Kategorie: Verhaltensbiologie


Subjekt und Instinkt III: Tätigkeitstheorie

5. September 2008 - 15:15 Uhr

Während im westlichen Europa die Auseinandersetzung mit der kausalistischen Biologie in der Verhaltensbiologie und der Neurophysiologie geführt wurde, ging man in der Sowjetunion das Problem auch von Seiten der Psychologie an.

Wie in der Biologie erstarkte auch in der Psychologie die behavioristisch orientierte Richtung, welche die Psychologie mit den Methoden der kausalistischen Naturwissenschaften betrieb. Vygotskij hat das in seiner „Krise der Psychologie“ umfassend analysiert, und  seine Analyse hat bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren.

Leont´ev ging das Problem der Psyche von Seiten der Biologie an. Obwohl „gelernter Psychologe“ legte er seinen Überlegungen eine umfangreiche Recherche der Verhaltensbiologie seiner Zeit zugrunde/1/. Leont´ev ging davon aus, dass das Psychische eine spezifische Eigenschaft des Lebendigen ist. Diese Bestimmung war natürlich nicht innerhalb einer Biologie möglich, die das Leben kausalistisch auffasste. Im klassisch-physikalischen Denkrahmen von Ursache und Wirkung ist das Psychische auch nicht als biotische Eigenschaft unterzubringen. Auch Leont´ev musste den kausalistischen Denkrahmen verlassen.

Dazu entwickelte er zunächst seine Vorstellung vom Lebendigen.

 „In der anorganischen Welt stehen die an der Wechselwirkung beteiligten Körper in prinzipiell gleichem Verhältnis zueinander. Das Verhältnis des lebenden Körpers wandelt sich dagegen auf der Stufe des organischen Lebens. Der organische Körper verändert sich, indem er sich selbst erhält, wächst und vermehrt; es handelt sich bei ihm um einen aktiven Prozeß. Der unbelebte Körper dagegen wird durch äußere Einwirkungen verändert. Dieser Sachverhalt läßt sich auch anders ausdrücken: Der Übergang von den Formen der Wechselwirkung, die der anorganischen Welt eigen sind, zu Formen, wie sie für die lebende Materie typisch sind, findet seinen Ausdruck in der Tatsache, daß einerseits ein Subjekt und andererseits ein Objekt der Einwirkung hervorgehoben werden kann.“ (S. 26)„Man kann deshalb das Sein eines Lebewesens nicht nur objektiv, als einen passiven, wenn auch einen fühlenden Prozeß betrachten, sondern muß es unter dem Gesichtspunkt eines sein Leben erhaltenden Subjekts sehen.“ (S.27)„Wir werden die spezifischen Prozesse, die ein Lebewesen vollzieht und in denen sich die aktive Beziehung des Subjekts zur Wirklichkeit äußert, von anderen Vorgängen abgrenzen und als Prozesse der Tätigkeit bezeichnen…. Die grundlegende „Einheit“ des Lebensprozesses ist die Tätigkeit des Organismus“( Leont´ev, S. 29) 

Anstelle der Kategorie der Kausalität benutzt Leont´ev die der Wechselwirkung und mit den Begriffen „Subjekt“ und „Tätigkeit“ erfasst er die aktive Seite des Lebens als einer Komponente dieser Wechselwirkung, die den Aspekt des Unabhängigen der Aktionen der Lebewesen abbildete, also das, was beispielsweise Lorenz u.a. mit dem Terminus „Instinkt“ bezeichneten. Auch damit  musste er den Rahmen naturwissenschaftlichen Denkens nicht verlassen. Mit dem Begriff der Tätigkeit erfasste Leont´ev mehr die Antriebsseite der Aktionen, während die deutsche Ethologie um Lorenz /2/ mehr die Unabhängigkeit der Ausführung der Aktionen von äußeren Einwirkungen im Auge hatte.

