeit als Naturmacht zu erzwingen, stammen aus der landläufigen Alternative: Leib – Seele, mit der man alle Möglichkeiten der lebenden Natur erschöpft zu haben meint. Man vergiĂźt dabei, daĂź sowohl Seele wie Leib planvoll sind, und planmäßig miteinander zusammenhängen, Es gibt also noch ein Drittes, das weder aus der Seele noch aus dem Leibe abgeleitet werden kam. Wenn man die Lehre von der Seele Psychologie und die Lehre vom Leibe Physiologie nennt, so fehlt noch die Lehre vom Dritten, das sowohl Leib wie Seele in sich schlieĂźt, nämlich die Lehre von der Planmäßigkeit alles Lebendigen - die Biologie. Da sowohl die Seele wie der Leib planmäßig sind, bildete bisher die Planmäßigkeit sowohl einen Teil der Physiologie - als spezielle Mechanik wie einen Teil der Psychologie ab Lehre vom Zweck oder -­Finalität. Aber weder ist der Zweck auf die Physiologie noch die Mechanik auf die Psychologie anwendbar. Weder kann man die Grund­sätze der Finalität in der Mechanik, noch die Grundsätze der Mechanik in der Finalität verwerten.Hier klaffte eine LĂĽcke, die immer empfindlicher wurde, je mehr man sich in das Studium der Lebewesen vertiefte. Die planmäßigen Bin­dungen der speziellen Mechanik, die nur bei Betrachtung des einzelnen Tierkörpers sichtbar werden, wurden zugunsten der kausalen Gesetze der allgemeinen Mechanik vernachlässigt und nach und nach die Physio­logie den anorganischen Wissenschaften angegliedert.Von selten der Psychologie sind ebenfalls Schritte unternommen worden, um die LĂĽcke zwischen Mechanik und Finalität auszufĂĽllen. Die Schule der Gestalttheoretiker sieht in der Gestalt ein Urphänomen, das sie aber nicht auf das organische Leben beschränkt wissen will, im Gegensatz zu DRIESCH, der die “Ganzheit“ als Charakteristikum des Lebendigen anspricht f denn die anorganische Natur kennt nur Summen, jedoch keine Ganzheit, die - ich kann mich nicht anders ausdrĂĽcken - eine planmäßige Anordnung ihrer Teile darstellt. Auch dem Begriff der Gestalt scheint mir der Begriff der Planmäßigkeit zugrunde zu liegen, den ich mit DRIESCH nur auf Lebendiges und auf Erzeugnisse von lebenden Wesen anwenden möchte. Wenn man Gestalt und Ganzheit ihren Teilen gegenĂĽberstellt, wird man bei den Teilen der Gestalt so­gleich auf den Unterschied von leitenden und begleitenden Eigen­schaften stoĂźen, was zu sehr wichtigen Untersuchungen gefĂĽhrt hat. Der Begriff der Ganzheit ist hierin nicht so fruchtbar.Ohne mich in philosophische Erörterungen einlassen zu wollen, muĂź ich doch bemerken, daĂź auch von seiten der Erkenntnistheorie der Biologie Schwierigkeiten bereitet wurden, KANT hat die Kausalität der konstitutiven Tätigkeit des Verstandes zugerechnet, dagegen die Planmäßigkeit dem regulativen Gebrauch der Vernunft zugewiesen. Das erweckt den Eindruck, als könne ein Plan niemals der integrierende Teil eines Gegenstandes sein, sondern sei bloĂź eine, wenn auch mit Not­wendigkeit hinzugedachte menschliche Regel. DRIESCH hat diese Frage eingehend behandelt und nachgewiesen, daĂź die Planmäßigkeit eben­falls zu den konstitutiven Eigenschaften zu rechnen sei.Es ist nicht schwierig, sich davon zu ĂĽberzeugen, daĂź jeder Ge­brauchsgegenstand und jede Maschine ein Planträger ist. Bedeutsam ist dabei zweierlei: erstens, daĂź jeder Plan, obgleich er die Form der Materie bestimmt und die Bewegungen der Maschine beherrscht. Selbst weder Stoff noch Bewegung ist und zweitens, daĂź der Plan in allen menschlichen Erzeugnissen heteronom ist, d. h. nicht aus der Maschine: selbst stammt im Gegensatz zu allen Lebewesen, deren Pläne autonom sind.

Auch diese Ausdrücke decken den Tatbestand nicht völlig. Wie wir bei der Entstehung der Lebewesen feststellen konnten, nehmen di­e indifferenten Zellautonome bei jeder neueinsetzenden Sprossung einen fremden Plan auf, der vorher in ihnen nicht vorhanden war. Aber dieser Plan wirkt sich in ihnen autonom aus, was bei den Maschinen nicht der Fall ist. Er wird also zum EigenpIan und bleibt kein Fremdplan, die die Maschinenteile einmalig ineinanderfügt, der aber weder den Betrieb aufrecht zu erhalten, noch Schäden auszubessern vermag. Eine Ma­schine ist, wenn sie einmal vom Lebewesen Mensch erbaut wurde, restlos Stoff und gehorcht nur noch der Kausalität. Sie ist daher tot und bedarf zur Aufrechterhaltung ihrer Planmäßigkeit eines lebenden Betriebsleiters.“ (Theoretische Biologie, S198ff.)

Ob das Wort „Planmäßigkeit “ damals wie heute ein geeigneter Terminus für den gemeinten Sachverhalt ist, sei dahin gestellt. Viele seiner Gedanken finden wir heute in der Systemtheorie, in der der von Uexküll gemeinte Sachverhalt mit anderen Termini bezeichnet wird. Aber Fragen nach der „Organisation“ der Evolution, nach ihrer „Struktur“ bleiben nach wie vor ungestellt.

 

/1/ Jacob von UexkĂĽll: Theoretische Biologie. Verlag von Julius Springer, Berli, 1928.

/2/ Eine gute Darstellung der Verwendung des Terminus „Umwelt“ findet man in „Wikipedia“

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Der freie Wille und die Physik

24. August 2010 - 15:55 Uhr

Physiker und Chemiker haben kein Problem damit, physikalischen oder chemischen Prozessen das Prädikat „freiwillig“ zuzuschreiben. Psychologen und Neurophysiologen streiten dagegen sogar darüber, ob dieses Prädikat menschlichen Handlungen zuerkannt werden kann.

Hinter diesem Widerspruch sind einige Probleme verborgen, die meist nicht reflektiert werden, wenn die Formulierung „freier Wille“ benutzt wird.

Ein erstes Problem steckt hinter der „Wer-Frage“. Wer – welche Art von Entität - hat die Eigenschaft, die jeweils „freier Wille“ genannt wird? Bei Physikern und Chemikern sind dies Prozesse in isolierten thermodynamischen Systemen, d.h. thermodynamische Systeme, die weder Substanz noch Energie mit der Umgebung austauschen.

