Kategorie: Subjekte


Über den Erkenntnisbegriff

14. Mai 2012 - 10:11 Uhr

Erkenntnis und RealitÀt

Auch Piaget hat ĂŒber die Frage nachgedacht, wie Erkenntnistheorie nicht als Philosophie sondern als Objektwissenschaft betrieben werden kann. Er meint, dass Objektwissenschaften sich im Unterschied zur Philosophie u.a. dadurch auszeichnen, dass sie nicht die Erkenntnis als Ganzes untersuchen, sondern einen abgegrenzten Bereich des Erkennens.

„Der Gegenstand der Philosophie ist die TotalitĂ€t der Wirklichkeit. Sie umfaßt die RealitĂ€t der Objektwelt. die RealitĂ€t des Geistes und auch die Beziehungen zwischen diesen beiden Welten. Insofern kann sie ĂŒber keine spezifischen Methoden verfĂŒgen, außer der reflektierenden Analyse. …

Im Gegensatz zur Philosophie steckt sich eine Wissenschaft ein begrenztes Ziel. Eine rechtmĂ€ĂŸige Wissenschaftsdisziplin ist sie erst, wenn es ihr gelingt, eine solche Abgrenzung vorzunehmen. Indern sie nach der Lösung spezieller Fragen sucht, erarbeitet sie sich eine oder mehrere spezifische Methoden, die gestatten, neue Fakten zu sammeln und die Interpretationen innerhalb des vorher abgegrenzten Forschungsabschnitts zu koordinieren.“ /1/

Auf diese Weise erreicht eine Wissenschaft im Unterschied zur Philosophie

„..eine gewisse Übereinstimmung der Geister. Sie erreicht aber diese Übereinkunft nur in dem Maße, wie sie begrenzte Probleme löst und wie sie genau definierte Methoden anwendet.“  /2/

Die Abgrenzungen, die Piaget vornimmt bestehen nun darin, nur die wissenschaftliche Erkenntnis zu untersuchen und diese nur im Prozess ihrer Entwicklung. Deshalb bezeichnet er seine Erkenntnistheorie als „genetische Erkenntnistheorie“.

Gegenstand der genetische Erkenntnistheorie ist folglich einerseits die historische Entwicklung einer bestimmten Erkenntnis, beispielsweise des Zahlbegriffs und andererseits die Entwicklung dieser Erkenntnis im Prozess der Entwicklung des individuellen Intellekts.

Dadurch wird die genetische Erkenntnistheorie zu einer wesentlich psychologischen Theorie. Auch die Entwicklung der objektiven wissenschaftlichen Erkenntnis wird als Ergebnis der Entwicklung aufeinanderfolgender individueller Erkenntnisse betrachtet. Die eigenstĂ€ndige Entwicklung einer „objektiven Erkenntnis“ wie sie beispielsweise bei Frege oder Popper dargestellt wird, ist im Rahmen der genetischen Erkenntnistheorie nicht denkbar. Das ist die gewusste und gewollte Folge dieser Begrenzung des Gegenstandes.

Eine andere Folge dieser Begrenzung ist der Verzicht auf die Formulierung eines allgemeinen Begriffs der Erkenntnis.

„Eine Erkenntnistheorie, die Wert darauf legt, selbst wissenschaftlich zu sein, wird sich deshalb hĂŒten, gleich im Anfang zu fragen, was Erkenntnis sei. Auch die Geometrie vermeidet es, a priori zu entscheiden, was der Raum sei, und die Physik verzichtet anfĂ€nglich auf die Frage nach der Materie. Sogar die Psychologie nimmt vorerst nicht Stellung zur Natur des Geistes.

FĂŒr die Wissenschaften gibt es keine allgemeine Kenntnis, nicht einmal kurzerhand eine wissenschaftliche Erkenntnis. Es existieren vielfache Formen der Erkenntnis, von denen jede eine endlose Reihe von speziellen Problemen aufwirft.“ /3/

Nun ist es aber gerade mein Anliegen, eben einen allgemeinen aber zugleich objektwissenschaftlichen Begriff der Erkenntnis zu entwickeln.

Der philosophische Ansatz der Erkenntnis besteht u.a. darin, die Erkenntnis in Bezug auf die RealitÀt zu definieren, Erkenntnis also als Glied einer zweistelligen Relation aufzufassen, deren zweites Glied die RealitÀt ist.

Der Begriff der RealitÀt wird gewöhnlich mit zwei Merkmalen ausgestattet: RealitÀt ist im Unterschied zum Ideellen, zur Erkenntnis wirklich, und RealitÀt ist unabhÀngig, unabhÀngig von menschlicher TÀtigkeit und unabhÀngig von menschlicher Erkenntnis.

Was nicht RealitÀt ist, gibt es in diesem philosophischen Zusammenhang nicht.

Diese Relation verhindert aber jede Begrenzung, sie bildet keinen Rahmen, in dem gedacht werden kann, denn „RealitĂ€t“ ist ein Begriff, der alles umfasst. Außer der RealitĂ€t ist nichts. Bleibt man in diesem philosophischen Zusammenhang, muss Erkenntnis als Etwas bestimmt werden, das außerhalb und unabhĂ€ngig von RealitĂ€t ist.

Eine Begrenzung ist bei Beibehaltung dieses philosophischen Rahmens nicht machbar, denn bei jeder Begrenzung geht die (philosophische) Allgemeinheit verloren.

Manchmal wird versucht, diese Allgemeinheit durch Zwischenglieder oder weitere Glieder außerhalb dieser Relation auf den Begriff zu bringen. So wird beispielsweise der Begriff des Subjekts als ein solches Glied aufgefasst. Je nach der Rolle des Subjekts in dieser Beziehung erhĂ€lt die darauf entwickelte Erkenntnistheorie ihren spezifischen „Touch“, durch den erkenntnistheoretische Grundrichtungen wie Empirismus oder Konstruktivismus gekennzeichnet sind.

Der empiristische Standpunkt besagt, dass Erkenntnis die RealitĂ€t ideell abbildet. Konstruktivistische Standpunkte versuchen einen anderen Rahmen, indem sie dem Begriff der RealitĂ€t nicht mehr das Merkmal der UnabhĂ€ngigkeit von der Erkenntnis zuschreiben, sondern RealitĂ€t als Konstrukt des Erkennens auffassen. Damit wird die dann oft als „Wirklichkeit“ bezeichnete RealitĂ€t in den Rahmen der Erkenntnis eingeordnet. Die Frage nach einer EntitĂ€t außerhalb der Erkenntnis ist damit gegenstandslos.

Es muss also versucht werden einen anderen begrifflichen Rahmen zu entwickeln, in dem die Begriffe RealitÀt und Erkenntnis eingeordnet werden können, ohne ihre Allgemeinheit zu verlieren.

Erkenntnis und Wahrnehmung

Auch der Begriff der Erkenntnis umfasst zwei Merkmale, die Wahrnehmung und die daraus entwickelte eigentliche, „theoretische“ Erkenntnis. WĂ€hrend zumindest auch höhere Tiere zur Wahrnehmung befĂ€higt sind, wird das Erkennen meist als nur dem Menschen zukommende FĂ€higkeit angesehen, die an die Sprache gebunden ist. Soweit die evolutionĂ€re Erkenntnistheorie Erkennen als allgemeine FĂ€higkeit des Lebens ansieht, reduziert sie Erkennen auf Steuerung des Verhaltens oder auf Wahrnehmung. Damit wird das spezifisch Menschliche aus dem Begriff der Erkenntnis eliminiert und muss spĂ€ter durch Hilfskonstruktionen angefĂŒgt werden.

In der konstruktivistischen Erkenntnistheorie existiert das Problem der Beziehung von Erkenntnis und RealitĂ€t nicht. Folglich gibt es auch kein Wahrheitsproblem. Wahrnehmung und Erkenntnis finden ausschließlich im geistigen Bereich statt, denn beide sind Leistungen des Nervensystems.

Am klarsten kommt das in der Theorie der Wahrnehmungskontrolle von W. Powers zum Ausdruck. Nach Powers besteht das Verhalten nicht darin, Handlungen zu steuern, sondern Wahrnehmungen. Dazu wird im Gehirn eine „Referenz-Wahrnehmung“ erzeugt, mit der die tatsĂ€chliche Wahrnehmung verglichen wird. durch die Steuerung der Muskulatur werden Abweichungen des Wahrnehmungssignals vom Referenzsignal ausgeglichen.

Der Charme dieser Auffassung besteht darin, dass sie mit den Ergebnissen der experimentellen Neurologie durchaus vereinbar sind, was fĂŒr empiristische Auffassungen keineswegs gilt. Und solange erkenntnistheoretisches Denken im Rahmen der Variablen „Wahrnehmung – Erkenntnis“ verharrt, kann man kaum zu wesentlich anderen Auffassungen kommen.

Wenn man sich nur zwischen den Variablen „Wahrnehmung“ und „Erkenntnis“ bewegt, bleibt als Kriterium der PrĂŒfung der Erkenntnis nur die Wahrnehmung, und dass diese dazu ungeeignet ist, wussten schon die alten Griechen.

Es ist ja nicht so, dass zumindest der radikale Konstruktivismus die Existenz einer vom Menschen unabhĂ€ngigen RealitĂ€t bestreitet, sie kommt nur im Variablensystem seiner Erkenntnistheorie nicht vor, und deshalb kann Erkenntnis nichts ĂŒber die RealitĂ€t aussagen und auch nicht durch Wahrnehmung von RealitĂ€t geprĂŒft werden.

Andererseits wird die RealitÀt erkennender Subjekte als selbstverstÀndlich vorausgesetzt, nur hat dies nichts mit Wahrnehmung oder Erkenntnis zu tun. Verhalten wird nicht als Beziehung zur RealitÀt aufgefasst, sondern als Steuerung der Wahrnehmung angesehen.

Erkenntnis und TĂ€tigkeit

Die Beziehung des Menschen zur RealitÀt ist aber nicht nur die. Eine umfassende Beziehung des Menschen zur Welt ist die menschliche TÀtigkeit. Diese Beziehung ist weiter als die Erkenntnisbeziehung  und deshalb geeignet, einen Rahmen zu bilden, in dem auch die Erkenntnis  ihren Platz findet.

Die Pole des allgemeinen Begriffs der TĂ€tigkeit sind das Subjekt und seine Umwelt. Beide sind Elemente der RealitĂ€t. FĂŒr Tier und andere nichtmenschliche Lebewesen ist die Umwelt immer nur der Teilbereich der RealitĂ€t, zu dem das Lebewesen eine Beziehung aufnehmen kann. Dieser Teilbereich ist subjektiv, d.h. er wird von der funktionellen Ausstattung des individuellen Subjekts bestimmt. /4/

FĂŒr den entwickelten, den gesellschaftlichen Menschen ist das anders. Mittels seiner Kultur und seiner Sprache vermag er in Beziehung zur gesamten RealitĂ€t zu treten. Er hat Begriffe und Termini auch fĂŒr das, was er (noch) nicht kennt und (noch) nicht weiß. Die Umwelt des Menschen ist die ganze Welt, die RealitĂ€t.

Eine weitere Besonderheit der TĂ€tigkeit menschlicher Subjekte ist, dass wesentliche TĂ€tigkeiten arbeitsteilig-kooperativ ausgefĂŒhrt werden und die konsumierbaren Resultate der TĂ€tigkeit erst in der TĂ€tigkeit gesellschaftlicher Subjekte zustande kommen. Das Individuum kommt erst durch die Verteilung in den Genuss der Resultate seiner TĂ€tigkeit.