 Wir haben es nie zu bereuen gehabt, daß wir die Veränderlichkeit der Instinkthandlung durch Erfahrung rundweg geleugnet haben und folgerichtig den Instinkt wie ein Organ behandelt haben, dessen individuelle Variationsbreite bei allgemeiner biologischer Beschreibung einer Art vernachlässigt werden kann. Diese Auffassung widerspricht nicht der Tatsache, daß manchen Instinkthandlungen eine hohe regulative „Plastizität“ zukommen kann. (S.273)Wenn man nicht den Begriff des Lernens ganz ungeheuer weit fasst, so daß man etwa auch sagen kann, die Arbeitshypertrophie eines vielbenützten Muskels sei ein Lernvorgang, so hat man durchaus kein Recht, die Beeinflussung des Instinktes durch Erfahrung zu behaupten. (Lorenz S. 274) 

Zugleich wird die Unterschiedlichkeit des Herangehens durch die jeweils unterschiedlicher „berufliche Brille“ beider bedingt. Lorenz richtet seinen Blick als Biologe auf die arttypischen Eigenschaften der tierischen Aktionen und abstrahiert dabei notwendigerweise von den individuellen Unterschieden. Leont´ev richtet als Psychologe seinen Blick vordergründig auf eben diese individuellen Eigenschaften der Tiere, für die die allgemeinen Artmerkmale zwar bedeutsam sind, diese aber nicht erklären.

 „Andererseits kann sich das … individuelle Verhalten – diese Tatsache ist noch offensichtlicher – stets nur auf der Grundlage des instinktiven Artverhaltens bilden. Das bedeutet: Ebenso wie es kein Verhalten gibt, das ausschließlich durch angeborene, von Umwelteinflüssen unabhängige Bewegungen realisiert wird, gibt es keine Fertigkeiten oder bedingten Reflexe, die nicht von angeborenen Momenten abhingen.“ (S.141)Die Mechanismen des individuellen Verhaltens „   unterscheiden sich von denen des Artverhaltens vor allem insofern, als in ihnen die Fähigkeit zu einem Verhalten fixiert ist, mit dessen Hilfe die individuelle Anpassung erfolgt, während in den Mechanismen des Artverhaltens das Verhalten selbst fixiert ist. (Leont´ev, S237) 

Die Postulierung autonomer Aktionen – gleichgültig ob man sie nun „Instinkte“ oder „angeborenes Artverhalten“ nennt – ist in jedem Fall eine logisch erforderliche Voraussetzung eines subjektwissenschaftlichen Konzepts für Biologie und Psychologie. Beide Wissenschaften unterscheiden sich u.a. in der Fragestellung. Die (kausalistische) Biologie fragt nach der Entstehung des angeborenen Artverhaltens und sucht ihre Antworten in Evolutionstheorie und Genetik. Die (individualwissenschaftliche) Psychologie fragt nach der Entstehung der Individualität der Aktionen, die sich zwar auf der Grundlage des Angeborenen entwickelt, dadurch aber nicht erklärt werden kann.

Leont´ev löst die Frage nach der Beziehung des instinktiven Artverhaltens zum Individuellen mit der Kategorie der Tätigkeit.

  „Wie wir schon darlegten, wird die Tätigkeit, die die unmittelbaren biologischen, instinktiven Beziehungen der Tiere zur Umwelt realisiert, stets durch die Gegenstände angeregt, die ein biologisches Bedürfnis befriedigen, und ist auch auf diese gerichtet. Bei den Tieren entspricht jede Tätigkeit einem unmittelbaren biologischen Bedürfnis; jede Tätigkeit wird durch einen Gegenstand ausgelöst, mit dem sie ein biologischer Sinn verbindet: der Sinn eines Gegenstandes, der ein Bedürfnis unmittelbar befriedigt; und es gibt bei Tieren auch keine Tätigkeit, die ihrem letzten Kettenglied unmittelbar auf diesen Gegenstand gerichtet wäre. (S 168) 

Im Begriff der Tätigkeit wird das Artverhalten in seiner individuellen Ausgestaltung abgebildet, während im verhaltensbiologischen Begriff des Verhaltens das Arttypische dominiert. Verhalten ist Verhalten der biologischen Art, Tätigkeit ist Tätigkeit des Individuums.

Da die tierische Tätigkeit auf die Selbsterhaltung des (individuellen) Subjekts gerichtet, wird sie zu einer individualwissenschaftlichen Kategorie. Selbsterhaltung ist die Erhaltung des individuellen Subjekts /3/ und kann nur durch die individuellen Bedürfnisse des Subjekts erklärt werden. Zugleich ist sie auf einen externen Gegenstand gerichtet, in dem das subjektive Bedeutung objektiviert, vergegenständlicht wird. Der objektiv gegebene Gegenstand erhält so einen subjektiven Sinn.

