Kategorie: Kausalismus


Der freie Wille und die Physik

24. August 2010 - 15:55 Uhr

Physiker und Chemiker haben kein Problem damit, physikalischen oder chemischen Prozessen das Prädikat „freiwillig“ zuzuschreiben. Psychologen und Neurophysiologen streiten dagegen sogar darüber, ob dieses Prädikat menschlichen Handlungen zuerkannt werden kann.

Hinter diesem Widerspruch sind einige Probleme verborgen, die meist nicht reflektiert werden, wenn die Formulierung „freier Wille“ benutzt wird.

Ein erstes Problem steckt hinter der „Wer-Frage“. Wer – welche Art von Entität - hat die Eigenschaft, die jeweils „freier Wille“ genannt wird? Bei Physikern und Chemikern sind dies Prozesse in isolierten thermodynamischen Systemen, d.h. thermodynamische Systeme, die weder Substanz noch Energie mit der Umgebung austauschen.

Solche Systeme befinden sich gewöhnlich im Zustand des thermodynamischen Gleichgewichts, d.h. in einem Zustand, in dem überhaupt nichts stattfindet, weder freiwillig noch unfreiwillig. Anders aber, wenn in einem isolierten thermodynamischen System ein Zustand des Ungleichgewichts besteht. Dann geht das System „von allein“/1/ („spontan“, „freiwillig“) in ein thermodynamisches Gleichgewicht über. Das ist ein Aspekt des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik.

Die Bedeutung des Wortes „freiwillig“ resultiert eben daraus, dass es Prozesse innerhalb eines isolierten Systems bezeichnet, auf die per definitionem keine äußeren Ursachen wirken. Dieser Umstand der fehlenden äußeren Ursache zwingt quasi zur Verwendung von Termini wie „freiwillig“, „von allein“ oder „spontan“. Er ist nur in isolierten thermodynamischen Systemen gegeben.

Nun werden Lebewesen seit Bertalanffy gewöhnlich als offene thermodynamische Systeme betrachtet. Das physikalische Konstrukt des offenen thermodynamischen Systems ist also auch das Erklärungsprinzip für Lebewesen, und für diese gilt, dass nichts ohne äußere Ursache geschieht. In offenen thermodynamischen Systemen geschieht nichts von allein, spontan, freiwillig.

Indem nun die Lebewesen diesem Erklärungsprinzip unterworfen werden, können ihnen allein aus Gründen der Logik Prädikate wie „von allein“ oder „freiwillig“ nicht mehr zugeschrieben. Der freie Wille wurde ihnen per definitionem genommen.

Wenn man den Lebewesen nun doch einen (freien, eigenen) Willen zuschreiben will, kann das angewendete Erklärungsprinzip für Lebewesen weder das Konstrukt des isolierten noch das des offenen thermodynamischen Systems sein. Lebewesen müssen mit einem prinzipiell anderen Prinzip als dem des thermodynamischen Systems erklärt werden.

Dieses andere Prinzip ist das Konstrukt des Subjekts. Subjekte haben per definitionem einen Willen. Subjekte sind im allgemeinen Sprachgebrauch (und dem vieler Philosophien) mit Eigenschaften wie Selbstbestimmtheit, Autonomie und eben dem freien Willen ausgestattet. Ohne diese Eigenschaften kann ein Individuum nicht Subjekt sein. Dieses Konstrukt wäre aber nur dann mit den Paradigmata der Physik verträglich, wenn das Subjekt physikalisch nicht mehr also offenes, sondern als isoliertes thermodynamisches System aufgefasst werden könnte.

Die Crux liegt also in der Beziehung der Subjekte zur Umwelt. Die Subjekte mĂĽssen Beziehungen zur Umwelt haben, diese dĂĽrfen aber nicht kausalistischer Natur sein. Die Umwelt darf nicht die Ursache des subjektiven Handelns sein, denn dieses muss selbstbestimmt, autonom sein.

Deshalb ist der Subjektbegriff kein Erklärungsprinzip der Biologie und nur selten der Psychologie. Diese Wissenschaften verstehen sich als Naturwissenschaften und als diese haben sie sich dem kausalistischen Paradigma unterworfen, das die Existenz selbstbestimmter Entitäten nur als isolierte thermodynamische Systeme zulässt.

Es ist also erforderlich, eine autonome, selbstbestimmte Konstellation mit einer solchen thermodynamischen Ausstattung zu konstruieren, die im Unterschied zum isolierten thermodynamischen System auch Beziehungen zur Umwelt zulässt. Da eine solche Konstellation weder ein isoliertes noch ein offenes thermodynamisches System sein kann, muss sie in einem neuen Begriff abgebildet werden. Um mit diesem Begriff einer selbstbestimmten thermodynamischen Konstellation umgehen zu können, ist ein Wort erforderlich. Ein solcher Begriff kann widerspruchsfrei im Wort „Subjekt“ ausgedrückt werden. Dazu muss aber das Subjekt als physikalische Kategorie definiert werden,

Wie gezeigt werden kann (Litsche 2004), ist ein solcher Begriff des Subjekts geeignet, Eigenschaften wie Autonomie, Selbstbestimmtheit, Wille u.a. als native Eigenschaften bestimmter thermodynamischer Konstellationen zu verstehen.

Ein zweites Problem ist die Frage danach, wodurch sich die Beziehungen von Subjekten zu ihrer Umwelt von den Beziehungen unterscheiden, die zwischen offenen Systemen und deren Umgebung bestehen.

System und Subjekt

Abbildung 1: Offenes thermodynamisches System und Subjekt (grün Zufluss und Abfluss, L Leistung, T Tätigkeit des Subjekts, E/S Energie/Substanz)

Ein offenes thermodynamisches System hat einen Zufluss und einen Abfluss und ist durch diese ist das thermodynamische Gefälle der Umgebung eingeordnet. Zufluss und Abfluss bestimmen die Leistung des Systems, alle Werte können gemessen, die Leistung kann aus Parametern der Umgebung berechnet werden. Durch die Gestaltung von Zufluss und Abfluss kann die Leistung manipuliert werden, das System ist fremdbestimmt.

Das Subjekt vollzieht aus seinem Willen heraus eine Tätigkeit, durch die es Substanz oder Energie auch gegen ein Gefälle der Umwelt aufnimmt. Die Parameter der Umwelt können gemessen, die Tätigkeit kann aber nicht aber aus Parametern der Umwelt berechnet (vorher gesagt) werden. Bei Veränderung der Parameter der Umwelt verändert das Subjekt seine Tätigkeit in selbstbestimmter Weise, es „reagiert“ autonom. Die Reaktionen können nur aus der Beobachtung des Subjekts vorhergesagt (berechnet) werden, nicht aus den Veränderungen der Umwelt.

Pflanzen können beispielsweise Wasser auch aus sehr trockenen Böden gegen ein osmotisches Gefälle jaaufnehmen und dieses gegen die Schwerkraft transportieren. Die Menge des Speichels von Pawlows Hund kann nicht aus der Masse der Klingel berechnet werden, die den Speichelfluss auslöst. Das unterscheidet aber thermodynamische Systeme vom Subjekt. Das Subjekt realisiert thermodynamische Prozesse, die gegen ein Gefälle verlaufen, „bergauf“.

Über Subjekte und offene thermodynamische Konstellationen kann man problemlos reden, solange man sie als „black box“ betrachtet und nicht nach der physikalischen Struktur des Subjekts fragt. In allen mir bekannten früheren Versuchen konnte das Problem der Organisation von physikalischen Prozessen gegen das Gefälle („bergauf“) nicht ohne die Hilfe von Kräften wie der Entelechie oder einer vis vitalis gelöst werden. Wo in der Psychologie Subjekte vorkommen, sind sie masselose Wesen und die Psychologie wird zur „Psychologie ohne Hirnforschung“ /3/.

Wie dem auch sei, um die Natur des (eigenen) Willens zu bestimmen ohne in Widersprüche mit den Paradigmata der Physik zu geraten, muss eine Konstellation von thermodynamischen bergab wirkenden Prozessen konstruiert werden, durch deren Zusammenwirken letztlich die bergauf wirkende Tätigkeit der Subjekte entsteht /6/. Ohne ein solches Konstrukt bleibt jede Definition des Willens außerhalb der Physik.

