Gödel und die Evolutionstheorie

Die Menge unseres Wissens ist keine Enzyklopädie, in der die einzelnen Erkenntnisse wie Erbsen in einem Sack herumliegen und es gleichgültig ist, was sich wo befindet. Die Gesamtheit unserer Erkenntnis bildet vielmehr eine sinnvolle Ordnung, in der die einzelnen Elemente unseres Wissens bestimmten anderen Elementen auf bestimmte Weise zugeordnet sind. Diese Ordnung setzt uns in die Lage, diese Erkenntnis als Bild einer geordneten Welt zu benutzen, das es uns ermöglicht, uns in unserer Welt zu orientieren und unsere Aktionen zielstrebig zu steuern.

Diese Ordnung der Erkenntnis weist nun größere oder kleinere „Cluster“ auf, die jeweils Bereiche der Realität abbilden, wie Lebewesen, Wetter oder menschliche Werkzeuge. Diese Cluster sind nun relativ disjunkt, d.h. die Begriffe des einen Clusters eignen sich nicht zur Abbildung von Gegenständen eines anderen Clusters. So ist „Fortpflanzung“ ungeeignet zur Abbildung der Wolkenbildung. Beim Fehlen geeigneter Termini eines Clusters wird gelegentlich ein Terminus eines anderen Clusters benutzt, um gewisse Eigenschaften des zu beschreibenden Gegenstandes darzustellen. Das Bild des einen Gegenstandes wird dann als Metapher für das Abbild eines anderen Gegenstandes benutzt, In dieser Weise benutze ich hier beispielsweise das Wort „Cluster“.

Mit der Entstehung und Entwicklung der Wissenschaften sind die Cluster der umgangssprachlichen Erkenntnis zu den Gegenständen der verschiedenen Wissenschaften wie Physik, Biologie, Psychologie oder Linguistik geworden. In den Wissenschaften wurden die ursprünglichen Termini der umgangssprachlichen Erkenntnis präzisiert, umgestaltet, durch andere ersetzt und durch neue Termini ergänzt, die ihrerseits in verschiedener Weise ihren Weg zurück in die Umgangssprache gefunden haben und finden. Auf den Punkt gebracht hat diese Disjunktheit wissenschaftlicher Theorien Kurt Gödel mit der Formulierung des Unvollständigkeitssatzes. Dieser besagt, dass es in hinreichend mächtigen Systemen Aussagen geben muss, die man formal, d.h. innerhalb dieses Systems, mit dessen Mitteln weder beweisen noch widerlegen kann. Ein solcher Beweis ist nur in einer anderen Theorie möglich.

Da die Menschen nun über mehrere solcher Erkenntnissysteme verfügen, pflegen sie bei der Beschreibung einer Erscheinung mühelos und meist unreflektiert zwischen verschiedenen Erkenntnissystemen zu wechseln.

So lässt sich zunächst problemlos die Aussage formulieren, dass es Konstellationen chemischer Entitäten geben kann, welche die Eigenschaften des Lebens wie Selbsterhaltung, Fortbewegung und die Fähigkeit zu zielstrebigen Bewegungen aufweisen. Die Termini, mit denen hier chemische Entitäten beschrieben werden, sind aber keine Termini der Chemie, sondern der Biologie und anderer Wissenschaften, die in der chemischen Theorie nicht definiert werden können und dort daher keine Bedeutung haben. Die Aussage ist von gleicher Art wie etwa die Aussage „Das Wasserstoffatom ist grün.“ Die Wörter für Farben sind keine Termini der Kernphysik.

Die Beschreibung der genannten Eigenschaften gewisser chemischer Entitäten nur mit Termini der Chemie ist jedoch nicht möglich. Dazu sind vielmehr Termini der Biologie erforderlich, die nicht aus denen der Chemie abgeleitet werden können sondern auf der Grundlege eigenständiger Wahrnehmungen neu gebildet werden müssen. Der Streit darum wird seit Jahrhunderten bis auf den heutigen Tag als Mechanismus-Vitalismus-Streit ausgefochten. Ein ähnlicher Streit tobt heute zwischen Psychologie und Neurophysiologie um die Frage, ob die psychischen Prozesse vollständig auf neurophysiologische Vorgänge zurückgeführt werden können oder nicht. Allgemein gesprochen geht es auf hier um das Problem es Reduktionismus, d.h. um die Frage, ob alle Erscheinungen der Welt in einer einzigen, einheitlichen Theorie abgebildet und erklärt werden können.

