Kategorie: Allgemein


Das ErkenntnisbedĂĽrfnis und unsere Erkenntnis

26. Februar 2008 - 10:32 Uhr

Unser Erkenntnisbedürfnis ist primär darauf gerichtet, beobachtbare Ereignisse zu verstehen, sie erklären und vorhersagen zu können. Nur wenn eine Erkenntnis das leistet, wird das Erkenntnisbedürfnis befriedigt, die Erkenntnis wird angenommen, sie wird angeeignet. Ein Erkenntnisbedürfnis erwächst aus dem Erkenntnissystem, das als „geistige Heimat“ des Erkennenden Paradigma seines Denkens ist. (vgl auch meinen Blogeintrag!) Ein Evolutionsbiologe wird beispielsweise die Mitteilung, dass Menschen- und Saurierknochen in derselben geologischen Schicht gefunden wurden, wohl ohne jede weitere Prüfung in das Reich der Märchen verweisen, während ein Kreationist sie ebenso ohne jede weitere Prüfung als unwiderlegbaren Beweis seiner Auffassung bejubeln würde.

 

Das unserem wissenschaftlichen Denken zugrunde liegende Paradigma ist das Kausalitätsparadigma. In diesem Paradigma muss jede Erklärung ihren Platz finden. In diesem Paradigma hat ein Subjekt mit eigenem Willen und eigenen Bedürfnissen jedoch keinen Platz, von ihm wird abstrahiert. Dieser Abstraktion vom Subjekt und seinem Bedürfnis fällt nun auch das Erkenntnisbedürfnis selbst zum Opfer. Wir reflektieren es nicht mehr und bedenken beim Erkennen nicht mehr, dass wir nicht nach einer beliebigen wahren Erkenntnis suchen, sondern nach einer kausalen Erklärung. Alle nichtkausalen Erklärungen werden vor allem in den Naturwissenschaften als „metaphysisch“ und damit als unwissenschaftlich, eben als subjektiv betrachtet und zurückgewiesen. Sie befriedigen das Bedürfnis nach „objektiver“ Erkenntnis nicht. Dabei wird nicht reflektiert, dass es eben dieses subjektive Bedürfnis des erkennenden Naturwissenschaftlers ist, mit dem er eine Erkenntnis bewertet. Wir suchen sucht keine beliebige Erkenntnis, sondern eine kausalistische. Dieses Bedürfnis bestimmt, was wir wissen wollen (selbst wenn wir die Existenz eines eigenen Willen bestreiten). Dabei bemerken wir gar nicht, in welche spanischen Stiefel unser Wollen unser Denken gezwängt hat.

Diese Abstraktion vom Subjektiven ist aber nur in reflektierter Form – und nur in dieser – und nur solange berechtigt, solange keine Subjekte im Spiel sind.

 

Das wird beispielsweise in den Debatten um den Systembegriff deutlich. Man strebt „selbstverständlich“ einen „naturwissenschaftlichen“, „objektiven“ und das heißt. kausalistischen Systembegriff an, den Begriff eines „Systems ohne Subjekt“. Ein solcher Begriff muss aber unvollständig bleiben, weil Merkmale wie „Funktion“ oder „Sinn“ das Subjekt als Bezugsgröße erfordern und rein kausalistisch nicht zu beschreiben sind. Dieses Hindernis wird nun mit den verschiedensten Krücken zu umgehen versucht. Der „objektive Beobachter“ ist dabei noch die ungefährlichste weil halbherzige Scheinlösung. Mag diese Lösung für Quantenphysik und Relativitätstheorie noch angehen, wird sie für Wissenschaften von Subjekten wie Biologie oder Psychologie zur tödlichen Gefahr.