Diese physikalische Grundlage eines Subjektbegriffs fehlt den verbreiteten neurophysiologischen Erörterungen der Kategorie des (freien) Willens. Das führt entweder auf der einen Seite dazu, die Existenz eines freien Willens überhaupt zu bestreiten und deshalb folgerichtig auch dem Menschen den Willen und damit die Fähigkeit der Selbstbestimmtheit abzusprechen. Die andere Art des Herangehens führt dazu, die Kategorie des Willens außerhalb der Physik anzusiedeln und kommt folgerichtig in letzter Konsequenz zu einer Psyche ohne Gehirn. Die Diskussion um das Manifest führender deutscher Neurophysiologen/4/ und die Antwort einiger Psychologen /5/ in der Zeitschrift „Gehirn und Geist“ ist dafür hinreichend Beleg.

Andere Autoren suchen den Ausweg in quantenmechanischen Prozessen, die sich in der Tiefe neurophysiologischer Entitäten abspielen sollen und deren zufälliger Charakter die Grundlage für die Freiheit von Entscheidungen sein soll. Ohne dieser Argumentation in einzelnen nachzugehen lässt sich einwenden, dass diese Auffassung unreflektiert Autonomie, Selbstbestimmtheit, Willen usw. – kurz die Subjektivität allen Lebewesen abspricht, die nicht über ein Nervensystem verfügen, also nicht nur den Einzellern sondern beispielsweise auch allen höheren Pflanzen. Dieser Zuschreibung sollte zumindest nachvollziehbar begründet werden, denn sie betrifft letztlich die Einheit der biologischen Wissenschaft als der Wissenschaft von allen Lebewesen.

Björn Brembs gehört zu den wenigen Neurophysiologen, die die Frage nach einem freien Willen mittels ernsthafter Experimente untersuchen. Nun hat er angekündigt, dass er sich auch zum Begriff des freien Willens explizit äußern will. Ich bin gespannt, wie er diese Probleme angeht.

   

/1/ Kluge, Gerhard; Neugebauer, Gernot (1994): Grundlagen der Thermodynamik, Spektrum Akademischer Verlag GmbH, Heidelberg Berlin Oxford (S.68ff.)

/2/ Litsche, Georg A. (2004): Theoretische Anthropologie, Lehmanns Media-LOB, Berlin

/3/ Wissenschaft im Zwiespalt. Streitgespräch. Gehirn & Geist, Heft 7-8/2005, S. 64/4/ Das Manifest (2004) Elf führende Neurowissenschaftler über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung. Gehirn & Geist, Heft 6/2004, S.31-37/5/ Psychologie im 21. Jahrhundert – eine Standortbestimmung. Gehirn & Geist, Heft 7-8/2005, S. 56-60/6/ Litsche, Georg (2010) Subjekt und System E-Journal der Website ICHS - International Cultural-historical Human Sciences S.66ff 

Weitere Beiträge zum Thema:

Meine Website „Subjekte“:

Subjekt - System - Information
Warum die Psychologie das Gehirn nicht findet
Warum die Neurophysiologie den Geist nicht findet

Mein Blog „Wille versus Kausalität“

Der tut nix, der will bloĂź spielen
Freier Wille
Das ErkenntnisbedĂĽrfnis und unsere Erkenntnis

 

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Joachim Bauer und die Evolutionstheorie

20. Januar 2009 - 09:54 Uhr

Ich hätte nicht gedacht, dass „Das kooperative Gen“ von Joachim Bauer /1/ einen solchen Wirbel unter den Bloggern auslösen würde. Leider konzentriert sich die Debatte mehr um seinen Untertitel „Abschied vom Darwinismus“ als um das Wesen der Sache. Ich weiß ja nicht, was sich Bauer bei dieser wenig glücklichen Formulierung gedacht hat, Aufmerksamkeit hat er damit jedenfalls erreicht, den Anstoß zu einer ernsthaften Auseinandersetzung hat sie jedoch noch nicht gegeben. Nicht dass die „Autoren“ mancher Verunglimpfung nicht gelegentlich amüsant sein könnten, das intellektuelle Niveau der Debatte um die Evolutionstheorie haben sie nicht befördert.

Muss eigentlich jede Verteidigung des Darwinismus und der Evolutionstheorie darin bestehen, seine Kritiker zu diffamieren? Kann man nicht einmal die Frage erörtern, warum eine Kritik eines Darwinismuskritikers die bestehenden offenen Probleme der Evolutionstheorie nicht löst? Aber dazu müsste man anerkennen, dass die Evolutionstheorie offene Probleme hat. Damit meine ich nicht Detailprobleme innerhalb der Theorie, wie die Aufklärung des einen oder anderen Stammbaumes. Solche Probleme können gelöst werden, ohne die Grundlagen der aktuellen Theorie in Frage zu stellen.

Bauer greift aber eben diese Grundlagen an und eben das ist wohl der Grund für die heftige Reaktion. Die empirischen Daten, die er mitteilt und die von den verschiedensten Wissenschaftlern ermittelt wurden, sind wohl unbestritten. Bauer begeht aber das Sakrileg zu versuchen, diese Daten in ein anderes theoretisches System der Evolutionstheorie einzuordnen, weil er meint, dass das theoretische System der Mainstreambiologie ungeeignet zur Erklärung der Evolution ist.

Nun scheint es offensichtlich zu sein, dass die Entwicklung der Evolutionstheorie an einem Punkt angelangt ist, an dem die Frage nach der Weiterentwicklung der grundlegenden Theoreme der Theorie selbst ernsthaft diskutiert werden muss. Solche Phasen treten in der Entwicklung jeder weitreichenden wissenschaftlichen Theorie auf. Sie wurden von Wissenschaftstheoretikern wie Kuhn, Feyerabend oder Suchotin beschrieben. Das Theoriebewusstsein führender Evolutionstheoretiker scheint diesen Umstand jedoch noch nicht zu reflektieren. Die traditionelle Biologie versucht immer noch, auch „widerspenstige“ neue Daten in das traditionelle theoretische System der synthetischen Theorie einzuordnen /5/ oder möglichst nicht zur Kenntnis /6, 7/ zu nehmen. Nur in diesem Zusammenhang verstehe die teilweise wütende Reaktion auf Bauers Buch und gewisse Gegenreaktionen. Da nimmt sich Bauers Antwort vergleichsweise moderat aus.

Die Evolutionstheorie basiert auf zwei essentiellen Inputs: Mutation und Veränderung der Umwelt. Nur wenn beide Bedingungen gegeben sind, können sich durch Auslese Populationen und Arten verändern. Verändert sich die Umwelt nicht, führt auch keine Mutation zur Evolution, die Auslese wirkt stabilisierend, wie viele Mutationen auch stattfinden.

Diese beiden essentiellen Inputs werden in der Evolutionstheorie nun als zufällig angesehen, d.h. es können keine Ursachen angegeben werden, aus denen erklärt werden kann, welche Mutation oder welche Umweltveränderungen stattfinden wird. Nicht dass man für Mutation oder Umweltänderung keine Ursachen kennen würde, nur wirken diese in Bezug auf die zu erklärenden Evolution zufällig. Sie sind der zu erklärenden Evolution äußerlich und erklären sie so letztlich nicht. Die Evolutionstheorie ist also noch immer eine Theorie, die ihren Gegenstand zwar gut beschreibt, ihn aber nicht erklärt.

Mit diesem Zustand einer ihrer grundlegenden Theorien wollen sich immer mehr Biologen nicht abfinden. Sie suchen nach Möglichkeiten, Mutation und Umweltänderung aus dem Leben und seiner Evolution selbst zu erklären. Bei der Umweltänderung liegen inzwischen hinreichend viele Daten vor, die belegen, dass auch entscheidende Veränderungen der Umwelt von den Lebewesen selbst verursacht werden und so erklärbar sind. So ist die Erkenntnis, dass der Luftsauerstoff und der Erdboden Resultate der Tätigkeit der Lebewesen sind, inzwischen Lehrbuchwissen. In der Theorie der Evolution werden sie jedoch als Sonderfälle abgehandelt, während die fĂĽr die Evolution zufälligen geologischen Prozesse als die notwendigen Ursachen angesehen werden. Hier kann nur ein Paradigmenwechsel helfen, in dem die geologischen Prozesse nicht als notwendige, sondern als zufällige und die Evolution letztlich störende Ereignisse verstanden werden. Nur eine solche Theorie kann erklären, wie die Evolution als notwendige Form des Lebens selbst stattfinden kann und welche Umwege sie infolge zufälliger geologischer und kosmischer Ereignisse genommen hat. Interessante Gedanken zu diesem Aspekt findet man beispielsweise bei Morris „Life’s Solution“ /5/ oder in Gutmanns „Die Evolution hydraulischer Strukturen“ /6/

Entsprechendes gilt auch für den Faktor Mutation. Mutationen sollten nicht mehr als zufällige Fehler, sondern als notwendige Folgen des Lebens selbst dargestellt werden. Damit wird nicht gesagt, dass äußere Einwirkungen wie Strahlung oder Wärme keine Mutation auslösen können, sie sind aber keine wirklich erklärenden Faktoren, sondern stören das Verständnis der Mutation als Eigenschaft des Lebendigen nur. In die Bemühungen um ein solches Verständnis ordne ich Bauers „kooperatives Gen“ /1/ ein, aber auch beispielsweise „Die Lösung von Darwins Dilemma“ von Kirschner und Gerhart /7/.