Solche Systeme befinden sich gewöhnlich im Zustand des thermodynamischen Gleichgewichts, d.h. in einem Zustand, in dem überhaupt nichts stattfindet, weder freiwillig noch unfreiwillig. Anders aber, wenn in einem isolierten thermodynamischen System ein Zustand des Ungleichgewichts besteht. Dann geht das System „von allein“/1/ („spontan“, „freiwillig“) in ein thermodynamisches Gleichgewicht über. Das ist ein Aspekt des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik.

Die Bedeutung des Wortes „freiwillig“ resultiert eben daraus, dass es Prozesse innerhalb eines isolierten Systems bezeichnet, auf die per definitionem keine äußeren Ursachen wirken. Dieser Umstand der fehlenden äußeren Ursache zwingt quasi zur Verwendung von Termini wie „freiwillig“, „von allein“ oder „spontan“. Er ist nur in isolierten thermodynamischen Systemen gegeben.

Nun werden Lebewesen seit Bertalanffy gewöhnlich als offene thermodynamische Systeme betrachtet. Das physikalische Konstrukt des offenen thermodynamischen Systems ist also auch das Erklärungsprinzip für Lebewesen, und für diese gilt, dass nichts ohne äußere Ursache geschieht. In offenen thermodynamischen Systemen geschieht nichts von allein, spontan, freiwillig.

Indem nun die Lebewesen diesem Erklärungsprinzip unterworfen werden, können ihnen allein aus Gründen der Logik Prädikate wie „von allein“ oder „freiwillig“ nicht mehr zugeschrieben. Der freie Wille wurde ihnen per definitionem genommen.

Wenn man den Lebewesen nun doch einen (freien, eigenen) Willen zuschreiben will, kann das angewendete Erklärungsprinzip für Lebewesen weder das Konstrukt des isolierten noch das des offenen thermodynamischen Systems sein. Lebewesen müssen mit einem prinzipiell anderen Prinzip als dem des thermodynamischen Systems erklärt werden.

Dieses andere Prinzip ist das Konstrukt des Subjekts. Subjekte haben per definitionem einen Willen. Subjekte sind im allgemeinen Sprachgebrauch (und dem vieler Philosophien) mit Eigenschaften wie Selbstbestimmtheit, Autonomie und eben dem freien Willen ausgestattet. Ohne diese Eigenschaften kann ein Individuum nicht Subjekt sein. Dieses Konstrukt wäre aber nur dann mit den Paradigmata der Physik verträglich, wenn das Subjekt physikalisch nicht mehr also offenes, sondern als isoliertes thermodynamisches System aufgefasst werden könnte.

Die Crux liegt also in der Beziehung der Subjekte zur Umwelt. Die Subjekte mĂĽssen Beziehungen zur Umwelt haben, diese dĂĽrfen aber nicht kausalistischer Natur sein. Die Umwelt darf nicht die Ursache des subjektiven Handelns sein, denn dieses muss selbstbestimmt, autonom sein.

Deshalb ist der Subjektbegriff kein Erklärungsprinzip der Biologie und nur selten der Psychologie. Diese Wissenschaften verstehen sich als Naturwissenschaften und als diese haben sie sich dem kausalistischen Paradigma unterworfen, das die Existenz selbstbestimmter Entitäten nur als isolierte thermodynamische Systeme zulässt.

Es ist also erforderlich, eine autonome, selbstbestimmte Konstellation mit einer solchen thermodynamischen Ausstattung zu konstruieren, die im Unterschied zum isolierten thermodynamischen System auch Beziehungen zur Umwelt zulässt. Da eine solche Konstellation weder ein isoliertes noch ein offenes thermodynamisches System sein kann, muss sie in einem neuen Begriff abgebildet werden. Um mit diesem Begriff einer selbstbestimmten thermodynamischen Konstellation umgehen zu können, ist ein Wort erforderlich. Ein solcher Begriff kann widerspruchsfrei im Wort „Subjekt“ ausgedrückt werden. Dazu muss aber das Subjekt als physikalische Kategorie definiert werden,

Wie gezeigt werden kann (Litsche 2004), ist ein solcher Begriff des Subjekts geeignet, Eigenschaften wie Autonomie, Selbstbestimmtheit, Wille u.a. als native Eigenschaften bestimmter thermodynamischer Konstellationen zu verstehen.

Ein zweites Problem ist die Frage danach, wodurch sich die Beziehungen von Subjekten zu ihrer Umwelt von den Beziehungen unterscheiden, die zwischen offenen Systemen und deren Umgebung bestehen.

System und Subjekt

Abbildung 1: Offenes thermodynamisches System und Subjekt (grün Zufluss und Abfluss, L Leistung, T Tätigkeit des Subjekts, E/S Energie/Substanz)

Ein offenes thermodynamisches System hat einen Zufluss und einen Abfluss und ist durch diese ist das thermodynamische Gefälle der Umgebung eingeordnet. Zufluss und Abfluss bestimmen die Leistung des Systems, alle Werte können gemessen, die Leistung kann aus Parametern der Umgebung berechnet werden. Durch die Gestaltung von Zufluss und Abfluss kann die Leistung manipuliert werden, das System ist fremdbestimmt.

Das Subjekt vollzieht aus seinem Willen heraus eine Tätigkeit, durch die es Substanz oder Energie auch gegen ein Gefälle der Umwelt aufnimmt. Die Parameter der Umwelt können gemessen, die Tätigkeit kann aber nicht aber aus Parametern der Umwelt berechnet (vorher gesagt) werden. Bei Veränderung der Parameter der Umwelt verändert das Subjekt seine Tätigkeit in selbstbestimmter Weise, es „reagiert“ autonom. Die Reaktionen können nur aus der Beobachtung des Subjekts vorhergesagt (berechnet) werden, nicht aus den Veränderungen der Umwelt.

Pflanzen können beispielsweise Wasser auch aus sehr trockenen Böden gegen ein osmotisches Gefälle jaaufnehmen und dieses gegen die Schwerkraft transportieren. Die Menge des Speichels von Pawlows Hund kann nicht aus der Masse der Klingel berechnet werden, die den Speichelfluss auslöst. Das unterscheidet aber thermodynamische Systeme vom Subjekt. Das Subjekt realisiert thermodynamische Prozesse, die gegen ein Gefälle verlaufen, „bergauf“.

Über Subjekte und offene thermodynamische Konstellationen kann man problemlos reden, solange man sie als „black box“ betrachtet und nicht nach der physikalischen Struktur des Subjekts fragt. In allen mir bekannten früheren Versuchen konnte das Problem der Organisation von physikalischen Prozessen gegen das Gefälle („bergauf“) nicht ohne die Hilfe von Kräften wie der Entelechie oder einer vis vitalis gelöst werden. Wo in der Psychologie Subjekte vorkommen, sind sie masselose Wesen und die Psychologie wird zur „Psychologie ohne Hirnforschung“ /3/.

