Kategorie: Sprache


Linguistisches missing link gefunden?

10. April 2010 - 10:03 Uhr

Daniel Everett und die Sprache der Pirah√£ haben den alten Streit der Linguisten √ľber die Frage, ob die Sprache dem Menschen angeboren ist, aufs Neue entfacht. Ausgezogen als christlicher Missionar, der brasilianischen Indianern die Bibel in deren eigene Sprache √ľbersetzen wollte, kam er nicht nur mit neuen Erkenntnissen √ľber die menschliche Sprache und deren Theorie zur√ľck, sondern auch mit einem neuen Weltbild, in dem wie bei den Pirah√£ weder der christliche noch ein anderer Gott einen Platz gefunden hat.

Sein nun auch in deutscher Sprache vorliegendes Buch ‚ÄěDas gl√ľcklichste Volk‚Äú l√§sst uns an drei spannenden Reisen teilhaben. Da ist zum ersten die Reise in den brasilianischen Urwald, dessen fremde Natur ihn und seine Familie in sieben Jahren¬† nicht wenige Abenteuer bestehen l√§sst. Da ist zu anderen die Reise in eine fremde Kultur und zu einer fremden Sprache, die Everett anschaulich beschreibt und die wir nur staunend bewundern k√∂nnen. Und da ist zum dritten die Reise eines christlichen Missionars, die ihn durch das tiefe Eindringen in die Kultur der Pirah√£ vom christlichen Glauben zu einer nontheistischen Weltanschauung gef√ľhrt hat.

Diese Reisen f√ľhrten Everett auch zu einem Wechsel seiner wissenschaftlichen Auffassungen √ľber die Natur der menschlichen Sprache. Ausgehend von dem Auffassungen Chomskys √ľber eine letztlich allen Menschen angeborenen Universalgrammatik entwickelte er die Auffassung, das Sprache und Grammatik vielmehr durch die Kultur der Gesellschaft bestimmt werden. In dieser Auffassung steht er zwar nicht allein, nimmt aber Auffassungen der¬† der ‚Äěkulturhistorischen Theorie‚Äú anscheinend ebenso wenig zur Kenntnis wie etwa die Arbeiten Merlin Donalds √ľber die kulturelle Determination neurophysiologischer Prozesse. Allein die empirische Analyse der Sprache der Pirah√£ und deren Grammatik f√ľhrten ihn zu diesem Standpunkt.

Die Pirah√£ kennen keine W√∂rter f√ľr Zahlen, keine W√∂rter f√ľr Farben und keine W√∂rter f√ľr gestern und heute. Die Sprache der Pirah√£ kennt auch keine Nebens√§tze und keine Einbettungen. Das Pirah√§ geh√∂rt unter allen Sprachen der Welt zu denen mit der geringsten Zahl an Phonemen: Es gibt f√ľr M√§nner nur drei Vokale (i, a, o) und acht Konsonanten (p, t, k; s, h, b, g und den Knacklaut oder Glottisverschlusslaut (x) und f√ľr Frauen drei Vokale (i, a, o) und sieben Konsonanten (p, t, k, h, b, g und x. sie benutzen h an allen Stellen, wo M√§nner h oder s aussprechen). Frauen haben also weniger Konsonanten als M√§nner. Das ist zwar nicht einzigartig, es ist aber zumindest ungew√∂hnlich. (Zum Vergleich: Das Deutsche hat etwa 40 Phoneme, Dialekte haben oft noch mehr.)

Es f√§llt auf, dass die Beschreibung des Pirah√£ vor allem durch die Aufz√§hlung fehlender Merkmale erfolgt, also durch die Beschreibung desen, was diese Sprache alles nicht hat. Diese dem Pirah√£ fehlenden Elemente werden jedoch von der linguistischen Theorie jedoch als Merkmale einer Sprache gefordert. Ihr Fehlen f√ľhrt Everett zu dem Schluss, dass diese Theorien als allgemein g√ľltige Paradigmata ungeeignet sind und ein anderes Erkl√§rungsprinzip erforderlich ist.

Als dieses Erkl√§rungsprinzip schl√§gt Everett das ‚ÄěPrinzip des unmittelbaren Erlebens‚Äú (immediacy of experience principle, IEP) vor. Dieses Prinzip besagt, dass das Pirah√£ nur Aussagen enth√§lt, die unmittelbar mit dem Augenblick des Sprechens zu tun haben, weil sie entweder vom Sprecher selbst erlebt wurden oder weil jemand, der zu Lebzeiten des Sprechers gelebt hat, ihr Zeuge war.