Bei jedem Versuch, ein verbreitetes Paradigma, zu verlassen, steht man nun vor der Frage „Wie sag ich´s?“. Die Terminologie des aktuellen Paradigmas ist meist nicht geeignet, sondern deren Benutzung führt in der Regel dazu, dass das Neue nicht mehr darstellbar ist, weil der Leser es in seiner traditionellen Lesart rezipiert. Neue Termini werden nicht nur oft missverstanden, sondern bleiben oft auch unverstanden und sind den verschiedensten, manchmal auch bösartigen Unterstellungen ausgesetzt, zumal der Autor auch selbst noch oft mit dem Worte ringt.

Die Frage, wer denn nun die Evolution nicht versteht, Bauer oder Meyer, scheint mir noch offen. Das Problem, um das es – jedenfalls mir - wirklich geht, ist einer gründlicheren Diskussion wert.

15.2.2009: Nachtrag
Im Blog “Studium generale” gibt es eine umfangreiche Berichterstattung zu Simon Conway Morris.

 

/1/ Bauer, Joachim (2008): Das kooperative Gen * Abschied vom Darwinismus, Hoffmann u.Campe, Hamburg
/2/ Kuhn, Thomas S. (1973): Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main
/3/ Feyerabend, Paul (1986): Wider den Methodenzwang, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, ZĂĽrich
/4/ Suchotin, Anatoli Konstantinowitsch (1980): Kuriositäten in der Wissenschaft, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Zürich
/5/ Morris, Simon Conway (2003): Life’s Solution / Inevitable Humans in a Lonely Universe, Cambridge University Press, New York und Melbourne (deutsch: Morris, Simon Conway (2008): Jenseits des Zufalls * Wir Menschen im einsamen Universum, University Press, Cambridge)
/6/ Gutmann, Wolfgang Friedrich (1995): Die Evolution hydraulischer Strukturen * Organismische Wandlung statt altdarwinistischer Anpassung, University Press, Cambridge
/7/ Kirschner, Marc. W.; Gerhart, John C. (2007): Die Lösung von Darwins Dilemma

 

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Schuld sind immer die Anderen

27. September 2008 - 15:36 Uhr

In den wissenschaftlichen Blogs gibt es vor allem im Zusammenhang mit der Evolutionstheorie eine andauernde Diskussion ĂĽber die Religionen. Nicht selten wird verwundert zur Kenntnis genommen, welchen z.T. auch wachsenden Einfluss die Religionen auf das Denken der Menschen haben. Ăśber die Ursachen wird nur selten reflektiert wie beispielsweise bei “Evil under the Sun“. Wenn, dann sind es immer die Anderen: reaktionäre Politiker, religiöse Fundamentalisten, Kreationisten oder verdummende Webseiten. In keinem Fall ist es die Evolutionstheorie selbst, die manche Menschen davon abhalten könnte, an die Evolution zu glauben.

Seien wir ehrlich: die meisten Menschen – und damit meine ich nicht nur Einwohner Lateinamerikas, Indien oder Afrikas, die millionenfach einfach keinen Zugang zu wissenschaftlichem Unterricht haben. Auch in Deutschland hat kaum jemand die Möglichkeit, all die „Beweise“ für die Evolution, die er in seinem Biologielehrbuch gelesen hat, wirklich zu prüfen. Er muss sie seinem Biologielehrer und anderen Personen seines Bekanntenkreises einfach glauben. Und glauben hängt mit Vertrauen zusammen, ich glaube dem, dem ich vertraue. Weiter Schlüsse daraus liegen auf der Hand, wenn man beispielsweise die Bildungsdiskussion in unserem Lande bedenkt.

Ich will jedoch einen anderen Aspekt dieses Problems darstellen. In „Evil under the Sun“ habe ich interessante Statistiken zur Religiosität in Deutschland gefunden. Unter anderen glauben 70% der Befragten (1000-2000 über 18J. Allensbach) an eine Seele. Unter den Werten, die für die befragten wichtig sind, kommt religiöser Glaube mit 18 bis 20% vor, eine wissenschaftliche Weltauffassung wird jedoch nicht als Wert genannt.

Die westliche wissenschaftliche Weltanschauung ist bekanntlich vom Paradigma der Kausalität geprägt, demzufolge jedes Ereignis eine äußere Ursache hat, auf die es zurückzuführen ist. Akausale Ereignisse, Ereignisse ohne Ursache, sind in diesem Denkschema nicht zugelassen. Deshalb kommen Entitäten wie eine Seele oder Ideen in diesem Gedankensystem nicht vor. Ihre Existenz wird verneint und nicht selten verächtlich als „unwissenschaftlich“ abgetan. Naturwissenschaftler werden nicht Seelsorger – schade!

So aber werden die Fragen der Menschen nicht beantwortet, das BedĂĽrfnis nach einer wissenschaftlichen Antwort bleibt unbefriedigt. Damit finden sich die Menschen aber ebenso wenig ab wie mit anderen unbefriedigten BedĂĽrfnissen, sie suchen nach Befriedigung ihrer BedĂĽrfnisse. Menschen wollen eine Seele haben und sich nicht als seelenloses Fleisch sehen, sie wollen nicht das Resultat eines blinden Zufalls sein sondern einen Sinn in ihrer Existenz sehen. Und wenn sie Antworten auf ihre Fragen nicht in der Wissenschaft finden, suchen sie diese eben anderswo.

Das kann sich erst ändern, wenn auch die Naturwissenschaft Antworten auf Fragen wie diese geben wird. Das aber ist nicht im Rahmen des Kausalitätsparadigmas möglich. Das Problem ist, das die Naturwissenschaft sich diesen Umstand nicht eingesteht und nicht einfach zugibt, dass es zwischen Himmel und Erde auch Dinge gibt, die sie innerhalb ihrer kausalistischen Schulweisheit nicht unterbringen kann. Im Gegenteil, sie hat es verstanden, auch empirische Daten, die sie selbst gewonnen hat und die mit dem Kausalitätsparadigma nicht zu vereinbaren sind, so zu „interpretieren“ dass sie „passen“, oder sie zu „unterschlagen“, anstatt darüber nachzudenken, was sie zur Lösung dieses Problems beizutragen.

Anekdote Beim Kolportieren der bekannten Newton-Anekdote, nach der ihm das Gravitationsgesetz eingefallen ist, als ihm ein Apfel auf den Kopf gefallen war, wird der Vogel unterschlagen, der ganz entgegen der Gravitation von allein wegflog.

 

In dem Maße, in dem sich das Kausalitätsparadigma zum Paradigma wissenschaftlicher Arbeit überhaupt entwickelte, wuchs auch die Menge der Daten, die nicht mit ihm vereinbar waren und die auf die eine oder andere Weise eingepasst werden musste. Dabei wurde viel Fantasie entwickelt, um die kausalistische Unerklärbarkeit gewisser Ereignisse zu verschleiern. Begriffe wie „Zufall“ oder „Emergenz“ erhielten so den Charakter einer letzten „Erklärung“, denn was als zufällig „erkannt“ war, entzog sich jeder weiteren Forschung, denn der Zufall ist ebenso wenig erforschbar wie die Emergenz.

Bereits vor 100 Jahren hat Uexküll darauf hingewiesen, dass „ein neues Gerüst für die Biologie notwendig“ würde, denn „das bisherige Gerüst, das man der Chemie und der Physik entliehen hatte, genügte nicht mehr.“ /1/ Vor rund 50 Jahren haben Bertalanffy mit dem Begriff des „Fließgleichgewichts“ und später Prigogine mit dem Begriff der „dissipativen Struktur“ das Gerüst der Physik entscheidend weiter entwickelt, so dass nun biologische Probleme lösbar wurden, die bis dahin unlösbar waren.

Gegenwärtig steht das Paradigmata des Darwinismus auf dem Prüfstand. Damit sind nicht die unqualifizierten Angriffe des Kreationismus und des ID gemeint, die keiner ernsthaften Erörterung würdig sind. Gemeint sind beispielsweise Biologen wie Morris /1/, Kirschner /2/ oder Bauer /3/. Aber auch Physiker wie zum anderen Physiker wie Greene /4/, Laughlin /5/ oder Genz /6/ im Rahmen der Diskussion um die „Weltformel. Die Überlegungen der Physiker kann kurz gesagt vielleicht so zusammengefasst werden: Wenn es eine Weltformel gibt, dann sind alle Ereignisse im Weltall berechenbar. Sie sind also nicht zufällig, sondern unvermeidlich. Das gilt auch für die Evolution der Lebewesen und des Menschen. Auch er ist nicht zufällig, sondern unvermeidlich.