 

Ein anderer Ansatz besteht darin, das Subjekt mit dem Begriff „Systemtheorie 2. Ordnung“ in die Systemtheorie einzuführen. Dieser Ansatz erfordert aber, um vollständig zu sein, das Konstrukt eines „Beobachters des Beobachters“ usw., was schließlich zu einem unendlichen Regress führt. Dieser kann nur aufgehoben werden, wenn das Subjekt auch als „Ich“ begriffen wird. Ich bedarf der Erkenntnis für mein Erkenntnisbedürfnis, denn die Erkenntnis befriedigt mein Erkenntnisbedürfnis nur dann, wenn sie das Ereignis in meinem Erkenntnissystem erklärt. Dann aber wäre der Subjektbegriff aber „subjektiv“, für jeden gäbe es dann einen anderen. Deshalb bleibt dieser Systembegriff entweder unvollständig oder widersprüchlich.

 

In den biologischen Wissenschaften wird das Leben (das lebende System) in das Kausalitätsparadigma eingeordnet und ebenfalls auf die kausalistische Denkfigur „Ursache – Wirkung“ abgebildet. Dieser Position ist stets widersprochen worden. Dieser Streit der Positionen ist als „Mechanismus – Vitalismus – Streit“ Teil der Geschichte der Biologie [1]. Heute spielen in der Biologie Positionen, die sich (noch oder schon wieder) als vitalistisch outen,  keine bedeutende Rolle mehr. Der Vitalismus wird gelegentlich von der Emergenztheorie  ersetzt. Gelöst ist die Frage nach der Natur des Lebendigen dadurch nicht, das Problem wird nur verschwiegen. Damit aber ist der Tummelplatz geschaffen, auf dem sich die Apologeten des ID und andere Kreationisten austoben.

 

Noch deutlicher wird die Unhaltbarkeit des Versuchs, in der wissenschaftlichen Erkenntnis vom Subjektiven zu abstrahieren, in den psychologischen Wissenschaften.[2] Es ist die gemeinsame Überzeugung von Psychologen und Erkenntnistheoretikern, dass Psyche und Geist – was immer das sein mag -  auf jeden Fall immaterieller Natur sind, deren Gesetze nicht auf die Gesetze der Naturwissenschaften zurückgeführt werden und die nicht oder zumindest nicht ausschließlich in der Sprache der Naturwissenschaften dargestellt werden können. Zugleich aber will man nicht darauf verzichten, diese Gegenstände mit den Methoden der Naturwissenschaften zu untersuchen. Besonders die Psychologie versteht sich selbst als Naturwissenschaft.

Wenn wir die Welt so erkennen wollen, wie sie wirklich ist, wenn das unser ErkenntnisbedĂĽrfnis ist, dann reicht der Kausalismus allein nicht aus. Wir werden wir uns unweigerlich dem Subjekt zuwenden mĂĽssen und dieses in unser wissenschaftliches Denken einbeziehen, denn unsere Welt von heute ist eine Welt mit Subjekten, die die Welt zunehmend nach ihrem Willen gestalten und erkennen. Unsere Welt ist eine gestaltete und erkannte Welt.

 

[1] Eine gute Übersicht findet man in einem Essay von Franz M. Wuketits im Spektrum Online-Lexikon (kostenpflichtig).

[2] Der aktuelle Stand der Diskussion kann gut in „Gehirn und Geist“ nachgelesen werden. Sie erhielt im Jahr 2004 durch ein „Manifest führender Neurophysiologen“ und eine Antwort von Psychologen neuen Auftrieb. Meinen Standpunkt habe ich hier und hier dargelegt.

 

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Antitheorie Darwinismus

5. Februar 2008 - 11:23 Uhr

Die harscheste Kritik am Darwinismus, die mir in letzter Zeit begegnete, ist die von Robert B. Laughlin, Nobelpreisträger 1998 für Physik in seinem Buch „Abschied von der Weltformel“.

In diesem Buch geht es um den Streit um den Reduktionismus, jene wissenschaftliche Grundhaltung, nach der die Gesetze der verschiedenen Bereiche der Welt letztlich auf  einfache Gesetze der Physik zurückgeführt und aus diesen abgeleitet werden können. War einst (neben der Religion) der Vitalismus die bedeutendste erkenntnistheoretische Alternative des Reduktionismus, so nimmt heute die Emergenz die Stelle der „Vis vitalis“ ein.