Die G√ľltigkeit dieses Prinzips ist nicht auf die Sprache beschr√§nkt, sondern hat den Rang eines allgemeinen kulturellen Prinzips, das in allen Lebensbereichen der Pirah√£ wirkt. Er schreibt:

‚ÄěNach und nach fielen mir immer mehr Beobachtungen ein, die f√ľr den Wert des unmittelbaren Erlebens zu sprechen schienen. So erinnerte ich mich beispielsweise daran, dass die Pirah√£ keine Lebensmittelvorr√§te anlegen, nicht f√ľr mehr als einen Tag auf einmal planen und nicht √ľber die entfernte Vergangenheit oder Zukunft reden - sie konzentrieren sich ganz offensichtlich auf das Jetzt, auf ihr unmittelbares Erleben. Das ist es!, dachte ich eines Tages. Das verbindende Element von Sprache und Kultur der Pirah√£ ist die kulturelle Beschr√§nkung, nicht √ľber irgendetwas zu sprechen, das √ľber das unmittelbare Erleben hinausgeht.‚Äú (S. 199)

und

‚ÄěDas Prinzip des unmittelbaren Erlebens erm√∂glicht √ľberpr√ľfbare Voraussagen, und darin zeigt sich, dass es sich nicht nur um eine negative Aussage √ľber etwas handelt, das im Pirah√£ fehlt, sondern um eine positive Behauptung √ľber das Wesen dieser Grammatik und dar√ľber, wie sie sich von anderen, allgemein bekannten Grammatiken unterscheidet.‚Äú (S. 349)

Dabei handelt es sich offensichtlich nicht allein um Besonderheiten der Sprache, sondern auch um Besonderheiten des Erkenntnissystems der Pirah√£, das sehr eng an die unmittelbare Wahrnehmung gebunden iat. So enth√§lt dieses Erkenntnissystem keine Sch√∂pfungsmythen oder andere √úberlieferungen. Diesem Prinzip entspricht auch ihr einfaches Verwandtschaftssystem. Infolge der geringen Lebenserwartung leben gew√∂hnlich nur drei Generationen gleichzeitig nebeneinander, ein Wort ‚Äď und damit ein Begriff ‚Äď f√ľr ‚ÄěUrgro√üvater‚Äú fehlt ‚Äď es ist nach diesem Prinzip auch nicht erforderlich.

Die Bedeutsamkeit der Wahrnehmbarkeit spiegelt sich auch darin wieder, dass die Pirah√£ ein eigenes Wort benutzen, um die Wahrnehmbarkeit als kulturelles Konzept zu bezeichnen. Das herauszufinden, so berichtet Everett, hat ihn viel M√ľhe gekostet. Er schreibt

‚ÄěOffensichtlich beschreibt das Wort Xibip√≠√≠o ein kulturelles Konzept oder eine Wertvorstellung, zu der es in unserer Sprache keine eindeutige Entsprechung gibt. Nat√ľrlich kann auch bei uns jeder sagen” lohn ist verschwunden” oder ¬ĽBillv ist gerade aufgetaucht”, aber das ist nicht das Gleiche. Erstens benutzen wir f√ľr Auftauchen und Verschwinden unterschiedliche W√∂rter, das hei√üt, es sind auch unterschiedliche Konzepte. Noch wichtiger ist aber, dass wir uns zweitens vor allem auf die Identit√§t der kommenden oder gehenden Person konzentrieren und nicht auf die Tatsache, dass sie gerade unseren Wahrnehmungsbereich betreten oder verlassen hat.Schlie√ülich wurde mir klar, dass dieser Begriff das benennt, was ich als Erfahrungsschwelle bezeichne: den Vorgang, die Wahrnehmung zu betreten oder zu verlassen und sich damit an den Grenzen des Erlebens zu befinden.‚Äú (S.196)

                               *

Diese und andere von Everett beschriebenen Besonderheiten der Kultur der Pirah√£ und ihrer Sprache habe ich mit besonderem Interesse zur Kenntnis genommen, best√§tigen sie doch eigene theoretische Erw√§gungen √ľber die Entstehung der menschlichen Sprache.