Die biologische Kritik des darwinistischen Paradigmas setzt auch nicht an noch ungelösten Detailproblemen an, die auch innerhalb des Paradigmas gelöst werden können, sondern am Paradigma selbst. Bei der empirischen Forschung werden immer auch Details gefunden, die mit dem herrschenden Paradigma zumindest nicht ohne „Anpassung“ verträglich sind. Gewöhnlich werden solche Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung als Anomalien oder Ausnahmen verbucht (was in der Biologie besonders nahe liegt). Im Laufe der Zeit wächst aber die Anzahl solcher Ausnahmen und Anomalien, so dass der Versuch unternommen werden muss, das Paradigma weiter zu entwickeln und den neuen Tatsachen anzupassen.

Passend zum Darwinjahr 2009 sind einige Bücher erschienen, welche das Dilemma des „Mainstreamdarwinismus“ artikulieren. Schon die Titel zeigen dies an: „Jenseits des Zufalls (Morris), „Die Lösung von Darwins Dilemma“ (Kirschner) und „Das kooperative Gen * Abschied vom Darwinismus“ (Bauer). Die moderne „synthetische Evolutionstheorie“ beruht in ihren beiden Grundbegriffen auf der Kategorie „Zufall“. Zufällige Mutationen bringen veränderte Individuen hervor, die in einer sich zufällig ändernden Umwelt der Auslese unterliegen. Da der Zufall nichts erklärt, muss man nun glauben, dass diese zufälligen Faktoren die Evolution von einfachsten Einzellern zum intelligenten Menschen „verursachen“, die nahezu die gesamte Erde besiedeln.

Morris ist Paläontologe und zeigt an paläontologischem Material die Konvergenz der Evolution, die beim besten Willen nicht mit einer auf Zufällen beruhenden Evolutionstheorie vereinbar ist. Kirschner und Bauer zeigen dies an Ergebnissen der Molekularbiologie und Genetik. Hier werden neue gedankliche Rahmen vorgeschlagen, die geeignet sind, die vorliegenden empirischen Daten zu einem Denksystem zu ordnen, ohne sich schließlich doch auf den Zufall als letzte „Erklärung“ zurückzuziehen. Deshalb ermöglichen sie auch andere wissenschaftliche Antworten auf Fragen nach dem Ursprung der Menschheit, seiner Stellung in der Welt u.ä., welche die Erkenntnisbedürfnisse der Menschen in einer Weise befriedigen, die sie nicht mehr in die Fänge religiösen Denkens oder esoterischer Praktiken treibt. Nicht religiöse Eiferer und Dummheit sind dafür verantwortlich, sondern die Unfähigkeit der Wissenschaft, die wirklichen Fragen der Menschen zu beantworten.

Am deutlichsten zeigt sich das in der Diskussion um den freien Willen, von dem die kausalistische Neurophysiologie meint experimentell bewiesen zu haben, es gäbe ihn gar nicht. In der Neurophysiologie sind mir allerdings keine Arbeiten bekannt, die auch Kritik an ihren grundlegenden Paradigmen äußern. Wenn Kritik kommt, dann von „außerhalb“ aus der Psychologie, die allerdings nur bestreitet, dass die Neurophysiologie die Probleme von Psyche und Seele lösen könnte und es dabei belässt. Auch in diesem Bereich lassen die Wissenschaften die Menschen mit ihren Problemen allein und mokieren sich über die Unwissenheit der Menschen, in die wir sie erst versetzt haben. Die Wissenschaft kann offensichtlich ohne Seele existieren, die meisten Menschen offensichtlich nicht.

Man muss sich nur einmal die die Menschenmassen vergegenwärtigen, täglich als Pilger der verschiedensten Religionen ihrer Seele wegen unterwegs sind, um ihrem Glauben zu folgen Erkennen wir die Brisanz, die darin liegt, dass die Wissenschaften in ihrer Befangenheit des kausalistischen paradigmatisch verharren und den Menschen, die sie bezahlen, Antworten auf ihre berechtigten Fragen verweigern?

Es hilft auch nicht, die unbestreitbare Unvereinbarkeit von Wissenschaft und Religion zu beschwören. Es gilt alle Fragen der Menschen zu beantworten und nicht nur die, die in das aktuelle Paradigma Wissenschaft und die anderen als „erfunden“ abzutun. Neue Paradigmata tun not!

 

 

/1/ Morris, Simon Conway (2003): Life’s Solution / Inevitable Humans in a Lonely Universe, Cambridge University Press, New York und Melbourne Deutsch: Morris, Simon Conway (2008): Jenseits des Zufalls * Wir Menschen im einsamen Universum, University Press, Cambridge
/2/ Kirschner, Marc. W.; Gerhart, John C. (2007): Die Lösung von Darwins Dilemma
/3/ Bauer, Joachim (2008): Das kooperative Gen, Hoffmann u.Campe, Hamburg
/4/ Greene, Graham (2006): Das elegante Universum, Wilhelm Goldmann Verlag, MĂĽnchen
/5/ Laughlin, Robert B. (2007): Abschied von der Weltformel, Piper & Co. Verlag, MĂĽnchen, ZĂĽrich
/6/ Genz, Henning (2006): War es ein Gott?, Carl Hanser Verlag, MĂĽnchen Wien,

 

 

 

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Subjekt und Instinkt II

29. Juli 2008 - 09:47 Uhr

Eine subjektwissenschaftliche Biologie erfordert zwingend die Annahme, dass die Tiere über die Fähigkeit zur autonomen Steuerung verfügen. Sie müssen fähig sein, ihre Aktionen unabhängig von äußeren Einwirkungen, von „Reizen“ zu steuern. Solche auch „Instinkte“ genannten autonomen Steuermechanismen müssen angeboren sein, d.h. sie müssen genetisch determiniert sein und der Evolution unterliegen.

Ihre Existenz ist zwar unzweifelhaft, ihre Bedeutung für die biologische Theorie ist jedoch umstritten. Für eine reduktionistische Biologie, welche die Lebewesen als Objekte auffasst, die letztlich ausschließlich durch Gesetze von Physik und Chemie erklärbar sind, ist der Instinktbegriff ein störendes Element, das möglichst aus der biologischen Theorie entfernt werden sollte. Dieser Trend ist für die heutige Mainstreambiologie kennzeichnend und mit dem Terminus „Behaviorismus“ hinreichend charakterisiert.

Dieser „objektwissenschaftlichen“ Biologie ist die Position entgegengesetzt, in welcher die Lebewesen als Subjekte aufgefasst werden. Subjekte werden nicht durch äußere Einwirkungen determiniert, auf die sie in berechenbarer Weise reagieren. Sie agieren vielmehr aus sich heraus. Eine solche „subjektwissenschaftliche“ Biologie hat die Aufgabe, die Determination dieser subjekteigenen Aktionen zu erforschen, die nicht mehr kausal, „objektiv“, sondern akausal, „subjektiv“ determiniert ist. Die Determination der subjektiven Aktionen durch die Subjekte, das ist der Forschungsgegenstand einer subjektwissenschaftlichen Biologie.

Der Erste, der diese Forderung expressis verbis formuliert hat, war Jacob von UexkĂĽll.

Er unterschied die Umgebung, die aus Objekten besteht von der Umwelt, die aus Gegenständen besteht, die von der Beschaffenheit der Lebewesen, der Subjekte bestimmt wird. Die Umwelt unterliegt in dieser Theorie also nicht mehr der physikalischen Zufälligkeit, wie die Objekte, sondern dem Prinzip der „Planmäßigkeit“, das von der Biologie zu erforschen ist, Die Aktionen der Subjekte richten sich nicht auf die Objekte, sondern auf die Gegenstände der Umwelt, die vom agierenden Subjekt planmäßig determiniert sind.

