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Meine unsterbliche Seele

15. April 2009 - 08:25 Uhr

Neulich bin ich um Haaresbreite an einem Unfall vorbei geschrammt. W√§hrend ich auf die Polizei wartete, ging mir so mancherlei durch den Kopf. Was w√§re gewesen, wenn … ? Ich mag gar nicht daran denken.

Warum will der Mensch eigentlich nicht sterben? Warum soll auch unser N√§chster nicht sterben? Ich glaube, der Wunsch nach Unsterblichkeit f√ľhrte zur Erfindung der Seele. Mit der Idee der unsterblichen Seele konnten Menschen die Sterblichkeit des K√∂rpers, die Verg√§nglichkeit des Leibes leichter ertragen. Mit diesem Begriff war auch die ‚Äěphilosophische Grundfrage‚Äú geboren, die nun in unterschiedlichem Gewand in Wissenschaften, Philosophien und Religionen ihr Unwesen treibt. Leib und Seele, Materie und Geist, Sein und Bewusstsein sind ihre bekanntesten Verkleidungen, und immer geht es darum, wem kommt das Primat zu?

 

Wenn die Idee der Unsterblichkeit aber nur einen t√∂richten Wunsch unserer fr√ľhen Vorfahren erf√ľllt, warum befassen sich dann gro√üe Geister bis auf den heutigen Tag mit der Suche nach Antworten auf die Fragen nach Seele und Geist? Oder ist das Streben nach Unsterblichkeit vielleicht doch nicht nur t√∂richter Wunsch sondern essentielles menschliches Bed√ľrfnis? Brauchen wir dieses Streben, um unser Leben im Hier und Heute gestalten zu k√∂nnen? Und wenn der Geist nur ein Konstrukt unseres Denkens ist, ist die Hypothese des Geistigen dann notwendig? K√∂nnen wir auch ohne die Annahme des Geistigen ein Weltbild gestalten, das es uns erm√∂glicht, uns in unserer realen Welt zielstrebig zu bewegen, oder w√ľrden wir ohne eine solche Annahme ziellos umher irren? Ist diese Annahme also denknotwendig?

Die Annahme einer unsterblichen Seele, eines ewigen Geistes in einer jenseitigen Welt erfordert auch weder die Annahme g√∂ttlicher Wesen noch impliziert sie diese. Die Annahme h√∂herer, allm√§chtiger Wesen in den Religionen dient wohl nur dem Bed√ľrfnis, die Herrschaft von Menschen √ľber Menschen zu legitimieren. Unsterbliche Seelen k√∂nnten auch in einer Welt ohne G√∂tter angenommen werden. Wozu dann ist aber die Annahme einer geistigen Welt erforderlich?

 

Seele, Geist und Bewusstsein sind ja Bestimmungen unseres Selbsts, es geht um unsere Seele, unseren Geist und unser Bewusstsein. Können wir uns uns selbst nun ohne Seele, ohne Geist und ohne Bewusstsein denken? Bereits Descartes konnte sich den Menschen zwar ohne Körper, aber nicht ohne Geist vorstellen.

Unser geistiges Leben manifestiert sich in den Sch√∂pfungen unserer Kultur. Die Werkzeuge, die ich herstelle, die Bilder die ich male oder fotografiere und die Gedanken, die ich in Worte fasse, sind die Realit√§t meines Geistes, f√ľr mich selbst und f√ľr die Anderen. Die Kultur ist die Existenzform meines geistigen Seins wie mein K√∂rper die Existenzform meines k√∂rperlichen Seins ist. Mein materielles Sein ist endlich, aber auch nach dem Ende meines k√∂rperlichen Seins werden die Gegenst√§nde der Kultur, in den mein geistiges Sein manifest ist, weiter existieren.

 

Sind sie aber darum ohne Seele, ohne Geist, nur weil mein K√∂rper, der sie schuf, ¬†nicht mehr ist? Das h√§ngt ganz davon ab, in wessen H√§nde sie geraten. Ihre kulturellen Eigenschaften k√∂nnen sie nur entfalten, wenn sie von Menschen angeeignet werden. Nur Menschen k√∂nnen meinen Geist in ihrem Geist auferstehen lassen, indem sie meine Werkzeuge nutzen, meine Bilder betrachten und meine Worte lesen. Die menschliche Gesellschaft ist es, die meine Seele weiter leben l√§sst und meinen Geist unsterblich machen kann, so wie wir heute noch im Museum den Geist der fr√ľhen Menschen aufleben lassen, indem wir ihre Faustkeile bewundern.

Die Idee der unsterblichen Seele ist also offensichtlich eine Denknotwendigkeit, ohne die wir unser heutiges Leben weder verstehen noch gestalten könnten. Aber trotzdem, ich bin doch froh, am Leben geblieben zu sein.

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