Die gemeinsame Grundlage dieses Streits ist die Vorstellung von einer hierarchischen Organisation der Natur in Schichten oder Ebenen, die klar unterscheidbare Bereiche bilden, in denen spezifische Gesetzen gelten, die für genau diesen Bereich zutreffen. Die Frage ist nun, ob zwischen den Gesetzen dieser unterschiedlichen Bereiche oder Schichten Beziehungen der Art gelten, dass die Gesetze des einen  Bereichs aus denen eines anderen (des „grundlegenden“) abgeleitet werden können. Der Reduktionismus beantwortet diese Frage mit einem klaren „Ja“, der Emergentismus mit einem ebenso klaren „Nein“.

Es liegt auf der Hand, dass der Streit entschieden werden könnte, indem die „Weltformel“ gefunden wird und eine gĂĽltige (was immer das sein mag) „Theory of Everything“ (TOE) formuliert ist. Bis dahin kann jeder an seine Antwort nur glauben und die andere als „ideologisch“ abtun. Laughlin meint daher, „…dass ein groĂźer Teil des heutigen biologischen Wissens ideologischer Natur ist. Ein Leitsymptom fĂĽr ideologisches Denken ist die Erklärung, die nichts impliziert und nicht getestet werden kann. Ich be­zeichne solche logischen Sackgassen als Antitheorien, weil sie sich genau gegenteilig auswirken wie richtige Theorien: Sie lassen das Denken zum Stillstand kommen, statt es anzure­gen. Beispielsweise fungiert die von Darwin ursprĂĽnglich als groĂźartige Theorie entworfene Lehre von der Evolution durch natĂĽrliche Selektion in jĂĽngster Zeit eher als Antitheorie. Man zieht sie heran, um peinliche experimentelle Mängel zu ver­bergen und Befunde zu legitimieren, die bestenfalls fragwĂĽr­dig und schlimmstenfalls »noch nicht einmal falsch« sind. Ihr Protein trotzt den Massenwirkungsgesetzen? Das ist das Werk der Evolution! Ihr komplizierter Mischmasch aus chemischen Reaktionen verwandelt sich in ein HĂĽhnchen? Evolution! Das menschliche Gehirn arbeitet nach logischen Prinzipien, die kein Computer nachahmen kann? Ursache ist die Evolution!“ [1] Es geht ihm also nicht um den Darwinismus an sich, was er ist, sondern darum, welche Gestalt dieser heute vielfach angenommen hat, als was er heute „fungiert“. In dieser Form werden mit dem Darwinismus oft Erklärungen vorgetäuscht, wo er keine gibt. Eine umfassende Debatte um die Erklärungsdefizite der Evolutionstheorie findet in der Biologie nur am Rande statt.[2] Umso lebhafter bemächtigen sich Kreationismus und ID dieses Umstands.

Seit Darwin haben die Naturwissenschaften umfangreiche Fortschritte gemacht, durch die wir die Grundlagen des Darwinismus, Mutation und Auslese weitaus tiefer verstehen als Darwin und seine Zeitgenossen. Dadurch wurde aber auch immer deutlicher, worin die Erklärungsdefizite der darwinistischen Evolutionstheorie bestehen. Die „Inputs“ der beiden grundlegenden Kategorien dieser Theorie, Mutation und Auslese sind nicht Gegenstände der Evolutionstheorie, sondern anderer Theorien. Deshalb sind sie in der biologischen Theorie, als biologische Prozesse letztlich unverstanden und können daher die Evolution nicht erklären. Diese Tatsache verschleiert die Biologie, indem sie den Zufall als theoretische Kategorie eingeführt haben. Dazu habe ich hier schon einmal gepostet.

 

Ăśber den Zufall als wissenschaftliche Kategorie schreibt Gerhard Vollmer im Online-Lexikon des Spektrumverlages:

„FĂĽr den wissenschaftlichen Sprachgebrauch muĂź der Zufallsbegriff präzisiert werden. Dabei sind verschiedene Bedeutungen zu unterscheiden…:- Ein Ereignis ist objektiv zufällig, wenn es keine Ursache hat.- Ein Ereignis ist subjektiv zufällig, wenn wir dafĂĽr keine Erklärung haben und auch keine erwarten.