In diesem Konzept hatte nun das Prinzip  der Anpassung keinen Platz, denn dieses Prinzip unterwirft das Lebewesen ja den Einwirkungen einer Umwelt, die ja in UexkĂĽlls Theorie erst von dem jeweiligen Lebewesen bestimmt wurde. Aus dieser Position zog UexkĂĽll nun einen Schluss, der sich fatal auf die weitere Rezeption seiner Ideen und damit auf die Entwicklung der Biologie als Subjektwissenschaft auswirken sollte, denn aus ihr folgte fĂĽr ihn logisch zwingend die Ablehnung des Darwinismus, und das in einer Zeit, in der dieser nicht nur die Biologie, sondern auch die Stammtische erobert hatte. FĂĽr UexkĂĽll folgte aus seiner subjektwissenschaftlichen Theorie der Biologie, der Darwinismus sei…

  „…weiter nichts als die Verkörperung des Willensimpulses, die Planmäßigkeit auf jede Weise aus der Natur loszuwerden.“/1/„Der Enthusiasmus, mit dem sich die Darwinisten fĂĽr den Entwicklungsgedanken einsetzen, entbehrt nicht einer gewissen Komik, nicht bloĂź darum, weil ihre Weltanschauung, die sich prinzipiell auf Physik und Chemie stĂĽtzt, aus diesen Wissenschaften den Entwicklungsgedanken gar nicht schöpfen kann, da Chemie und Physik jede Entwicklung prinzipiell ablehnen. Sondern vor allem deswegen, weil das Wort Entwicklung gerade das Gegenteil dessen ausdrĂĽckt, was damit gemeint ist.“/2/ 

Mit dieser Position konnte sich später kein Biologe mehr identifizieren, der ernst genommen werden wollte. Das führte dazu, dass Uexkülls biologische Theorie nicht nur sehr fragmentarisch sondern vor allem ihres subjektwissenschaftlichen Gehalts beraubt rezipiert wurde. Das gilt besonders für den Umweltbegriff, der als einziger Begriff des von Uexküll entwickelten Kategoriensystems allgemein (wenn auch in „kastrierter“ Form) rezipiert wurde.

Während Uexküll eine umfassende subjektwissenschaftliche Theorie der gesamten Biologie vorgelegt hatte, beschränkte sich Konrad Lorenz, einer von Uexkülls Verehrern, auf den verhaltenswissenschaftlichen Aspekt. So konnte er seine Kritik  auf die verhaltensbiologische Richtung der kausalistischen Biologie, den Behaviorismus beschränken, ohne Uexküll kritisieren zu müssen. In der Auseinandersetzung mit dem Behaviorismus spielte der Instinktbegriff eine besondere Rolle, denn die Existenz von Instinkten wurde und wird vom Behaviorismus bestritten.

Lorenz´ Arbeit am Instinktbegriff war daher auch der Versuch, in der Verhaltensbiologie im Gegensatz zum Behaviorismus eine subjektwissenschaftliche Position zu etablieren. Er hat gezeigt, dass der Instinktbegriff als Konzept der autonomen Steuerung tierischer Aktionen geeignet ist und nicht im Widerspruch zur Evolutionstheorie stehen muss. Die Evolution der Lebewesen kann auch als Evolution von Subjekten verstanden werden. Er zeigte, dass Instinkte genetisch determiniert sind und folglich wie die Organe der Lebewesen den Gesetzen der Evolution unterliegen. Er schreibt:

 “Niemand kann leugnen, daĂź die phylogenetische Veränderlichkeit einer Instinkthandlung sich so verhält wie diejenige eines Organes und nicht wie diejenige einer psychischen Leistung. Ihre Veränderlichkeit gleicht so sehr derjenigen eines besonders „konservativen“ Organes, daĂź der Instinkthandlung als taxonomischem Merkmal sogar ein ganz besonderes Gewicht zukommt“./3/ 

Von besonderer Bedeutung ist dabei die Frage nach der Bedeutung der Umwelt.

 „Wir haben es nie zu bereuen gehabt, daß wir die Veränderlichkeit der Instinkthandlung durch Erfahrung rundweg geleugnet haben und folgerichtig den Instinkt wie ein Organ behandelt haben, dessen individuelle Variationsbreite bei allgemeiner biologischer Beschreibung einer Art vernachlässigt werden kann. Diese Auffassung widerspricht nicht der Tatsache, daß manchen Instinkthandlungen eine hohe regulative „Plastizität“ zukommen kann. Eine solche haben auch viele Organe.“/4/„Wenn man nicht den Begriff des Lernens ganz ungeheuer weit fasst, so daß man etwa auch sagen kann, die Arbeitshypertrophie eines vielbenützten Muskels sei ein Lernvorgang, so hat man durchaus kein Recht, die Beeinflussung des Instinktes durch Erfahrung zu behaupten.“/5/ 

Vor allem diese Position war es, die von Seiten des Behaviorismus immer wieder angegriffen wurde, der nach wie vor darauf besteht, dass das Verhalten von Tieren (und Menschen) durch die Einwirkungen der Umwelt determiniert wird.. Da es eine subjektwissenschaftliche Methodologie nicht gab (und bis heute nicht gibt), wurden zum Zwecke der Kritik die subjektwissenschaftlichen Thesen mit den Methoden objektwissenschaftlicher Forschung untersucht/6/. Dass dazu die subjektwissenschaftlichen Thesen ihres spezifischen Gehalts beraubt und in das objektwissenschaftliche Gedankensystem transformiert werden mussten, blieb unreflektiert. So teilte Lorenz /7/ schlieĂźlich das Schicksal UexkĂĽlls.

Die experimentell orientierte, objektwissenschaftliche Mainstreambiologie hat auf diesem Wege die subjektwissenschaftlichen Fragen zwar nicht beantwortet, aber aus ihrem Ideenbestand eliminiert. Die aktuelle Debatte um den freien Willen ist dafür Zeugnis genug. Im Kategoriensystem der reduktionistischen Biologie ist kein Platz für diesen, deshalb kann man ihn auch nicht erforschen - auch wenn er sich immer wieder und der Kausalität trotzend ungefragt in die Debatte einmischt.

 /1/ Uexküll, Jacob von (1928): Theoretische Biologie, Springer J., Berlin, S. 197/2/ Ebenda, S. 196

/3/ Lorenz, Konrad (1992): Ăśber tierisches und menschliches Verhalten - Gesammelte Abhandlungen I, Piper & Co.Verlag, MĂĽnchen, ZĂĽrich, Bedeutung. I, S.274

/4/ Ebernda, S.273.

/5/ Ebenda, S. 274

/6/ Vgl z.B. Zippelius, Hanna-Maria (1992): Die vermessene Theorie, Vieweg oder G. Roth (Hrsg.) (1974): Kritik der Verhaltensforschung, C.H. Beck.

/7/ Lorenz steht hier verallgemeinert für eine ganze Anzahl von Wissenschaftlern (z.B. v. Holst, Mittelstaedt, Leont´ev, Anochin), die verschiedene Aspekte einer subjektwissenschaftlichen Biologie entwickelt hatten, heute aber (mit Ausnahme von Leont´ev) vorwiegend von historischer Bedeutung sind.

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Subjekt und Instinkt I

10. Juli 2008 - 09:27 Uhr

Subjekte sind u.a. durch Autonomie, durch Selbstbestimmtheit ausgezeichnet. Ein „fremdbestimmtes Subjekt“ wäre ein Widerspruch in sich. Bei menschlichen Subjekten ist ihre Autonomie in ihrem Bewusstsein begründet. Die bewusste subjektive ideelle Abbildung der Welt und des individuellen Selbst, des Ichs, ermöglicht die selbstbestimmte Gestaltung der eigenen Tätigkeit. Wenn wir nun auch Tiere als autonome Subjekte ansehen wollen, müssen wir auch die Frage beantworten, worauf ihre Subjektivität, ihre Selbstbestimmung beruht.

Das Postulat der Subjektposition der Lebewesen erfordert auch die Annahme der Autonomie des Verhaltens, d.h. die Annahme, dass die Aktionen der Lebewesen nicht kausal durch äußere Einwirkungen hervorgerufen und auch nicht durch solche gesteuert werden . In den üblichen biologischen und psychologischen Standardwerken wird die Tätigkeit der Tiere jedoch als prinzipiell über die Wahrnehmung gesteuert dargestellt. Dieses Modell der Verhaltenssteuerung besagt, dass Tiere Informationen aus der Umgebung aufnehmen und ihr Verhalten mit deren Hilfe steuern. In diesem Erklärungsmodell ist jedoch die Existenz autonomer Subjekte nicht darstellbar, denn in ihm bestimmen die vom Subjekt unabhängigen Informationen (die „Reize“) die Aktionen des Subjekts, die nur als „Reflexe“ gedacht werden können. Das Subjekt wäre nicht mehr selbstbestimmt, nicht mehr autonom. Eine autonome Steuerung erfordert vielmehr die Annahme einer internen Informationsquelle, mit deren Hilfe das Subjekt seine Aktionen autonom steuert.