Wie dem auch sei, um die Natur des (eigenen) Willens zu bestimmen ohne in Widersprüche mit den Paradigmata der Physik zu geraten, muss eine Konstellation von thermodynamischen bergab wirkenden Prozessen konstruiert werden, durch deren Zusammenwirken letztlich die bergauf wirkende Tätigkeit der Subjekte entsteht /6/. Ohne ein solches Konstrukt bleibt jede Definition des Willens außerhalb der Physik.

Diese physikalische Grundlage eines Subjektbegriffs fehlt den verbreiteten neurophysiologischen Erörterungen der Kategorie des (freien) Willens. Das führt entweder auf der einen Seite dazu, die Existenz eines freien Willens überhaupt zu bestreiten und deshalb folgerichtig auch dem Menschen den Willen und damit die Fähigkeit der Selbstbestimmtheit abzusprechen. Die andere Art des Herangehens führt dazu, die Kategorie des Willens außerhalb der Physik anzusiedeln und kommt folgerichtig in letzter Konsequenz zu einer Psyche ohne Gehirn. Die Diskussion um das Manifest führender deutscher Neurophysiologen/4/ und die Antwort einiger Psychologen /5/ in der Zeitschrift „Gehirn und Geist“ ist dafür hinreichend Beleg.

Andere Autoren suchen den Ausweg in quantenmechanischen Prozessen, die sich in der Tiefe neurophysiologischer Entitäten abspielen sollen und deren zufälliger Charakter die Grundlage für die Freiheit von Entscheidungen sein soll. Ohne dieser Argumentation in einzelnen nachzugehen lässt sich einwenden, dass diese Auffassung unreflektiert Autonomie, Selbstbestimmtheit, Willen usw. – kurz die Subjektivität allen Lebewesen abspricht, die nicht über ein Nervensystem verfügen, also nicht nur den Einzellern sondern beispielsweise auch allen höheren Pflanzen. Dieser Zuschreibung sollte zumindest nachvollziehbar begründet werden, denn sie betrifft letztlich die Einheit der biologischen Wissenschaft als der Wissenschaft von allen Lebewesen.

Björn Brembs gehört zu den wenigen Neurophysiologen, die die Frage nach einem freien Willen mittels ernsthafter Experimente untersuchen. Nun hat er angekündigt, dass er sich auch zum Begriff des freien Willens explizit äußern will. Ich bin gespannt, wie er diese Probleme angeht.

   

/1/ Kluge, Gerhard; Neugebauer, Gernot (1994): Grundlagen der Thermodynamik, Spektrum Akademischer Verlag GmbH, Heidelberg Berlin Oxford (S.68ff.)

/2/ Litsche, Georg A. (2004): Theoretische Anthropologie, Lehmanns Media-LOB, Berlin

/3/ Wissenschaft im Zwiespalt. Streitgespräch. Gehirn & Geist, Heft 7-8/2005, S. 64/4/ Das Manifest (2004) Elf führende Neurowissenschaftler über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung. Gehirn & Geist, Heft 6/2004, S.31-37/5/ Psychologie im 21. Jahrhundert – eine Standortbestimmung. Gehirn & Geist, Heft 7-8/2005, S. 56-60/6/ Litsche, Georg (2010) Subjekt und System E-Journal der Website ICHS - International Cultural-historical Human Sciences S.66ff 

Weitere Beiträge zum Thema:

Meine Website „Subjekte“:

Subjekt - System - Information
Warum die Psychologie das Gehirn nicht findet
Warum die Neurophysiologie den Geist nicht findet

Mein Blog „Wille versus Kausalität“

Der tut nix, der will bloĂź spielen
Freier Wille
Das ErkenntnisbedĂĽrfnis und unsere Erkenntnis

 

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Was macht der Mond, wenn keiner hinguckt?

21. Juli 2010 - 09:27 Uhr

Er scheint, möchte man meinen. Aber so einfach macht es sich mancher nicht, wie an auf manchem Blog lesen kann. In „Arte-Fakten“ oder „Der Freitag“ wird heiß darüber debattiert, ob es die Realität wirklich gibt und wenn ja, ob unsere Erkenntnis über die Realität „wahr“ sein kann und ob wir uns dessen sicher sein können.

Die Debatte darüber ist so alt wie die Philosophie, und die Anzahl der Antworten steigt mit der wachsenden Anzahl der Philosophen. Bei aller Unterschiedlichkeit der Antworten stimmen zumindest die mir bekannten u.a. darin überein, dass sie den Begriff der Realität einstellig, absolut fassen. Entweder es gibt die Realität oder es gibt sie nicht.

Für mich habe ich den Begriff der Realität dagegen zweistellig, relativ gefasst, wie beispielsweise den Begriff „Vater“. Man kann nicht absolut sagen, ob ein Mensch Vater ist oder nicht. Er ist es wirklich in Bezug auf seine Kinder, und er ist es nicht in Bezug auf alle anderen Menschen, und auch das wirklich.

Ebenso verhält es sich mit der Welt, in der wir leben. Diese Welt existiert nur in Bezug auf uns Menschen, und das in Wirklichkeit. Das ist so, seit wir in dieser Welt leben und weil wir in dieser Welt leben. Eine andere Annahme kann ich deshalb nicht denken, weil ich anders mich selbst nicht als wirklich denken könnte. Wie sollte ich leben, ohne Bezug auf die Welt?

Ich kann mir natĂĽrlich auch eine Welt vor dem Menschen und ohne ihn denken, aber eine solche Welt ist keine wirkliche, keine real existierende Welt. Die Welt, die heute wirklich existiert, ist die Welt, zu der ich in Beziehung bin.

Wenn der Begriff der Realität definiert wird als ohne den Menschen existierend, dann ist das der Begriff einer nicht wirklich, nicht real existierenden Welt sondern ein ideelles Konstrukt. Dieses entsteht, indem sich der Mensch aus dem Bild „herausrechnet“, das er sich von dieser seiner Welt gemacht hat. Im Unterschied zu einer Fiktion ist dieses Konstrukt aber denknotwendig, während eine Fiktion ein freies Produkt, wenn auch denkmögliches Produkt menschlichen Denkens ist. Der Begriff der Realität ist keine Fiktion, sondern ein denknotwendiges Konstrukt.

*

Wie kann man nun diese Realität, dieses Konstrukt erkennen? Kann man die Wahrheit über dieses Konstrukt herausfinden, und wenn ja - wie?