Die Anhänger des Reduktionismus begründen ihre Auffassung letztlich damit, dass ja die Welt eine einheitliche Welt sei, die auch in einer einheitlichen Theorie abgebildet werden kann. Diese Auffassung basiert letztlich und meist unreflektiert auf einem empiristischen Konzept der Erkenntnis, das Erkenntnis auf die Realität zurückführt. Betrachtet man die Erkenntnis als autonome und konstruktive Leistung eines tätigen Subjekts, wird diese Begründung gegenstandslos. Erkenntnis kann nicht durch die Eigenschaften der erkannten Realität erklärt werden, sondern nur durch die Bedürfnisse des tätigen Subjekts.

Da (menschliche) Erkenntnis nur durch Sprache (und andere Gegenstände der Kultur) ausgedrückt werden kann, kann die Frage nach der Möglichkeit einer einheitlichen Theorie nur durch die Untersuchung der Eigenschaften dieser Erkenntnismittel beantwortet werden. Etwas vereinfacht lautet diese Frage dann: “Können alle möglichen Sätze in einer einheitlichen Sprache abgeleitet und bewiesen werden?“

Versteht man den Gödelschen Unvollständigkeitssatz in einem solchen allgemeinen Sinn, dann heißt die Antwort „Nein“. Menschliche Sprache muss notwendig in Clustern organisiert sein, die nicht vollständig auseinander abgeleitet und bewiesen werden können.

Chemie, Biologie, Neurophysiologie, Psychologie usw. werden spezielle Fachsprachen verwenden, die nicht aufeinander zurückgeführt werden können. Damit aber ist ein neues Dilemma eröffnet: Wie kann dann eine Evolutionstheorie konstruiert und bewiesen werden, die ja den Übergang zwischen den in unterschiedlichen Erkenntnisclustern abgebildeten Realitätsbereichen behauptet? Leben entsteht danach aus chemischen Prozessen, Psyche aus neurophysiologischen Prozessen usw.

Bei der Erklärung solcher Prozesse muss immer der Übergang zwischen Theorien bewältigt werden, die in disjunkten Erkenntnisräumen abgebildet werden. Es geht also nicht darum, den Übergang zwischen unterschiedlichen Realitätsbereichen zu verstehen, sondern um den Übergang zwischen unterschiedlichen Erkenntnisbereichen mit unterschiedlichen Terminologien.

In den Naturwissenschaften führt dieser Umstand zu Problemen, die sich aus der Theorie der Evolution ergeben. Die Evolutionstheorie behauptet, dass sich Entitäten eine Realitätsbereichs aus Entitäten anderer Realitätsbereiche entwickelt haben. So soll Leben aus chemischen Prozessen, Psyche und Geist aus neurophysiologischen Prozessen hervorgegangen sein. Nicht einmal diese Fragen lassen sich hinreichend exakt formulieren, denn sie erfordern die gleichzeitige Anwendung von Termini unterschiedlicher Erkenntnisbereiche, die in dem jeweils anderen Erkenntnisbereich nicht definierbar sind wie etwa die Frage „Welche Farbe haben Atome?“.

Der Versuch, den Übergang von einem Realitätsbereich zu einem anderen innerhalb einer einheitlichen Theorie abzubilden, endet gewöhnlich in Konstrukten wie „Fulguration“, „Emergenz“ oder in irgendeiner Schöpfungstheorie.

Akzeptiert man jedoch den Gödelschen Unvollständigkeitssatz, dann kann man akzeptieren, dass Übergänge zwischen Realitätsbereichen mit in einer, sondern mindesten mit zwei Theorien abgebildet werden müssen. Es muss also die Frage beantwortet werden, wie der Übergang von einem Realitätsbereich zum anderen durch den Übergang von einer Theorie zur anderen abgebildet werden kann.