Unter anderem geht es mir bei diesen Überlegungen um die Frage, wie die Wörter einer Sprache zu ihren gesellschaftlichen Bedeutungen kommen. Wie kommt es dazu, dass alle Mitglieder einer Gemeinschaft mit einem bestimmten Wort die gleiche Bedeutung verbinden? In einer sprechenden Gesellschaft ist das klar: durch Lernen durch Wahrnehmung. Ein Kenner des Wortes sagt es und zeigt auf den Gegenstand. Beide nehmen den gleichen Gegenstand wahr und erzeugen das psychische Abbild dazu. Wie aber, wenn es noch keine Sprache gibt, in der sich die Individuen verständigen können?

Ich habe vorgeschlagen, ein hypothetisches Stadium vorsprachlicher Zeichen anzunehmen, das aus der Verwendung von Werkzeugen in der gemeinsamen arbeitsteiligen unmittelbar hervorgehen kann (vgl. Litsche 2004, S, 455ff.). In gemeinsamer T√§tigkeit benutzte Werkzeuge sollten die die ersten ‚ÄěTr√§ger‚Äú gesellschaftlicher Bedeutungen gewesen, so wie sie es auch heute noch sind. Sie k√∂nnen in einer sprachlosen Kommunikation der Organisation kollektiver T√§tigkeiten dienen. Wenn sich eine Gruppe von Menschen zum Zweck des Schneeschippens treffen, gen√ľgt es, die vorhandenen Werkzeuge auf die Anwesenden aufzuteilen, und jeder wei√ü, was er zu tun hat. Was mit einem Besen oder einer Schaufel zu tun ist, wei√ü jeder aus eigener Wahrnehmung.

Die entscheidende Bedingung f√ľr das Entstehen gesellschaftlicher Bedeutungen ist demnach die Benutzung von Werkzeugen in gemeinsamer, arbeitsteiliger T√§tigkeit.

An die Stelle der ‚Äěechten‚Äú Werkzeuge k√∂nnen in der Planungsphase der T√§tigkeit Spielzeuge oder farbige Kugeln als Zeichen f√ľr die Werkzeuge treten, um den gleichen Effekt zu erzielen. Die Bedeutung dieser Zeichen kann auch ohne Sprache durch Wahrnehmung kommuniziert werden, indem Zeichen und Werkzeug gemeinsam gezeigt werden.

Auf diese Weise kann ein ganzes System sprachloser Zeichen und gesellschaftlicher Bedeutungen geschaffen werden. Aus der urspr√ľnglichen Kultur kollektiver Werkzeuge entsteht eine Kultur sprachloser Zeichen, in der eine umfangreiche Kommunikation ohne Sprache m√∂glich wird. Einige Aspekte einer solchen Kommunikation habe ich auf meiner Website dargestellt.

Zeichen und gesellschaftliche Bedeutungen k√∂nnen also bereits vor der Sprache entstanden sein. Sie sind die Grundlage f√ľr den n√§chsten Schritt der Evolution, die Umwandlung der Laute der werdenden Menschen in sprachliche Zeichen. Die Sprache kann entstehen, weil bereits ein System vorsprachlicher gesellschaftlicher Zeichen und Bedeutungen vorhanden ist. Das ist das, was den rezenten Menschenaffen zur Ausbildung einer gesellschaftlichen Sprache fehlt.

Die nichtsprachlichen Zeichen, die wir heute benutzen, bed√ľrfen immer eines Bezugs zur Sprache. Das unterscheidet sie von den hypothetischen vorsprachlichen Zeichen.

Ein solches vorsprachliches Zeichensystem w√ľrde Merkmale aufweisen, die Everett auch in der Sprache der Pirah√£ gefunden hat. In einer Kultur vorsprachlicher Zeichen sind keine Zeichen m√∂glich, die Eigenschaften getrennt von deren gegenst√§ndlichen Tr√§gern bezeichnen. Mit den vorsprachlichen Zeichen k√∂nnten also beispielsweise keine isolierten Farben und keine Zahlen dargestellt werden. Zahlzeichen und Farbzeichen sind nicht als anschaubare gegenst√§ndliche Zeichen m√∂glich.

                          Xibipíío

Everetts Entdeckung hat meinen Wahrnehmungsbereich ungemein bereichert. Im Pirah√£ finde ich viele Eigenschaften meines hypothetischen Systems vorsprachlicher Zeichen wieder. Mit der Beschreibung dieser Sprache n√§hert sich mein theoretisches Konstrukt nun der “Wahrnehmungsschwelle”.