In der Biologie wurde mehrfach versucht, das Problem der autonomen Steuerung mit dem Instinktbegriff zu lösen. UexkĂĽll hat wohl als erster den Subjektbegriff als wissenschaftliche Kategorie zur Abbildung auch der Tätigkeit der Tiere verwendet. Die Eigenschaft der Subjektivität sah er im Gegenpol zur physikalischen Kausalität. Er vertritt die Auffassung, dass es in der Biologie  „…auĂźer der Kausalität noch eine zweite subjektive Regel gibt, nach der wir die Gegenstände ordnen – die Planmäßigkeit“. /1/„Damit wurde ein neues GerĂĽst fĂĽr die Biologie notwendig, das bisherige GerĂĽst, das man der Chemie und der Physik entliehen hatte, genĂĽgte nicht mehr. Denn Chemie und Physik kennen das Planmäßige als Naturfaktor nicht.“ /2/  

Zu Beschreibung der autonomen Steuerung der Tiere diente ihm der Begriff des Instinkts, den er als „selbständigen Faktor“ ohne Bindung an eine anatomische Struktur und ohne Kontrolle durch Sinnesorgane konzipierte (Theoretische Biologie, S.95f.) Sie sind dem tierischen Subjekt immanent, angeboren. Im Unterschied dazu verstand er den Reflex im Sinne Pawlows als anatomisch nachweisbar, als Reflexbogen. Reflektorisch gesteuerte Aktionen erfolgen danach unter der Kontrolle der Sinnesorgane.

Das Instinktkonzept als Konzept einer angeborenen autonomen Steuerung ist in der Folge verschiedentlich weiterentwickelt worden. Die ihm zugrunde liegende Auffassung ist unvereinbar mit dem behavioristischen Konzept der Verhaltensbiologie, das auf dem kausalistischen Konzept der Mainstreambiologie beruht. Deshalb wird das Instinktkonzept heute meist als veraltet und überholt dargestellt. Die Fülle empirischer Daten, die für die Existenz angeborener, autonomer Steuerungsmechanismen sprechen, verhinderte jedoch, dass das Instinktkonzept völlig ad acta gelegt wurde. Mit dem Konzept des AAM (angeborenen Auslösemechanismus) wurde es zurechtgestutzt und mit dem behavioristischen Konzept verträglich gestaltet.

 

Wie man die vorliegenden empirischen Daten auch sprachlich ausdrücken und theoretisch interpretieren mag, unbestreitbar ist, dass die Auffassung, Tiere seien Subjekte, logisch zwingend die Annahme erfordert, dass sie über intern ausgelöste, d.h. angeborene Steuermechanismen verfügen. Diese „Instinkte“ zu nennen, bedarf zwar der Konvention, entspricht aber auch dem allgemeinen Sprachgebrauch in Biologie und Psychologie. In einer kausalistischen Biologie bleibt die Idee des Instinkts ein logischer Fremdkörper, eine subjektwissenschaftliche Biologie dagegen erfordert sie zwingend.

 

/1/ UexkĂĽll, Jacob von (1928): Theoretische Biologie, Springer J., Berlin, S. 86
/2/ Ebenda, Vorwort

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Der tut nix, der will nur spielen!

11. Juni 2008 - 09:51 Uhr

Wem ist das nicht schon von einem Hundebesitzer glaubhaft versichert worden? Und wem hat ein Katzenbesitzer nicht schon erklärt, dass seine Katze einen eigenen Willen hat und macht, was sie will. Und glücklich kann sich schätzen, wem es noch nicht widerfahren ist, dass sein Auto mit ihm gemacht hat, was es wollte, als er plötzlich auf Blitzeis stieß!

In der Alltagserkenntnis sind das selbstverständliche Beschreibungen, die von keinem bezweifelt werden, jedenfalls solange er keine Blogdiskussion über den freien Willen gelesen hat, in der ihm von höchster Autorität versichert mitgeteilt wird, er habe gar keinen freien Willen. Dann wird er sich natürlich fragen, ob denn ein Hund einen Willen haben kann, wenn schon er und der Besitzer des Hundes keinen haben sollen.

Er atmet zunächst auf, wenn er in anderen Beiträgen liest, dass der Mensch natürlich einen freien Willen hat, weil er nämlich über Bewusstsein verfügt und der freie Wille eine Eigenschaft des menschlichen Bewusstseins ist.

Ja aber, fragt er sich dann, hat der Hund denn ein Bewusstsein? Oder die Katze? Gut – mein Auto hat wohl kein Bewusstsein, es hat aber trotzdem gemacht was es wollte! Und wie ist das mit Björn Brembs Fliegen, sie haben wohl einen Willen, haben sie aber auch ein Bewusstsein?

Und wenn es wirklich keinen freien Willen gibt, was haben die Neurowissenschaftler dann untersucht? Den freien Willen offensichtlich nicht, denn den gibt es ja nicht, und was es nicht gibt, kann man wohl auch nicht untersuchen.

Bleiben wir mal bei meinem Auto. Ich nenne „Wille“, was ich nicht beeinflussen und nicht aus physikalischen Anfangsdaten vorher sagen (berechnen) kann. Das heißt nicht, dass das ein anderer nicht könnte. Das Verhalten meines Autos ist auch bei Blitzeis physikalisch determiniert. Der Terminus „Wille“ beschreibt also eigentlich keine Eigenschaft des Autos, sondern nur meine physikalischen Kenntnisse. Wenn ich sage, es mache was es wolle, muss ich meine mangelnden Fähigkeiten nicht zugeben!

Ähnlich scheinen sich manche Neurophysiologen auch die Determination des menschlichen Verhaltens vorzustellen: aus den physikalischen und chemischen Anfangsbedingungen des Nervensystems lässt sich prinzipiell das Verhalten des Individuums vorhersagen (berechnen). Das aber wollen sie nicht „freier Wille“ nennen. Dem kann ich zustimmen, und dann haben weder der Hund noch die Katze noch Björn Brembs Fliegen einen eigenen Willen und mein Auto schon gar nicht.

Das aber stellt die Frage nach unserem Tierbild. Sind Tiere tatsächlich ein willenlose Wesen, deren Verhalten einem vorgegebenen Programm folgt? Wenn dem so wäre, könnte ich ja dem Hundebesitzer glauben, der dieses Programm „Wille“ nennt, aber meine Erfahrung sagt mir, dass der Hund ja auch beißen können wollte, und wer weiß schon, was der Hund wirklich will?

Aber auch wenn dem so wäre, dann rechtfertigte nicht einmal die Evolutionstheorie die Annahme, dass auch Menschen willenlose Wesen, Automaten sein müssen. Irgendwann im Verlaufe der Menschwerdung könnten sie ja den freien Willen erworben haben.

Ganz offensichtlich ist die Kategorie des Willens zwischen physikalischer Determiniertheit und Zufall angesiedelt. Das ist es auch, was Brembs bei der Untersuchung der Bewegungen von Taufliegen (Drosophila melanogaster) feststellte. Bei fehlenden optischen Orientierungsmöglichkeiten müsste bei der Steuerung der Bewegung durch ein vorgegebenes Programm die Bewegung immer in eine Richtung führen oder – bei Steuerung durch Reize - müsste die Richtung statistisch zufällig wechseln. Es trat aber weder das Eine noch das Andere ein. Die Fliegen zeigten vielmehr ein Bewegungsmuster das dem eines Suchenden Menschen gleicht. Dieser durchquert schnell große Distanzen über offenes Terrain um dann an vielversprechenden Orten unter schnellen Richtungswechseln mögliche Ressourcen zu suchen. Sie zeigen also ein Verhalten, das eher volitive Qualitäten aufweist.

Qualitäten dieser Art sind aber in der Sprache des physikalischen Kausalitätsparadigmas nicht darstellbar. Ihre Beschreibung erfordert Kategorien wie „Subjekt“, „Tätigkeit“, „Wille“ u.ä., die eher in der Psychologie gefunden werden, dort aber keiner kausalistischen Interpretation zugängig sind. Hier müssen Biologie und Physik ihr Begriffssystem noch deutlich vervollständigen, um die Verbindung zwischen Physik und Chemie einerseits und des Geisteswissenschaften andererseits herzustellen. Schließlich sind es die Subjekte als stofflich-energetische Entitäten, welche den Geist hervorbringen, und das willentlich – oder nicht?

 

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Zwei Kulturen - zwei Sprachen

9. März 2008 - 18:18 Uhr

In der „GUTEN STUBE“ äußert sich Ferdinand Knauß sehr polemisch über das Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaften. Arroganz und Ignoranz einzelner Wissenschaftler helfen zwar nicht, den nach wie vor bestehenden tiefen Graben zwischen diesen zuzuschütten, sind aber nicht dessen Ursache, sondern eher seine Folgen.