Die Steuerung solcher TĂ€tigkeit erfordert andere psychische Bilder als die TĂ€tigkeit tierischer Subjekte. Diesen  genĂŒgt die Wahrnehmung. Alle Komponenten und Etappen der individuellen TĂ€tigkeit sind der unmittelbaren Wahrnehmung durch das tĂ€tige Individuum zugĂ€ngig.

Auf diese TĂ€tigkeit trifft zu, was die evolutionĂ€re Erkenntnistheorie meint, wenn sie die Sinnesorgane und Nervensystem als die „Apparate der Erkenntnis“ /5/ beschreibt.

FĂŒr die an Sprache und andere gesellschaftliche Darstellungsformen gebundene Erkenntnis des Menschen gilt das nicht mehr. Die Apparate der Erkenntnis sind nicht die Organe des Nervensystems, sondern die sprachlichen und anderen kulturellen EntitĂ€ten, mit denen der Mensch seine Erkenntnis darstellt. Die Organe des Nervensystems sind nur die Apparate der Wahrnehmung, nicht aber die der menschlichen Erkenntnis.

Darstellen ist eben nicht wahrnehmen, und Erkenntnis kann nicht auf Wahrnehmung reduziert werden. Darstellungen können auch nicht einfach wahrgenommen werden, wie die Diskussion um die „5. Dimension der Wahrnehmung“ zeigt. Das VerhĂ€ltnis zwischen Wahrnehmung und (dargestellter, objektiver) Erkenntnis gehört vielmehr zu den grundlegenden Problemen der Theorie menschlichen Erkennens.

Beide gehören in den Bereich der Steuerung der arbeitsteilig-kooperativen TÀtigkeit des Menschen. Die RealitÀt hingegen ist ein eigenstÀndiges Glied in der Beziehung des gesellschaftlichen Menschen zu seiner Umwelt. Durch seine TÀtigkeit gliedert der Mensch die RealitÀt in sich als Subjekt und seine Umwelt. Der Begriff der Umwelt bildet so die RealitÀt in Bezug auf den Menschen ab.

Die begriffliche Abbildung von RealitÀt und Erkenntnis erfolgt also in unterschiedenen Relationen, die nicht unmittelbar in Beziehung stehen, sondern vermittelt durch die gesellschaftliche, d.h. arbeitsteilig-kooperative TÀtigkeit der Menschen.

 

Anmerkungen:

/1/ Piaget, Jean (1975): Die Entwicklung des Erkennens I, Ernst Klett, Stuttgart, S.13,

/2/ Ebenda, S. 14,

/3/ Ebenda, S. 17,

/4/ Auf diesen Zusammenhang hat UexkĂŒll als erster hingewiesen: UexkĂŒll, Jacob von (1928): Theoretische Biologie, Verlag von Julius Springer, Berlin.

/5/ Vgl. z.B. Lorenz, Konrad (1997): Die RĂŒckseite des Spiegels, Piper & Co. Verlag, MĂŒnchen, ZĂŒrich

 

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Wenn die Fliege aber keine Lust hat…

18. Februar 2011 - 11:21 Uhr

Vor einigen Tagen veröffentlichte die SĂŒddeutsche Zeitung ein Interview mit Björn Brembs, in dem es um der freien Willen von Fruchtfliegen geht. Am besten gefiel mir das sogenannte Harvard Law of Animal Behavior: “Unter exakt kontrollierten Versuchsbedingungen macht ein Tier genau das, wozu es gerade Lust hat.” Besser gehtÂŽs nicht!Das wird auch durch die Ergebnisse von Experimenten belegt: Wenn man 100 Fliegen vor eine Lampe setzen, krabbeln ungefĂ€hr 70 Fliegen auf das Licht zu und die anderen 30 davon weg. Testet man diese 30 noch einmal, tritt wieder diese 70-30-Prozent Aufteilung auf. Das ist auch so, wenn man die 79 Lichtkrabbler erneut vor die Lampe setzt. Es kann also keine genetische oder andere Festlegung sein - jede Fliege trifft jedes Mal neu eine Entscheidung.Nun will das natĂŒrlich wissenschaftlich erklĂ€rt werden. Neben der Kategorie Lust und einem diffusen Hintergrundrauschen wird auch der Zufall bemĂŒht.Es zeigt sich wieder einmal, dass die biologischen Wissenschaften noch nicht ĂŒber ein Begriffssystem verfĂŒgen, das es ermöglichen wĂŒrde, Ereignisse wie die beschriebenen hinreichend prĂ€zise abzubilden.

In seinem Paper Towards a scientific concept of Free Will as a biological trait: spontaneous actions and decision-making in invertebrates setzt sich Brembs mit der aktuellen Diskussion zum Begriff des freien Willens auseinander und kommt zu Ă€hnlichen EinschĂ€tzungen. Besonders bedeutsam scheint mir der Ansatz, den reflextheoretischen Begriff der Reaktion („response“) durch den Begriff der TĂ€tigkeit („action“) zu ersetzen. Dort heißt es:

“Another concept that springs automatically from acknowledging behavioural variability as an adaptive trait is the concept of actions. In contrast to responses, actions are behaviours where it is either impossible to find an eliciting stimulus or where the latency and/or magnitude of the behaviour vary so widely, that the term ‘response’ becomes useless.”

Zur Beschreibung des TĂ€tigen, des Subjekts der TĂ€tigkeit, schlĂ€gt er den Terminus „Selbst“ vor. Dieser Gedanke resultiert wohl daraus, dass Brembs die Frage des Willens aus neurophysiologischer Sicht betrachtet. Der Begriff des Selbst artikuliert einen introspektiven Aspekt und erfordert mindestens eine zweite Betrachtungsebene, von der aus das Individuum sich als Selbst reflektiert. Das geht auch aus den Beispielen hervor, die mangels einer Definition herangezogen werden. Aber gerade das lĂ€sst wieder metaphysische Interpretationen zu, gegen die Brembs expressis verbis argumentiert. Hier hilft nur ein Begriff des Willens, der mit den physikalischen Gesetzen vertrĂ€glich ist.

Der grĂ¶ĂŸte Nachteil einer ausschließlich neurophysiologischen Sicht auf den Willen ist aber, dass damit nur mehrzellige Tiere mit einem Nervensystem erfasst werden. Einzellige Tiere und Pflanzen bleiben außen vor. Das aber hat Konsequenzen fĂŒr die Beantwortung der Frage nach der Evolution des Willens. Wenn Pflanzen keinen Willen haben, muss dieser im Verlauf der Evolution mit der Entstehung des Nervensystems entstehen. Das Leben von Pflanzen und das von Tieren könnten dann nicht mehr einheitlich erklĂ€rt werden, was zu schwerwiegenden WidersprĂŒchen in der Theorie des Lebendeigen fĂŒhrt.

NatĂŒrlich stutzt man zunĂ€chst, wenn Pflanzen ein Wille zugeschrieben wird. Das legt sich aber, wenn man das eine oder andere der folgenden Videos betrachtet. Wissenschaftler haben kein Problem damit, Pflanzen Eigenschaften zuzuschreiben, die man gemeinhin nur Tieren zuschreibt.

Was Pflanzen zu sagen haben (DasErste-Mediathek)

Geistreiches aus der Pflanzenwelt (YouTube)

Erlebnis Erde (YouTube)

Die weitere theoretische Arbeit an der Kategorie des Willens ist wichtig fĂŒr die weitere Ausarbeitung einer einheitlichen Theorie des Lebens und letztendlich fĂŒr das VerstĂ€ndnis des freien Willens des Menschen.

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UexkĂŒll und die Evolutionstheorie

20. Oktober 2010 - 10:14 Uhr

Bei meinen Überlegungen stoße ich immer wieder auf die „Theoretische Biologie“ von Jacob von UexkĂŒll /1!, eine Arbeit, die in den biologischen Wissenschaften noch immer nicht die Anerkennung gefunden hat, die ihm zukommt.

Es ist die erste – und wie ich meine – auch einzige hinreichend vollstĂ€ndige und in sich schlĂŒssige biologische Theorie, die die Lebewesen konsequent als Subjekte auffasst und dazu ein logisch und terminologisch konsistentes Begriffssystem vorweist. Damit war er im Jahr 1928 den Biologen seiner Zeit weit voraus. Er hatte erkannt, dass das kausalistische Paradigma der Physik und Chemie ungeeignet war, die spezifische Seinsweise der Lebewesen adĂ€quat abzubilden. Er hatte weiter nicht nur erkannt, dass eine wissenschaftliche  Biologie ein prinzipiell anderes ErklĂ€rungsprinzip erforderte, er hat ein solches ErklĂ€rungsprinzip auch ausgearbeitet.

Seine Gedanken wurden jedoch kaum rezipiert, nur sein Umweltbegriff fand Eingang in die wissenschaftliche Biologie. Da dieser jedoch nicht in dem zugehörigen logischen und terminologischen Zusammenhang rezipiert wurde, konnte er auch nur in fragmentarischer („kastrierter“) Form angeeignet werden./2/

Das grundlegende Prinzip, welches Leben adĂ€quat erklĂ€ren kann, nannte er „PlanmĂ€ĂŸigkeit“. Hinter dieser PlanmĂ€ĂŸigkeit stand nach UexkĂŒll jedoch nicht irgendein planendes Wesen, so wie es der heutige Gebrauch dieses Wortes nahe legt, er fasste die PlanmĂ€ĂŸigkeit vielmehr als Naturkraft auf, als dem Leben innewohnende konstitutive Eigenschaft. Am Ende dieses Beitrags wird ein lĂ€ngerer Text zitiert, der das hinreichend belegt.

Heute drĂŒcken wir diese Eigenschaften des Lebendigen die, UexkĂŒll mit dem Wort „PlanmĂ€ĂŸigkeit “ ausdrĂŒckte, mit Termini wie „Organisation“ oder „Information“ aus. Diese Kategorien sind aber inzwischen wie die Kategorie des Lebens in den Naturwissenschaften dem kausalistischen Paradigma untergeordnet worden und werden auch auf das Schema Ursache – Wirkung abgebildet. Das fĂŒhrt zwar zu logischen und terminologischen Problemen und WidersprĂŒchen, fĂŒhrt aber nicht zu einem Überdenken dieses Paradigmas. In den Geisteswissenschaften werden diese Kategorien als subjektive, geistige Kategorien ohne materielle Eigenschaften abgebildet, so dass Natur- und Geisteswissenschaften weiter aneinander vorbei reden.

Die entscheidende Kategorie in UexkĂŒlls Theorie ist die des Subjekts. Erst wenn die Lebewesen als autonome Subjekte abgebildet werden, können sie in ihrer Besonderheit als Lebewesen verstanden werden. Die Biologie ist in UexkĂŒlls VerstĂ€ndnis die Wissenschaft von den Subjekten.

„Die Physik behauptet, dass die uns umgebende Natur nur der KausalitĂ€t gehorchen. Solche bloß kausal geordnete Dinge haben wir ‚Objekte’ genannt. Im Gegensatz hierzu behauptet die Biologie, daß es außer der KausalitĂ€t noch eine zweite subjektive Regel gibt, nach der wir die GegenstĂ€nde ordnen – die PlanmĂ€ĂŸigkeit, die notwendig zur VollstĂ€ndigkeit des Weltbildes hinzugehört.

Wenn das HÀmmerchen eine Klaviersaite trifft und ein Ton erklingt, so ist das eine reine Kausalreihe. Wenn dieser Ton aber einer Melodie angehört, so ist er in eine Tonreihe hineingestellt, die gleichfalls eine Ordnung darstellt, die aber nicht kausaler Natur ist.

