Archiv für Juli 2008


Subjekt und Instinkt II

29. Juli 2008 - 09:47 Uhr

Eine subjektwissenschaftliche Biologie erfordert zwingend die Annahme, dass die Tiere ĂŒber die FĂ€higkeit zur autonomen Steuerung verfĂŒgen. Sie mĂŒssen fĂ€hig sein, ihre Aktionen unabhĂ€ngig von Ă€ußeren Einwirkungen, von „Reizen“ zu steuern. Solche auch „Instinkte“ genannten autonomen Steuermechanismen mĂŒssen angeboren sein, d.h. sie mĂŒssen genetisch determiniert sein und der Evolution unterliegen.

Ihre Existenz ist zwar unzweifelhaft, ihre Bedeutung fĂŒr die biologische Theorie ist jedoch umstritten. FĂŒr eine reduktionistische Biologie, welche die Lebewesen als Objekte auffasst, die letztlich ausschließlich durch Gesetze von Physik und Chemie erklĂ€rbar sind, ist der Instinktbegriff ein störendes Element, das möglichst aus der biologischen Theorie entfernt werden sollte. Dieser Trend ist fĂŒr die heutige Mainstreambiologie kennzeichnend und mit dem Terminus „Behaviorismus“ hinreichend charakterisiert.

Dieser „objektwissenschaftlichen“ Biologie ist die Position entgegengesetzt, in welcher die Lebewesen als Subjekte aufgefasst werden. Subjekte werden nicht durch Ă€ußere Einwirkungen determiniert, auf die sie in berechenbarer Weise reagieren. Sie agieren vielmehr aus sich heraus. Eine solche „subjektwissenschaftliche“ Biologie hat die Aufgabe, die Determination dieser subjekteigenen Aktionen zu erforschen, die nicht mehr kausal, „objektiv“, sondern akausal, „subjektiv“ determiniert ist. Die Determination der subjektiven Aktionen durch die Subjekte, das ist der Forschungsgegenstand einer subjektwissenschaftlichen Biologie.

Der Erste, der diese Forderung expressis verbis formuliert hat, war Jacob von UexkĂŒll.

Er unterschied die Umgebung, die aus Objekten besteht von der Umwelt, die aus GegenstĂ€nden besteht, die von der Beschaffenheit der Lebewesen, der Subjekte bestimmt wird. Die Umwelt unterliegt in dieser Theorie also nicht mehr der physikalischen ZufĂ€lligkeit, wie die Objekte, sondern dem Prinzip der „PlanmĂ€ĂŸigkeit“, das von der Biologie zu erforschen ist, Die Aktionen der Subjekte richten sich nicht auf die Objekte, sondern auf die GegenstĂ€nde der Umwelt, die vom agierenden Subjekt planmĂ€ĂŸig determiniert sind.

In diesem Konzept hatte nun das Prinzip  der Anpassung keinen Platz, denn dieses Prinzip unterwirft das Lebewesen ja den Einwirkungen einer Umwelt, die ja in UexkĂŒlls Theorie erst von dem jeweiligen Lebewesen bestimmt wurde. Aus dieser Position zog UexkĂŒll nun einen Schluss, der sich fatal auf die weitere Rezeption seiner Ideen und damit auf die Entwicklung der Biologie als Subjektwissenschaft auswirken sollte, denn aus ihr folgte fĂŒr ihn logisch zwingend die Ablehnung des Darwinismus, und das in einer Zeit, in der dieser nicht nur die Biologie, sondern auch die Stammtische erobert hatte. FĂŒr UexkĂŒll folgte aus seiner subjektwissenschaftlichen Theorie der Biologie, der Darwinismus sei…