 

Eine Ursache für die zwischen ihnen bestehende Sprachlosigkeit dürfte darin liegen, dass Natur- und  Geisteswissenschaften in verschiedenen Welten beheimatet sind, in denen sie sich nur untereinander und in ihrer Sprache unterhalten. Nur gelegentlich treffen sich einzelne mutige Vertreter beider Welten und tauschen Monologe aus, meist ohne den Anderen wirklich zu verstehen. Um einen Dialog zu führen, bräuchten sie eine gemeinsame Sprache. Manche Naturwissenschaftler meinen nun, ihre Sprache, die Sprache der Naturwissenschaft, sei auch dazu geeignet, die Inhalte der Geisteswissenschaften zu beschreiben. Es würde daher reichen, wenn die Geisteswissenschaftler die Sprache der Naturwissenschaften erlernten, dann könnte sie ihre Inhalte ja in „naturwissenschaftlich“ übersetzen. Das jedoch weisen diese empört zurück.

Vielleicht könnten die Naturwissenschaftler ihre Inhalte stattdessen in „geisteswissenschaftlich“ übersetzen? Das aber geht auch nicht, denn in der Sprache der Geisteswissenschaften finden sich keine Termini, in die naturwissenschaftliche Termini wie „Masse“ oder „Energie“ übersetzt werden könnten, haben doch die Gegenstände der Geisteswissenschaften weder Masse noch Energie. Geist und Seele kann man nicht messen und wiegen, und ohne Messen und Wiegen kann man keine Naturwissenschaft betreiben.[1]

 

Wenn beide statt übereinander auch miteinander reden wollen, brauchen sie offensichtlich eine gemeinsame Sprache. Das muss eine dritte Sprache sein, die Termini enthält, in denen beide ihre Inhalte ausdrücken können. So eine Sprache ist beispielsweise die Mathematik, deren Begriffe die Anzahl von Entitäten unabhängig davon abbilden, ob sie eine Masse haben oder nicht. Mit der Zahl „3“ können Atome,  und Galaxien aber auch Ideen oder Seelen gezählt werden. Da gibt es keine Missverständnisse.

Man braucht also Begriffe, die Entitäten unabhängig von ihrer substanziellen Beschaffenheit abbilden. So ein verbindender Begriff ist der Begriff des Systems. Dieser Begriff  kann beliebige Entitäten abbilden, ein System von Atomen ebenso wie ein System von Ideen. Dass die Systemtheorie in ihrem gegenwärtigen Zustand dazu noch nicht ausreichend geeignet ist, ändert daran nichts. Eine auf einem geeigneten Systembegriff  aufbauende Systemtheorie sollte wohl ausgearbeitet werden können.

 

Die Sprache einer solchen Systemtheorie würde es zwar ermöglichen, dass Natur- und Geisteswissenschaftler Monologe formulieren, die der jeweils andere auch versteht, aber sie werden noch immer von verschiedenen Systemen sprechen, wenn auch in einer gemeinsamen Sprache. Die Sprache der Systemtheorie allein ermöglicht noch keinen Dialog. Dazu ist eine Sprache erforderlich, in der Systeme beider Art miteinander verbunden werden können.

Ein dazu geeigneter Begriff ist ein systemtheoretischer Begriff des Subjekts. Das Subjekt muss darin als Kategorie abgebildet werden, die physikalisch messbar ist und zugleich Ideelles hervorbringt. Das ist die native Aufgabe der Biologie. Zumindest die „höheren“ Tiere sind naturwissenschaftlich beschreibbare Systeme, die mittels ihrer Psyche Ideelles hervorbringen. Dazu aber muss die Biologie einen Begriff der Psyche entwickeln, der diese als biologische Funktion von Lebewesen abbildet. Dazu muss die Biologie das Leben als die Seinsweise von Subjekten verstehen. Das ist innerhalb des Paradigmas der Kausalität nicht möglich. Dazu muss man den Willen von Subjekten als messbare Kategorie definieren und neben der kausalen Determination als volitive Determination etablieren, die durch die Tätigkeit der Subjekte realisiert wird. Beiträge dazu habe ich auf meiner Website veröffentlicht.

  

[1] Der aktuelle Stand der Diskussion kann gut in „Gehirn und Geist“ nachgelesen werden. Sie erhielt im Jahr 2004 durch ein „Manifest führender Neurophysiologen“ und eine Antwort von Psychologen neuen Auftrieb. Meinen Standpunkt habe ich auf meiner Website dargelegt (Zum „Manifest“ und zur Antwort der Psychologen)

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Das ErkenntnisbedĂĽrfnis und unsere Erkenntnis

26. Februar 2008 - 10:32 Uhr

Unser Erkenntnisbedürfnis ist primär darauf gerichtet, beobachtbare Ereignisse zu verstehen, sie erklären und vorhersagen zu können. Nur wenn eine Erkenntnis das leistet, wird das Erkenntnisbedürfnis befriedigt, die Erkenntnis wird angenommen, sie wird angeeignet. Ein Erkenntnisbedürfnis erwächst aus dem Erkenntnissystem, das als „geistige Heimat“ des Erkennenden Paradigma seines Denkens ist. (vgl auch meinen Blogeintrag!) Ein Evolutionsbiologe wird beispielsweise die Mitteilung, dass Menschen- und Saurierknochen in derselben geologischen Schicht gefunden wurden, wohl ohne jede weitere Prüfung in das Reich der Märchen verweisen, während ein Kreationist sie ebenso ohne jede weitere Prüfung als unwiderlegbaren Beweis seiner Auffassung bejubeln würde.

 

Das unserem wissenschaftlichen Denken zugrunde liegende Paradigma ist das Kausalitätsparadigma. In diesem Paradigma muss jede Erklärung ihren Platz finden. In diesem Paradigma hat ein Subjekt mit eigenem Willen und eigenen Bedürfnissen jedoch keinen Platz, von ihm wird abstrahiert. Dieser Abstraktion vom Subjekt und seinem Bedürfnis fällt nun auch das Erkenntnisbedürfnis selbst zum Opfer. Wir reflektieren es nicht mehr und bedenken beim Erkennen nicht mehr, dass wir nicht nach einer beliebigen wahren Erkenntnis suchen, sondern nach einer kausalen Erklärung. Alle nichtkausalen Erklärungen werden vor allem in den Naturwissenschaften als „metaphysisch“ und damit als unwissenschaftlich, eben als subjektiv betrachtet und zurückgewiesen. Sie befriedigen das Bedürfnis nach „objektiver“ Erkenntnis nicht. Dabei wird nicht reflektiert, dass es eben dieses subjektive Bedürfnis des erkennenden Naturwissenschaftlers ist, mit dem er eine Erkenntnis bewertet. Wir suchen sucht keine beliebige Erkenntnis, sondern eine kausalistische. Dieses Bedürfnis bestimmt, was wir wissen wollen (selbst wenn wir die Existenz eines eigenen Willen bestreiten). Dabei bemerken wir gar nicht, in welche spanischen Stiefel unser Wollen unser Denken gezwängt hat.

Diese Abstraktion vom Subjektiven ist aber nur in reflektierter Form – und nur in dieser – und nur solange berechtigt, solange keine Subjekte im Spiel sind.

 

Das wird beispielsweise in den Debatten um den Systembegriff deutlich. Man strebt „selbstverständlich“ einen „naturwissenschaftlichen“, „objektiven“ und das heißt. kausalistischen Systembegriff an, den Begriff eines „Systems ohne Subjekt“. Ein solcher Begriff muss aber unvollständig bleiben, weil Merkmale wie „Funktion“ oder „Sinn“ das Subjekt als Bezugsgröße erfordern und rein kausalistisch nicht zu beschreiben sind. Dieses Hindernis wird nun mit den verschiedensten Krücken zu umgehen versucht. Der „objektive Beobachter“ ist dabei noch die ungefährlichste weil halbherzige Scheinlösung. Mag diese Lösung für Quantenphysik und Relativitätstheorie noch angehen, wird sie für Wissenschaften von Subjekten wie Biologie oder Psychologie zur tödlichen Gefahr.

 

Ein anderer Ansatz besteht darin, das Subjekt mit dem Begriff „Systemtheorie 2. Ordnung“ in die Systemtheorie einzuführen. Dieser Ansatz erfordert aber, um vollständig zu sein, das Konstrukt eines „Beobachters des Beobachters“ usw., was schließlich zu einem unendlichen Regress führt. Dieser kann nur aufgehoben werden, wenn das Subjekt auch als „Ich“ begriffen wird. Ich bedarf der Erkenntnis für mein Erkenntnisbedürfnis, denn die Erkenntnis befriedigt mein Erkenntnisbedürfnis nur dann, wenn sie das Ereignis in meinem Erkenntnissystem erklärt. Dann aber wäre der Subjektbegriff aber „subjektiv“, für jeden gäbe es dann einen anderen. Deshalb bleibt dieser Systembegriff entweder unvollständig oder widersprüchlich.