Die Sprache der Pirah√£ erscheint mir als eine sehr urspr√ľngliche Sprache, die einer Kultur der vorsprachlichen Zeichen noch sehr nahe ist. Das Pirah√£ k√∂nnte so ein missing link im Prozess der Evolution der menschlichen Sprache sein, das die Lautsprache mit dem System der vorsprachlichen Zeichen verbindet.

 

Caroll, Lewis (1993): Alice im Wunderland, Lentz-Verlag, M√ľnchen, S. 52.

Donald, Merlin (2008): Triumph des Bewusstseins * Die Evolution des menschlichen Geistes, ,

Litsche, Georg A. (2004): Theoretische Anthropologie * Grundz√ľge einer theoretischen Rekonstruktion der menschlichen Seinsweise, Lehmanns Media-LOB, Berlin.

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Gödel und die Evolutionstheorie

23. November 2009 - 10:37 Uhr

Die Menge unseres Wissens ist keine Enzyklop√§die, in der die einzelnen Erkenntnisse wie Erbsen in einem Sack herumliegen und es gleichg√ľltig ist, was sich wo befindet. Die Gesamtheit unserer Erkenntnis bildet vielmehr eine sinnvolle Ordnung, in der die einzelnen Elemente unseres Wissens bestimmten anderen Elementen auf bestimmte Weise zugeordnet sind. Diese Ordnung setzt uns in die Lage, diese Erkenntnis als Bild einer geordneten Welt zu benutzen, das es uns erm√∂glicht, uns in unserer Welt zu orientieren und unsere Aktionen zielstrebig zu steuern.

Diese Ordnung der Erkenntnis weist nun gr√∂√üere oder kleinere ‚ÄěCluster‚Äú auf, die jeweils Bereiche der Realit√§t abbilden, wie Lebewesen, Wetter oder menschliche Werkzeuge. Diese Cluster sind nun relativ disjunkt, d.h. die Begriffe des einen Clusters eignen sich nicht zur Abbildung von Gegenst√§nden eines anderen Clusters. So ist ‚ÄěFortpflanzung‚Äú ungeeignet zur Abbildung der Wolkenbildung. Beim Fehlen geeigneter Termini eines Clusters wird gelegentlich ein Terminus eines anderen Clusters benutzt, um gewisse Eigenschaften des zu beschreibenden Gegenstandes darzustellen. Das Bild des einen Gegenstandes wird dann als Metapher f√ľr das Abbild eines anderen Gegenstandes benutzt, In dieser Weise benutze ich hier beispielsweise das Wort ‚ÄěCluster‚Äú.

Mit der Entstehung und Entwicklung der Wissenschaften sind die Cluster der umgangssprachlichen Erkenntnis zu den Gegenst√§nden der verschiedenen Wissenschaften wie Physik, Biologie, Psychologie oder Linguistik geworden. In den Wissenschaften wurden die urspr√ľnglichen Termini der umgangssprachlichen Erkenntnis pr√§zisiert, umgestaltet, durch andere ersetzt und durch neue Termini erg√§nzt, die ihrerseits in verschiedener Weise ihren Weg zur√ľck in die Umgangssprache gefunden haben und finden. Auf den Punkt gebracht hat diese Disjunktheit wissenschaftlicher Theorien Kurt G√∂del mit der Formulierung des Unvollst√§ndigkeitssatzes. Dieser besagt, dass es in hinreichend m√§chtigen Systemen Aussagen geben muss, die man formal, d.h. innerhalb dieses Systems, mit dessen Mitteln weder beweisen noch widerlegen kann. Ein solcher Beweis ist nur in einer anderen Theorie m√∂glich.

Da die Menschen nun √ľber mehrere solcher Erkenntnissysteme verf√ľgen, pflegen sie bei der Beschreibung einer Erscheinung m√ľhelos und meist unreflektiert zwischen verschiedenen Erkenntnissystemen zu wechseln.

So l√§sst sich zun√§chst problemlos die Aussage formulieren, dass es Konstellationen chemischer Entit√§ten geben kann, welche die Eigenschaften des Lebens wie Selbsterhaltung, Fortbewegung und die F√§higkeit zu zielstrebigen Bewegungen aufweisen. Die Termini, mit denen hier chemische Entit√§ten beschrieben werden, sind aber keine Termini der Chemie, sondern der Biologie und anderer Wissenschaften, die in der chemischen Theorie nicht definiert werden k√∂nnen und dort daher keine Bedeutung haben. Die Aussage ist von gleicher Art wie etwa die Aussage ‚ÄěDas Wasserstoffatom ist gr√ľn.‚Äú Die W√∂rter f√ľr Farben sind keine Termini der Kernphysik.

