Zwei Kulturen - zwei Sprachen

In der ‚ÄěGUTEN STUBE‚Äú √§u√üert sich Ferdinand Knau√ü sehr polemisch √ľber das Verh√§ltnis von Natur- und Geisteswissenschaften. Arroganz und Ignoranz einzelner Wissenschaftler helfen zwar nicht, den nach wie vor bestehenden tiefen Graben zwischen diesen zuzusch√ľtten, sind aber nicht dessen Ursache, sondern eher seine Folgen.

 

Eine Ursache f√ľr die zwischen ihnen bestehende Sprachlosigkeit d√ľrfte darin liegen, dass Natur- und¬† Geisteswissenschaften in verschiedenen Welten beheimatet sind, in denen sie sich nur untereinander und in ihrer Sprache unterhalten. Nur gelegentlich treffen sich einzelne mutige Vertreter beider Welten und tauschen Monologe aus, meist ohne den Anderen wirklich zu verstehen. Um einen Dialog zu f√ľhren, br√§uchten sie eine gemeinsame Sprache. Manche Naturwissenschaftler meinen nun, ihre Sprache, die Sprache der Naturwissenschaft, sei auch dazu geeignet, die Inhalte der Geisteswissenschaften zu beschreiben. Es w√ľrde daher reichen, wenn die Geisteswissenschaftler die Sprache der Naturwissenschaften erlernten, dann k√∂nnte sie ihre Inhalte ja in ‚Äěnaturwissenschaftlich‚Äú √ľbersetzen. Das jedoch weisen diese emp√∂rt zur√ľck.

Vielleicht k√∂nnten die Naturwissenschaftler ihre Inhalte stattdessen in ‚Äěgeisteswissenschaftlich‚Äú √ľbersetzen? Das aber geht auch nicht, denn in der Sprache der Geisteswissenschaften finden sich keine Termini, in die naturwissenschaftliche Termini wie ‚ÄěMasse‚Äú oder ‚ÄěEnergie‚Äú √ľbersetzt werden k√∂nnten, haben doch die Gegenst√§nde der Geisteswissenschaften weder Masse noch Energie. Geist und Seele kann man nicht messen und wiegen, und ohne Messen und Wiegen kann man keine Naturwissenschaft betreiben.[1]

 

Wenn beide statt √ľbereinander auch miteinander reden wollen, brauchen sie offensichtlich eine gemeinsame Sprache. Das muss eine dritte Sprache sein, die Termini enth√§lt, in denen beide ihre Inhalte ausdr√ľcken k√∂nnen. So eine Sprache ist beispielsweise die Mathematik, deren Begriffe die Anzahl von Entit√§ten unabh√§ngig davon abbilden, ob sie eine Masse haben oder nicht. Mit der Zahl ‚Äě3‚Äú k√∂nnen Atome,¬† und Galaxien aber auch Ideen oder Seelen gez√§hlt werden. Da gibt es keine Missverst√§ndnisse.

Man braucht also Begriffe, die Entitäten unabhängig von ihrer substanziellen Beschaffenheit abbilden. So ein verbindender Begriff ist der Begriff des Systems. Dieser Begriff  kann beliebige Entitäten abbilden, ein System von Atomen ebenso wie ein System von Ideen. Dass die Systemtheorie in ihrem gegenwärtigen Zustand dazu noch nicht ausreichend geeignet ist, ändert daran nichts. Eine auf einem geeigneten Systembegriff  aufbauende Systemtheorie sollte wohl ausgearbeitet werden können.

 

Die Sprache einer solchen Systemtheorie w√ľrde es zwar erm√∂glichen, dass Natur- und Geisteswissenschaftler Monologe formulieren, die der jeweils andere auch versteht, aber sie werden noch immer von verschiedenen Systemen sprechen, wenn auch in einer gemeinsamen Sprache. Die Sprache der Systemtheorie allein erm√∂glicht noch keinen Dialog. Dazu ist eine Sprache erforderlich, in der Systeme beider Art miteinander verbunden werden k√∂nnen.

Ein dazu geeigneter Begriff ist ein systemtheoretischer Begriff des Subjekts. Das Subjekt muss darin als Kategorie abgebildet werden, die physikalisch messbar ist und zugleich Ideelles hervorbringt. Das ist die native Aufgabe der Biologie. Zumindest die ‚Äěh√∂heren‚Äú Tiere sind naturwissenschaftlich beschreibbare Systeme, die mittels ihrer Psyche Ideelles hervorbringen. Dazu aber muss die Biologie einen Begriff der Psyche entwickeln, der diese als biologische Funktion von Lebewesen abbildet. Dazu muss die Biologie das Leben als die Seinsweise von Subjekten verstehen. Das ist innerhalb des Paradigmas der Kausalit√§t nicht m√∂glich. Dazu muss man den Willen von Subjekten als messbare Kategorie definieren und neben der kausalen Determination als volitive Determination etablieren, die durch die T√§tigkeit der Subjekte realisiert wird. Beitr√§ge dazu habe ich auf meiner Website ver√∂ffentlicht.