 

In den biologischen Wissenschaften wird das Leben (das lebende System) in das Kausalitätsparadigma eingeordnet und ebenfalls auf die kausalistische Denkfigur „Ursache – Wirkung“ abgebildet. Dieser Position ist stets widersprochen worden. Dieser Streit der Positionen ist als „Mechanismus – Vitalismus – Streit“ Teil der Geschichte der Biologie [1]. Heute spielen in der Biologie Positionen, die sich (noch oder schon wieder) als vitalistisch outen,  keine bedeutende Rolle mehr. Der Vitalismus wird gelegentlich von der Emergenztheorie  ersetzt. Gelöst ist die Frage nach der Natur des Lebendigen dadurch nicht, das Problem wird nur verschwiegen. Damit aber ist der Tummelplatz geschaffen, auf dem sich die Apologeten des ID und andere Kreationisten austoben.

 

Noch deutlicher wird die Unhaltbarkeit des Versuchs, in der wissenschaftlichen Erkenntnis vom Subjektiven zu abstrahieren, in den psychologischen Wissenschaften.[2] Es ist die gemeinsame Überzeugung von Psychologen und Erkenntnistheoretikern, dass Psyche und Geist – was immer das sein mag -  auf jeden Fall immaterieller Natur sind, deren Gesetze nicht auf die Gesetze der Naturwissenschaften zurückgeführt werden und die nicht oder zumindest nicht ausschließlich in der Sprache der Naturwissenschaften dargestellt werden können. Zugleich aber will man nicht darauf verzichten, diese Gegenstände mit den Methoden der Naturwissenschaften zu untersuchen. Besonders die Psychologie versteht sich selbst als Naturwissenschaft.

Wenn wir die Welt so erkennen wollen, wie sie wirklich ist, wenn das unser ErkenntnisbedĂĽrfnis ist, dann reicht der Kausalismus allein nicht aus. Wir werden wir uns unweigerlich dem Subjekt zuwenden mĂĽssen und dieses in unser wissenschaftliches Denken einbeziehen, denn unsere Welt von heute ist eine Welt mit Subjekten, die die Welt zunehmend nach ihrem Willen gestalten und erkennen. Unsere Welt ist eine gestaltete und erkannte Welt.

 

[1] Eine gute Übersicht findet man in einem Essay von Franz M. Wuketits im Spektrum Online-Lexikon (kostenpflichtig).

[2] Der aktuelle Stand der Diskussion kann gut in „Gehirn und Geist“ nachgelesen werden. Sie erhielt im Jahr 2004 durch ein „Manifest führender Neurophysiologen“ und eine Antwort von Psychologen neuen Auftrieb. Meinen Standpunkt habe ich hier und hier dargelegt.

 

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Haben Tiere Bewusstsein?

23. Dezember 2007 - 10:50 Uhr

In SpektrumDirekt vom 20.12.07 berichtet Tanja Krämer über Untersuchungen der Variation des Gesangs japanischer Mövchen (Lonchura  striata var. domestica). Die Sache wäre an sich für mich nicht besonders interessant, wenn sie dazu nicht Termini wie „Absicht“ und „bewusst“ verwendet hätte. Was einem etablierten Verhaltensbiologen, der in den Kategorien des Behaviorismus denkt, vielleicht ein müdes Lächeln entlockt hätte, das provoziert einen mich,  der über die paradigmatische Situation der Biologie nachdenkt, geradezu zu der Frage, was denn im Verhalten von Vögeln „bewusst“ genannt werden könnte. Wir sind ja nicht einmal imstande, eine einigermaßen konsensfähige Definition des menschlichen Bewusstseins hinzukriegen, obwohl wir doch alle über ein solches verfügen.

Wenn wir von unserer Kenntnis über unser jeweils eigenes Bewusstsein ausgehen, dem einzigen, das uns in unserer Erfahrung gegeben ist, dann wird man wohl die Frage verneinen müssen, ob Vögel über etwas gleichartiges verfügen, ja ob überhaupt Tiere über mentale Fähigkeiten verfügen, die unserem Bewusstsein gleichartig sind.

Andererseits weisen die zitierten und andere Untersuchungsergebnisse sowie unsere alltäglichen Erfahrungen mit Tieren darauf hin, dass es im mentalen Bereich der Tiere funktionelle Komponenten geben muss, die das Tier zu Leistungen befähigen, für die wir unser Bewusstsein benutzen. Eben das bringt uns dazu, diese Leistungen mit Termini zu beschreiben, mit denen wir auch unsere mentalen Prozesse beschreiben. Nur – ist das berechtigt? Ist das überhaupt zulässig? Schreiben wir damit den Tieren nicht Eigenschaften und Fähigkeiten zu, über die sie noch nicht verfügen und noch nicht verfügen können, jedenfalls dann nicht, wenn wir die Theorie der Evolution ernst nehmen.

In jedem Fall sollten Tiere aber ĂĽber eigenständige mentale Fähigkeiten verfĂĽgen, aus denen im Verlaufe der Evolution das menschliche Bewusstsein hervor gegangen ist. Solche Vorformen des Bewussten sollte es in unterschiedlicher Ausprägung geben, ähnlich wie GliedmaĂźen oder Verdauungsorgane in unterschiedlicher Ausprägung vorkommen. FĂĽr diese haben wir auch unterschiedliche Bezeichnungen wie “Flossen”, “Hufe”, “Tatzen” oder “Honigmagen” und “Pansen”. FĂĽr die unterschiedlichen mentalen Zustände dieser Tiere haben wir keine Worte. Und deshalb können wir die Frage nach dem Bewusstsein der Tiere nicht beantworten, wir wĂĽssten gar nicht, welche Worte wir fĂĽr die anzunehmenden mentalen Prozesse beispielsweise der Fliegen mit dem eigenen Willen benutzen sollten.

Die fehlenden Worte stehen für fehlende Begriffe. Wir wissen gar nicht, wofür wir überhaupt Worte bräuchten, weil wir nicht den Schatten einer Idee haben, welche mentalen Prozesse tierischem Verhalten zugrunde liegen. Das wird auch so  bleiben, solange Verhaltensbiologie und Psychologie ihre Untersuchungen reduktionistisch anlegen und die mentalen Funktionen aus der Erforschung der Teile des Nervensystems ableiten wollen. Das diesem Vorgehen zugrunde liegende kausalistische Paradigma hat in den letzen 100 Jahren allen „Manifesten“ zum Trotz und bei allen Fortschritten des Technischen aber keinen ernsthaften Beitrag zum Verständnis mentaler Prozesse geleistet. Wir verstehen weder das menschliche Bewusstsein noch die tierische Psyche. Wir haben auf diesem Wege zwar eine Fülle von Daten produziert. Von diesen kann man aber, um eine Formulierung Laughins zu benutzen, höchstens sagen, dass sie „nicht einmal falsch sind“, denn es fehlt ein begriffliches und terminologisches System der Psyche, des Mentalen, aus dem Daten vorhersagbar sind und in dem die Daten experimenteller Untersuchungen eine Bedeutung erhalten. So können Daten mangels einer Theorie auch keine Theorie verifizieren. Wozu sind sie aber dann nütze? Ohne ein theoretisches System sind solche Daten bedeutungslos, so bunt die Bilder auch sein mögen.

Die Eignung des reduktionistischen Paradigmas zur Lösung von Fragen nach dem Mentalen im tierischen Verhalten wird heute nicht nur von Kreationisten und ID- Apologeten in Zweifel gezogen, sondern vor allem auch von ernsthaften Naturwissenschaftlern. So hat der Physiknobelpreisträger 1998 Robert Lauglin in seinem Buch „Abschied von der Weltformel“ (Piper 2007) gezeigt, dass dieses Paradigma nicht einmal mehr ausreicht, die moderne Physik hinreichend abzubilden. Der Biochemiker Stuart Kauffmann hat dies auch für die Biologie gezeigt, z.B. in „Der Öltropfen im Wasser“ (Piper 1996). Um wie viel weniger ist das Kausalitätsparadigma dann ungeeigneter, Fragen nach Psyche und Bewusstsein zu beantworten.

 

Allen meinen Lesern wĂĽnsche ich ein Frohes Weihnachtsfest und alles Gute fĂĽr 2008. Ich melde mich erst Ende Januar wieder.

 

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