Die Beschreibung der genannten Eigenschaften gewisser chemischer Entit√§ten nur mit Termini der Chemie ist jedoch nicht m√∂glich. Dazu sind vielmehr Termini der Biologie erforderlich, die nicht aus denen der Chemie abgeleitet werden k√∂nnen sondern auf der Grundlege eigenst√§ndiger Wahrnehmungen neu gebildet werden m√ľssen. Der Streit darum wird seit Jahrhunderten bis auf den heutigen Tag als Mechanismus-Vitalismus-Streit ausgefochten. Ein √§hnlicher Streit tobt heute zwischen Psychologie und Neurophysiologie um die Frage, ob die psychischen Prozesse vollst√§ndig auf neurophysiologische Vorg√§nge zur√ľckgef√ľhrt werden k√∂nnen oder nicht. Allgemein gesprochen geht es auf hier um das Problem es Reduktionismus, d.h. um die Frage, ob alle Erscheinungen der Welt in einer einzigen, einheitlichen Theorie abgebildet und erkl√§rt werden k√∂nnen.

Die Anh√§nger des Reduktionismus begr√ľnden ihre Auffassung letztlich damit, dass ja die Welt eine einheitliche Welt sei, die auch in einer einheitlichen Theorie abgebildet werden kann. Diese Auffassung basiert letztlich und meist unreflektiert auf einem empiristischen Konzept der Erkenntnis, das Erkenntnis auf die Realit√§t zur√ľckf√ľhrt. Betrachtet man die Erkenntnis als autonome und konstruktive Leistung eines t√§tigen Subjekts, wird diese Begr√ľndung gegenstandslos. Erkenntnis kann nicht durch die Eigenschaften der erkannten Realit√§t erkl√§rt werden, sondern nur durch die Bed√ľrfnisse des t√§tigen Subjekts.

Da (menschliche) Erkenntnis nur durch Sprache (und andere Gegenst√§nde der Kultur) ausgedr√ľckt werden kann, kann die Frage nach der M√∂glichkeit einer einheitlichen Theorie nur durch die Untersuchung der Eigenschaften dieser Erkenntnismittel beantwortet werden. Etwas vereinfacht lautet diese Frage dann: ‚ÄúK√∂nnen alle m√∂glichen S√§tze in einer einheitlichen Sprache abgeleitet und bewiesen werden?‚Äú

Versteht man den G√∂delschen Unvollst√§ndigkeitssatz in einem solchen allgemeinen Sinn, dann hei√üt die Antwort ‚ÄěNein‚Äú. Menschliche Sprache muss notwendig in Clustern organisiert sein, die nicht vollst√§ndig auseinander abgeleitet und bewiesen werden k√∂nnen.

Chemie, Biologie, Neurophysiologie, Psychologie usw. werden spezielle Fachsprachen verwenden, die nicht aufeinander zur√ľckgef√ľhrt werden k√∂nnen. Damit aber ist ein neues Dilemma er√∂ffnet: Wie kann dann eine Evolutionstheorie konstruiert und bewiesen werden, die ja den √úbergang zwischen den in unterschiedlichen Erkenntnisclustern abgebildeten Realit√§tsbereichen behauptet? Leben entsteht danach aus chemischen Prozessen, Psyche aus neurophysiologischen Prozessen usw.

Bei der Erklärung solcher Prozesse muss immer der Übergang zwischen Theorien bewältigt werden, die in disjunkten Erkenntnisräumen abgebildet werden. Es geht also nicht darum, den Übergang zwischen unterschiedlichen Realitätsbereichen zu verstehen, sondern um den Übergang zwischen unterschiedlichen Erkenntnisbereichen mit unterschiedlichen Terminologien.

In den Naturwissenschaften f√ľhrt dieser Umstand zu Problemen, die sich aus der Theorie der Evolution ergeben. Die Evolutionstheorie behauptet, dass sich Entit√§ten eine Realit√§tsbereichs aus Entit√§ten anderer Realit√§tsbereiche entwickelt haben. So soll Leben aus chemischen Prozessen, Psyche und Geist aus neurophysiologischen Prozessen hervorgegangen sein. Nicht einmal diese Fragen lassen sich hinreichend exakt formulieren, denn sie erfordern die gleichzeitige Anwendung von Termini unterschiedlicher Erkenntnisbereiche, die in dem jeweils anderen Erkenntnisbereich nicht definierbar sind wie etwa die Frage ‚ÄěWelche Farbe haben Atome?‚Äú.