  

[1] Der aktuelle Stand der Diskussion kann gut in ‚ÄěGehirn und Geist‚Äú nachgelesen werden. Sie erhielt im Jahr 2004 durch ein ‚ÄěManifest f√ľhrender Neurophysiologen‚Äú und eine Antwort von Psychologen neuen Auftrieb. Meinen Standpunkt habe ich auf meiner Website dargelegt (Zum ‚ÄěManifest‚Äú und zur Antwort der Psychologen)

Kategorie: Allgemein, Erkenntnis, Kausalismus, Subjekte

9 Reaktionen zu “Zwei Kulturen - zwei Sprachen”

  1. Leuchtspur

    “Der katholische Philosoph Robert Spaemann spricht es aus - mit Friedrich Schiller: ‚ÄěFeindschaft sei zwischen euch, noch kommt das B√ľndnis zu fr√ľhe!‚Äú Und weiter: ‚ÄěWenn wir weder die Wissenschaft noch unser menschliches Selbstverst√§ndnis preisgeben wollen, dann m√ľssen wir an dem Dualismus beider Weltsichten festhalten.‚Äú(1)
    Wenn die Biologie einen “Begriff von Psyche” entwickeln soll, so wird das ein naturwissenschaftlicher Begriff sein, also ein Begriff, der das Ph√§nomen aus der 3.Person-Perspektive beschreibt. Damit wird man aber dem Seelischen nicht gerecht,also dem, was man in der 1. Person-Perspektive erf√§hrt, denke ich, so sehr ich es als ein Desiderat ansehe, die Subjektivit√§t gegen√ľber der Objektivit√§t zu ihr geb√ľhrenden Bedeutung zu verhelfen.
    (1)http://www.forum-grenzfragen.de/grenzfragen/open/
    webtodate/aktuelles/index.php

  2. Georg Litsche

    Die Vermutung, dass ein biologischer Begriff der Psyche ‚Äě…ein naturwissenschaftlicher Begriff sein (wird), also ein Begriff, der das Ph√§nomen aus der 3.Person-Perspektive beschreibt‚Äú, geht von der Mainstream- Biologie aus, die noch immer in den spanischen Stiefeln des Kausalit√§tsparadigmas steckt. Deshalb kann sie die Lebewesen nur als Objekte (in der ‚Äě3.Person-Perspektive‚Äú), nicht aber als Subjekte begreifen. Wenn aber die Lebewesen als Subjekte begriffen werden (‚Äě2.Person-Perspektive‚Äú), kann auch biologischer Begriff der Psyche entwickelt werden, aus dem auch ein Begriff der Seele entwickelt werden kann. Dass das nicht unmittelbar geht, sondern eine vielschrittige ‚ÄěAnstrengung des Begriffs‚Äú erfordert, liegt auf der Hand.
    Dabei darf ‚ÄěWissenschaftlichkeit‚Äú nicht auf ‚ÄěNaturwissenschaftlichkeit‚Äú reduziert werden. Die Erkenntnis der Welt ‚Äěso wie sie ist‚Äú erfordert, sie als Welt mit Subjekten zu erkennen, als von (beseelten) Subjekten gestaltete und erkannte Welt. Objektive Erkenntnis der Welt ist nicht die, welche die Subjekte aus der Welt ‚Äěhinausdenkt‚Äú, sondern nur die, welche Subjekte (und das sind nicht nur Menschen!) mitdenkt, weil Erkenntnis menschliche Bed√ľrfnisse befriedigt. So kann menschliches Selbstverst√§ndnis auch wissenschaftlich (wenn auch nicht kausalistisch) verstanden werden. Ein Dualismus der Weltsichten ist nicht erforderlich.

  3. Leuchtspur

    Hallo!
    Das Lebewesen in abgestufter Weise Subjektivit√§t besitzen, glaube ich und gern. Aber wer besch√§ftigt sich beim Menschen mit Subjektivit√§t? Meines Wissens die Psychologie und die auch nur in einer 3. Person-Perspektive, im Tierbereich die Ethologie. Die Du-Perspektive im menschlichen Bereich als sogenannter Mitmensch thematisiert die Ethik und die Religion, andeutungsweise werden im Begriff Mitgesch√∂pf auch die √ľbrigen Lebewesen einbezogen. - Wie soll man eine Wissenschaft aus etwas machen, was streng genommen nur mir selbst zug√§nglich ist. Wie sollte ich es wissen, was es bedeutet, eine Fledermaus zu sein?