Wir wollen nun diejenigen Objekte, deren Bauart durch bloße KausalitĂ€t nicht zu verstehen ist, weil bei ihnen die Teile zum Ganzen im gleichen VerhĂ€ltnis stehen wie die Töne zur Melodie, ‚GegenstĂ€nde’ nennen.

Objekte und GegenstĂ€nde bestehen beide aus Stoff, aber im Objekt gibt es keine andere Anordnung der Stoffteile, als sie die Struktur des Stoffes mit sich bringt. Im Gegenstand gibt es außerdem ein GefĂŒge, das die Teile zu einem planvollen Ganzen verbindet.

Äußerlich unterscheiden sich Objekte und GegenstĂ€nde gar nicht voneinander.“ (Theoretische Biologie, S.83f.)

In UexkĂŒlls VerstĂ€ndnis wird nun die Umwelt der Lebewesen nicht von den Objekten sondern von den GegenstĂ€nden gebildet. Zur Umwelt wird eine Umgebung erst durch ein Subjekt, erst das Subjekt macht die Umwelt.

„Jetzt wissen wir, daß es nicht bloß einen Raum und eine Zeit gibt, sondern ebenso viele RĂ€ume und Zeiten wie es Subjekte gibt, da jedes Subjekt von seiner eigenen Umwelt umschlossen ist, die ihren Raum und ihre Zeit besitzt. Jede dieser abertausend Umwelten bietet den Sinnesempfindungen eine neue Möglichkeit sich zu entfalten. Dies ist dritte Mannigfaltigkeit – die Mannigfaltigkeit der Umwelten.

Damit stoßen wir auf den neuen Naturfaktor – den Plan, dessen Erforschung zur Hauptaufgabe der Biologie geworden ist. Noch stecken wir in den ersten AnfĂ€ngen, und können keine ausreichende Beschreibung dieses Faktors geben.“ (Theoretische Biologie, S. 232f.)

In diesem Kontext wird nun verstĂ€ndlich, warum UexkĂŒll die Evolutionstheorie ablehnte. Im Paradigma dieser Theorie ist die Umwelt ein von den Lebewesen unabhĂ€ngiger „Faktor“, der auf die Lebewesen einwirkt und an den sie durch Mutation und Auslese angepasst werden, wodurch die Evolution zustande kommen soll. Im ErklĂ€rungsprinzip UexkĂŒlls ist die Umwelt dagegen ein Produkt des autonomen Subjekts, das nichts im Subjekt bewirken kann, auch keine Evolution.

Der Denkfehler, der diesem Schluss zugrunde liegt, ist die Gleichsetzung des Naturprozesses „Evolution“ mit der Theorie „Darwinismus“, die diesen Naturprozess erklĂ€rt. Seiner Denkweise hĂ€tte es eigentlich entsprochen zu versuchen, den Naturprozess „Evolution“ auch mit seinem Prinzip der  PlanmĂ€ĂŸigkeit des Lebendigen zu erklĂ€ren, wie er dies mit allen anderen Naturprozessen versucht hat.

Dieser Fehlschluss wirkte sich nun verhĂ€ngnisvoll auf das Schicksal seiner Theorie aus. Er war wohl die entscheidende Ursache fĂŒr die ausbleibende Rezeption der Theorie UexkĂŒlls. Im Jahre 1920 hatte die Evolutionstheorie Darwins  in den kausalistischen Naturwissenschaften den Status eines allgemein gĂŒltigen Paradigmas erreicht, das von keinem Naturwissenschaftler, der ernst genommen werden wollte, angezweifelt werden durfte. Das verbitterte UexkĂŒll stark, wie die folgende Stelle aus der Theoretischen Biologie zeigt:

„Der Darwinismus, dessen logische Folgerichtigkeit ebensoviel zu wĂŒnschen lĂ€ĂŸt wie die Richtigkeit der Tatsachen, auf die er sich stĂŒtzt, ist mehr eine Religion als eine Wissenschaft. Deshalb prallen alle GegengrĂŒnde an ihm wirkungslos ab; er ist weiter nichts als die Verkörperung des Willensimpulses, die PlanmĂ€ĂŸigkeit auf jede Weise aus der Natur loszuwerden.“ (Theoretische Biologie, S197.)

Bis auf den heutigen Tag ist die Gleichsetzung von Gegenstand und Theorie weit verbreitet. Wer am Darwinismus zweifelt, dem wird meist gleich unterstellt, er bestreite den Fakt der Evolution. Das erschwert die Diskussion um die Weiterentwicklung der Theorie der Evolution. So verharrt diese Theorie in den Fesseln kausalistischen Denkens, und das Licht, das sie nach einem Wort Dobshanzkys auf alle Bereiche der Biologie werfen könnte, bleibt morgengrau.

*

Das folgende lĂ€ngere Zitat aus der „Theoretischen Biologie“ soll noch einmal deutlich machen, wie UexkĂŒll den Begriff er „PlanmĂ€ĂŸigkeit “ verstand und warum das Argument, PlanmĂ€ĂŸigkeit  erfordere einen externen Planer in Bezug auf UexkĂŒll auch heute noch unzutreffend ist.

„Die außerordentlichen Schwierigkeiten, die die Biologie zu ĂŒber­winden hat, um die Anerkennung der PlanmĂ€ĂŸigkeit als Naturmacht zu erzwingen, stammen aus der landlĂ€ufigen Alternative: Leib – Seele, mit der man alle Möglichkeiten der lebenden Natur erschöpft zu haben meint. Man vergißt dabei, daß sowohl Seele wie Leib planvoll sind, und planmĂ€ĂŸig miteinander zusammenhĂ€ngen, Es gibt also noch ein Drittes, das weder aus der Seele noch aus dem Leibe abgeleitet werden kam. Wenn man die Lehre von der Seele Psychologie und die Lehre vom Leibe Physiologie nennt, so fehlt noch die Lehre vom Dritten, das sowohl Leib wie Seele in sich schließt, nĂ€mlich die Lehre von der PlanmĂ€ĂŸigkeit alles Lebendigen - die Biologie. Da sowohl die Seele wie der Leib planmĂ€ĂŸig sind, bildete bisher die PlanmĂ€ĂŸigkeit sowohl einen Teil der Physiologie - als spezielle Mechanik wie einen Teil der Psychologie ab Lehre vom Zweck oder -­FinalitĂ€t. Aber weder ist der Zweck auf die Physiologie noch die Mechanik auf die Psychologie anwendbar. Weder kann man die Grund­sĂ€tze der FinalitĂ€t in der Mechanik, noch die GrundsĂ€tze der Mechanik in der FinalitĂ€t verwerten.Hier klaffte eine LĂŒcke, die immer empfindlicher wurde, je mehr man sich in das Studium der Lebewesen vertiefte. Die planmĂ€ĂŸigen Bin­dungen der speziellen Mechanik, die nur bei Betrachtung des einzelnen Tierkörpers sichtbar werden, wurden zugunsten der kausalen Gesetze der allgemeinen Mechanik vernachlĂ€ssigt und nach und nach die Physio­logie den anorganischen Wissenschaften angegliedert.Von selten der Psychologie sind ebenfalls Schritte unternommen worden, um die LĂŒcke zwischen Mechanik und FinalitĂ€t auszufĂŒllen. Die Schule der Gestalttheoretiker sieht in der Gestalt ein UrphĂ€nomen, das sie aber nicht auf das organische Leben beschrĂ€nkt wissen will, im Gegensatz zu DRIESCH, der die “Ganzheit“ als Charakteristikum des Lebendigen anspricht f denn die anorganische Natur kennt nur Summen, jedoch keine Ganzheit, die - ich kann mich nicht anders ausdrĂŒcken - eine planmĂ€ĂŸige Anordnung ihrer Teile darstellt. Auch dem Begriff der Gestalt scheint mir der Begriff der PlanmĂ€ĂŸigkeit zugrunde zu liegen, den ich mit DRIESCH nur auf Lebendiges und auf Erzeugnisse von lebenden Wesen anwenden möchte. Wenn man Gestalt und Ganzheit ihren Teilen gegenĂŒberstellt, wird man bei den Teilen der Gestalt so­gleich auf den Unterschied von leitenden und begleitenden Eigen­schaften stoßen, was zu sehr wichtigen Untersuchungen gefĂŒhrt hat. Der Begriff der Ganzheit ist hierin nicht so fruchtbar.Ohne mich in philosophische Erörterungen einlassen zu wollen, muß ich doch bemerken, daß auch von seiten der Erkenntnistheorie der Biologie Schwierigkeiten bereitet wurden, KANT hat die KausalitĂ€t der konstitutiven TĂ€tigkeit des Verstandes zugerechnet, dagegen die PlanmĂ€ĂŸigkeit dem regulativen Gebrauch der Vernunft zugewiesen. Das erweckt den Eindruck, als könne ein Plan niemals der integrierende Teil eines Gegenstandes sein, sondern sei bloß eine, wenn auch mit Not­wendigkeit hinzugedachte menschliche Regel. DRIESCH hat diese Frage eingehend behandelt und nachgewiesen, daß die PlanmĂ€ĂŸigkeit eben­falls zu den konstitutiven Eigenschaften zu rechnen sei.Es ist nicht schwierig, sich davon zu ĂŒberzeugen, daß jeder Ge­brauchsgegenstand und jede Maschine ein PlantrĂ€ger ist. Bedeutsam ist dabei zweierlei: erstens, daß jeder Plan, obgleich er die Form der Materie bestimmt und die Bewegungen der Maschine beherrscht. Selbst weder Stoff noch Bewegung ist und zweitens, daß der Plan in allen menschlichen Erzeugnissen heteronom ist, d. h. nicht aus der Maschine: selbst stammt im Gegensatz zu allen Lebewesen, deren PlĂ€ne autonom sind.

Auch diese AusdrĂŒcke decken den Tatbestand nicht völlig. Wie wir bei der Entstehung der Lebewesen feststellen konnten, nehmen di­e indifferenten Zellautonome bei jeder neueinsetzenden Sprossung einen fremden Plan auf, der vorher in ihnen nicht vorhanden war. Aber dieser Plan wirkt sich in ihnen autonom aus, was bei den Maschinen nicht der Fall ist. Er wird also zum EigenpIan und bleibt kein Fremdplan, die die Maschinenteile einmalig ineinanderfĂŒgt, der aber weder den Betrieb aufrecht zu erhalten, noch SchĂ€den auszubessern vermag. Eine Ma­schine ist, wenn sie einmal vom Lebewesen Mensch erbaut wurde, restlos Stoff und gehorcht nur noch der KausalitĂ€t. Sie ist daher tot und bedarf zur Aufrechterhaltung ihrer PlanmĂ€ĂŸigkeit eines lebenden Betriebsleiters.“ (Theoretische Biologie, S198ff.)

Ob das Wort „PlanmĂ€ĂŸigkeit “ damals wie heute ein geeigneter Terminus fĂŒr den gemeinten Sachverhalt ist, sei dahin gestellt. Viele seiner Gedanken finden wir heute in der Systemtheorie, in der der von UexkĂŒll gemeinte Sachverhalt mit anderen Termini bezeichnet wird. Aber Fragen nach der „Organisation“ der Evolution, nach ihrer „Struktur“ bleiben nach wie vor ungestellt.

 

/1/ Jacob von UexkĂŒll: Theoretische Biologie. Verlag von Julius Springer, Berli, 1928.