Beiden Begriffen gemeinsam ist die Tatsache, daĂź das Geschehen, soweit wir wissen, auch anders oder gar nicht ablaufen könnte, daĂź es nicht determiniert, nicht „naturnotwendig“ war. … Während aber der objektive Zufallsbegriff die Struktur der Welt beschreibt, bezieht sich der subjektive auf unser Wissen. Zwischen beiden besteht natĂĽrlich ein Zusammenhang: FĂĽr ein ursachloses Ereignis gibt es auch keine Erklärung.

[…]

Zufällig im objektiven Sinne ist aber auch das Zusammentreffen vorher unverbundener Kausalketten. … der Hammer des Dachdeckers fällt (ohne böse Absicht) dem vorĂĽbereilenden Arzt auf den Kopf; ein Gammaquant vom Fixstern Sirius löst in einem Chromosom eine Mutation aus. Obwohl jede einzelne Kausalkette in sich geschlossen und vielleicht vollständig erklärbar ist, bleibt doch das Zusammentreffen dieser lĂĽckenlosen Kausalketten ohne direkte Ursache, also auch ohne Erklärung; es ist zufällig.“ [3]

Diese Form des Zufalls nennt Vollmer „relativer Zufall“

Die Zufälligkeit der Evolutionstheorie ist von dieser Art. Die bekannten Ursachen von Mutationen und von Veränderungen der Umwelt, welche die Richtung der Selektion bestimmen, werden in eigenständigen, nichtbiologischen theoretischen Systemen beschrieben. Ihre Ereignisse sind in Bezug auf die Evolution zufällig.

Die Evolutionstheorie muss sich vielmehr der folgenden Frage stellen:

Käme es auch ohne diese zufälligen Einwirkungen der Umwelt zur Evolution des Lebens?

Wie wäre sie in diesem Fall verlaufen? – Hätte sie z.B. auch zu intelligenten gesellschaftlichen Wesen geführt? Erst mit der Beantwortung dieser Fragen wäre die Evolutionstheorie zu einer Theorie geworden, welche die Evolution auch erklärt.

Für mich ist die reduktionistische Antwort auch die spannendere. Vom Standpunkt der Emergenztheorie aus könnte ich den Reduktionisten nur beim Forschen zusehen und hoffen, dass sie erfolglos bleiben, denn nur so könnte ich im Recht bleiben – unbefriedigend!

  

[1] Laughlin, Robert B. (2007): Abschied von der Weltformel, Piper & Co. Verlag, MĂĽnchen, ZĂĽrich, S. 248f.

[2] vgl. z.B. Gutmann, Wolfgang Friedrich (1995): Die Evolution hydraulischer Strukturen * Organismische Wandlung statt altdarwinistischer Anpassung, Morris, Simon Conway (2003): Life’s Solution / Inevitable Humans in a Lonely Universe, Cambridge University Press, New York und Melbourne, oder Kirschner, Marc. W.; Gerhart, John C. (2007): Die Lösung von Darwins Dilemma, Cambridge University Press, New York und Melbourne und mein Posting dazu!

[3] Gerhard Vollmer: Zufall. Essay, Online-Lexikon,  Download 28.1.2008

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Carsten Könnecker und die Querdenker

27. Januar 2008 - 15:50 Uhr

In der GUTEN STUBE postet Carten Könnecker ĂĽber Wissenschaftler, die den Versuch unternehmen, interdisziplinär zu denken. Und er hat sicher Recht wenn er meint „…dass es wahre Interdisziplinarität nicht zwischen Köpfen, sondern nur innerhalb der einzelnen Köpfe geben kann. Von solchen Köpfen sollte es mehr geben.“ Und weiter schreibt er: „

Was ich hier loswerden möchte, ist eine Erfahrung Northoffs, die leider die meisten Menschen machen, die eine interdisziplinäre oder doppelte Qualifikation erworben haben und an der Uni bleiben: Man passt in keine Schublade und wird mit seinen “seltsamen” Ansichten von den Kollegen auf beiden Seiten belächelt – oder sogar richtiggehend ausgegrenzt. Speziell Wanderer zwischen Natur- und Geisteswissenschaften haben es schwer, weil der Beton in den Köpfen hĂĽben wie drĂĽben oft atomkriegsicher ist. Die Mehrfachqualifikation gereicht zum Nachteil.“

Dem kann ich aus eigener Erfahrung nur zustimmen.