  4. Georg Litsche

    1.Die Erkenntnisl√ľcken der Psychologie sind pr√§zis beschrieben. Wie aber f√ľllen wir sie? Evolution vorausgesetzt, kann die menschliche Psyche nur als Weiterentwicklung der tierischen Psyche verstanden werden. Ohne ein Bild der tierischen Psyche kann also kein ad√§quates Bild der menschlichen Psyche entstehen. Das Menschenbild wird aus dem Tierbild abgeleitet, und solange wir tierisches Verhalten nur im Schema von Reiz und Reaktion abbilden, k√∂nnen weder Tiere noch Menschen als Subjekte begriffen werden.
    2.Warum soll Wissenschaft nur Wissenschaft von Anderen sein und nicht von mir selbst. Warum soll ich mich nicht wissenschaftlich begreifen können?
    3.Dar√ľber hinaus darf menschliche Subjektivit√§t nicht nur als individuelle Subjektivit√§t gesehen werden, Bewusstsein nicht nur als Ichbewusstsein. Ichbewusstsein wird zumindest auch Schimpansen zugeschrieben (Spiegeltest). Nur Menschen k√∂nnen auch kollektive Subjekte, Gemeinschaften bilden, die aus individuellen Subjekten bestehen. Gemeinschaften sind Subjekte von Subjekten. So k√∂nnen Menschen ein gemeinschaftliches, gesellschaftliches Selbstbewusstsein entwickeln, das sie sich nicht allein durch Selbstwahrnehmung, sondern auch mittels der gesellschaftlichen Sprache zuschreiben. So kann die Subjektivit√§t jedes Mitglieds als Bild eines Gleichen unter Gleichen auch wissenschaftlich abgebildet werden.

  5. Leuchtspur

    zu1)Das sehe ich weitgehend auch so, mit dem Unterschied, da√ü man das Komplexere nicht vollst√§ndig aus dem Einfacheren erkl√§ren kann, so die Aussage”Das Menschenbild wird aus dem Tierbild abgeleitet.” Aber sonst ist das ok.
    zu 2+3)Mir scheint das deswegen nicht restlos zu gehen, weil Subjektivität eine gänzlich private Entität ist, Wissenschaft ist aber etwas Intersubjektives.Die Soziologie untersucht Gemeinschaften, aber nicht meine Subjektivität.DAs Primaten und andere ein Ich - Bewußtsein haben, glaube ich gern, aber wie will ich wissen, wie es ist, ein Schimpanse zu sein?
    Aber vielleicht meinen wir unter Subjektivität etwas verschiedenes. - Mir scheint aber die Anerkennung der Subjektivität bestimmter Tiere die Frage einer Tierethik aufzuwerfen. Ist das Ihr Ziel?

  6. Georg Litsche

    1. ‚ÄěAbleiten‚Äú und ‚ÄěErkl√§ren‚Äú muss man unterscheiden. Ich verstehe G√∂dels Unvollst√§ndigkeitssatz auch allgemeiner: In jeder Sprache (z.B. der der Biologie) k√∂nnen S√§tze abgeleitet (formuliert) werden, die in dieser nicht bewiesen werden k√∂nnen. Dazu braucht es die Sprache einer anderen Wissenschaft, z.B. die die Psychologie.
    2. Subjektivit√§t ist etwas anderes als Individualit√§t und noch etwas anderes als Privatheit. Man kann m√∂glicherweise erfahren, wie es ist ein Schimpanse oder Bonobo zu sein, das ist etwas anderes als zu wissen, wie es ist, der Bonobo Kanzi zu sein. (Sue Savage-Rubaugh, Roger Lewin: Kanzi. Droemer Knaur, M√ľnchen 1995).
    3. √Ąhnliches gilt wohl auch f√ľr Menschen. √úber die Sprache k√∂nnen wir den Anderen an unserer Privatsph√§re teilhaben lassen, die individuellen Unterschiede im Verst√§ndnis der Sprache bewahren aber immer einen Rest des Privaten. Und das ist auch gut so!
    4. Mehr zum Begriff Subjektivität in meinem neuen Beitrag.

  7. Leuchtspur

    ok!

  8. Georg Litsche

    Nachtrag:
    Fragen der Ethik sind keine Fragen, die Wissenschaft beantwortet. Sie befriedigen ein anderes Erkenntnisbed√ľrfnis (s. vorigen Eintrag!).

  9. Der tut nix, der will nur spielen! - Wille versus Kausalität

    […] tut nix, der will nur spielen!Freier WilleLebewesen versus SubjektZwei Kulturen - zwei SprachenDas Erkenntnisbed√ľrfnis und unsere ErkenntnisAntitheorie DarwinismusCarsten K√∂nnecker und die […]


Kommentar schreiben

Kommentar