/2/ Eine gute Darstellung der Verwendung des Terminus „Umwelt“ findet man in „Wikipedia“

2 Kommentare » | Erkenntnis, Evolution, Kausalismus, Subjekte

Der freie Wille und die Physik

24. August 2010 - 15:55 Uhr

Physiker und Chemiker haben kein Problem damit, physikalischen oder chemischen Prozessen das PrĂ€dikat „freiwillig“ zuzuschreiben. Psychologen und Neurophysiologen streiten dagegen sogar darĂŒber, ob dieses PrĂ€dikat menschlichen Handlungen zuerkannt werden kann.

Hinter diesem Widerspruch sind einige Probleme verborgen, die meist nicht reflektiert werden, wenn die Formulierung „freier Wille“ benutzt wird.

Ein erstes Problem steckt hinter der „Wer-Frage“. Wer – welche Art von EntitĂ€t - hat die Eigenschaft, die jeweils „freier Wille“ genannt wird? Bei Physikern und Chemikern sind dies Prozesse in isolierten thermodynamischen Systemen, d.h. thermodynamische Systeme, die weder Substanz noch Energie mit der Umgebung austauschen.

Solche Systeme befinden sich gewöhnlich im Zustand des thermodynamischen Gleichgewichts, d.h. in einem Zustand, in dem ĂŒberhaupt nichts stattfindet, weder freiwillig noch unfreiwillig. Anders aber, wenn in einem isolierten thermodynamischen System ein Zustand des Ungleichgewichts besteht. Dann geht das System „von allein“/1/ („spontan“, „freiwillig“) in ein thermodynamisches Gleichgewicht ĂŒber. Das ist ein Aspekt des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik.

Die Bedeutung des Wortes „freiwillig“ resultiert eben daraus, dass es Prozesse innerhalb eines isolierten Systems bezeichnet, auf die per definitionem keine Ă€ußeren Ursachen wirken. Dieser Umstand der fehlenden Ă€ußeren Ursache zwingt quasi zur Verwendung von Termini wie „freiwillig“, „von allein“ oder „spontan“. Er ist nur in isolierten thermodynamischen Systemen gegeben.

Nun werden Lebewesen seit Bertalanffy gewöhnlich als offene thermodynamische Systeme betrachtet. Das physikalische Konstrukt des offenen thermodynamischen Systems ist also auch das ErklĂ€rungsprinzip fĂŒr Lebewesen, und fĂŒr diese gilt, dass nichts ohne Ă€ußere Ursache geschieht. In offenen thermodynamischen Systemen geschieht nichts von allein, spontan, freiwillig.

Indem nun die Lebewesen diesem ErklĂ€rungsprinzip unterworfen werden, können ihnen allein aus GrĂŒnden der Logik PrĂ€dikate wie „von allein“ oder „freiwillig“ nicht mehr zugeschrieben. Der freie Wille wurde ihnen per definitionem genommen.

Wenn man den Lebewesen nun doch einen (freien, eigenen) Willen zuschreiben will, kann das angewendete ErklĂ€rungsprinzip fĂŒr Lebewesen weder das Konstrukt des isolierten noch das des offenen thermodynamischen Systems sein. Lebewesen mĂŒssen mit einem prinzipiell anderen Prinzip als dem des thermodynamischen Systems erklĂ€rt werden.

Dieses andere Prinzip ist das Konstrukt des Subjekts. Subjekte haben per definitionem einen Willen. Subjekte sind im allgemeinen Sprachgebrauch (und dem vieler Philosophien) mit Eigenschaften wie Selbstbestimmtheit, Autonomie und eben dem freien Willen ausgestattet. Ohne diese Eigenschaften kann ein Individuum nicht Subjekt sein. Dieses Konstrukt wÀre aber nur dann mit den Paradigmata der Physik vertrÀglich, wenn das Subjekt physikalisch nicht mehr also offenes, sondern als isoliertes thermodynamisches System aufgefasst werden könnte.

Die Crux liegt also in der Beziehung der Subjekte zur Umwelt. Die Subjekte mĂŒssen Beziehungen zur Umwelt haben, diese dĂŒrfen aber nicht kausalistischer Natur sein. Die Umwelt darf nicht die Ursache des subjektiven Handelns sein, denn dieses muss selbstbestimmt, autonom sein.

Deshalb ist der Subjektbegriff kein ErklÀrungsprinzip der Biologie und nur selten der Psychologie. Diese Wissenschaften verstehen sich als Naturwissenschaften und als diese haben sie sich dem kausalistischen Paradigma unterworfen, das die Existenz selbstbestimmter EntitÀten nur als isolierte thermodynamische Systeme zulÀsst.

Es ist also erforderlich, eine autonome, selbstbestimmte Konstellation mit einer solchen thermodynamischen Ausstattung zu konstruieren, die im Unterschied zum isolierten thermodynamischen System auch Beziehungen zur Umwelt zulĂ€sst. Da eine solche Konstellation weder ein isoliertes noch ein offenes thermodynamisches System sein kann, muss sie in einem neuen Begriff abgebildet werden. Um mit diesem Begriff einer selbstbestimmten thermodynamischen Konstellation umgehen zu können, ist ein Wort erforderlich. Ein solcher Begriff kann widerspruchsfrei im Wort „Subjekt“ ausgedrĂŒckt werden. Dazu muss aber das Subjekt als physikalische Kategorie definiert werden,

Wie gezeigt werden kann (Litsche 2004), ist ein solcher Begriff des Subjekts geeignet, Eigenschaften wie Autonomie, Selbstbestimmtheit, Wille u.a. als native Eigenschaften bestimmter thermodynamischer Konstellationen zu verstehen.

Ein zweites Problem ist die Frage danach, wodurch sich die Beziehungen von Subjekten zu ihrer Umwelt von den Beziehungen unterscheiden, die zwischen offenen Systemen und deren Umgebung bestehen.

System und Subjekt

Abbildung 1: Offenes thermodynamisches System und Subjekt (grĂŒn Zufluss und Abfluss, L Leistung, T TĂ€tigkeit des Subjekts, E/S Energie/Substanz)

Ein offenes thermodynamisches System hat einen Zufluss und einen Abfluss und ist durch diese ist das thermodynamische GefÀlle der Umgebung eingeordnet. Zufluss und Abfluss bestimmen die Leistung des Systems, alle Werte können gemessen, die Leistung kann aus Parametern der Umgebung berechnet werden. Durch die Gestaltung von Zufluss und Abfluss kann die Leistung manipuliert werden, das System ist fremdbestimmt.

Das Subjekt vollzieht aus seinem Willen heraus eine TĂ€tigkeit, durch die es Substanz oder Energie auch gegen ein GefĂ€lle der Umwelt aufnimmt. Die Parameter der Umwelt können gemessen, die TĂ€tigkeit kann aber nicht aber aus Parametern der Umwelt berechnet (vorher gesagt) werden. Bei VerĂ€nderung der Parameter der Umwelt verĂ€ndert das Subjekt seine TĂ€tigkeit in selbstbestimmter Weise, es „reagiert“ autonom. Die Reaktionen können nur aus der Beobachtung des Subjekts vorhergesagt (berechnet) werden, nicht aus den VerĂ€nderungen der Umwelt.

Pflanzen können beispielsweise Wasser auch aus sehr trockenen Böden gegen ein osmotisches GefĂ€lle jaaufnehmen und dieses gegen die Schwerkraft transportieren. Die Menge des Speichels von Pawlows Hund kann nicht aus der Masse der Klingel berechnet werden, die den Speichelfluss auslöst. Das unterscheidet aber thermodynamische Systeme vom Subjekt. Das Subjekt realisiert thermodynamische Prozesse, die gegen ein GefĂ€lle verlaufen, „bergauf“.

Über Subjekte und offene thermodynamische Konstellationen kann man problemlos reden, solange man sie als „black box“ betrachtet und nicht nach der physikalischen Struktur des Subjekts fragt. In allen mir bekannten frĂŒheren Versuchen konnte das Problem der Organisation von physikalischen Prozessen gegen das GefĂ€lle („bergauf“) nicht ohne die Hilfe von KrĂ€ften wie der Entelechie oder einer vis vitalis gelöst werden. Wo in der Psychologie Subjekte vorkommen, sind sie masselose Wesen und die Psychologie wird zur „Psychologie ohne Hirnforschung“ /3/.

Wie dem auch sei, um die Natur des (eigenen) Willens zu bestimmen ohne in WidersprĂŒche mit den Paradigmata der Physik zu geraten, muss eine Konstellation von thermodynamischen bergab wirkenden Prozessen konstruiert werden, durch deren Zusammenwirken letztlich die bergauf wirkende TĂ€tigkeit der Subjekte entsteht /6/. Ohne ein solches Konstrukt bleibt jede Definition des Willens außerhalb der Physik.

Diese physikalische Grundlage eines Subjektbegriffs fehlt den verbreiteten neurophysiologischen Erörterungen der Kategorie des (freien) Willens. Das fĂŒhrt entweder auf der einen Seite dazu, die Existenz eines freien Willens ĂŒberhaupt zu bestreiten und deshalb folgerichtig auch dem Menschen den Willen und damit die FĂ€higkeit der Selbstbestimmtheit abzusprechen. Die andere Art des Herangehens fĂŒhrt dazu, die Kategorie des Willens außerhalb der Physik anzusiedeln und kommt folgerichtig in letzter Konsequenz zu einer Psyche ohne Gehirn. Die Diskussion um das Manifest fĂŒhrender deutscher Neurophysiologen/4/ und die Antwort einiger Psychologen /5/ in der Zeitschrift „Gehirn und Geist“ ist dafĂŒr hinreichend Beleg.

Andere Autoren suchen den Ausweg in quantenmechanischen Prozessen, die sich in der Tiefe neurophysiologischer EntitĂ€ten abspielen sollen und deren zufĂ€lliger Charakter die Grundlage fĂŒr die Freiheit von Entscheidungen sein soll. Ohne dieser Argumentation in einzelnen nachzugehen lĂ€sst sich einwenden, dass diese Auffassung unreflektiert Autonomie, Selbstbestimmtheit, Willen usw. – kurz die SubjektivitĂ€t allen Lebewesen abspricht, die nicht ĂŒber ein Nervensystem verfĂŒgen, also nicht nur den Einzellern sondern beispielsweise auch allen höheren Pflanzen. Dieser Zuschreibung sollte zumindest nachvollziehbar begrĂŒndet werden, denn sie betrifft letztlich die Einheit der biologischen Wissenschaft als der Wissenschaft von allen Lebewesen.

Björn Brembs gehört zu den wenigen Neurophysiologen, die die Frage nach einem freien Willen mittels ernsthafter Experimente untersuchen. Nun hat er angekĂŒndigt, dass er sich auch zum Begriff des freien Willens explizit Ă€ußern will. Ich bin gespannt, wie er diese Probleme angeht.

   

/1/ Kluge, Gerhard; Neugebauer, Gernot (1994): Grundlagen der Thermodynamik, Spektrum Akademischer Verlag GmbH, Heidelberg Berlin Oxford (S.68ff.)