Diese grundlegenden Elemente des Begriffssystems der Tätigkeitstheorie /4/ ermöglichen es, die individuelle Gestaltung angeborenen Artverhaltens schlüssig zu erklären. Die Tätigkeitstheorie Leont´evs ist keine psychologische, wie manche Psychologen meinen, sondern eine individualwissenschaftliche Theorie und als diese wissenschaftsübergreifend.

Der Begriff der Tätigkeit hat die Potenzen, Biologie und Psychologie auf eine gemeinsame naturwissenschaftliche Grundlage zu stellen und so beide in ihrer jeweiligen Eigenart zu betreiben. Dazu ist es aber erforderlich, dass die traditionelle Biologie und die traditionelle Psychologie ihre subjektwissenschaftliche Gemeinsamkeit erkennen. Beide müssen ernsthaft davon ausgehen, dass die Psyche eine biologische Eigenschaft aller tierischen Lebewesen – also auch des Menschen – ist, die beim Menschen ihre spezifische gesellschaftliche Gestalt annimmt. Nur so können sowohl die tierische wie die menschliche Psyche in ihrer jeweiligen Eigenart verstanden werden. Wenn man die tierische Psyche nicht versteht, versteht man auch die menschliche nicht – und umgekehrt.

  

/1/ Leontjew, Alexej (1964): Probleme der Entwicklung des Psychischen, Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin

/2/ Lorenz, Konrad (1992): Über tierisches und menschliches Verhalten - Gesammelte Abhandlungen I, Piper & Co.Verlag, München, Zürich

/3/ Aktionen, die sich auf die Erhaltung der Art richten, sind folglich definitionsgemäß keine Tätigkeiten. Ich habe vorgeschlagen, sie „Handlungen“ zu nennen.

/4/ Zu Fragen der Tätigkeitstheorie habe ich mich auf meiner Website mehrfach geäußert (1, 2, 3).

6 Kommentare » | Psyche, Subjekte, Tätigkeitstheorie, Verhaltensbiologie

Subjekt und Instinkt II

29. Juli 2008 - 09:47 Uhr

Eine subjektwissenschaftliche Biologie erfordert zwingend die Annahme, dass die Tiere über die Fähigkeit zur autonomen Steuerung verfügen. Sie müssen fähig sein, ihre Aktionen unabhängig von äußeren Einwirkungen, von „Reizen“ zu steuern. Solche auch „Instinkte“ genannten autonomen Steuermechanismen müssen angeboren sein, d.h. sie müssen genetisch determiniert sein und der Evolution unterliegen.

Ihre Existenz ist zwar unzweifelhaft, ihre Bedeutung für die biologische Theorie ist jedoch umstritten. Für eine reduktionistische Biologie, welche die Lebewesen als Objekte auffasst, die letztlich ausschließlich durch Gesetze von Physik und Chemie erklärbar sind, ist der Instinktbegriff ein störendes Element, das möglichst aus der biologischen Theorie entfernt werden sollte. Dieser Trend ist für die heutige Mainstreambiologie kennzeichnend und mit dem Terminus „Behaviorismus“ hinreichend charakterisiert.

Dieser „objektwissenschaftlichen“ Biologie ist die Position entgegengesetzt, in welcher die Lebewesen als Subjekte aufgefasst werden. Subjekte werden nicht durch äußere Einwirkungen determiniert, auf die sie in berechenbarer Weise reagieren. Sie agieren vielmehr aus sich heraus. Eine solche „subjektwissenschaftliche“ Biologie hat die Aufgabe, die Determination dieser subjekteigenen Aktionen zu erforschen, die nicht mehr kausal, „objektiv“, sondern akausal, „subjektiv“ determiniert ist. Die Determination der subjektiven Aktionen durch die Subjekte, das ist der Forschungsgegenstand einer subjektwissenschaftlichen Biologie.

Der Erste, der diese Forderung expressis verbis formuliert hat, war Jacob von Uexküll.

Er unterschied die Umgebung, die aus Objekten besteht von der Umwelt, die aus Gegenständen besteht, die von der Beschaffenheit der Lebewesen, der Subjekte bestimmt wird. Die Umwelt unterliegt in dieser Theorie also nicht mehr der physikalischen Zufälligkeit, wie die Objekte, sondern dem Prinzip der „Planmäßigkeit“, das von der Biologie zu erforschen ist, Die Aktionen der Subjekte richten sich nicht auf die Objekte, sondern auf die Gegenstände der Umwelt, die vom agierenden Subjekt planmäßig determiniert sind.