  „…weiter nichts als die Verkörperung des Willensimpulses, die PlanmĂ€ĂŸigkeit auf jede Weise aus der Natur loszuwerden.“/1/„Der Enthusiasmus, mit dem sich die Darwinisten fĂŒr den Entwicklungsgedanken einsetzen, entbehrt nicht einer gewissen Komik, nicht bloß darum, weil ihre Weltanschauung, die sich prinzipiell auf Physik und Chemie stĂŒtzt, aus diesen Wissenschaften den Entwicklungsgedanken gar nicht schöpfen kann, da Chemie und Physik jede Entwicklung prinzipiell ablehnen. Sondern vor allem deswegen, weil das Wort Entwicklung gerade das Gegenteil dessen ausdrĂŒckt, was damit gemeint ist.“/2/ 

Mit dieser Position konnte sich spĂ€ter kein Biologe mehr identifizieren, der ernst genommen werden wollte. Das fĂŒhrte dazu, dass UexkĂŒlls biologische Theorie nicht nur sehr fragmentarisch sondern vor allem ihres subjektwissenschaftlichen Gehalts beraubt rezipiert wurde. Das gilt besonders fĂŒr den Umweltbegriff, der als einziger Begriff des von UexkĂŒll entwickelten Kategoriensystems allgemein (wenn auch in „kastrierter“ Form) rezipiert wurde.

WĂ€hrend UexkĂŒll eine umfassende subjektwissenschaftliche Theorie der gesamten Biologie vorgelegt hatte, beschrĂ€nkte sich Konrad Lorenz, einer von UexkĂŒlls Verehrern, auf den verhaltenswissenschaftlichen Aspekt. So konnte er seine Kritik  auf die verhaltensbiologische Richtung der kausalistischen Biologie, den Behaviorismus beschrĂ€nken, ohne UexkĂŒll kritisieren zu mĂŒssen. In der Auseinandersetzung mit dem Behaviorismus spielte der Instinktbegriff eine besondere Rolle, denn die Existenz von Instinkten wurde und wird vom Behaviorismus bestritten.

LorenzÂŽ Arbeit am Instinktbegriff war daher auch der Versuch, in der Verhaltensbiologie im Gegensatz zum Behaviorismus eine subjektwissenschaftliche Position zu etablieren. Er hat gezeigt, dass der Instinktbegriff als Konzept der autonomen Steuerung tierischer Aktionen geeignet ist und nicht im Widerspruch zur Evolutionstheorie stehen muss. Die Evolution der Lebewesen kann auch als Evolution von Subjekten verstanden werden. Er zeigte, dass Instinkte genetisch determiniert sind und folglich wie die Organe der Lebewesen den Gesetzen der Evolution unterliegen. Er schreibt:

 “Niemand kann leugnen, daß die phylogenetische VerĂ€nderlichkeit einer Instinkthandlung sich so verhĂ€lt wie diejenige eines Organes und nicht wie diejenige einer psychischen Leistung. Ihre VerĂ€nderlichkeit gleicht so sehr derjenigen eines besonders „konservativen“ Organes, daß der Instinkthandlung als taxonomischem Merkmal sogar ein ganz besonderes Gewicht zukommt“./3/ 

Von besonderer Bedeutung ist dabei die Frage nach der Bedeutung der Umwelt.

 „Wir haben es nie zu bereuen gehabt, daß wir die VerĂ€nderlichkeit der Instinkthandlung durch Erfahrung rundweg geleugnet haben und folgerichtig den Instinkt wie ein Organ behandelt haben, dessen individuelle Variationsbreite bei allgemeiner biologischer Beschreibung einer Art vernachlĂ€ssigt werden kann. Diese Auffassung widerspricht nicht der Tatsache, daß manchen Instinkthandlungen eine hohe regulative „PlastizitĂ€t“ zukommen kann. Eine solche haben auch viele Organe.“/4/„Wenn man nicht den Begriff des Lernens ganz ungeheuer weit fasst, so daß man etwa auch sagen kann, die Arbeitshypertrophie eines vielbenĂŒtzten Muskels sei ein Lernvorgang, so hat man durchaus kein Recht, die Beeinflussung des Instinktes durch Erfahrung zu behaupten.“/5/ 