Unter den vielen Antworten auf diese Frage bemerke ich zunächst eine große Pauschalität. „Erkenntnis“ wird als einheitliche, qualitativ undifferenzierte Kategorie gefasst. Wo der Unterschied zwischen der auf Erfahrung beruhenden empirischen Erkenntnis und der dem Denken entspringenden Erkenntnis thematisiert wird, werden diese Kategorien meist dualistisch gefasst. Bekannte Kategorien, in denen diese Formen der Erkenntnis gefasst werden, sind beispielsweise Verstand und Vernunft oder Alltagserkenntnis – theoretische (wissenschaftliche, objektive) Erkenntnis. Beziehungen zwischen beiden, insbesondere Fragen danach, ob und wie beide auseinander hervorgehen, werden kaum thematisiert.

Das wirkt sich insbesondere bei der Frage nach dem Begriff der Wahrheit und den Kriterien der Feststellung der Wahrheit – der Übereinstimmung von Realität und Erkenntnis - aus. Wenn die Realität eine Welt ohne den Menschen ist, dann kann sie prinzipiell nicht empirisch erkannt werden, weil auch empirische Erkenntnis immer menschliche Erkenntnis ist, die nur mit dem Menschen möglich ist. Eine Welt ohne Menschen kann immer nur eine gedachte Welt sein, und die kann nur theoretisch – durch Denken – erkannt werden.

In der Erfahrung, in der Anschauung, in der Wirklichkeit ist uns nur unsere Welt gegeben, eben die von uns erfahrene, die von uns angeschaute wirkliche Welt, die Welt in Bezug auf uns. Deshalb sind logische Widersprüche unvermeidlich, wenn man versucht, im Experiment herauszufinden, wie die Realität außerhalb dieses Experiments ist. Das ist nicht die Aufgabe des Experiments, das ist die Aufgabe der Theorie.

*

Die Frage nach der Wahrheit unserer Erkenntnis, der empirischen wie der theoretischen, ist offensichtlich im Rahmen der Begriffe Realität – Erkenntnis nicht lösbar. Jede in diesem Rahmen mögliche Antwort führt zu logischen Widersprüchen. Man muss das Problem vielmehr in dem Zusammenhang lösen, aus dem heraus es entstanden ist, d.h. in den Zusammenhang mit dem menschlichen Leben.

Menschliche Erkenntnis ist nicht ohne den Menschen, nicht ohne das menschliche Subjekt möglich. Eine „objektive Erkenntnis“, eine „Erkenntnis ohne erkennendes Subjekt“/1/, wie sie Popper konstruiert, ist eine Fiktion und zudem ein Widerspruch in sich.

Menschliche Erkenntnis entsteht in der menschlichen Tätigkeit und hat in dieser eine erkennbare Funktion. Diese Funktion erfüllt sie im Rahmen der Steuerung der Tätigkeit als Kriterium der Bewertung ihres Erfolgs. Erkenntnis muss also nicht als Resultat von Erfahrung und Wahrnehmung aufgefasst werden, sondern als deren Voraussetzung. Erkenntnis entspringt nicht der Erfahrung, sondern dem Bedürfnis, das durch eine Tätigkeit befriedigt werden soll. In der Tätigkeit erfährt das Subjekt, ob und in welchem Maß die durch die jeweilige Erkenntnis gesteuerte Tätigkeit befriedigt wird und bewertet somit die steuernde Erkenntnis.

Eine erfolgreiche Tätigkeit ist nur möglich, wenn die Realität, auf die sich die Tätigkeit richtet, adäquat abgebildet wird, wenn die Erkenntnis also wahr ist. Die Erkenntnis muss die Realität dazu nicht vollständig abbilden. Man denke nur an die von Uexküll /2/ beschriebene Erkenntnis der Zecke. Aber auch das psychische Abbild der Zecke, das deren Tätigkeit steuert, muss wahr sein - bei Strafe ihres Todes durch verhungern.

Beim Menschen kommt hinzu, dass er nicht nur wie die Zecke vorwiegend über ererbte Erkenntnisse verfügt, sondern über die durch die Sprache vermittelte gesellschaftliche und darum theoretische Erkenntnis. Sie steuert eine besondere Tätigkeit, nämlich die Tätigkeit, in der die Menschen ihr empirisches Wissen gewinnen, das ihre praktische Tätigkeit steuert.

Theoretisches Wissen ist nicht Wissen über die unmittelbar und in der Erfahrung gegebene Realität, sondern Wissen über dieses Wissen und seine Gewinnung. Und eben darum ist es nicht der Erfahrung zugänglich, sondern nur dem Denken. Kriterium der Bewertung theoretischer Erkenntnis ist nicht die Realität, sondern menschliches Wissen über diese Realität.

 

Und was macht der Mond nun, wenn keiner hinguckt? Er scheint, anderes kann ich weder denken noch erfahren.

 

/1/ Popper, Karl R. (1995): Objektive Erkenntnis, Hoffmann u. Campe, Hamburg, S. 112

/2/ UexkĂĽll, Jacob von (1956): StreifzĂĽge durch die Umwelten von Tieren und Menschen, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbeck.

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Linguistisches missing link gefunden?

10. April 2010 - 10:03 Uhr

Daniel Everett und die Sprache der PirahĂŁ haben den alten Streit der Linguisten ĂĽber die Frage, ob die Sprache dem Menschen angeboren ist, aufs Neue entfacht. Ausgezogen als christlicher Missionar, der brasilianischen Indianern die Bibel in deren eigene Sprache ĂĽbersetzen wollte, kam er nicht nur mit neuen Erkenntnissen ĂĽber die menschliche Sprache und deren Theorie zurĂĽck, sondern auch mit einem neuen Weltbild, in dem wie bei den PirahĂŁ weder der christliche noch ein anderer Gott einen Platz gefunden hat.

Sein nun auch in deutscher Sprache vorliegendes Buch „Das glücklichste Volk“ lässt uns an drei spannenden Reisen teilhaben. Da ist zum ersten die Reise in den brasilianischen Urwald, dessen fremde Natur ihn und seine Familie in sieben Jahren  nicht wenige Abenteuer bestehen lässt. Da ist zu anderen die Reise in eine fremde Kultur und zu einer fremden Sprache, die Everett anschaulich beschreibt und die wir nur staunend bewundern können. Und da ist zum dritten die Reise eines christlichen Missionars, die ihn durch das tiefe Eindringen in die Kultur der Pirahã vom christlichen Glauben zu einer nontheistischen Weltanschauung geführt hat.

Diese Reisen führten Everett auch zu einem Wechsel seiner wissenschaftlichen Auffassungen über die Natur der menschlichen Sprache. Ausgehend von dem Auffassungen Chomskys über eine letztlich allen Menschen angeborenen Universalgrammatik entwickelte er die Auffassung, das Sprache und Grammatik vielmehr durch die Kultur der Gesellschaft bestimmt werden. In dieser Auffassung steht er zwar nicht allein, nimmt aber Auffassungen der  der „kulturhistorischen Theorie“ anscheinend ebenso wenig zur Kenntnis wie etwa die Arbeiten Merlin Donalds über die kulturelle Determination neurophysiologischer Prozesse. Allein die empirische Analyse der Sprache der Pirahã und deren Grammatik führten ihn zu diesem Standpunkt.