Was gebraucht wird, sind aber nicht nur Köpfe, die interdisziplinär denken, sondern auch Redaktionen, die solche Köpfe auch erkennen und verstehen. Dazu müssen sie sich der Mühe unterziehen, solche Gedanken erst einmal zur Kenntnis zu nehmen. Das ist schwer und manchmal zeitaufwendig, muss man doch Gedankengängen folgen, die einem fremd sind. Da kann im Alltagsgetriebe schon mancher „Quergedanke“ auf der Strecke bleiben und als „unverlangt eingereichtes Manuskript“ abgelegt werden.

Darin liegt ein weiteres Problem, mit dem sich „Querdenker“ plagen. Man verlangt von Ihnen keine Manuskripte, denn die Rubrik, in die sie passen würden und zu der man Beiträge bräuchte, gibt es oft noch nicht. . Aus dem gleichen Grunde werden auch ihre Bücher in den etablierten Zeitschriften nur selten rezensiert. In dieser Situation hat der Querdenker nur zwei Möglichkeiten: Er zieht sich in seinen Schmollwinkel zurück oder er gibt keine Ruhe, und wird so leicht vom Querdenken zum Querulant.

Wer aber außer den Redaktionen wissenschaftlicher Zeitschriften kann dazu beitragen, den „Beton in den Köpfen“ abzubauen? Wenn sie sich dieser Verantwortung stellen, wird aus manchem unverlangten Manuskript ein verlangtes werden.

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Mutter mit 64

8. Dezember 2007 - 10:42 Uhr

Was soll das, fragt sich mancher, der die Nachricht von der 64-jährigen Mutter gesehen oder gehört hat. Warum tut die Frau das sich und ihrem Kind an? Da sich die Frau zu ihren Motiven nicht öffentlich geäußert hat, bleiben dem Publikum nur Spekulationen. Warum wollen Menschen überhaupt Kinder?

Manche wollen Kinder haben, im unmittelbaren Sinne der Wortes „haben“, besitzen, über sie verfügen. Die Kinder bedienen ein Bedürfnis der Eltern, das Bedürfnis nach Anerkennung, sie wollen es mit Stolz vorzeigen können, es macht Spaß, ein Kind zu haben usw. Das Kind ist „Lustobjekt“ der Eltern, das ihnen Spaß machen soll. Ehrlich, wollten Sie so ein Kind sein?

Was aber, wenn so ein Kind nicht zum Vergnügen der Eltern leben will, sondern - wie diese Eltern - zu seinem eigenen Vergnügen? Solche Familien, in denen jeder nur seinem Vergnügen nachjagt, machen keinen glücklich und brechen nicht selten auseinander, Beispiele sind dank der voyeuristischen „Berichterstattung“ unserer Medien hinlänglich bekannt. Noch schlimmer wäre es, wenn das Kind wirklich so leben wollte, dass die Wünsche seiner Eltern der Sinn seines Lebens wären und sein Leben dominierten.

Ein denkbares Motiv wäre auch der Wunsch der Eltern, im Alter versorgt zu werden. Sie schließen den viel zitierten „Generationenvertrag“. Der kindliche Partner wird dabei gar nicht gefragt, und die zu Versorgenden bestimmen das Maß ihrer Versorgung selbst. Was Wunder, dass später immer wieder Junge nicht zu so einem Vertrag stehen wollen, ihre Stimme erheben und wie manche smarte Jungmanager diesen Vertrag korrigieren oder gar aufheben möchten. Wie aber, wenn die Eltern diesen Vertrag gar nicht eingehen wollen? Ist die Babyklappe vielleicht nur eine konsequente Form der Kündigung des Generationenvertrags?