Vor allem diese Position war es, die von Seiten des Behaviorismus immer wieder angegriffen wurde, der nach wie vor darauf besteht, dass das Verhalten von Tieren (und Menschen) durch die Einwirkungen der Umwelt determiniert wird.. Da es eine subjektwissenschaftliche Methodologie nicht gab (und bis heute nicht gibt), wurden zum Zwecke der Kritik die subjektwissenschaftlichen Thesen mit den Methoden objektwissenschaftlicher Forschung untersucht/6/. Dass dazu die subjektwissenschaftlichen Thesen ihres spezifischen Gehalts beraubt und in das objektwissenschaftliche Gedankensystem transformiert werden mussten, blieb unreflektiert. So teilte Lorenz /7/ schließlich das Schicksal UexkĂŒlls.

Die experimentell orientierte, objektwissenschaftliche Mainstreambiologie hat auf diesem Wege die subjektwissenschaftlichen Fragen zwar nicht beantwortet, aber aus ihrem Ideenbestand eliminiert. Die aktuelle Debatte um den freien Willen ist dafĂŒr Zeugnis genug. Im Kategoriensystem der reduktionistischen Biologie ist kein Platz fĂŒr diesen, deshalb kann man ihn auch nicht erforschen - auch wenn er sich immer wieder und der KausalitĂ€t trotzend ungefragt in die Debatte einmischt.

 /1/ UexkĂŒll, Jacob von (1928): Theoretische Biologie, Springer J., Berlin, S. 197/2/ Ebenda, S. 196

/3/ Lorenz, Konrad (1992): Über tierisches und menschliches Verhalten - Gesammelte Abhandlungen I, Piper & Co.Verlag, MĂŒnchen, ZĂŒrich, Bedeutung. I, S.274

/4/ Ebernda, S.273.

/5/ Ebenda, S. 274

/6/ Vgl z.B. Zippelius, Hanna-Maria (1992): Die vermessene Theorie, Vieweg oder G. Roth (Hrsg.) (1974): Kritik der Verhaltensforschung, C.H. Beck.

/7/ Lorenz steht hier verallgemeinert fĂŒr eine ganze Anzahl von Wissenschaftlern (z.B. v. Holst, Mittelstaedt, LeontÂŽev, Anochin), die verschiedene Aspekte einer subjektwissenschaftlichen Biologie entwickelt hatten, heute aber (mit Ausnahme von LeontÂŽev) vorwiegend von historischer Bedeutung sind.

1 Kommentar » | Evolution, Freier Wille, Kausalismus, Subjekte, Verhaltensbiologie

Subjekt und Instinkt I

10. Juli 2008 - 09:27 Uhr

Subjekte sind u.a. durch Autonomie, durch Selbstbestimmtheit ausgezeichnet. Ein „fremdbestimmtes Subjekt“ wĂ€re ein Widerspruch in sich. Bei menschlichen Subjekten ist ihre Autonomie in ihrem Bewusstsein begrĂŒndet. Die bewusste subjektive ideelle Abbildung der Welt und des individuellen Selbst, des Ichs, ermöglicht die selbstbestimmte Gestaltung der eigenen TĂ€tigkeit. Wenn wir nun auch Tiere als autonome Subjekte ansehen wollen, mĂŒssen wir auch die Frage beantworten, worauf ihre SubjektivitĂ€t, ihre Selbstbestimmung beruht.

Das Postulat der Subjektposition der Lebewesen erfordert auch die Annahme der Autonomie des Verhaltens, d.h. die Annahme, dass die Aktionen der Lebewesen nicht kausal durch Ă€ußere Einwirkungen hervorgerufen und auch nicht durch solche gesteuert werden . In den ĂŒblichen biologischen und psychologischen Standardwerken wird die TĂ€tigkeit der Tiere jedoch als prinzipiell ĂŒber die Wahrnehmung gesteuert dargestellt. Dieses Modell der Verhaltenssteuerung besagt, dass Tiere Informationen aus der Umgebung aufnehmen und ihr Verhalten mit deren Hilfe steuern. In diesem ErklĂ€rungsmodell ist jedoch die Existenz autonomer Subjekte nicht darstellbar, denn in ihm bestimmen die vom Subjekt unabhĂ€ngigen Informationen (die „Reize“) die Aktionen des Subjekts, die nur als „Reflexe“ gedacht werden können. Das Subjekt wĂ€re nicht mehr selbstbestimmt, nicht mehr autonom. Eine autonome Steuerung erfordert vielmehr die Annahme einer internen Informationsquelle, mit deren Hilfe das Subjekt seine Aktionen autonom steuert.