Die Pirahã kennen keine Wörter für Zahlen, keine Wörter für Farben und keine Wörter für gestern und heute. Die Sprache der Pirahã kennt auch keine Nebensätze und keine Einbettungen. Das Pirahä gehört unter allen Sprachen der Welt zu denen mit der geringsten Zahl an Phonemen: Es gibt für Männer nur drei Vokale (i, a, o) und acht Konsonanten (p, t, k; s, h, b, g und den Knacklaut oder Glottisverschlusslaut (x) und für Frauen drei Vokale (i, a, o) und sieben Konsonanten (p, t, k, h, b, g und x. sie benutzen h an allen Stellen, wo Männer h oder s aussprechen). Frauen haben also weniger Konsonanten als Männer. Das ist zwar nicht einzigartig, es ist aber zumindest ungewöhnlich. (Zum Vergleich: Das Deutsche hat etwa 40 Phoneme, Dialekte haben oft noch mehr.)

Es fällt auf, dass die Beschreibung des Pirahã vor allem durch die Aufzählung fehlender Merkmale erfolgt, also durch die Beschreibung desen, was diese Sprache alles nicht hat. Diese dem Pirahã fehlenden Elemente werden jedoch von der linguistischen Theorie jedoch als Merkmale einer Sprache gefordert. Ihr Fehlen führt Everett zu dem Schluss, dass diese Theorien als allgemein gültige Paradigmata ungeeignet sind und ein anderes Erklärungsprinzip erforderlich ist.

Als dieses Erklärungsprinzip schlägt Everett das „Prinzip des unmittelbaren Erlebens“ (immediacy of experience principle, IEP) vor. Dieses Prinzip besagt, dass das Pirahã nur Aussagen enthält, die unmittelbar mit dem Augenblick des Sprechens zu tun haben, weil sie entweder vom Sprecher selbst erlebt wurden oder weil jemand, der zu Lebzeiten des Sprechers gelebt hat, ihr Zeuge war.

Die Gültigkeit dieses Prinzips ist nicht auf die Sprache beschränkt, sondern hat den Rang eines allgemeinen kulturellen Prinzips, das in allen Lebensbereichen der Pirahã wirkt. Er schreibt:

„Nach und nach fielen mir immer mehr Beobachtungen ein, die für den Wert des unmittelbaren Erlebens zu sprechen schienen. So erinnerte ich mich beispielsweise daran, dass die Pirahã keine Lebensmittelvorräte anlegen, nicht für mehr als einen Tag auf einmal planen und nicht über die entfernte Vergangenheit oder Zukunft reden - sie konzentrieren sich ganz offensichtlich auf das Jetzt, auf ihr unmittelbares Erleben. Das ist es!, dachte ich eines Tages. Das verbindende Element von Sprache und Kultur der Pirahã ist die kulturelle Beschränkung, nicht über irgendetwas zu sprechen, das über das unmittelbare Erleben hinausgeht.“ (S. 199)

und

„Das Prinzip des unmittelbaren Erlebens ermöglicht überprüfbare Voraussagen, und darin zeigt sich, dass es sich nicht nur um eine negative Aussage über etwas handelt, das im Pirahã fehlt, sondern um eine positive Behauptung über das Wesen dieser Grammatik und darüber, wie sie sich von anderen, allgemein bekannten Grammatiken unterscheidet.“ (S. 349)

Dabei handelt es sich offensichtlich nicht allein um Besonderheiten der Sprache, sondern auch um Besonderheiten des Erkenntnissystems der Pirahã, das sehr eng an die unmittelbare Wahrnehmung gebunden iat. So enthält dieses Erkenntnissystem keine Schöpfungsmythen oder andere Überlieferungen. Diesem Prinzip entspricht auch ihr einfaches Verwandtschaftssystem. Infolge der geringen Lebenserwartung leben gewöhnlich nur drei Generationen gleichzeitig nebeneinander, ein Wort – und damit ein Begriff – für „Urgroßvater“ fehlt – es ist nach diesem Prinzip auch nicht erforderlich.

Die Bedeutsamkeit der Wahrnehmbarkeit spiegelt sich auch darin wieder, dass die PirahĂŁ ein eigenes Wort benutzen, um die Wahrnehmbarkeit als kulturelles Konzept zu bezeichnen. Das herauszufinden, so berichtet Everett, hat ihn viel MĂĽhe gekostet. Er schreibt

„Offensichtlich beschreibt das Wort XibipĂ­Ă­o ein kulturelles Konzept oder eine Wertvorstellung, zu der es in unserer Sprache keine eindeutige Entsprechung gibt. NatĂĽrlich kann auch bei uns jeder sagen” lohn ist verschwunden” oder »Billv ist gerade aufgetaucht”, aber das ist nicht das Gleiche. Erstens benutzen wir fĂĽr Auftauchen und Verschwinden unterschiedliche Wörter, das heiĂźt, es sind auch unterschiedliche Konzepte. Noch wichtiger ist aber, dass wir uns zweitens vor allem auf die Identität der kommenden oder gehenden Person konzentrieren und nicht auf die Tatsache, dass sie gerade unseren Wahrnehmungsbereich betreten oder verlassen hat.SchlieĂźlich wurde mir klar, dass dieser Begriff das benennt, was ich als Erfahrungsschwelle bezeichne: den Vorgang, die Wahrnehmung zu betreten oder zu verlassen und sich damit an den Grenzen des Erlebens zu befinden.“ (S.196)

                               *

Diese und andere von Everett beschriebenen Besonderheiten der Kultur der Pirahã und ihrer Sprache habe ich mit besonderem Interesse zur Kenntnis genommen, bestätigen sie doch eigene theoretische Erwägungen über die Entstehung der menschlichen Sprache.

Unter anderem geht es mir bei diesen Überlegungen um die Frage, wie die Wörter einer Sprache zu ihren gesellschaftlichen Bedeutungen kommen. Wie kommt es dazu, dass alle Mitglieder einer Gemeinschaft mit einem bestimmten Wort die gleiche Bedeutung verbinden? In einer sprechenden Gesellschaft ist das klar: durch Lernen durch Wahrnehmung. Ein Kenner des Wortes sagt es und zeigt auf den Gegenstand. Beide nehmen den gleichen Gegenstand wahr und erzeugen das psychische Abbild dazu. Wie aber, wenn es noch keine Sprache gibt, in der sich die Individuen verständigen können?