/2/ Litsche, Georg A. (2004): Theoretische Anthropologie, Lehmanns Media-LOB, Berlin

/3/ Wissenschaft im Zwiespalt. StreitgesprĂ€ch. Gehirn & Geist, Heft 7-8/2005, S. 64/4/ Das Manifest (2004) Elf fĂŒhrende Neurowissenschaftler ĂŒber Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung. Gehirn & Geist, Heft 6/2004, S.31-37/5/ Psychologie im 21. Jahrhundert – eine Standortbestimmung. Gehirn & Geist, Heft 7-8/2005, S. 56-60/6/ Litsche, Georg (2010) Subjekt und System E-Journal der Website ICHS - International Cultural-historical Human Sciences S.66ff 

Weitere BeitrÀge zum Thema:

Meine Website „Subjekte“:

Subjekt - System - Information
Warum die Psychologie das Gehirn nicht findet
Warum die Neurophysiologie den Geist nicht findet

Mein Blog „Wille versus KausalitĂ€t“

Der tut nix, der will bloß spielen
Freier Wille
Das ErkenntnisbedĂŒrfnis und unsere Erkenntnis

 

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Erkennen durch Wahrnehmung

29. September 2009 - 09:57 Uhr

Im vorigen Beitrag habe ich gezeigt, dass die Kategorie Erkenntnis auch ohne die Kategorie der Wahrnehmung konstruiert werden kann, wenn die Kategorie der TÀtigkeit zugrunde gelegt wird. Die vom Subjekt konstruierten psychischen Abbilder werden in diesem Konstrukt nicht durch Wahrnehmung mit der RealitÀt verbunden, sondern durch die TÀtigkeit. Die TÀtigkeit der Subjekte wird mittels der konstruierten psychischen Abbilder gesteuert, die durch den Erfolg der TÀtigkeit verifiziert werden.

Man kann sich vorstellen, eine Bewegung auch durch Töne, beispielsweise eine Melodie zu steuern. Man singt ein Lied und fĂŒhrt an bestimmten Stellen der Melodie bestimmte Richtungswechsel durch. So kann man ein Ziel auch mit geschlossenen Augen erreichen, ohne Wahrnehmung der Umwelt. Die Information zur Steuerung der Bewegung erhĂ€lt die Melodie durch das Subjekt. – Die australischen Aborigines steuern auf diese Weise durch “Songlines“ ihre mehrere Tausend Kilometer langen MĂ€rsche durch ihr Land. Muster, die zur Steuerung geeignet sind, mĂŒssen nur eine „Melodie“, eine „Gestalt“ haben. Auch WĂŒrfeln liefert ein Muster, das aber hat keine Gestalt und kann deshalb nicht gerichtet steuern.

Diese Konstruktion erfordert die Annahme einer physikalischen RealitÀt. Zum einen werden Subjekte als materielle, stofflich-energetische Systeme unterstellt. Es gibt also reale Subjekte. Diese Subjekte agieren. Dazu brauchen sie einen stofflich-energetischen Input, d.h., Subjekte können nur in einer stofflich-energetischen Umwelt existieren, in der sie einen stofflich-energetischen Input generieren, der ihre Erhaltung gewÀhrleistet. Diese Umwelt muss ebenso real sein wie das Subjekt selbst.

Solange das Subjekt nicht einer funktionellen Komponente zur Wahrnehmung ausgestattet ist, entfĂ€llt auch die Notwendigkeit, eine gesonderte informationelle Beziehung zwischen dem konstruierten psychischen Bild und der Umwelt auszuarbeiten. Die Beziehung Subjekt-Umwelt ist rein stofflich-energetisch und wird durch die TĂ€tigkeit realisiert. Das befriedigte BedĂŒrfnis bestĂ€tigt, dass das subjektive Konstrukt ein zutreffendes Bild der RealitĂ€t war, Wahrnehmung ist (noch) nicht erforderlich.

wahrnehmung11.jpg

  Schema 1: Stofflich-energetische Steuerung der TÀtigkeit durch den Erfolg (die Outputs sind autonome Leistungen des Subjekts)

Die organische Welt besteht zum grĂ¶ĂŸten Teil aus Lebewesen, die zwar tĂ€tig sind, und das erfolgreich, ohne ĂŒber funktionelle Komponenten zu verfĂŒgen, die sie zur Wahrnehmung befĂ€higen wĂŒrden. Ihre Bilder der RealitĂ€t sind keine psychischen EntitĂ€ten, sondern basieren beispielsweise auf chemischer (z.B. hormoneller) Basis. Nur Lebewesen, die mit einem neuronalen System ausgestattet sind besitzen auch eine Psyche und können psychische Bilder erzeugen. Nur diese sind auch mit Sinnesorganen und der FĂ€higkeit der Wahrnehmung ausgestattet. Das Leben bringt Psyche und Wahrnehmung also erst auf einer bestimmten Stufe der Evolution hervor.

wahrnehmung2.jpg

Schema 2: Informationelle Steuerung (der informationelle Output des Signalgebers wird auf die Steuerkomponente ĂŒbertragen und von dieser zum psychischen Bild und zur informationellen Output verrechnet)

Im Unterschied zur TÀtigkeit ist die Wahrnehmung keine stofflich-energetische Beziehung des Subjekts zur RealitÀt, sondern eine informationelle. Bei der Wahrnehmung nehmen die Subjekte weder Substanz noch Energie auf, sondern Informationen. Diese sind nicht durch stoffliche oder energetische Parameter gekennzeichnet. Deshalb können sie auch keine Beziehung des Subjekts zu einer stofflich-energetischen RealitÀt abbilden. Da die Mainstreamerkenntnistheorie nicht auf der TÀtigkeit, der stofflich-energetischen Beziehung des Subjekt zur RealitÀt, aufbaut, sondern nur von der Wahrnehmung ausgeht, kann sie keine Beziehung zwischen psychischen Bildern und RealitÀt erkennen. In dieser Sicht wird die TÀtigkeit infolge des fehlenden Ergebnisses auf eine ziellose Bewegung reduziert, die keinen Sinn hat.

wahrnehmung2a.jpg

Schema 3: Wahrnehmung ohne stofflich-energetischen Input - konstruktivistische Variante

Ohne eine auf den Erfolg – die Selbsterhaltung des Subjekts – gerichtete TĂ€tigkeit kann es keine Bewertung der Informationen geben die das Subjekt erzeugt. Das ist auch dann nicht der Fall, wenn man ein empiristisches Wahrnehmungskonzept annimmt.

wahrnehmung3a.jpg

Schema 4: Wahrnehmung ohne stofflich-energetischen Input - empiristische Variante

Erst wenn die TĂ€tigkeit als materielle Aktion von Subjekt in das Modell der Wahrnehmung einbezogen wird, kann die Umwelt nicht mehr nur, nicht mehr ausschließlich als gedankliches Konstrukt gedacht werden. Der vom Sensor erzeugte Input aus der Umwelt erhĂ€lt seinen informationellen Gehalt ebenfalls aus dem Erfolg der materiellen TĂ€tigkeit. Der Umweltinput auf den Sensor enthĂ€lt ebenso wenig Information wir der stofflich-energetische Input. Information erhĂ€lt er erst, indem das Subjekt den Erfolg der TĂ€tigkeit bewertet, die durch diesen Input gesteuert wird,

wahrnehmung3.jpg

Schema 5: Steuerung der TÀtigkeit durch Wahrnehmung mit stofflich-energetischen Input - tÀtigkeitsttheoretische Variante

Das tĂ€tigkeitstheoretische  Konzept der Wahrnehmung erhĂ€lt zwar das konstruktivistische Moment, erhĂ€lt aber zugleich die Verbindung zur RealitĂ€t. Vom empiristischen Konzept ĂŒbernimmt es die Auffassung, dass die RealitĂ€t Information trĂ€gt, sieht diese aber nicht als “objektiv”, unabhĂ€ngig vom Subjekt, sondern als subjektive, vom Subjekt erzeugte Eigenschaft der RealitĂ€t.

Ich denke, dass man sich von der Idee verabschieden muss, die RealitĂ€t enthielte objektive Informationen, die vom Subjekt „aufgenommen“ wĂŒrde. Erst das Subjekt verleiht der RealitĂ€t die Information, „objektive“ Information, Information ohne Subjekt ist ein Widerspruch in sich. Bei der Wahrnehmung nimmt das Subjekt Information nicht auf, sondern erzeugt sie und „moduliert“ sie der Umwelt auf. Durch den Erfolg der TĂ€tigkeit bewertet das Subjekt die Information.

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Subjekt und Instinkt III: TĂ€tigkeitstheorie

5. September 2008 - 15:15 Uhr

WĂ€hrend im westlichen Europa die Auseinandersetzung mit der kausalistischen Biologie in der Verhaltensbiologie und der Neurophysiologie gefĂŒhrt wurde, ging man in der Sowjetunion das Problem auch von Seiten der Psychologie an.

Wie in der Biologie erstarkte auch in der Psychologie die behavioristisch orientierte Richtung, welche die Psychologie mit den Methoden der kausalistischen Naturwissenschaften betrieb. Vygotskij hat das in seiner „Krise der Psychologie“ umfassend analysiert, und  seine Analyse hat bis heute nichts von ihrer AktualitĂ€t verloren.

LeontÂŽev ging das Problem der Psyche von Seiten der Biologie an. Obwohl „gelernter Psychologe“ legte er seinen Überlegungen eine umfangreiche Recherche der Verhaltensbiologie seiner Zeit zugrunde/1/. LeontÂŽev ging davon aus, dass das Psychische eine spezifische Eigenschaft des Lebendigen ist. Diese Bestimmung war natĂŒrlich nicht innerhalb einer Biologie möglich, die das Leben kausalistisch auffasste. Im klassisch-physikalischen Denkrahmen von Ursache und Wirkung ist das Psychische auch nicht als biotische Eigenschaft unterzubringen. Auch LeontÂŽev musste den kausalistischen Denkrahmen verlassen.

Dazu entwickelte er zunÀchst seine Vorstellung vom Lebendigen.

 „In der anorganischen Welt stehen die an der Wechselwirkung beteiligten Körper in prinzipiell gleichem VerhĂ€ltnis zueinander. Das VerhĂ€ltnis des lebenden Körpers wandelt sich dagegen auf der Stufe des organischen Lebens. Der organische Körper verĂ€ndert sich, indem er sich selbst erhĂ€lt, wĂ€chst und vermehrt; es handelt sich bei ihm um einen aktiven Prozeß. Der unbelebte Körper dagegen wird durch Ă€ußere Einwirkungen verĂ€ndert. Dieser Sachverhalt lĂ€ĂŸt sich auch anders ausdrĂŒcken: Der Übergang von den Formen der Wechselwirkung, die der anorganischen Welt eigen sind, zu Formen, wie sie fĂŒr die lebende Materie typisch sind, findet seinen Ausdruck in der Tatsache, daß einerseits ein Subjekt und andererseits ein Objekt der Einwirkung hervorgehoben werden kann.“ (S. 26)„Man kann deshalb das Sein eines Lebewesens nicht nur objektiv, als einen passiven, wenn auch einen fĂŒhlenden Prozeß betrachten, sondern muß es unter dem Gesichtspunkt eines sein Leben erhaltenden Subjekts sehen.“ (S.27)„Wir werden die spezifischen Prozesse, die ein Lebewesen vollzieht und in denen sich die aktive Beziehung des Subjekts zur Wirklichkeit Ă€ußert, von anderen VorgĂ€ngen abgrenzen und als Prozesse der TĂ€tigkeit bezeichnen…. Die grundlegende „Einheit“ des Lebensprozesses ist die TĂ€tigkeit des Organismus“( LeontÂŽev, S. 29) 

Anstelle der Kategorie der KausalitĂ€t benutzt LeontÂŽev die der Wechselwirkung und mit den Begriffen „Subjekt“ und „TĂ€tigkeit“ erfasst er die aktive Seite des Lebens als einer Komponente dieser Wechselwirkung, die den Aspekt des UnabhĂ€ngigen der Aktionen der Lebewesen abbildete, also das, was beispielsweise Lorenz u.a. mit dem Terminus „Instinkt“ bezeichneten. Auch damit  musste er den Rahmen naturwissenschaftlichen Denkens nicht verlassen. Mit dem Begriff der TĂ€tigkeit erfasste LeontÂŽev mehr die Antriebsseite der Aktionen, wĂ€hrend die deutsche Ethologie um Lorenz /2/ mehr die UnabhĂ€ngigkeit der AusfĂŒhrung der Aktionen von Ă€ußeren Einwirkungen im Auge hatte.