In der Biologie wurde mehrfach versucht, das Problem der autonomen Steuerung mit dem Instinktbegriff zu lösen. UexkĂŒll hat wohl als erster den Subjektbegriff als wissenschaftliche Kategorie zur Abbildung auch der TĂ€tigkeit der Tiere verwendet. Die Eigenschaft der SubjektivitĂ€t sah er im Gegenpol zur physikalischen KausalitĂ€t. Er vertritt die Auffassung, dass es in der Biologie  „…außer der KausalitĂ€t noch eine zweite subjektive Regel gibt, nach der wir die GegenstĂ€nde ordnen – die PlanmĂ€ĂŸigkeit“. /1/„Damit wurde ein neues GerĂŒst fĂŒr die Biologie notwendig, das bisherige GerĂŒst, das man der Chemie und der Physik entliehen hatte, genĂŒgte nicht mehr. Denn Chemie und Physik kennen das PlanmĂ€ĂŸige als Naturfaktor nicht.“ /2/  

Zu Beschreibung der autonomen Steuerung der Tiere diente ihm der Begriff des Instinkts, den er als „selbstĂ€ndigen Faktor“ ohne Bindung an eine anatomische Struktur und ohne Kontrolle durch Sinnesorgane konzipierte (Theoretische Biologie, S.95f.) Sie sind dem tierischen Subjekt immanent, angeboren. Im Unterschied dazu verstand er den Reflex im Sinne Pawlows als anatomisch nachweisbar, als Reflexbogen. Reflektorisch gesteuerte Aktionen erfolgen danach unter der Kontrolle der Sinnesorgane.

Das Instinktkonzept als Konzept einer angeborenen autonomen Steuerung ist in der Folge verschiedentlich weiterentwickelt worden. Die ihm zugrunde liegende Auffassung ist unvereinbar mit dem behavioristischen Konzept der Verhaltensbiologie, das auf dem kausalistischen Konzept der Mainstreambiologie beruht. Deshalb wird das Instinktkonzept heute meist als veraltet und ĂŒberholt dargestellt. Die FĂŒlle empirischer Daten, die fĂŒr die Existenz angeborener, autonomer Steuerungsmechanismen sprechen, verhinderte jedoch, dass das Instinktkonzept völlig ad acta gelegt wurde. Mit dem Konzept des AAM (angeborenen Auslösemechanismus) wurde es zurechtgestutzt und mit dem behavioristischen Konzept vertrĂ€glich gestaltet.

 

Wie man die vorliegenden empirischen Daten auch sprachlich ausdrĂŒcken und theoretisch interpretieren mag, unbestreitbar ist, dass die Auffassung, Tiere seien Subjekte, logisch zwingend die Annahme erfordert, dass sie ĂŒber intern ausgelöste, d.h. angeborene Steuermechanismen verfĂŒgen. Diese „Instinkte“ zu nennen, bedarf zwar der Konvention, entspricht aber auch dem allgemeinen Sprachgebrauch in Biologie und Psychologie. In einer kausalistischen Biologie bleibt die Idee des Instinkts ein logischer Fremdkörper, eine subjektwissenschaftliche Biologie dagegen erfordert sie zwingend.

 

/1/ UexkĂŒll, Jacob von (1928): Theoretische Biologie, Springer J., Berlin, S. 86
/2/ Ebenda, Vorwort

3 Kommentare » | Kausalismus, Subjekte