Dieser Übergang wird bewältigt durch eben die Aussagen, die in einer Theorie zwar gebildet, aber nicht bewiesen werden können. Nehmen wir als Beispiel die Entstehung des Lebens. In der Theorie der Chemie lässt sich die Aussage formulieren: „Leben ist ein chemischer Prozess, durch den sich mindestens ein Reaktionspartner unverändert erhält.“ Diese Aussage enthält kein Wort, das in der Fachsprache der Chemie nicht definierbar wäre. Der Beweis dieses Satzes jedoch erfordert Termini, die nicht Bestandteil der Fachsprache der Chemie sind, sondern der Fachsprache der Biologie entnommen sind und dort beispielsweise der Beschreibung der Orte dienen, an denen diese Prozesse stattfinden, z.B. „Ribosom“. Im Reagenzglas der Chemiker finden solche Prozesse nicht statt. Beim Übergang zwischen Begriffssystemen spielen bivalente Begriffe eine besondere Rolle.

Wenn wir den Übergang zwischen Theorien logisch und erkenntnistheoretisch beherrschten, bräuchten wir weder eine Weltformel noch Begriffe wie „Emergenz“, die unser Unwissen nur verbergen. Wir brauchen also nicht „eine „Theorie für alles“, sondern für jedes seine Theorie, die wir mit allen anderen logisch und semantisch widerspruchsfrei gestalten können ohne unsere Unkenntnis hinter Worten wie “Emergenz” usw, zu verbergen.

Kategorie: Emergenz, Erkenntnis, Evolution, Psyche, Sprache

5 Reaktionen zu “Gödel und die Evolutionstheorie”

  1. Lisa Rosa

    Sehr spannend, vielen Dankf für die interessante Lektion. Aber eine Frage habe ich: Emergenz habe ich bisher verstanden als ein - sagen wir: Modus der Entstehung von neuer Form, von z.B. gesellschaftlichen Betriebssystemen oder Sinnformen, die bisher nicht existierten, z.B. das Auftauchen neuartiger Formen demokratischer Beteiligung. Deine Zurückweisung des Begriffs bezieht sich auf die Erkenntnis. Emergenz, so wie ich oben beschrieben habe, ist aber ein Begriff, um Eigentümlichkeiten von Transformationsprozessen der Realität (nicht der Erkenntnis) zu beschreiben.

  2. Lisa Rosa

    ach ja: früher nannten wir sowas mal “qualitativen Sprung”.

  3. Georg

    Vielen Dank für den Kommentar, der das Problem auf den Punkt bringt. Warum sagen wir „Emergenz“ und nicht „Fulguration“ oder „qualitativer Sprung“? Weil wir meinen, damit den Prozess der Entstehung von Neuem erklärt zu haben. Emergenz ist ebenso wie Zufall eine Kategorie der Erkenntnis, nicht der Realität. Wörter wie „Zufall“, Emergenz“ oder „qualitativer Sprung“ verschleiern nur, dass wir den Übergang nicht verstanden haben. Solche „Erklärungen“ sind zudem „letzte“ Erklärungen, sie können nicht hinterfragt werden. Der Zufall ist letzte Erklärung, dahinter ist nichts mehr, er ist nicht erforschbar. Sowas ist mir immer verdächtig. Mehr habe ich hier geschrieben.
    Gruß Georg

  4. Lisa Rosa

    “Wörter wie „Zufall“, Emergenz“ oder „qualitativer Sprung“ verschleiern nur, dass wir den Übergang nicht verstanden haben.” Ja, dann wenn sie tatsächlich als “letzte Erklärungen” befriedigen wollen/sollen. Tun sie ja aber nicht, denn sie sind derart, dass sie keine praktischen Konsequenzen haben für die Gestaltung von Realität. Man könnte sie also auch als Platzhalter verstehen, die eben genau das angeben: “Hier verstehen wir (noch) nicht, wie’s funktioniert.” So gesehen ist ihre Fuktion nicht Verschleierung sondern Markierung.

    Danke für den Link zu “Emergenz”, “Zufall” usw. Hat mir sehr geholfen.

  5. Georg

    Gerne!


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