 Wir haben es nie zu bereuen gehabt, daß wir die VerĂ€nderlichkeit der Instinkthandlung durch Erfahrung rundweg geleugnet haben und folgerichtig den Instinkt wie ein Organ behandelt haben, dessen individuelle Variationsbreite bei allgemeiner biologischer Beschreibung einer Art vernachlĂ€ssigt werden kann. Diese Auffassung widerspricht nicht der Tatsache, daß manchen Instinkthandlungen eine hohe regulative „PlastizitĂ€t“ zukommen kann. (S.273)Wenn man nicht den Begriff des Lernens ganz ungeheuer weit fasst, so daß man etwa auch sagen kann, die Arbeitshypertrophie eines vielbenĂŒtzten Muskels sei ein Lernvorgang, so hat man durchaus kein Recht, die Beeinflussung des Instinktes durch Erfahrung zu behaupten. (Lorenz S. 274) 

Zugleich wird die Unterschiedlichkeit des Herangehens durch die jeweils unterschiedlicher „berufliche Brille“ beider bedingt. Lorenz richtet seinen Blick als Biologe auf die arttypischen Eigenschaften der tierischen Aktionen und abstrahiert dabei notwendigerweise von den individuellen Unterschieden. LeontÂŽev richtet als Psychologe seinen Blick vordergrĂŒndig auf eben diese individuellen Eigenschaften der Tiere, fĂŒr die die allgemeinen Artmerkmale zwar bedeutsam sind, diese aber nicht erklĂ€ren.

 „Andererseits kann sich das … individuelle Verhalten – diese Tatsache ist noch offensichtlicher – stets nur auf der Grundlage des instinktiven Artverhaltens bilden. Das bedeutet: Ebenso wie es kein Verhalten gibt, das ausschließlich durch angeborene, von UmwelteinflĂŒssen unabhĂ€ngige Bewegungen realisiert wird, gibt es keine Fertigkeiten oder bedingten Reflexe, die nicht von angeborenen Momenten abhingen.“ (S.141)Die Mechanismen des individuellen Verhaltens „   unterscheiden sich von denen des Artverhaltens vor allem insofern, als in ihnen die FĂ€higkeit zu einem Verhalten fixiert ist, mit dessen Hilfe die individuelle Anpassung erfolgt, wĂ€hrend in den Mechanismen des Artverhaltens das Verhalten selbst fixiert ist. (LeontÂŽev, S237) 

Die Postulierung autonomer Aktionen – gleichgĂŒltig ob man sie nun „Instinkte“ oder „angeborenes Artverhalten“ nennt – ist in jedem Fall eine logisch erforderliche Voraussetzung eines subjektwissenschaftlichen Konzepts fĂŒr Biologie und Psychologie. Beide Wissenschaften unterscheiden sich u.a. in der Fragestellung. Die (kausalistische) Biologie fragt nach der Entstehung des angeborenen Artverhaltens und sucht ihre Antworten in Evolutionstheorie und Genetik. Die (individualwissenschaftliche) Psychologie fragt nach der Entstehung der IndividualitĂ€t der Aktionen, die sich zwar auf der Grundlage des Angeborenen entwickelt, dadurch aber nicht erklĂ€rt werden kann.

LeontŽev löst die Frage nach der Beziehung des instinktiven Artverhaltens zum Individuellen mit der Kategorie der TÀtigkeit.

  „Wie wir schon darlegten, wird die TĂ€tigkeit, die die unmittelbaren biologischen, instinktiven Beziehungen der Tiere zur Umwelt realisiert, stets durch die GegenstĂ€nde angeregt, die ein biologisches BedĂŒrfnis befriedigen, und ist auch auf diese gerichtet. Bei den Tieren entspricht jede TĂ€tigkeit einem unmittelbaren biologischen BedĂŒrfnis; jede TĂ€tigkeit wird durch einen Gegenstand ausgelöst, mit dem sie ein biologischer Sinn verbindet: der Sinn eines Gegenstandes, der ein BedĂŒrfnis unmittelbar befriedigt; und es gibt bei Tieren auch keine TĂ€tigkeit, die ihrem letzten Kettenglied unmittelbar auf diesen Gegenstand gerichtet wĂ€re. (S 168) 

Im Begriff der TÀtigkeit wird das Artverhalten in seiner individuellen Ausgestaltung abgebildet, wÀhrend im verhaltensbiologischen Begriff des Verhaltens das Arttypische dominiert. Verhalten ist Verhalten der biologischen Art, TÀtigkeit ist TÀtigkeit des Individuums.

Da die tierische TĂ€tigkeit auf die Selbsterhaltung des (individuellen) Subjekts gerichtet, wird sie zu einer individualwissenschaftlichen Kategorie. Selbsterhaltung ist die Erhaltung des individuellen Subjekts /3/ und kann nur durch die individuellen BedĂŒrfnisse des Subjekts erklĂ€rt werden. Zugleich ist sie auf einen externen Gegenstand gerichtet, in dem das subjektive Bedeutung objektiviert, vergegenstĂ€ndlicht wird. Der objektiv gegebene Gegenstand erhĂ€lt so einen subjektiven Sinn.

Diese grundlegenden Elemente des Begriffssystems der TĂ€tigkeitstheorie /4/ ermöglichen es, die individuelle Gestaltung angeborenen Artverhaltens schlĂŒssig zu erklĂ€ren. Die TĂ€tigkeitstheorie LeontÂŽevs ist keine psychologische, wie manche Psychologen meinen, sondern eine individualwissenschaftliche Theorie und als diese wissenschaftsĂŒbergreifend.

Der Begriff der TĂ€tigkeit hat die Potenzen, Biologie und Psychologie auf eine gemeinsame naturwissenschaftliche Grundlage zu stellen und so beide in ihrer jeweiligen Eigenart zu betreiben. Dazu ist es aber erforderlich, dass die traditionelle Biologie und die traditionelle Psychologie ihre subjektwissenschaftliche Gemeinsamkeit erkennen. Beide mĂŒssen ernsthaft davon ausgehen, dass die Psyche eine biologische Eigenschaft aller tierischen Lebewesen – also auch des Menschen – ist, die beim Menschen ihre spezifische gesellschaftliche Gestalt annimmt. Nur so können sowohl die tierische wie die menschliche Psyche in ihrer jeweiligen Eigenart verstanden werden. Wenn man die tierische Psyche nicht versteht, versteht man auch die menschliche nicht – und umgekehrt.

  

/1/ Leontjew, Alexej (1964): Probleme der Entwicklung des Psychischen, Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin

/2/ Lorenz, Konrad (1992): Über tierisches und menschliches Verhalten - Gesammelte Abhandlungen I, Piper & Co.Verlag, MĂŒnchen, ZĂŒrich

/3/ Aktionen, die sich auf die Erhaltung der Art richten, sind folglich definitionsgemĂ€ĂŸ keine TĂ€tigkeiten. Ich habe vorgeschlagen, sie „Handlungen“ zu nennen.

/4/ Zu Fragen der TĂ€tigkeitstheorie habe ich mich auf meiner Website mehrfach geĂ€ußert (1, 2, 3).

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Subjekt und Instinkt II

29. Juli 2008 - 09:47 Uhr

Eine subjektwissenschaftliche Biologie erfordert zwingend die Annahme, dass die Tiere ĂŒber die FĂ€higkeit zur autonomen Steuerung verfĂŒgen. Sie mĂŒssen fĂ€hig sein, ihre Aktionen unabhĂ€ngig von Ă€ußeren Einwirkungen, von „Reizen“ zu steuern. Solche auch „Instinkte“ genannten autonomen Steuermechanismen mĂŒssen angeboren sein, d.h. sie mĂŒssen genetisch determiniert sein und der Evolution unterliegen.

Ihre Existenz ist zwar unzweifelhaft, ihre Bedeutung fĂŒr die biologische Theorie ist jedoch umstritten. FĂŒr eine reduktionistische Biologie, welche die Lebewesen als Objekte auffasst, die letztlich ausschließlich durch Gesetze von Physik und Chemie erklĂ€rbar sind, ist der Instinktbegriff ein störendes Element, das möglichst aus der biologischen Theorie entfernt werden sollte. Dieser Trend ist fĂŒr die heutige Mainstreambiologie kennzeichnend und mit dem Terminus „Behaviorismus“ hinreichend charakterisiert.

Dieser „objektwissenschaftlichen“ Biologie ist die Position entgegengesetzt, in welcher die Lebewesen als Subjekte aufgefasst werden. Subjekte werden nicht durch Ă€ußere Einwirkungen determiniert, auf die sie in berechenbarer Weise reagieren. Sie agieren vielmehr aus sich heraus. Eine solche „subjektwissenschaftliche“ Biologie hat die Aufgabe, die Determination dieser subjekteigenen Aktionen zu erforschen, die nicht mehr kausal, „objektiv“, sondern akausal, „subjektiv“ determiniert ist. Die Determination der subjektiven Aktionen durch die Subjekte, das ist der Forschungsgegenstand einer subjektwissenschaftlichen Biologie.

Der Erste, der diese Forderung expressis verbis formuliert hat, war Jacob von UexkĂŒll.

Er unterschied die Umgebung, die aus Objekten besteht von der Umwelt, die aus GegenstĂ€nden besteht, die von der Beschaffenheit der Lebewesen, der Subjekte bestimmt wird. Die Umwelt unterliegt in dieser Theorie also nicht mehr der physikalischen ZufĂ€lligkeit, wie die Objekte, sondern dem Prinzip der „PlanmĂ€ĂŸigkeit“, das von der Biologie zu erforschen ist, Die Aktionen der Subjekte richten sich nicht auf die Objekte, sondern auf die GegenstĂ€nde der Umwelt, die vom agierenden Subjekt planmĂ€ĂŸig determiniert sind.

In diesem Konzept hatte nun das Prinzip  der Anpassung keinen Platz, denn dieses Prinzip unterwirft das Lebewesen ja den Einwirkungen einer Umwelt, die ja in UexkĂŒlls Theorie erst von dem jeweiligen Lebewesen bestimmt wurde. Aus dieser Position zog UexkĂŒll nun einen Schluss, der sich fatal auf die weitere Rezeption seiner Ideen und damit auf die Entwicklung der Biologie als Subjektwissenschaft auswirken sollte, denn aus ihr folgte fĂŒr ihn logisch zwingend die Ablehnung des Darwinismus, und das in einer Zeit, in der dieser nicht nur die Biologie, sondern auch die Stammtische erobert hatte. FĂŒr UexkĂŒll folgte aus seiner subjektwissenschaftlichen Theorie der Biologie, der Darwinismus sei…

  „…weiter nichts als die Verkörperung des Willensimpulses, die PlanmĂ€ĂŸigkeit auf jede Weise aus der Natur loszuwerden.“/1/„Der Enthusiasmus, mit dem sich die Darwinisten fĂŒr den Entwicklungsgedanken einsetzen, entbehrt nicht einer gewissen Komik, nicht bloß darum, weil ihre Weltanschauung, die sich prinzipiell auf Physik und Chemie stĂŒtzt, aus diesen Wissenschaften den Entwicklungsgedanken gar nicht schöpfen kann, da Chemie und Physik jede Entwicklung prinzipiell ablehnen. Sondern vor allem deswegen, weil das Wort Entwicklung gerade das Gegenteil dessen ausdrĂŒckt, was damit gemeint ist.“/2/ 

Mit dieser Position konnte sich spĂ€ter kein Biologe mehr identifizieren, der ernst genommen werden wollte. Das fĂŒhrte dazu, dass UexkĂŒlls biologische Theorie nicht nur sehr fragmentarisch sondern vor allem ihres subjektwissenschaftlichen Gehalts beraubt rezipiert wurde. Das gilt besonders fĂŒr den Umweltbegriff, der als einziger Begriff des von UexkĂŒll entwickelten Kategoriensystems allgemein (wenn auch in „kastrierter“ Form) rezipiert wurde.