Unabhängig von den subjektiven Wünschen und Motiven erfüllen die Kinder aber auch eine objektive Funktion im Leben der Gesellschaft: Sie gewährleisten die Erhaltung der Gesellschaft in der Zeit. Nicht dass das den Menschen verborgen geblieben wäre, manche politische Sonntagsrede zeugt davon. Aber dass dieses Ziel zum Motiv individueller Handlungen gemacht wird, das gilt in unserem Lande nicht wirklich als Wert. Dabei wäre dieser Wert als Motiv des Kinderwunsches der moralische Ort, an dem sich alle Generationen treffen könnten.

GleichgĂĽltig, welcher Wunsch die Mutter mit 64 getrieben hat, zur Erhaltung der Gesellschaft hat sie beigetragen, auch wenn der statistisch zu erwartende individuelle Nutzen gering bleiben dĂĽrfte.

Alles Gute fĂĽr Mutter und Kind!

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Alles Zufall?

20. November 2007 - 17:08 Uhr

 

Der Jackpot ist wieder einmal voll – 21 Millionen. Ob ich´s wieder mal riskiere?

Ich überlege: was wäre zu tun, um die Ergebnisse der Ziehung vorherzusagen. Eigentlich müsste das doch möglich sein, da bei diesem Geschehen nur ganz einfache Gesetze der Mechanik wirken. Der Weg jeder einzelnen Kugel ist streng kausal determiniert. Beim dem Billard mit den drei Kugeln geht es doch auch. Das ist doch kein Glücksspiel. Na gut, bei mir schon aber nicht bei den Könnern. Da ist der Weg jeder Kugel genau berechnet und voraussagbar. Die Kugeln sind doch keine Subjekte mit einem eigenen Willen!

Man mĂĽsste nur von den 49 Kugeln die genauen Parameter der Anfangsbewegung in den Computer eingeben (das lieĂźe sich ĂĽber genaue Messgeräte auch automatisieren) und dann die Bewegungen der Kugeln berechnen. Wie viele Rechenoperationen sind dazu notwendig? Wie viele Zusammenstöße geschehen in der Sekunde (ca. 25×10 ?). Also mĂĽssten in jeder zehntel Sekunde neue Parameter fĂĽr jede Kugel berechnet werden, um 25 neue Zusammenstöße berechnen zu können. Ich fĂĽrchte, mein Computer ist da ĂĽberfordert. Aber selbst wenn er das könnte, ich könnte die Ergebnisse, die er in dieser Zeit anzeigt, weder wahrnehmen noch denken. Dazu ist mein Denkorgan nicht fähig.

„Zufällig“ nenne ich also alles das, zu dessen Berechnung und Voraussage ich nicht fähig bin, auch wenn das Geschehen selbst prinzipiell berechenbar ist. Zufall ist also die Unberechenbarkeit des Berechenbaren!

So eigenartig es klingt, das Kausalitätsparadigma ist der Vater des Zufalls. Solange auch das wissenschaftliche Denken im Rahmen der Religion stattfand, brauchte man keinen Zufall, ein allmächtiges Wesen bestimmte alles. Aber seit das Trägheitsgesetz Newtons zum Paradigma wissenschaftlichen Denkens überhaupt geworden ist, sind - Descartes folgend - Ereignisse ohne Ursache nicht denkbar. Um nun solche Ereignisse, deren Ursache wir nicht angeben können, logisch widerspruchsfrei in wissenschaftliche Systeme einordnen zu können, wurde das Konzept der zufälligen Ereignisse erfunden. Mit dem Zufall wurde eine Denkfigur konstruiert, mit dem Unerklärtes erklärbar wird. In den verschiedenen Wissenschaften hat der Zufall auch seine eigentümliche Gestalt. So ist es kein Zufall, dass grundlegende Begriffe weit reichender Theorien den Charakter zufälliger Ereignisse haben. In der Biologie sind dies die Mutationen, in der Quantenmechanik werden „hidden variables“ postuliert und in der Systemtheorie emergieren Eigenschaften. Und dass der Mensch schließlich rein zufällig entstanden ist, weiß heute jedes Kind.