Der Versuch, den √úbergang von einem Realit√§tsbereich zu einem anderen innerhalb einer einheitlichen Theorie abzubilden, endet gew√∂hnlich in Konstrukten wie ‚ÄěFulguration‚Äú, ‚ÄěEmergenz‚Äú oder in irgendeiner Sch√∂pfungstheorie.

Akzeptiert man jedoch den G√∂delschen Unvollst√§ndigkeitssatz, dann kann man akzeptieren, dass √úberg√§nge zwischen Realit√§tsbereichen mit in einer, sondern mindesten mit zwei Theorien abgebildet werden m√ľssen. Es muss also die Frage beantwortet werden, wie der √úbergang von einem Realit√§tsbereich zum anderen durch den √úbergang von einer Theorie zur anderen abgebildet werden kann.

Dieser √úbergang wird bew√§ltigt durch eben die Aussagen, die in einer Theorie zwar gebildet, aber nicht bewiesen werden k√∂nnen. Nehmen wir als Beispiel die Entstehung des Lebens. In der Theorie der Chemie l√§sst sich die Aussage formulieren: ‚ÄěLeben ist ein chemischer Prozess, durch den sich mindestens ein Reaktionspartner unver√§ndert erh√§lt.‚Äú Diese Aussage enth√§lt kein Wort, das in der Fachsprache der Chemie nicht definierbar w√§re. Der Beweis dieses Satzes jedoch erfordert Termini, die nicht Bestandteil der Fachsprache der Chemie sind, sondern der Fachsprache der Biologie entnommen sind und dort beispielsweise der Beschreibung der Orte dienen, an denen diese Prozesse stattfinden, z.B. ‚ÄěRibosom‚Äú. Im Reagenzglas der Chemiker finden solche Prozesse nicht statt. Beim √úbergang zwischen Begriffssystemen spielen ‚Üíbivalente Begriffe eine besondere Rolle.

Wenn wir den √úbergang zwischen Theorien logisch und erkenntnistheoretisch beherrschten, br√§uchten wir weder eine Weltformel noch Begriffe wie ‚ÄěEmergenz‚Äú, die unser Unwissen nur verbergen. Wir brauchen also nicht ‚Äěeine ‚ÄěTheorie f√ľr alles‚Äú, sondern f√ľr jedes seine Theorie, die wir mit allen anderen logisch und semantisch widerspruchsfrei gestalten k√∂nnen ohne unsere Unkenntnis hinter Worten wie “Emergenz” usw, zu verbergen.

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Die Schrift und die Religion

7. Januar 2009 - 09:57 Uhr

Nachdem nun meine √úberlegungen zur Entstehung der Sprache soweit gediehen sind, dass ich sie ver√∂ffentlichen konnte, kann ich mich auch wieder ein wenig dem Bloggen widmen. Gerade das Weihnachtsfest war ja f√ľr manchen willkommener Anlass, sich wieder einmal Fragen der Religion und des Glaubens zuzuwenden.Das ist ja auch schon ein Problem: Wie begeht man als Atheist oder als Andersgl√§ubiger das Weihnachtsfest? Und was sag ich meinen Enkeln? Wann verstehen sie die Gedanken, die mich heute, da mein Leben sich seiner letzten Etappe n√§hert, im Zusammenhang mit diesem Fest bewegen?

F√ľr mich ist die christliche Religion /1/ eine der gr√∂√üten intellektuellen Leistungen, welche die Menschheit vollbracht hat. Zum ersten Mal stellte sie die Frage nach der Gleichheit der Menschen. Im Postulat der prinzipiellen Gleichheit aller Menschen lag und liegt ihre intellektuelle Anziehungskraft, befriedigt doch dieses Postulat ein grundlegendes Erkenntnisbed√ľrfnis aller Menschen.Die Gr√∂√üe des intellektuellen Anspruchs dieses Postulats wird allein schon dadurch deutlich, dass es bis heute nicht gelingt, dieses Postulat in unserem Handeln zu realisieren. Wie sonst w√§re es m√∂glich, dass nicht nur Atheisten Kriege f√ľhren, sondern dass Muslime auf Juden, Katholiken auf Protestanten schie√üen und das mit Waffen, die ihre Priester gesegnet haben? Aber auch die Hoffnung auf Auss√∂hnung und Frieden resultiert aus dem Gleichheitspostulat.Dazu passt, dass im Weltbild vieler religi√∂ser Menschen nur Angeh√∂rige der eigenen Religion des Paradieses teilhaftig werden k√∂nnen und dass sogar beim Z√§hlen der des Paradieses W√ľrdigen nicht alle gleich behandelt werden. - So versuche ich zu Weihnachten, wenigstes meine Lieben in meinen Geschenken gleich zu behandeln.