Ich habe vorgeschlagen, ein hypothetisches Stadium vorsprachlicher Zeichen anzunehmen, das aus der Verwendung von Werkzeugen in der gemeinsamen arbeitsteiligen unmittelbar hervorgehen kann (vgl. Litsche 2004, S, 455ff.). In gemeinsamer Tätigkeit benutzte Werkzeuge sollten die die ersten „Träger“ gesellschaftlicher Bedeutungen gewesen, so wie sie es auch heute noch sind. Sie können in einer sprachlosen Kommunikation der Organisation kollektiver Tätigkeiten dienen. Wenn sich eine Gruppe von Menschen zum Zweck des Schneeschippens treffen, genügt es, die vorhandenen Werkzeuge auf die Anwesenden aufzuteilen, und jeder weiß, was er zu tun hat. Was mit einem Besen oder einer Schaufel zu tun ist, weiß jeder aus eigener Wahrnehmung.

Die entscheidende Bedingung für das Entstehen gesellschaftlicher Bedeutungen ist demnach die Benutzung von Werkzeugen in gemeinsamer, arbeitsteiliger Tätigkeit.

An die Stelle der „echten“ Werkzeuge können in der Planungsphase der Tätigkeit Spielzeuge oder farbige Kugeln als Zeichen für die Werkzeuge treten, um den gleichen Effekt zu erzielen. Die Bedeutung dieser Zeichen kann auch ohne Sprache durch Wahrnehmung kommuniziert werden, indem Zeichen und Werkzeug gemeinsam gezeigt werden.

Auf diese Weise kann ein ganzes System sprachloser Zeichen und gesellschaftlicher Bedeutungen geschaffen werden. Aus der ursprünglichen Kultur kollektiver Werkzeuge entsteht eine Kultur sprachloser Zeichen, in der eine umfangreiche Kommunikation ohne Sprache möglich wird. Einige Aspekte einer solchen Kommunikation habe ich auf meiner Website dargestellt.

Zeichen und gesellschaftliche Bedeutungen können also bereits vor der Sprache entstanden sein. Sie sind die Grundlage für den nächsten Schritt der Evolution, die Umwandlung der Laute der werdenden Menschen in sprachliche Zeichen. Die Sprache kann entstehen, weil bereits ein System vorsprachlicher gesellschaftlicher Zeichen und Bedeutungen vorhanden ist. Das ist das, was den rezenten Menschenaffen zur Ausbildung einer gesellschaftlichen Sprache fehlt.

Die nichtsprachlichen Zeichen, die wir heute benutzen, bedĂĽrfen immer eines Bezugs zur Sprache. Das unterscheidet sie von den hypothetischen vorsprachlichen Zeichen.

Ein solches vorsprachliches Zeichensystem würde Merkmale aufweisen, die Everett auch in der Sprache der Pirahã gefunden hat. In einer Kultur vorsprachlicher Zeichen sind keine Zeichen möglich, die Eigenschaften getrennt von deren gegenständlichen Trägern bezeichnen. Mit den vorsprachlichen Zeichen könnten also beispielsweise keine isolierten Farben und keine Zahlen dargestellt werden. Zahlzeichen und Farbzeichen sind nicht als anschaubare gegenständliche Zeichen möglich.

                          Xibipíío

Everetts Entdeckung hat meinen Wahrnehmungsbereich ungemein bereichert. Im PirahĂŁ finde ich viele Eigenschaften meines hypothetischen Systems vorsprachlicher Zeichen wieder. Mit der Beschreibung dieser Sprache nähert sich mein theoretisches Konstrukt nun der “Wahrnehmungsschwelle”.

Die Sprache der Pirahã erscheint mir als eine sehr ursprüngliche Sprache, die einer Kultur der vorsprachlichen Zeichen noch sehr nahe ist. Das Pirahã könnte so ein missing link im Prozess der Evolution der menschlichen Sprache sein, das die Lautsprache mit dem System der vorsprachlichen Zeichen verbindet.

 

Caroll, Lewis (1993): Alice im Wunderland, Lentz-Verlag, MĂĽnchen, S. 52.

Donald, Merlin (2008): Triumph des Bewusstseins * Die Evolution des menschlichen Geistes, ,

Litsche, Georg A. (2004): Theoretische Anthropologie * GrundzĂĽge einer theoretischen Rekonstruktion der menschlichen Seinsweise, Lehmanns Media-LOB, Berlin.

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Erkenntnistheorie, wie hältst du´s mit der Evolution?

28. Januar 2010 - 16:12 Uhr

Dem aufmerksamen Leser meines Blogs wird nicht entgangen sein, dass ich mich zurzeit verstärkt mit erkenntnistheoretischen Problemen befasse. Beim Vergleich verschiedener erkenntnistheoretischer Ansätze fiel mir auf, dass viele davon ausgehen, dass die menschliche Erkenntnis ein Resultat der Evolution ist. Das erschien mir solange nicht bemerkenswert, bis ich untersuchte, welche Rolle die These von der Evolution der Erkenntnis in der logischen Struktur der jeweiligen Erkenntnistheorie spielte.

Ich ersetzte die These, dass die menschliche Erkenntnis im Verlauf der Evolution entstanden ist durch die gegenteilige These und fragte mich, wie sich die jeweilige Erkenntnistheorie verändern würde, wenn man von einer kreationistischen Annahme ausginge und annähme, dass menschliche Erkenntnis geschaffen worden sei.

Zuerst prüfte ich meine erkenntnistheoretische Herkunft, die Erkenntnistheorie des Marxismus. Zu meinem Erstaunen stellte ich fest, dass die grundlegenden Aussagen der marxistischen Erkenntnistheorie auch mit kreationistischen Voraussetzungen verträglich sind. Das war mir bisher noch nie aufgefallen. Für mich war – und ist – die Evolutionstheorie eine der essentiellen →Prämissen meines Denkens, und deshalb hatte ich die Evolutionstheorie auch für eine essentielle Prämisse der Erkenntnistheorie gehalten, die ich mir im Verlauf der Entwicklung meines wissenschaftlichen Denkens angeeignet hatte.

Erst als ich bewusst darĂĽber nachdachte, wurde mir klar, dass die Evolutionstheorie nicht essentiell fĂĽr die marxistische Erkenntnistheorie ist, auch wenn sie von sich das Gegenteil behauptet.

Danach prüfte ich andere mir bekannte Theorien der Erkenntnis und stellte fest, dass auch sie keine bestimmte Theorie der Entstehung der Erkenntnis erforderten, sondern mit unterschiedlichen Annahmen über die Entstehung ihres Gegenstandes verträglich sind.

Der Grund für diesen Sachverhalt liegt wohl im Selbstverständnis der Erkenntnistheorie als philosophischer Disziplin. Das bedingt, dass der Gegenstand einer Erkenntnistheorie aus der Philosophie abgeleitet wird, als deren Bestandteil die Erkenntnistheorie entwickelt wird.