Damit sind allmächtige Wesen natürlich nicht aus dem Denken verschwunden, im Gegenteil, sie haben sich vermehrt. Vor nicht allzu langer Zeit wurde der „intelligente Designer“ geboren. Aber diese Wesen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Heute sind auch sie in die Fänge des Kausalitätsparadigmas gefallen. Erst wenn wir keine physikalische Ursache mehr angeben können, kommen sie zum Zuge, als zwar letzte - aber doch als Ursache.

Ăśbrigens: Wie intelligent muss eigentlich der Designer des intelligenten Designers sein?

Ist schon spannend, wohin die Gedanken über einen erhofften Lottogewinn einen so führen können. Mag der Zufall also weiter wirken, denn wer würde schon Lotto spielen, wenn die Ergebnisse berechnet werden könnten? Ach was, ich riskier´s!

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Fliegen mit eigenem Willen

19. November 2007 - 09:29 Uhr

Neulich beendete Frieda meinen Mittagsschlaf. Frieda ist unsere Stubenfliege, die eigentlich jetzt ihre Winterruhe halten müsste. „Warum“, so fragte ich mich, „warum nur musste Frieda ausgerechnet jetzt ihre Winterruhe unterbrechen und mich in meinem wohlverdienten Schlaf stören?“ Indem ich über diese Frage nachsann, stellte ich fest, dass mich die Gewohnheiten meines alltäglichen Denkens wieder in die spanischen Stiefel des Kausalitätsparadigmas gelockt hatten. Für alles musste es ja eine erkennbare Ursache geben. Dass Frieda vielleicht einfach Lust zu einem Ausflug hatte, schien mir keine wirkliche Erklärung zu sein.
Da fiel mir eine Nachricht ein, die ich vor einiger Zeit in „Spektrumdirekt“ gelesen hatte. Björn Brembs u.a. wollten wissen, wie Taufliegen (Drosophila melanogaster) ihren Flug steuern, wenn ihre Umwelt ihnen keine Reize zukommen lässt. Schon die Fragestellung ist ein verhaltensbiologisches Sakrileg, eine Reaktion ohne Reiz, wie soll das gehen?
Die dunkelbäuchigen Tauliebhaber wussten offenbar, was sie „wollten“. Sie flogen nicht einfach stur geradeaus und taumelten auch nicht dem Zufälligkeitsparadigma folgend hin und her. Nein, sie gingen vor wie sinnvoll suchende. Ein Suchender überwindet auf geradem Wege Distanzen über offenes Gelände, um dann an viel versprechenden Orten unter schnellen Richtungswechseln die dort möglichen Verstecke zu finden. Lange und kurze Strecken wechseln sich als regelmäßig ab. Genau diese Muster erkannte Brembs auch im Flug der Insekten. Taufliegen müssen also in der Lage sein, auch ohne äußere Reize spontane „Entscheidungen“ zu treffen. (Volltext)
Ob man diese Fähigkeit „freier Wille“ nennen mag, hängt davon ab, wie man den Terminus „freier Wille“ definiert und ist letztlich eine Frage der Konvention. Offensichtlich ist aber, dass man dieses Verhalten nicht auf das Reiz- Reaktion- Modell abbilden kann. Es ist mit diesem unverträglich. Zeigt das Experiment nur eine in diesem Paradigma noch unerklärbare Anomalie oder gehört es schon zur Vorhut eines umfassenderen Paradigmenwechsels?
Das Reiz – Reaktion- Modell ist die verhaltensbiologische Verkleidung des Kausalitätsparadigmas, das in seiner „reinen“ Form „Behaviorismus“ genannt wird. Dieses Modell ist logisch widerspruchsfrei mit dem Kausalitätsparadigma verträglich, weshalb es auch nahezu allen verhaltensbiologischen Schulen zugrunde liegt, auch wenn sie sich vom Behaviorismus abzugrenzen versuchen. Allein durch die Benutzung der Termini „Reiz“ und „Reaktion“ hat man sich die spanischen Stiefel des Behaviorismus angezogen, auch wenn man die eine oder andere Druckstelle vermieden hat.
Ich jedenfalls gestehe nun meiner Frieda ihren eigenen Willen zu und ĂĽberlege, wie ich nun mit ihr umgehe.

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