Eine andere wenigstens ebenso große intellektuelle Leistung vollbrachten die Schöpfer der christlichen Religionen mit dem
monotheistischen Konstrukt eines nicht anschaubaren Gottes, von dem man sich kein Bild machen soll.Soweit mir bekannt, werden bis heute die G√∂tter polytheistischer Religionen durch gestaltbare und dadurch anschaubare Bilder oder Skulpturen (G√∂tzen) oder auch durch Naturerscheinungen dargestellt. Der Gott der christlichen Religionen ist dagegen abstrakt, er kann nicht angeschaut werden sondern kann nur gedacht, d.h. geglaubt werden.Mit diesem Konstrukt erreichte das menschliche Denken wohl erstmals theoretisches Niveau, d.h. das Niveau eines Denkens, dass sich vollst√§ndig von der Anschauung gel√∂st hat. Wie schwer diese Anforderung zu erf√ľllen war, geht f√ľr mich auch aus dem Umstand hervor, dass ein anschaubares Verbindungsglied zu diesem abstrakten Gott erforderlich wurde, das in dem Konstrukt des menschgewordenen Gottessohns realisiert wurde.Das Konstrukt eines nicht anschaubaren Gottes erforderte aber weiter die Erfindung einer dazu geeigneten Schrift.
Solange die Schrift Bilderschrift ist, kann die Idee eines nicht anschaubaren Gottes √ľberhaupt nicht ausgedr√ľckt werden, weil das Schriftzeichen f√ľr Gott nur ein Bild Gottes sein kann. Erst wenn Worte unmittelbar in
Buchstaben geschrieben werden k√∂nnen, sind auch Schriftzeichen f√ľr abstrakte Gedanken konstruierbar.Damit bin ich wieder beim Ausgangspunkt angelangt, der Entstehung von Sprache und Schrift. Das sind unzweifelhaft kulturelle Leistungen der Menschheit und nicht das Resultat biotischer Evolution. Nicht genetische Ver√§nderungen des Gehirns bringen Sprache und Schrift hervor, sondern die Entwicklung der menschlichen Kultur durch die menschliche T√§tigkeit.Merlin Donald, selbst Kognitionspsychologe, zeigt in seinem Buch ‚ÄěTriumph des Bewusstseins‚Äú, /2/ dass und warum die Entstehung und Entwicklung der Sprache nicht aus dem ‚Äěsolipsistischen Paradigma‚Äú der Neurophysiologie verstanden werden kann, sondern dass die Herausbildung der Sprache nur aus der kollektiven Kultur der Menschen erkl√§rbar ist.

Und wenn die Sprache nicht aus dem Gehirn erklärbar ist, dann ist sie auch nicht genetisch bestimmt, wie beispielsweise
Noam Chomsky oder Steven Pinker meinen. Und dann ist auch die Religion kein Resultat biotischer Evolution, wie Michael Blume in seinem Buch ‚ÄěGott, Gene und Gehirn‚Äú meint. Die christliche Religion ist intellektuelles Resultat der Entwicklung der menschlichen Kultur, in der ich lebe und die ich respektiere ‚Äď auch durch die Art, in der ich als Atheist Weihnachten feiere.¬†¬†

 /1/ Ich meine Religion, nicht aber das, was Kirchen daraus machen.
/2/ Donald, Merlin (2008): Triumph des Bewusstseins. Die Evolution des menschlichen Geistes, Klett - Cotta Verlagsgemeinschaft, Stuttgart
/3/R√ľdiger Vaas, Michael Blume (2008) :Gott, Gene und Gehirn. Warum Glaube n√ľtzt. Die Evolution der Religiosit√§t, Hirzel Verlag Stuttgart.¬†

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