WĂ€hrend UexkĂŒll eine umfassende subjektwissenschaftliche Theorie der gesamten Biologie vorgelegt hatte, beschrĂ€nkte sich Konrad Lorenz, einer von UexkĂŒlls Verehrern, auf den verhaltenswissenschaftlichen Aspekt. So konnte er seine Kritik  auf die verhaltensbiologische Richtung der kausalistischen Biologie, den Behaviorismus beschrĂ€nken, ohne UexkĂŒll kritisieren zu mĂŒssen. In der Auseinandersetzung mit dem Behaviorismus spielte der Instinktbegriff eine besondere Rolle, denn die Existenz von Instinkten wurde und wird vom Behaviorismus bestritten.

LorenzÂŽ Arbeit am Instinktbegriff war daher auch der Versuch, in der Verhaltensbiologie im Gegensatz zum Behaviorismus eine subjektwissenschaftliche Position zu etablieren. Er hat gezeigt, dass der Instinktbegriff als Konzept der autonomen Steuerung tierischer Aktionen geeignet ist und nicht im Widerspruch zur Evolutionstheorie stehen muss. Die Evolution der Lebewesen kann auch als Evolution von Subjekten verstanden werden. Er zeigte, dass Instinkte genetisch determiniert sind und folglich wie die Organe der Lebewesen den Gesetzen der Evolution unterliegen. Er schreibt:

 “Niemand kann leugnen, daß die phylogenetische VerĂ€nderlichkeit einer Instinkthandlung sich so verhĂ€lt wie diejenige eines Organes und nicht wie diejenige einer psychischen Leistung. Ihre VerĂ€nderlichkeit gleicht so sehr derjenigen eines besonders „konservativen“ Organes, daß der Instinkthandlung als taxonomischem Merkmal sogar ein ganz besonderes Gewicht zukommt“./3/ 

Von besonderer Bedeutung ist dabei die Frage nach der Bedeutung der Umwelt.

 „Wir haben es nie zu bereuen gehabt, daß wir die VerĂ€nderlichkeit der Instinkthandlung durch Erfahrung rundweg geleugnet haben und folgerichtig den Instinkt wie ein Organ behandelt haben, dessen individuelle Variationsbreite bei allgemeiner biologischer Beschreibung einer Art vernachlĂ€ssigt werden kann. Diese Auffassung widerspricht nicht der Tatsache, daß manchen Instinkthandlungen eine hohe regulative „PlastizitĂ€t“ zukommen kann. Eine solche haben auch viele Organe.“/4/„Wenn man nicht den Begriff des Lernens ganz ungeheuer weit fasst, so daß man etwa auch sagen kann, die Arbeitshypertrophie eines vielbenĂŒtzten Muskels sei ein Lernvorgang, so hat man durchaus kein Recht, die Beeinflussung des Instinktes durch Erfahrung zu behaupten.“/5/ 

Vor allem diese Position war es, die von Seiten des Behaviorismus immer wieder angegriffen wurde, der nach wie vor darauf besteht, dass das Verhalten von Tieren (und Menschen) durch die Einwirkungen der Umwelt determiniert wird.. Da es eine subjektwissenschaftliche Methodologie nicht gab (und bis heute nicht gibt), wurden zum Zwecke der Kritik die subjektwissenschaftlichen Thesen mit den Methoden objektwissenschaftlicher Forschung untersucht/6/. Dass dazu die subjektwissenschaftlichen Thesen ihres spezifischen Gehalts beraubt und in das objektwissenschaftliche Gedankensystem transformiert werden mussten, blieb unreflektiert. So teilte Lorenz /7/ schließlich das Schicksal UexkĂŒlls.

Die experimentell orientierte, objektwissenschaftliche Mainstreambiologie hat auf diesem Wege die subjektwissenschaftlichen Fragen zwar nicht beantwortet, aber aus ihrem Ideenbestand eliminiert. Die aktuelle Debatte um den freien Willen ist dafĂŒr Zeugnis genug. Im Kategoriensystem der reduktionistischen Biologie ist kein Platz fĂŒr diesen, deshalb kann man ihn auch nicht erforschen - auch wenn er sich immer wieder und der KausalitĂ€t trotzend ungefragt in die Debatte einmischt.

 /1/ UexkĂŒll, Jacob von (1928): Theoretische Biologie, Springer J., Berlin, S. 197/2/ Ebenda, S. 196

/3/ Lorenz, Konrad (1992): Über tierisches und menschliches Verhalten - Gesammelte Abhandlungen I, Piper & Co.Verlag, MĂŒnchen, ZĂŒrich, Bedeutung. I, S.274

/4/ Ebernda, S.273.

/5/ Ebenda, S. 274

/6/ Vgl z.B. Zippelius, Hanna-Maria (1992): Die vermessene Theorie, Vieweg oder G. Roth (Hrsg.) (1974): Kritik der Verhaltensforschung, C.H. Beck.

/7/ Lorenz steht hier verallgemeinert fĂŒr eine ganze Anzahl von Wissenschaftlern (z.B. v. Holst, Mittelstaedt, LeontÂŽev, Anochin), die verschiedene Aspekte einer subjektwissenschaftlichen Biologie entwickelt hatten, heute aber (mit Ausnahme von LeontÂŽev) vorwiegend von historischer Bedeutung sind.

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Subjekt und Instinkt I

10. Juli 2008 - 09:27 Uhr

Subjekte sind u.a. durch Autonomie, durch Selbstbestimmtheit ausgezeichnet. Ein „fremdbestimmtes Subjekt“ wĂ€re ein Widerspruch in sich. Bei menschlichen Subjekten ist ihre Autonomie in ihrem Bewusstsein begrĂŒndet. Die bewusste subjektive ideelle Abbildung der Welt und des individuellen Selbst, des Ichs, ermöglicht die selbstbestimmte Gestaltung der eigenen TĂ€tigkeit. Wenn wir nun auch Tiere als autonome Subjekte ansehen wollen, mĂŒssen wir auch die Frage beantworten, worauf ihre SubjektivitĂ€t, ihre Selbstbestimmung beruht.

Das Postulat der Subjektposition der Lebewesen erfordert auch die Annahme der Autonomie des Verhaltens, d.h. die Annahme, dass die Aktionen der Lebewesen nicht kausal durch Ă€ußere Einwirkungen hervorgerufen und auch nicht durch solche gesteuert werden . In den ĂŒblichen biologischen und psychologischen Standardwerken wird die TĂ€tigkeit der Tiere jedoch als prinzipiell ĂŒber die Wahrnehmung gesteuert dargestellt. Dieses Modell der Verhaltenssteuerung besagt, dass Tiere Informationen aus der Umgebung aufnehmen und ihr Verhalten mit deren Hilfe steuern. In diesem ErklĂ€rungsmodell ist jedoch die Existenz autonomer Subjekte nicht darstellbar, denn in ihm bestimmen die vom Subjekt unabhĂ€ngigen Informationen (die „Reize“) die Aktionen des Subjekts, die nur als „Reflexe“ gedacht werden können. Das Subjekt wĂ€re nicht mehr selbstbestimmt, nicht mehr autonom. Eine autonome Steuerung erfordert vielmehr die Annahme einer internen Informationsquelle, mit deren Hilfe das Subjekt seine Aktionen autonom steuert.

In der Biologie wurde mehrfach versucht, das Problem der autonomen Steuerung mit dem Instinktbegriff zu lösen. UexkĂŒll hat wohl als erster den Subjektbegriff als wissenschaftliche Kategorie zur Abbildung auch der TĂ€tigkeit der Tiere verwendet. Die Eigenschaft der SubjektivitĂ€t sah er im Gegenpol zur physikalischen KausalitĂ€t. Er vertritt die Auffassung, dass es in der Biologie  „…außer der KausalitĂ€t noch eine zweite subjektive Regel gibt, nach der wir die GegenstĂ€nde ordnen – die PlanmĂ€ĂŸigkeit“. /1/„Damit wurde ein neues GerĂŒst fĂŒr die Biologie notwendig, das bisherige GerĂŒst, das man der Chemie und der Physik entliehen hatte, genĂŒgte nicht mehr. Denn Chemie und Physik kennen das PlanmĂ€ĂŸige als Naturfaktor nicht.“ /2/  

Zu Beschreibung der autonomen Steuerung der Tiere diente ihm der Begriff des Instinkts, den er als „selbstĂ€ndigen Faktor“ ohne Bindung an eine anatomische Struktur und ohne Kontrolle durch Sinnesorgane konzipierte (Theoretische Biologie, S.95f.) Sie sind dem tierischen Subjekt immanent, angeboren. Im Unterschied dazu verstand er den Reflex im Sinne Pawlows als anatomisch nachweisbar, als Reflexbogen. Reflektorisch gesteuerte Aktionen erfolgen danach unter der Kontrolle der Sinnesorgane.

Das Instinktkonzept als Konzept einer angeborenen autonomen Steuerung ist in der Folge verschiedentlich weiterentwickelt worden. Die ihm zugrunde liegende Auffassung ist unvereinbar mit dem behavioristischen Konzept der Verhaltensbiologie, das auf dem kausalistischen Konzept der Mainstreambiologie beruht. Deshalb wird das Instinktkonzept heute meist als veraltet und ĂŒberholt dargestellt. Die FĂŒlle empirischer Daten, die fĂŒr die Existenz angeborener, autonomer Steuerungsmechanismen sprechen, verhinderte jedoch, dass das Instinktkonzept völlig ad acta gelegt wurde. Mit dem Konzept des AAM (angeborenen Auslösemechanismus) wurde es zurechtgestutzt und mit dem behavioristischen Konzept vertrĂ€glich gestaltet.

 

Wie man die vorliegenden empirischen Daten auch sprachlich ausdrĂŒcken und theoretisch interpretieren mag, unbestreitbar ist, dass die Auffassung, Tiere seien Subjekte, logisch zwingend die Annahme erfordert, dass sie ĂŒber intern ausgelöste, d.h. angeborene Steuermechanismen verfĂŒgen. Diese „Instinkte“ zu nennen, bedarf zwar der Konvention, entspricht aber auch dem allgemeinen Sprachgebrauch in Biologie und Psychologie. In einer kausalistischen Biologie bleibt die Idee des Instinkts ein logischer Fremdkörper, eine subjektwissenschaftliche Biologie dagegen erfordert sie zwingend.

 

/1/ UexkĂŒll, Jacob von (1928): Theoretische Biologie, Springer J., Berlin, S. 86
/2/ Ebenda, Vorwort

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Der tut nix, der will nur spielen!