In diesem Konzept hatte nun das Prinzip  der Anpassung keinen Platz, denn dieses Prinzip unterwirft das Lebewesen ja den Einwirkungen einer Umwelt, die ja in Uexkülls Theorie erst von dem jeweiligen Lebewesen bestimmt wurde. Aus dieser Position zog Uexküll nun einen Schluss, der sich fatal auf die weitere Rezeption seiner Ideen und damit auf die Entwicklung der Biologie als Subjektwissenschaft auswirken sollte, denn aus ihr folgte für ihn logisch zwingend die Ablehnung des Darwinismus, und das in einer Zeit, in der dieser nicht nur die Biologie, sondern auch die Stammtische erobert hatte. Für Uexküll folgte aus seiner subjektwissenschaftlichen Theorie der Biologie, der Darwinismus sei…

  „…weiter nichts als die Verkörperung des Willensimpulses, die Planmäßigkeit auf jede Weise aus der Natur loszuwerden.“/1/„Der Enthusiasmus, mit dem sich die Darwinisten für den Entwicklungsgedanken einsetzen, entbehrt nicht einer gewissen Komik, nicht bloß darum, weil ihre Weltanschauung, die sich prinzipiell auf Physik und Chemie stützt, aus diesen Wissenschaften den Entwicklungsgedanken gar nicht schöpfen kann, da Chemie und Physik jede Entwicklung prinzipiell ablehnen. Sondern vor allem deswegen, weil das Wort Entwicklung gerade das Gegenteil dessen ausdrückt, was damit gemeint ist.“/2/ 

Mit dieser Position konnte sich später kein Biologe mehr identifizieren, der ernst genommen werden wollte. Das führte dazu, dass Uexkülls biologische Theorie nicht nur sehr fragmentarisch sondern vor allem ihres subjektwissenschaftlichen Gehalts beraubt rezipiert wurde. Das gilt besonders für den Umweltbegriff, der als einziger Begriff des von Uexküll entwickelten Kategoriensystems allgemein (wenn auch in „kastrierter“ Form) rezipiert wurde.

Während Uexküll eine umfassende subjektwissenschaftliche Theorie der gesamten Biologie vorgelegt hatte, beschränkte sich Konrad Lorenz, einer von Uexkülls Verehrern, auf den verhaltenswissenschaftlichen Aspekt. So konnte er seine Kritik  auf die verhaltensbiologische Richtung der kausalistischen Biologie, den Behaviorismus beschränken, ohne Uexküll kritisieren zu müssen. In der Auseinandersetzung mit dem Behaviorismus spielte der Instinktbegriff eine besondere Rolle, denn die Existenz von Instinkten wurde und wird vom Behaviorismus bestritten.

Lorenz´ Arbeit am Instinktbegriff war daher auch der Versuch, in der Verhaltensbiologie im Gegensatz zum Behaviorismus eine subjektwissenschaftliche Position zu etablieren. Er hat gezeigt, dass der Instinktbegriff als Konzept der autonomen Steuerung tierischer Aktionen geeignet ist und nicht im Widerspruch zur Evolutionstheorie stehen muss. Die Evolution der Lebewesen kann auch als Evolution von Subjekten verstanden werden. Er zeigte, dass Instinkte genetisch determiniert sind und folglich wie die Organe der Lebewesen den Gesetzen der Evolution unterliegen. Er schreibt:

 “Niemand kann leugnen, daß die phylogenetische Veränderlichkeit einer Instinkthandlung sich so verhält wie diejenige eines Organes und nicht wie diejenige einer psychischen Leistung. Ihre Veränderlichkeit gleicht so sehr derjenigen eines besonders „konservativen“ Organes, daß der Instinkthandlung als taxonomischem Merkmal sogar ein ganz besonderes Gewicht zukommt“./3/ 

Von besonderer Bedeutung ist dabei die Frage nach der Bedeutung der Umwelt.