Früher dachte ich, dass eine Philosophie, welche wie der Marxismus die Evolutionstheorie zu ihren essentiellen Grundlagen zählt, dies nolens volens auf ihre Bestandteile überträgt. Erst allmählich begann ich zu begreifen, dass keine Philosophie eine wissenschaftliche Theorie zu ihren essentiellen Grundlagen zählt, weil das dem Wesen der Philosophie widersprechen würde. Philosophie befasst sich (u.a.) mit den allgemeinen Grundlagen aller Wissenschaft und ist deshalb verträglich mit jeder wissenschaftlichen Theorie. Philosophie begründet sich nicht wissenschaftlich, sie begründet vielmehr Wissenschaft philosophisch. Dem widerspricht nicht, wenn Philosophie mit Wissenschaft verträglich sein will. Deshalb sieht auch die Theologie vielfach keinen unüberbrückbaren Gegensatz zur Evolutionstheorie.

Philosophien unterwerfen sich keiner wissenschaftlichen Theorie, indem sie aus einer solchen abgeleitet werden. Wissenschaftliche Theorien sind zwar aus Philosophien ableitbar, nicht aber umgekehrt. Diese Beziehung ist implikativ, also von der Art wenn → dann, was heißt, dass die vorausgesetzte Philosophie auch dann wahr ist, wenn die abgeleitete wissenschaftliche Theorie falsch ist.

Eine philosophische Erkenntnistheorie kann daher die Frage nach der Entstehung der menschlichen Erkenntnis nicht als wissenschaftliches Problem stellen und daher auch nicht lösen. Sie beginnt mit einer philosophischen Antwort auf ein philosophisches Problem.

Die Evolutionstheorie kann nur dann eine essentielle Voraussetzung einer Erkenntnistheorie werden, wenn die Erkenntnistheorie aus der Evolutionstheorie abgleitet wird. Meine Erwartung, dies in der evolutionären Erkenntnistheorie zu finden, wurde jedoch enttäuscht. Das liegt schon in ihrem Ansatz. Konrad Lorenz, der wohl die erste evolutionstheoretisch hinreichend ausgearbeitete evolutionäre Erkenntnistheorie vorgelegt hat, nennt seine Schrift „Die Rückseite des Spiegels“ im Untertitel „Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens“, und das erste Kapitel hat den Titel „Das Leben als Erkenntnisvorgang“.

Mit der Qualifizierung des Erkenntnisprozesses als biotischer Prozess wird der Erkenntnisprozess aber seiner kulturellen und damit spezifisch menschlichen Qualität beraubt. Was untersucht wird, ist nicht der menschliche Erkenntnisprozess, sondern der biotisch-psychische Prozess der Entstehung psychischer Abbilder, wie sie auch von Tieren mit einem Zentralnervensystem gebildet werden. Die Frage nach der Spezifik des menschlichen Erkennens wird in diesem Kontext nur eliminiert, ist auch in diesem Kontext nicht formulierbar und muss deshalb unbeantwortet bleiben.

Der Grund für die fehlende Antwort auf die Frage nach der Entstehung der menschlichen Erkenntnis ist die Struktur der Evolutionstheorie selbst. Sie ist als naturwissenschaftliche Theorie im kausalistischen Paradigma der Naturwissenschaften angesiedelt und kann die Grenze des biologischen Verständnisses nicht überschreiten. Mit der Entstehung des Menschen hat die Evolution diese Grenze aber überschritten. Die Entstehung der menschlichen Erkenntnis kann im traditionellen naturwissenschaftlichen Verständnis nicht erklärt werden. Es bedarf also eines neuen Verständnisses der Evolution, um die evolutionäre Entstehung des Menschen zu verstehen.

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Gödel und die Evolutionstheorie

23. November 2009 - 10:37 Uhr

Die Menge unseres Wissens ist keine Enzyklopädie, in der die einzelnen Erkenntnisse wie Erbsen in einem Sack herumliegen und es gleichgültig ist, was sich wo befindet. Die Gesamtheit unserer Erkenntnis bildet vielmehr eine sinnvolle Ordnung, in der die einzelnen Elemente unseres Wissens bestimmten anderen Elementen auf bestimmte Weise zugeordnet sind. Diese Ordnung setzt uns in die Lage, diese Erkenntnis als Bild einer geordneten Welt zu benutzen, das es uns ermöglicht, uns in unserer Welt zu orientieren und unsere Aktionen zielstrebig zu steuern.

Diese Ordnung der Erkenntnis weist nun größere oder kleinere „Cluster“ auf, die jeweils Bereiche der Realität abbilden, wie Lebewesen, Wetter oder menschliche Werkzeuge. Diese Cluster sind nun relativ disjunkt, d.h. die Begriffe des einen Clusters eignen sich nicht zur Abbildung von Gegenständen eines anderen Clusters. So ist „Fortpflanzung“ ungeeignet zur Abbildung der Wolkenbildung. Beim Fehlen geeigneter Termini eines Clusters wird gelegentlich ein Terminus eines anderen Clusters benutzt, um gewisse Eigenschaften des zu beschreibenden Gegenstandes darzustellen. Das Bild des einen Gegenstandes wird dann als Metapher für das Abbild eines anderen Gegenstandes benutzt, In dieser Weise benutze ich hier beispielsweise das Wort „Cluster“.

Mit der Entstehung und Entwicklung der Wissenschaften sind die Cluster der umgangssprachlichen Erkenntnis zu den Gegenständen der verschiedenen Wissenschaften wie Physik, Biologie, Psychologie oder Linguistik geworden. In den Wissenschaften wurden die ursprünglichen Termini der umgangssprachlichen Erkenntnis präzisiert, umgestaltet, durch andere ersetzt und durch neue Termini ergänzt, die ihrerseits in verschiedener Weise ihren Weg zurück in die Umgangssprache gefunden haben und finden. Auf den Punkt gebracht hat diese Disjunktheit wissenschaftlicher Theorien Kurt Gödel mit der Formulierung des Unvollständigkeitssatzes. Dieser besagt, dass es in hinreichend mächtigen Systemen Aussagen geben muss, die man formal, d.h. innerhalb dieses Systems, mit dessen Mitteln weder beweisen noch widerlegen kann. Ein solcher Beweis ist nur in einer anderen Theorie möglich.

Da die Menschen nun ĂĽber mehrere solcher Erkenntnissysteme verfĂĽgen, pflegen sie bei der Beschreibung einer Erscheinung mĂĽhelos und meist unreflektiert zwischen verschiedenen Erkenntnissystemen zu wechseln.