11. Juni 2008 - 09:51 Uhr

Wem ist das nicht schon von einem Hundebesitzer glaubhaft versichert worden? Und wem hat ein Katzenbesitzer nicht schon erklĂ€rt, dass seine Katze einen eigenen Willen hat und macht, was sie will. Und glĂŒcklich kann sich schĂ€tzen, wem es noch nicht widerfahren ist, dass sein Auto mit ihm gemacht hat, was es wollte, als er plötzlich auf Blitzeis stieß!

In der Alltagserkenntnis sind das selbstverstĂ€ndliche Beschreibungen, die von keinem bezweifelt werden, jedenfalls solange er keine Blogdiskussion ĂŒber den freien Willen gelesen hat, in der ihm von höchster AutoritĂ€t versichert mitgeteilt wird, er habe gar keinen freien Willen. Dann wird er sich natĂŒrlich fragen, ob denn ein Hund einen Willen haben kann, wenn schon er und der Besitzer des Hundes keinen haben sollen.

Er atmet zunĂ€chst auf, wenn er in anderen BeitrĂ€gen liest, dass der Mensch natĂŒrlich einen freien Willen hat, weil er nĂ€mlich ĂŒber Bewusstsein verfĂŒgt und der freie Wille eine Eigenschaft des menschlichen Bewusstseins ist.

Ja aber, fragt er sich dann, hat der Hund denn ein Bewusstsein? Oder die Katze? Gut – mein Auto hat wohl kein Bewusstsein, es hat aber trotzdem gemacht was es wollte! Und wie ist das mit Björn Brembs Fliegen, sie haben wohl einen Willen, haben sie aber auch ein Bewusstsein?

Und wenn es wirklich keinen freien Willen gibt, was haben die Neurowissenschaftler dann untersucht? Den freien Willen offensichtlich nicht, denn den gibt es ja nicht, und was es nicht gibt, kann man wohl auch nicht untersuchen.

Bleiben wir mal bei meinem Auto. Ich nenne „Wille“, was ich nicht beeinflussen und nicht aus physikalischen Anfangsdaten vorher sagen (berechnen) kann. Das heißt nicht, dass das ein anderer nicht könnte. Das Verhalten meines Autos ist auch bei Blitzeis physikalisch determiniert. Der Terminus „Wille“ beschreibt also eigentlich keine Eigenschaft des Autos, sondern nur meine physikalischen Kenntnisse. Wenn ich sage, es mache was es wolle, muss ich meine mangelnden FĂ€higkeiten nicht zugeben!

Ähnlich scheinen sich manche Neurophysiologen auch die Determination des menschlichen Verhaltens vorzustellen: aus den physikalischen und chemischen Anfangsbedingungen des Nervensystems lĂ€sst sich prinzipiell das Verhalten des Individuums vorhersagen (berechnen). Das aber wollen sie nicht „freier Wille“ nennen. Dem kann ich zustimmen, und dann haben weder der Hund noch die Katze noch Björn Brembs Fliegen einen eigenen Willen und mein Auto schon gar nicht.

Das aber stellt die Frage nach unserem Tierbild. Sind Tiere tatsĂ€chlich ein willenlose Wesen, deren Verhalten einem vorgegebenen Programm folgt? Wenn dem so wĂ€re, könnte ich ja dem Hundebesitzer glauben, der dieses Programm „Wille“ nennt, aber meine Erfahrung sagt mir, dass der Hund ja auch beißen können wollte, und wer weiß schon, was der Hund wirklich will?

Aber auch wenn dem so wĂ€re, dann rechtfertigte nicht einmal die Evolutionstheorie die Annahme, dass auch Menschen willenlose Wesen, Automaten sein mĂŒssen. Irgendwann im Verlaufe der Menschwerdung könnten sie ja den freien Willen erworben haben.

Ganz offensichtlich ist die Kategorie des Willens zwischen physikalischer Determiniertheit und Zufall angesiedelt. Das ist es auch, was Brembs bei der Untersuchung der Bewegungen von Taufliegen (Drosophila melanogaster) feststellte. Bei fehlenden optischen Orientierungsmöglichkeiten mĂŒsste bei der Steuerung der Bewegung durch ein vorgegebenes Programm die Bewegung immer in eine Richtung fĂŒhren oder – bei Steuerung durch Reize - mĂŒsste die Richtung statistisch zufĂ€llig wechseln. Es trat aber weder das Eine noch das Andere ein. Die Fliegen zeigten vielmehr ein Bewegungsmuster das dem eines Suchenden Menschen gleicht. Dieser durchquert schnell große Distanzen ĂŒber offenes Terrain um dann an vielversprechenden Orten unter schnellen Richtungswechseln mögliche Ressourcen zu suchen. Sie zeigen also ein Verhalten, das eher volitive QualitĂ€ten aufweist.

QualitĂ€ten dieser Art sind aber in der Sprache des physikalischen KausalitĂ€tsparadigmas nicht darstellbar. Ihre Beschreibung erfordert Kategorien wie „Subjekt“, „TĂ€tigkeit“, „Wille“ u.Ă€., die eher in der Psychologie gefunden werden, dort aber keiner kausalistischen Interpretation zugĂ€ngig sind. Hier mĂŒssen Biologie und Physik ihr Begriffssystem noch deutlich vervollstĂ€ndigen, um die Verbindung zwischen Physik und Chemie einerseits und des Geisteswissenschaften andererseits herzustellen. Schließlich sind es die Subjekte als stofflich-energetische EntitĂ€ten, welche den Geist hervorbringen, und das willentlich – oder nicht?

 

3 Kommentare » | Freier Wille, Kausalismus, Psyche, Subjekte

Lebewesen versus Subjekt

28. März 2008 - 10:55 Uhr

Die Kommentare zu meinem letzten Beitrag veranlassen mich, das Problem des Subjektbegriffs etwas ausfĂŒhrlicher darzustellen. Sowohl in der Umgangssprache wie in den entsprechenden wissenschaftlichen Fachsprachen wird das Wort „SubjektivitĂ€t“ nur zur Bezeichnung von menschlichen Eigenschaften benutzt. SubjektivitĂ€t wird an Bewusstsein gebunden und meint im Wesentlichen Selbstbewusstsein. In der Biologie wird SubjektivitĂ€t - wenn auch mit Vorbehalten – Tieren zuerkannt, die wie beispielsweise die Schimpansen den „Spiegeltest“ bestehen, d.h. sich selbst im Spiegel erkennen. Damit wird aber nur die FĂ€higkeit nachgewiesen, sich selbst zu sehen und eine optische Vorstellung von sich selbst zu erzeugen. Die optische Wahrnehmung ist aber nur eine Form der Wahrnehmung. Man kann wohl mit einiger Sicherheit annehmen, dass alle Tiere mit einem Nervensystem fĂ€hig sind, sich selbst auch mit den anderen Sinnesorganen wahrzunehmen, ĂŒber die sie verfĂŒgen. Auch der Frosch kratzt sich dort, wo es ihn juckt. Wieso sollte er sich also nicht zu taktiler Selbstwahrnehmung und Selbstvorstellung fĂ€hig sein? Er muss ja „wissen“, wie es sich dort anfĂŒhlen mĂŒsste, wo es juckt. Und auch Fliegen putzen sich dort, wo sie Fremdes wahrnehmen. Warum sollte man ihnen also SubjektivitĂ€t absprechen?

 

Die durch ein Nervensystem vermittelte Selbstwahrnehmung aber nicht nur eine besondere Form der Beziehung von Lebewesen auf sich selbst. Eine andere ist die FĂ€higkeit zur Selbsterhaltung und diese ist ein das Leben kennzeichnendes Merkmal aller Lebewesen. Eine vom Exobiology Program der NASA als allgemeine Arbeitsdefinitio­nen von “Leben” benutzten Definition lautet beispielsweise “Leben ist ein sich selbst erhaltendes chemisches System, das zur Darwinschen Evolution fĂ€hig ist.” [1] Mit dieser Definition kann außerirdisches Leben erkannt werden, auch wenn es nicht eiweißbasiert ist.

Die FĂ€higkeit zur Selbsterhaltung erfordert Systeme, die mit funktionellen Komponenten ausgestattet sind, deren Leistungen auf das System selbst gerichtet sind. Sucht man fĂŒr diese SelbstbezĂŒglichkeit der lebenden Systeme ein geeignetes Wort, bietet sich „SubjektivitĂ€t“ unmittelbar an. Leben ist also generell durch SubjektivitĂ€t gekennzeichnet. Eine solche Terminologie bedarf natĂŒrlich der Konvention.

Wenn man aber nun nicht annimmt, dass alle Lebewesen Subjekte sind, muss die SubjektivitÀt der Lebewesen im Prozess der Menschwerdung entstanden sein. Die Theorie der Anthropogenese muss also die Frage beantworten, wie aus Àffischen Tieren, die nicht Subjekte sind, Subjekte hervorgegangen sind.

Ganz abgesehen davon, dass es nahezu unmöglich erscheint, beispielsweise Schimpansen und Bonobos SubjektivitÀt abzusprechen, folgt aus der Annahme der Evolution der SubjektivitÀt die Frage nach Vorformen der SubjektivitÀt bei nichtmenschlichen Lebewesen. Bindet man die SubjektivitÀt an die FÀhigkeit zur optischen Selbstwahrnehmung, bleibt die Frage, warum andere Formen der Selbstwahrnehmung nicht subjektiv sein sollen.

Wie jede Eigenschaft von Lebewesen muss sich auch die SubjektivitÀt allmÀhlich und schrittweise aus niederen Formen entwickelt haben. Das verlegt den möglichen Zeitpunkt der Entstehung des Subjektiven auf eine bestimmte definierbare Etappe der Evolution des Lebens. Welche Etappe wÀre da denkbar, z.B. die Entstehung des Nervensystems, die Entstehung der Tiere oder die Entstehung der Vielzeller?

 

Eine konsequente Lösung besteht darin, die Entstehung des Subjektiven an die Entstehung des Lebens zu koppeln. Diese Lösung hat erstmals LeontŽev vorgeschlagen [2]. SeinenGrundgedanken habe ich hier dargestellt. Lebewesen können danach nur als Subjekte entstehen. Leben ist die Seinsweise von Subjekten. SubjektivitÀt entsteht nicht im Verlaufe der biotischen Evolution, sondern entsteht bereits mit der Entstehung des Lebens, im Verlauf der chemischen Evolution. SubjektivitÀt ist nicht Resultat der biotischen Evolution, sondern deren Voraussetzung.

Damit wird ein biologischer Begriff der SubjektivitÀt entwickelt, dessen evolutionÀre Entwicklung und Entfaltung rekonstruiert werden kann. Psychische SubjektivitÀt erweist sich dann als spezifische Form der SubjektivitÀt, die an die Entwicklung des Nervensystems gebunden ist, und das Bewusstsein erweist sich als spezifische Form menschlicher SubjektivitÀt.

Solange die Biologie an einem Bild des Lebens festhÀlt, in dem Lebewesen Objekte sind, die allein den Gesetzen der KausalitÀt unterliegen, kann sie Lebewesen höchstens als reagierende Automaten, nicht aber als sich selbst erhaltende Subjekte verstehen. Dieses Bild aber verhindert ein biologisches VerstÀndnis der tierischen Psyche, wodurch auch das adÀquate VerstÀndnis der Spezifik der menschlichen Psyche verhindert wird, die ja aus der tierischen Psyche hervorgegangen sein muss. Die Biologie hat also noch Hausaufgaben zu machen.

 

[1] Nach Rauchfuß, Horst (2005): Chemische Evolution, Springer - Verlag, Berlin.Heidelberg.New York

[2] Leontjew, Alexej (1973): Probleme der Entwicklung des Psychischen, Fischer AthenÀum

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