 „Wir haben es nie zu bereuen gehabt, daß wir die Veränderlichkeit der Instinkthandlung durch Erfahrung rundweg geleugnet haben und folgerichtig den Instinkt wie ein Organ behandelt haben, dessen individuelle Variationsbreite bei allgemeiner biologischer Beschreibung einer Art vernachlässigt werden kann. Diese Auffassung widerspricht nicht der Tatsache, daß manchen Instinkthandlungen eine hohe regulative „Plastizität“ zukommen kann. Eine solche haben auch viele Organe.“/4/„Wenn man nicht den Begriff des Lernens ganz ungeheuer weit fasst, so daß man etwa auch sagen kann, die Arbeitshypertrophie eines vielbenützten Muskels sei ein Lernvorgang, so hat man durchaus kein Recht, die Beeinflussung des Instinktes durch Erfahrung zu behaupten.“/5/ 

Vor allem diese Position war es, die von Seiten des Behaviorismus immer wieder angegriffen wurde, der nach wie vor darauf besteht, dass das Verhalten von Tieren (und Menschen) durch die Einwirkungen der Umwelt determiniert wird.. Da es eine subjektwissenschaftliche Methodologie nicht gab (und bis heute nicht gibt), wurden zum Zwecke der Kritik die subjektwissenschaftlichen Thesen mit den Methoden objektwissenschaftlicher Forschung untersucht/6/. Dass dazu die subjektwissenschaftlichen Thesen ihres spezifischen Gehalts beraubt und in das objektwissenschaftliche Gedankensystem transformiert werden mussten, blieb unreflektiert. So teilte Lorenz /7/ schließlich das Schicksal Uexkülls.

Die experimentell orientierte, objektwissenschaftliche Mainstreambiologie hat auf diesem Wege die subjektwissenschaftlichen Fragen zwar nicht beantwortet, aber aus ihrem Ideenbestand eliminiert. Die aktuelle Debatte um den freien Willen ist dafür Zeugnis genug. Im Kategoriensystem der reduktionistischen Biologie ist kein Platz für diesen, deshalb kann man ihn auch nicht erforschen - auch wenn er sich immer wieder und der Kausalität trotzend ungefragt in die Debatte einmischt.

 /1/ Uexküll, Jacob von (1928): Theoretische Biologie, Springer J., Berlin, S. 197/2/ Ebenda, S. 196

/3/ Lorenz, Konrad (1992): Über tierisches und menschliches Verhalten - Gesammelte Abhandlungen I, Piper & Co.Verlag, München, Zürich, Bedeutung. I, S.274

/4/ Ebernda, S.273.

/5/ Ebenda, S. 274

/6/ Vgl z.B. Zippelius, Hanna-Maria (1992): Die vermessene Theorie, Vieweg oder G. Roth (Hrsg.) (1974): Kritik der Verhaltensforschung, C.H. Beck.

/7/ Lorenz steht hier verallgemeinert für eine ganze Anzahl von Wissenschaftlern (z.B. v. Holst, Mittelstaedt, Leont´ev, Anochin), die verschiedene Aspekte einer subjektwissenschaftlichen Biologie entwickelt hatten, heute aber (mit Ausnahme von Leont´ev) vorwiegend von historischer Bedeutung sind.

1 Kommentar » | Evolution, Freier Wille, Kausalismus, Subjekte, Verhaltensbiologie

Haben Tiere Bewusstsein?

23. Dezember 2007 - 10:50 Uhr

In SpektrumDirekt vom 20.12.07 berichtet Tanja Krämer über Untersuchungen der Variation des Gesangs japanischer Mövchen (Lonchura  striata var. domestica). Die Sache wäre an sich für mich nicht besonders interessant, wenn sie dazu nicht Termini wie „Absicht“ und „bewusst“ verwendet hätte. Was einem etablierten Verhaltensbiologen, der in den Kategorien des Behaviorismus denkt, vielleicht ein müdes Lächeln entlockt hätte, das provoziert einen mich,  der über die paradigmatische Situation der Biologie nachdenkt, geradezu zu der Frage, was denn im Verhalten von Vögeln „bewusst“ genannt werden könnte. Wir sind ja nicht einmal imstande, eine einigermaßen konsensfähige Definition des menschlichen Bewusstseins hinzukriegen, obwohl wir doch alle über ein solches verfügen.

Wenn wir von unserer Kenntnis über unser jeweils eigenes Bewusstsein ausgehen, dem einzigen, das uns in unserer Erfahrung gegeben ist, dann wird man wohl die Frage verneinen müssen, ob Vögel über etwas gleichartiges verfügen, ja ob überhaupt Tiere über mentale Fähigkeiten verfügen, die unserem Bewusstsein gleichartig sind.