So lässt sich zunächst problemlos die Aussage formulieren, dass es Konstellationen chemischer Entitäten geben kann, welche die Eigenschaften des Lebens wie Selbsterhaltung, Fortbewegung und die Fähigkeit zu zielstrebigen Bewegungen aufweisen. Die Termini, mit denen hier chemische Entitäten beschrieben werden, sind aber keine Termini der Chemie, sondern der Biologie und anderer Wissenschaften, die in der chemischen Theorie nicht definiert werden können und dort daher keine Bedeutung haben. Die Aussage ist von gleicher Art wie etwa die Aussage „Das Wasserstoffatom ist grün.“ Die Wörter für Farben sind keine Termini der Kernphysik.

Die Beschreibung der genannten Eigenschaften gewisser chemischer Entitäten nur mit Termini der Chemie ist jedoch nicht möglich. Dazu sind vielmehr Termini der Biologie erforderlich, die nicht aus denen der Chemie abgeleitet werden können sondern auf der Grundlege eigenständiger Wahrnehmungen neu gebildet werden müssen. Der Streit darum wird seit Jahrhunderten bis auf den heutigen Tag als Mechanismus-Vitalismus-Streit ausgefochten. Ein ähnlicher Streit tobt heute zwischen Psychologie und Neurophysiologie um die Frage, ob die psychischen Prozesse vollständig auf neurophysiologische Vorgänge zurückgeführt werden können oder nicht. Allgemein gesprochen geht es auf hier um das Problem es Reduktionismus, d.h. um die Frage, ob alle Erscheinungen der Welt in einer einzigen, einheitlichen Theorie abgebildet und erklärt werden können.

Die Anhänger des Reduktionismus begründen ihre Auffassung letztlich damit, dass ja die Welt eine einheitliche Welt sei, die auch in einer einheitlichen Theorie abgebildet werden kann. Diese Auffassung basiert letztlich und meist unreflektiert auf einem empiristischen Konzept der Erkenntnis, das Erkenntnis auf die Realität zurückführt. Betrachtet man die Erkenntnis als autonome und konstruktive Leistung eines tätigen Subjekts, wird diese Begründung gegenstandslos. Erkenntnis kann nicht durch die Eigenschaften der erkannten Realität erklärt werden, sondern nur durch die Bedürfnisse des tätigen Subjekts.

Da (menschliche) Erkenntnis nur durch Sprache (und andere Gegenstände der Kultur) ausgedrückt werden kann, kann die Frage nach der Möglichkeit einer einheitlichen Theorie nur durch die Untersuchung der Eigenschaften dieser Erkenntnismittel beantwortet werden. Etwas vereinfacht lautet diese Frage dann: “Können alle möglichen Sätze in einer einheitlichen Sprache abgeleitet und bewiesen werden?“

Versteht man den Gödelschen Unvollständigkeitssatz in einem solchen allgemeinen Sinn, dann heißt die Antwort „Nein“. Menschliche Sprache muss notwendig in Clustern organisiert sein, die nicht vollständig auseinander abgeleitet und bewiesen werden können.

Chemie, Biologie, Neurophysiologie, Psychologie usw. werden spezielle Fachsprachen verwenden, die nicht aufeinander zurückgeführt werden können. Damit aber ist ein neues Dilemma eröffnet: Wie kann dann eine Evolutionstheorie konstruiert und bewiesen werden, die ja den Übergang zwischen den in unterschiedlichen Erkenntnisclustern abgebildeten Realitätsbereichen behauptet? Leben entsteht danach aus chemischen Prozessen, Psyche aus neurophysiologischen Prozessen usw.

Bei der Erklärung solcher Prozesse muss immer der Übergang zwischen Theorien bewältigt werden, die in disjunkten Erkenntnisräumen abgebildet werden. Es geht also nicht darum, den Übergang zwischen unterschiedlichen Realitätsbereichen zu verstehen, sondern um den Übergang zwischen unterschiedlichen Erkenntnisbereichen mit unterschiedlichen Terminologien.

In den Naturwissenschaften führt dieser Umstand zu Problemen, die sich aus der Theorie der Evolution ergeben. Die Evolutionstheorie behauptet, dass sich Entitäten eine Realitätsbereichs aus Entitäten anderer Realitätsbereiche entwickelt haben. So soll Leben aus chemischen Prozessen, Psyche und Geist aus neurophysiologischen Prozessen hervorgegangen sein. Nicht einmal diese Fragen lassen sich hinreichend exakt formulieren, denn sie erfordern die gleichzeitige Anwendung von Termini unterschiedlicher Erkenntnisbereiche, die in dem jeweils anderen Erkenntnisbereich nicht definierbar sind wie etwa die Frage „Welche Farbe haben Atome?“.

Der Versuch, den Übergang von einem Realitätsbereich zu einem anderen innerhalb einer einheitlichen Theorie abzubilden, endet gewöhnlich in Konstrukten wie „Fulguration“, „Emergenz“ oder in irgendeiner Schöpfungstheorie.

Akzeptiert man jedoch den Gödelschen Unvollständigkeitssatz, dann kann man akzeptieren, dass Übergänge zwischen Realitätsbereichen mit in einer, sondern mindesten mit zwei Theorien abgebildet werden müssen. Es muss also die Frage beantwortet werden, wie der Übergang von einem Realitätsbereich zum anderen durch den Übergang von einer Theorie zur anderen abgebildet werden kann.

Dieser Übergang wird bewältigt durch eben die Aussagen, die in einer Theorie zwar gebildet, aber nicht bewiesen werden können. Nehmen wir als Beispiel die Entstehung des Lebens. In der Theorie der Chemie lässt sich die Aussage formulieren: „Leben ist ein chemischer Prozess, durch den sich mindestens ein Reaktionspartner unverändert erhält.“ Diese Aussage enthält kein Wort, das in der Fachsprache der Chemie nicht definierbar wäre. Der Beweis dieses Satzes jedoch erfordert Termini, die nicht Bestandteil der Fachsprache der Chemie sind, sondern der Fachsprache der Biologie entnommen sind und dort beispielsweise der Beschreibung der Orte dienen, an denen diese Prozesse stattfinden, z.B. „Ribosom“. Im Reagenzglas der Chemiker finden solche Prozesse nicht statt. Beim Übergang zwischen Begriffssystemen spielen →bivalente Begriffe eine besondere Rolle.

Wenn wir den Ăśbergang zwischen Theorien logisch und erkenntnistheoretisch beherrschten, bräuchten wir weder eine Weltformel noch Begriffe wie „Emergenz“, die unser Unwissen nur verbergen. Wir brauchen also nicht „eine „Theorie fĂĽr alles“, sondern fĂĽr jedes seine Theorie, die wir mit allen anderen logisch und semantisch widerspruchsfrei gestalten können ohne unsere Unkenntnis hinter Worten wie “Emergenz” usw, zu verbergen.

5 Kommentare » | Emergenz, Erkenntnis, Evolution, Psyche, Sprache

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