Andererseits weisen die zitierten und andere Untersuchungsergebnisse sowie unsere alltäglichen Erfahrungen mit Tieren darauf hin, dass es im mentalen Bereich der Tiere funktionelle Komponenten geben muss, die das Tier zu Leistungen befähigen, für die wir unser Bewusstsein benutzen. Eben das bringt uns dazu, diese Leistungen mit Termini zu beschreiben, mit denen wir auch unsere mentalen Prozesse beschreiben. Nur – ist das berechtigt? Ist das überhaupt zulässig? Schreiben wir damit den Tieren nicht Eigenschaften und Fähigkeiten zu, über die sie noch nicht verfügen und noch nicht verfügen können, jedenfalls dann nicht, wenn wir die Theorie der Evolution ernst nehmen.

In jedem Fall sollten Tiere aber über eigenständige mentale Fähigkeiten verfügen, aus denen im Verlaufe der Evolution das menschliche Bewusstsein hervor gegangen ist. Solche Vorformen des Bewussten sollte es in unterschiedlicher Ausprägung geben, ähnlich wie Gliedmaßen oder Verdauungsorgane in unterschiedlicher Ausprägung vorkommen. Für diese haben wir auch unterschiedliche Bezeichnungen wie “Flossen”, “Hufe”, “Tatzen” oder “Honigmagen” und “Pansen”. Für die unterschiedlichen mentalen Zustände dieser Tiere haben wir keine Worte. Und deshalb können wir die Frage nach dem Bewusstsein der Tiere nicht beantworten, wir wüssten gar nicht, welche Worte wir für die anzunehmenden mentalen Prozesse beispielsweise der Fliegen mit dem eigenen Willen benutzen sollten.

Die fehlenden Worte stehen für fehlende Begriffe. Wir wissen gar nicht, wofür wir überhaupt Worte bräuchten, weil wir nicht den Schatten einer Idee haben, welche mentalen Prozesse tierischem Verhalten zugrunde liegen. Das wird auch so  bleiben, solange Verhaltensbiologie und Psychologie ihre Untersuchungen reduktionistisch anlegen und die mentalen Funktionen aus der Erforschung der Teile des Nervensystems ableiten wollen. Das diesem Vorgehen zugrunde liegende kausalistische Paradigma hat in den letzen 100 Jahren allen „Manifesten“ zum Trotz und bei allen Fortschritten des Technischen aber keinen ernsthaften Beitrag zum Verständnis mentaler Prozesse geleistet. Wir verstehen weder das menschliche Bewusstsein noch die tierische Psyche. Wir haben auf diesem Wege zwar eine Fülle von Daten produziert. Von diesen kann man aber, um eine Formulierung Laughins zu benutzen, höchstens sagen, dass sie „nicht einmal falsch sind“, denn es fehlt ein begriffliches und terminologisches System der Psyche, des Mentalen, aus dem Daten vorhersagbar sind und in dem die Daten experimenteller Untersuchungen eine Bedeutung erhalten. So können Daten mangels einer Theorie auch keine Theorie verifizieren. Wozu sind sie aber dann nütze? Ohne ein theoretisches System sind solche Daten bedeutungslos, so bunt die Bilder auch sein mögen.

Die Eignung des reduktionistischen Paradigmas zur Lösung von Fragen nach dem Mentalen im tierischen Verhalten wird heute nicht nur von Kreationisten und ID- Apologeten in Zweifel gezogen, sondern vor allem auch von ernsthaften Naturwissenschaftlern. So hat der Physiknobelpreisträger 1998 Robert Lauglin in seinem Buch „Abschied von der Weltformel“ (Piper 2007) gezeigt, dass dieses Paradigma nicht einmal mehr ausreicht, die moderne Physik hinreichend abzubilden. Der Biochemiker Stuart Kauffmann hat dies auch für die Biologie gezeigt, z.B. in „Der Öltropfen im Wasser“ (Piper 1996). Um wie viel weniger ist das Kausalitätsparadigma dann ungeeigneter, Fragen nach Psyche und Bewusstsein zu beantworten.

 

Allen meinen Lesern wünsche ich ein Frohes Weihnachtsfest und alles Gute für 2008. Ich melde mich erst Ende Januar wieder.

 

3 Kommentare » | Erkenntnis, Evolution, Freier Wille, Kausalismus, Psyche, Verhaltensbiologie